Illustration: Leitgrad
Amazon bremst das Token-Wettrennen. Was Chefs messen sollten, wenn ihr Team KI nutzt
Amazon sagt seinen Entwicklern schriftlich: Token-Verbrauch, Nutzungsquoten und Code-Änderungen sind schlechte Ziele. Zählen sollen Ergebnisse für Kunden, Geschäft und Team. Was Schweizer KMU daraus für die eigene KI-Einführung lernen können.

Illustration: Leitgrad
Kurz gesagt: Amazon hat seinen Software-Entwicklern schriftlich gesagt, dass Token-Verbrauch, Nutzungsquoten von KI-Werkzeugen und die Zahl der Code-Änderungen schlechte Messgrössen sind. Wer sie zum Ziel macht, treibt Kosten und Komplexität. Zählen sollen langfristige Ergebnisse für Kunden, Geschäft und Team. Für Schweizer KMU ist das eine nützliche Vorlage: Fast drei Viertel der KMU nutzen oder erproben KI (Sotomo), aber laut NZZ-KMU-Barometer stützen nur 27 Prozent der Führungskräfte strategische Entscheide systematisch auf Daten.
Am 27. Oktober veröffentlichte Amazon ein Memo, das zuvor intern an die Software-Entwickler gegangen war. Unterschrieben hat es Terk Terkowitz, Vice President und Distinguished Engineer für das weltweite Handelsgeschäft. Anlass ist eine überarbeitete Rollenbeschreibung für Entwickler. Der Kernsatz: Weder die Rolle noch die Leistung eines Entwicklers werden durch seine KI-Nutzung definiert. Massgebend bleibt, was sich nicht ändert, die Wirkung auf Kunden, Geschäft und Team.

Gleichzeitig lässt das Memo keinen Zweifel an der Richtung. KI werde im Zentrum der Softwareentwicklung stehen, heisst es, und wer damit arbeitet, soll sich jetzt damit vertraut machen. Amazon bremst also nicht die KI. Amazon bremst das Wettrennen um die grösste Nutzung.

Was Amazon an den eigenen Zahlen stört
Das Memo unterscheidet zwei Arten von Kennzahlen. Eingangsgrössen wie Token-Verbrauch und die Verbreitung von KI-Werkzeugen. Und Durchsatzgrössen wie die Zahl der Code-Änderungen und Reviews. Beide würden zum Teil genutzt, schreiben die Autoren, und beide seien «deeply flawed», also stark fehlerbehaftet. Zwar hängen sie derzeit gut mit den wichtigen Ergebnissen zusammen, räumt das Memo ein.
Gefährlich werden sie, wenn sie vom Messwert zum Ziel werden. Dann steigen die Kosten, denn «tokenmaxxing is at odds with frugality»: Wer möglichst viele Tokens verbraucht, verstösst gegen Amazons Grundsatz der Sparsamkeit. Und es steigt die Komplexität, denn wer Codezeilen zählt, belohnt das Gegenteil von «invent and simplify». Die Zahlen sollen deshalb nur «with care and judgement» verwendet werden, zusammen mit anderen Daten. Am besten messe man langfristige Ergebnisse, auch wenn sie schwerer zu erfassen sind.
Ganz neu ist die Einsicht nicht. Im Mai hatte Amazon eine intern gebaute Rangliste zur KI-Nutzung abgeschaltet, nachdem Mitarbeitende ihrer KI unnötige Aufgaben gegeben hatten, um aufzusteigen. Das berichtete die «Financial Times», zitiert von Heise. Ein Amazon-Sprecher sagte CNBC nun, die Token-Nutzung der Mitarbeitenden sei nicht begrenzt worden.
Was stattdessen zählt
Eine fertige neue Kennzahl liefert das Memo nicht. Marc Brooker, Vice President und Distinguished Engineer bei AWS, sagte CNBC, Amazon schaue auf Grössen wie die Geschwindigkeit bei neuen Funktionen, also die Zahl der Lancierungen und der erfolgreichen Änderungen im laufenden Betrieb. Was Amazon nicht wolle, sei «wasted effort», also Tokens für Probleme, die keine Rolle spielen.
Konkreter wird das Memo bei den Führungskräften. Sie sollen sich die Teams anschauen, die KI am wenigsten nutzen, und verstehen, warum. Und bei den Teams, die KI am stärksten nutzen, prüfen, ob sie auch entsprechend mehr liefern. Wer führt, soll KI selbst praktisch kennen: Er muss Aufgaben nennen können, bei denen sie geholfen hat, und solche, bei denen sie nicht geholfen hat.
Der vielleicht wichtigste Satz richtet sich an alle anderen: «If your work does not benefit from current AI tooling, that is a finding, not a failing.» Bringt KI bei einer Aufgabe nichts, ist das ein Befund, kein Versagen. Er soll festgehalten, im Team geteilt und mit der Führungskraft besprochen werden.

Wo Schweizer KMU stehen
In der Schweiz ist KI im Alltag der KMU angekommen, aber selten tief verankert. In der KMU-Arbeitsmarktstudie von Sotomo im Auftrag der AXA, befragt wurden im März 336 KMU, geben 35 Prozent an, KI bewusst in ihre Prozesse einzubauen. 39 Prozent erproben sie, 26 Prozent nutzen sie noch nicht. 47 Prozent der KMU mit KI-Erfahrung erwarten Zeitersparnis ohne Folgen für die Zahl der Stellen.
Wie diese Zeitersparnis zu Ergebnissen wird, ist offen. Kathrin Braunwarth, Leiterin DTI bei der AXA Schweiz, nennt es eine der anspruchsvollsten Führungsaufgaben der nächsten Jahre: «Die entscheidende Frage ist, wie Unternehmen die vielen kleinen Effizienzgewinne jedes Einzelnen bündeln und in echten Mehrwert verwandeln.»
Beim Messen haben viele noch Luft. Im KMU-Barometer 2026 der NZZ, erhoben von der Fachhochschule Kalaidos bei 495 Führungskräften, sagen 87 Prozent, sie experimentierten bereits mit KI oder bauten Kompetenzen auf. Daten systematisch für strategische Entscheide nutzen aber nur 27 Prozent. Die Mehrheit stützt sich nur punktuell auf Analysen oder vor allem auf Erfahrung.

Was Chefs daraus mitnehmen
Ein KMU hat keine Tausenden von Entwicklern und keine Token-Ranglisten. Die Versuchung ist trotzdem dieselbe: Man fragt, wer schon mit KI arbeitet, statt zu fragen, was dabei herauskommt. Amazons Memo zeigt eine einfache Reihenfolge. Zuerst das Ergebnis festlegen, das sich verbessern soll, etwa die Zeit bis zur Offerte, die Fehlerquote in der Buchhaltung oder die Antwortzeit im Kundendienst. Dann prüfen, ob KI dazu beiträgt. Und die Fälle, in denen sie nichts bringt, genauso ernst nehmen wie die Erfolge.
Zum Mitnehmen
- Ergebnis vor Nutzung. Messen Sie Offertzeit, Fehlerquote oder Antwortzeit, nicht die Zahl der Prompts oder Lizenzen.
- Keine Ranglisten nach KI-Nutzung. Wer Nutzung belohnt, bekommt Nutzung, und mit ihr Kosten.
- Beide Ränder anschauen. Warum nutzt ein Team KI kaum? Und liefert das Team mit der stärksten Nutzung auch mehr?
- Misserfolge sammeln. «Hat nicht geholfen» ist ein Befund. Halten Sie ihn fest und teilen Sie ihn.
- Selbst ausprobieren. Wer führt, sollte je eine Aufgabe nennen können, bei der KI half und bei der nicht.
Häufige Fragen
Was ist «Tokenmaxxing»?
So nennt man es, wenn Mitarbeitende KI-Werkzeuge möglichst intensiv nutzen, um in internen Ranglisten oder Zielvorgaben gut dazustehen, unabhängig davon, ob dabei ein besseres Ergebnis entsteht. Tokens sind die Einheiten, in denen KI-Anbieter Text verrechnen.
Begrenzt Amazon die KI-Nutzung seiner Angestellten?
Nein. Laut einem Amazon-Sprecher gegenüber CNBC gibt es keine Obergrenze für den Token-Verbrauch. Das Memo verlangt, Nutzungszahlen nur mit Sorgfalt und zusammen mit anderen Daten zu verwenden.
Was sollte ein KMU stattdessen messen?
Ergebnisse, die schon vor der KI wichtig waren: Durchlaufzeiten, Fehlerquoten, Kundenzufriedenheit, Kosten pro Auftrag. KI ist dann ein Mittel, um diese Zahlen zu verbessern, und kein eigenes Ziel.
Quellen
- Amazon, «An update from Amazon engineering leadership on the role of the developer in the age of AI», Memo von Terk Terkowitz, 27. Oktober 2026 aboutamazon.com
- CNBC, «Amazon’s anti-tokenmaxxing memo says engineers should be pickier about using AI», 27. Oktober 2026 (Aussagen von Amazon-Sprecher und Marc Brooker) cnbc.com
- The Next Web, «Amazon warns its engineers against tokenmaxxing in new AI guidelines», 28. Oktober 2026 thenextweb.com
- Heise, «Too much tokenmaxxing? Amazon stops internal AI ranking», gestützt auf die Financial Times, Mai 2026 heise.de
- AXA Schweiz, Medienmitteilung «KMU-Arbeitsmarktstudie 2026: Künstliche Intelligenz», Studie von Sotomo, 15. September 2026 axa.ch
- Netzwoche, «KMUs investieren in KI, treffen Entscheide aber oft aus dem Bauch», zum NZZ-KMU-Barometer 2026 der Fachhochschule Kalaidos, 3. Juni 2026 netzwoche.ch
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