Vier US-Milliardenideen, die in der Schweiz scheitern – und zwei, die in Zürich zuerst fahren
Prognosemärkte, KI-Privatschulen, Abnehmspritzen per App, Gig-Economy: In den USA Milliardenmärkte, in der Schweiz an Geldspielgesetz, Schulpflicht, Heilmittelgesetz und Bundesgericht gescheitert. Dafür fahren Robotaxis in Zürich schon – und Kernkraft kommt zur Abstimmung.

Kalshi ist vier Jahre alt, verhandelt über eine Bewertung von 40 Milliarden Dollar und wickelt Wetten auf Wahlen, Zinsen und Wetter ab. In der Schweiz wäre die Firma nach einem Tag gesperrt. Das ist kein Einzelfall. Vier der heissesten Geschäftsmodelle des amerikanischen Sommers 2026 scheitern hier an Gesetzen, die niemand abschaffen will. Und zwei, von denen die Amerikaner glauben, sie gehörten ihnen, fahren in Zürich schon.
Das Wichtigste in Kürze
Prognosemärkte, KI-Privatschulen, Abnehmspritzen per App und die Gig-Economy sind in den USA Milliardenmärkte und in der Schweiz nicht möglich: Geldspielgesetz, Schulpflicht, Heilmittelgesetz und ein Bundesgerichtsurteil stehen davor. Dafür fahren Robotaxis in der Region Zürich seit Ende 2025 mit Bewilligung, und das Parlament hat im Juni das Neubauverbot für Kernkraftwerke aufgehoben. Wer den US-Trend kopieren will, sollte zuerst das Gesetz lesen.

1. Prognosemärkte: 40 Milliarden Dollar, in der Schweiz eine Netzsperre
Kalshi hat im Frühsommer eine Milliarde Dollar zu einer Bewertung von 22 Milliarden eingesammelt und verhandelt drei Monate später laut Berichten über weitere 750 Millionen zu 40 Milliarden. Der Konkurrent Polymarket strebt 15 Milliarden an. Das Handelsvolumen aller Prognosemärkte stieg im zweiten Quartal auf 111 Milliarden Dollar, nach 80 Milliarden im ersten. Bei Polymarket entfallen 80 Prozent des Volumens auf Sport. Robinhood bietet Kalshi-Kontrakte an, und die Einnahmen daraus übertrafen erstmals die aus Kryptowährungen. Die Aufsicht CFTC bestätigte am 12. August Kalshis Betrieb in New York, während der Bundesstaat die Lizenz für Sportkontrakte anficht.
In der Schweiz ist die Frage seit 2019 beantwortet. Das Geldspielgesetz erlaubt Sportwetten nur Swisslos und der Loterie Romande, Wetten auf Wahlen und Ereignisse sind nicht vorgesehen, und ausländische Anbieter werden per Netzsperre blockiert. Ein Schweizer Kalshi wäre nicht ein Startup, sondern eine Volksabstimmung.
2. KI-Privatschulen: zwei Stunden Unterricht, 75’000 Dollar Schulgeld
Alpha School wächst dieses Jahr von rund zwölf auf etwa fünfzig Standorte, in Atlanta, Boston, Chicago, Denver, Nashville und zwanzig weiteren Städten. Die Kinder lernen die Kernfächer zwei Stunden am Tag mit KI-Software, den Rest des Tages füllen Workshops. Statt Lehrern gibt es «Guides» mit mindestens 100’000 Dollar Jahresgehalt, das Schulgeld liegt zwischen 45’000 und 75’000 Dollar. Ein Bildungsforscher der Penn State University warnt, das Modell verwechsle Unterrichten mit Nachhilfe.
In der Schweiz braucht eine Privatschule eine kantonale Bewilligung, und die verlangt in praktisch allen Kantonen Lehrpersonen mit anerkanntem Diplom. Im Kanton Zürich dürfen selbst Eltern ihre Kinder in der Regel nur mit Lehrdiplom zu Hause unterrichten. Dazu kommt ein Markt, in dem die öffentliche Schule das Statussymbol ist, nicht die private. Das Schulgeld von Alpha entspricht dem Preis der teuersten Internate des Landes. Für zwei Stunden Software am Tag zahlt das in der Schweiz niemand.
3. Abnehmspritzen per App: das Geschäftsmodell endet am Werbeverbot
Hims & Hers verkauft in den USA rezeptpflichtige Abnehmmittel über die eigene App, inklusive nachgemischtem Semaglutid, zeitweise als Pille für 49 Dollar im Monat beworben. Die FDA verschickte Anfang 2026 Warnbriefe an dreissig Telemedizin-Anbieter wegen irreführender Werbung für solche Präparate; Hims schloss danach einen Vertrag mit Novo Nordisk und kaufte für 1,1 Milliarden Dollar den australischen Anbieter Eucalyptus. Das Modell lebt von einem Dreiklang: Werbung für ein Rezeptmedikament, Rezept per Video, Nachmischung in der eigenen Apotheke.
Alle drei Glieder sind in der Schweiz gebrochen. Publikumswerbung für rezeptpflichtige Arzneimittel ist nach Heilmittelgesetz verboten. Die Verschreibung per Telemedizin ist erlaubt, die Magistralrezeptur eines patentierten Wirkstoffs für den Massenmarkt nicht. Was bleibt, ist ein Telemedizin-Anbieter ohne Marketing und ohne Marge. Den gibt es schon, er heisst Medgate.
4. Die Gig-Economy: Das Bundesgericht hat 2022 entschieden
DoorDash, Instacart und Uber funktionieren in den USA, weil die Kuriere und Fahrer Selbständige sind: keine Sozialabgaben, keine Mindestlöhne, keine Kündigungsfristen. Das Bundesgericht hat diese Frage für die Schweiz im Juni 2022 entschieden: Uber-Fahrer sind Angestellte, und für die Kuriere von Uber Eats ist Uber sozialversicherungsrechtlich Arbeitgeber. Uber hat in Genf danach ein Modell mit Partnerfirmen und Anstellung eingeführt.
Wer heute eine Lieferplattform nach US-Vorbild in der Schweiz gründet, gründet ein Personalvermittlungsunternehmen mit App. Das kann funktionieren, aber die Marge, mit der die amerikanischen Vorbilder ihre Bewertungen rechtfertigen, gibt es nicht. Die Kosten, die das Modell in den USA externalisiert, holt die AHV hier zurück.
Was übertragbar ist: zwei Ideen, die in Zürich zuerst fahren
Robotaxis. Waymo hat im August 2026 die Waymo Switzerland GmbH gegründet und eine Niederlassung an der Europaallee in Zürich eröffnet, am Standort von Google Schweiz, mit «internationalen Ambitionen» und noch ohne Gesuch beim Bundesamt für Strassen. Der Rahmen dafür gilt seit März 2025: Autonomes Fahren ist im Pilotbetrieb erlaubt. Schneller war Uber mit dem chinesischen Partner WeRide: Seit Ende 2025 besitzt WeRide eine Astra-Bewilligung für fahrerlose Testfahrten im Zürcher Furttal, 110 Kilometer Strecke, rund 460 Haltestellen, bis 80 Kilometer pro Stunde. Der kommerzielle Start ist für 2026 geplant, die Flotte betreut der Zürcher Dienstleister Rydera. Während US-Städte über Verbote streiten, hat die Schweiz ein Bewilligungsverfahren.
Kleine Kernkraftwerke. Die amerikanischen Startups für Mikroreaktoren sammeln Milliarden für Kraftwerke, die es noch nicht gibt. In der Schweiz war das Thema seit 2017 verboten. Am 29. Juni 2026 hob das Parlament das Neubauverbot im Kernenergiegesetz auf, die Initianten von «Blackout stoppen» zogen ihre Initiative bedingt zurück, links-grüne Kreise kündigten das Referendum an. Die Abstimmung ist für den 28. Februar 2027 vorgesehen. Wer die nächste Reaktorgeneration in Europa bauen will, hat ab März 2027 möglicherweise ein Land, das es erlaubt, und einen Staat, der Standorte besitzt.
Was die Liste zeigt
Die vier gescheiterten Ideen haben eines gemeinsam: Sie verdienen ihr Geld mit einer Lücke im Gesetz, die es in der Schweiz nicht gibt. Die zwei übertragbaren Ideen verdienen ihr Geld mit Technik, die das Gesetz hier bereits regelt. Das ist die Regel für Schweizer Gründer, die nach Westen schauen: Kopiert das Produkt, nicht das Geschäftsmodell. Das Geschäftsmodell ist meistens ein amerikanisches Gesetz.
Wer eine US-Idee für die Schweiz prüft und eine Einschätzung will: [email protected]. Wir sammeln die Fälle für die nächste Ausgabe.
Quellen (abgerufen am 8. September 2026)
- The Motley Fool, Kalshi’s valuation could nearly double to $40 billion (13. August 2026); CoinDesk, Kalshi seeks funding at $40 billion valuation; Eidgenössische Spielbankenkommission / Gespa, Geldspielgesetz und Netzsperren
- Axios, AI-powered Alpha Schools expands to 50 campuses (2. August 2026); Scientific American, Does it work?
- STAT, Hims & Hers addresses scrutiny of GLP-1 compounding (Februar 2026); Telehealth and Telecare Aware, FDA warns 30 telehealths; Heilmittelgesetz Art. 31–32 (Publikumswerbung)
- NZZ, Uber-Fahrer sind Angestellte, sagt das Bundesgericht (Juni 2022); LAW.CH, Die Bundesgerichtsurteile
- 20 Minuten, Waymo eröffnet Niederlassung an der Europaallee (10. August 2026); SRF, Uber plant Robotaxi-Start in Zürich (17. Juni 2026); SAAM, Robotaxis in Switzerland: legal framework
- SRF, Initiative «Blackout stoppen» bedingt zurückgezogen (29. Juni 2026); Bundesrat, Botschaft zum indirekten Gegenvorschlag
Teilen
Weiterlesen
Neu auf Leitgrad
Emanuel Probst: 35 Jahre an der Spitze von Jura – und achtmal so viele Maschinen
1991 übernahm ein 34-jähriger Betriebswirt eine Bügeleisen-Fabrik in Niederbuchsiten. Heute verkauft Jura fast eine halbe Million Kaffeevollautomaten im Jahr – unter demselben Chef. Fünf Entscheidungen, die den Unterschied machen.
Die Roboter kommen aus Zürich: Sieben Schweizer Startups, die diesen Sommer über 450 Millionen holten
SoftBank zahlte 200 Millionen für Bagger, die selbst fahren. Dazu Roboter fürs Rechenzentrum, ein Raketentriebwerk aus dem ETH-Studentenverein und ein Labor, das Roboter betreiben: die Herausforderer des Sommers 2026.
Vier US-Milliardenideen, die in der Schweiz scheitern – und zwei, die in Zürich zuerst fahren
Prognosemärkte, KI-Privatschulen, Abnehmspritzen per App, Gig-Economy: In den USA Milliardenmärkte, in der Schweiz an Geldspielgesetz, Schulpflicht, Heilmittelgesetz und Bundesgericht gescheitert. Dafür fahren Robotaxis in Zürich schon – und Kernkraft kommt zur Abstimmung.


