Die Schweiz hat einen einzigen KI-Supercomputer
Anthropic hat in elf Monaten Rechenleistung für 517 Milliarden Dollar gekauft, 14,8 Gigawatt. Die Schweiz betreibt für KI genau eine Anlage, sagt der Bund. Das Briefing zur Studie des BFE und was der Abstand für Firmen bedeutet.

In elf Monaten hat Anthropic Rechenleistung für 517 Milliarden Dollar unter Vertrag genommen, 14,8 Gigawatt, so viel wie vierzehn Kernkraftwerke Gösgen. Die Schweiz betreibt für künstliche Intelligenz genau eine Anlage: den Supercomputer Alps in Lugano. So steht es in der Studie, die das Bundesamt für Energie im Mai veröffentlicht hat. Der Satz ist trocken formuliert und beschreibt einen Abstand, der sich nicht mehr schliessen lässt.
Das Wichtigste in Kürze
Alle Schweizer Rechenzentren zusammen brauchten 2024 rund 2,1 Terawattstunden Strom, 3,6 Prozent des Landesverbrauchs. Ein einziger KI-Campus mit einem Gigawatt Leistung, wie ihn amerikanische Firmen inzwischen dutzendfach bauen, verbraucht das Vierfache. Für das Training grosser Sprachmodelle gibt es in der Schweiz laut Bund keine Rechenzentren, und keines ist angekündigt. Was das Land hat, ist Alps an der ETH: 10’752 Nvidia-Chips, eingeweiht im September 2024, und das Sprachmodell Apertus, das darauf trainiert wurde.

Die Zahl aus Amerika
Die 517 Milliarden stammen aus einer Aufstellung des Branchendienstes The Information, der die öffentlichen Ankündigungen von Anthropic seit Oktober 2025 zusammengezählt hat: Google und Amazon allein elf Gigawatt, dazu Microsoft, Fluidstack, Nscale, Lambda, Akamai, CoreWeave und AMD. Anthropic hat die Summe nicht bestätigt, aber die Einzelposten sind publiziert. Amazon investiert bis zu 25 Milliarden in die Firma und baut ihr bis zu fünf Gigawatt Kapazität, Google liefert ab 2026 «deutlich über ein Gigawatt» an Rechenchips. OpenAI plant mit Stargate über neun Gigawatt bis 2029, für 500 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Der gesamte Schweizer Stromverbrauch lag 2024 bei 57,5 Terawattstunden. Die 14,8 Gigawatt von Anthropic entsprechen, das ganze Jahr durchlaufend, rund 130 Terawattstunden. Das Doppelte der Schweiz.
Die Zahl aus Bern
Die Studie von TEP Energy und Hochschule Luzern im Auftrag des Bundesamts für Energie, veröffentlicht am 7. Mai 2026, zählt für die rund 120 Schweizer Rechenzentren 2,1 Terawattstunden im Jahr 2024, 18 Prozent mehr als 2019. Bis 2030 erwartet sie 2,5 bis 3,2 Terawattstunden, im Maximum 3,5, was sechs Prozent des Verbrauchs wären. Zum Thema künstliche Intelligenz steht ein einziger Absatz. Rechenzentren für das Training grosser Sprachmodelle bräuchten mehrere hundert Megawatt, in der Schweiz gebe es keine, und: «Einzig die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich betreibt am Swiss National Supercomputing Centre (CSCS) in Lugano einen KI-Supercomputer.» Schweizer Firmen und Private nutzten vortrainierte Modelle aus dem Ausland.
Alps wurde am 14. September 2024 eingeweiht, mit 10’752 Grace-Hopper-Chips von Nvidia, gebaut von HPE. Auf dieser Maschine haben ETH und EPFL im September 2025 Apertus trainiert, das erste vollständig offene Schweizer Sprachmodell mit 70 Milliarden Parametern, über zehn Millionen GPU-Stunden. Es ist eine ernsthafte Forschungsanlage. Sie ist kein Standort für die Industrie.
Was seither passiert ist
Wenig, gemessen an den amerikanischen Zahlen. Microsoft kündigte im Juni 2025 400 Millionen Dollar für den Ausbau seiner Rechenzentren bei Zürich und Genf an. Swisscom hat mit Nvidia für rund 100 Millionen Franken eine KI-Plattform aufgebaut, einen einzelnen DGX-SuperPOD, auf dem Apertus für Schweizer Firmen läuft. Das grösste geplante kommerzielle Rechenzentrum, in Beringen im Kanton Schaffhausen, würde den Stromverbrauch des Kantons um 70 Prozent erhöhen. Die EKZ melden, mehrere Abschnitte des vorgelagerten Zürcher Netzes seien an der Kapazitätsgrenze; Betreiber weichen in den Aargau und nach Schaffhausen aus. Ein zweiter KI-Supercomputer ist nicht angekündigt, eine Erweiterung von Alps auch nicht.
Die energiepolitische Antwort des Parlaments kam im Juni: Es hob das Neubauverbot für Kernkraftwerke auf, als Gegenvorschlag zur Initiative «Blackout stoppen». Das Referendum dagegen wurde am 30. Juni lanciert, die Abstimmung findet frühestens am 28. Februar 2027 statt. Selbst wenn sie angenommen wird, steht ein neues Kraftwerk in den 2040er-Jahren. Die Verträge von Anthropic laufen ab 2026.
Was das für Entscheider heisst
Die Frage, ob die Schweiz beim Bau von KI-Modellen mithalten kann, ist beantwortet. Sie kann es nicht, und sie wird es nicht versuchen. Offen ist die Frage, wer die Modelle betreibt, auf denen Schweizer Firmen arbeiten, und wo deren Daten liegen. Die Rechenzentren im Land sind Cloud-Anlagen, keine Trainingsanlagen; ihre Betreiber heissen Microsoft, Amazon, Google, Swisscom, Green und Infomaniak. Wer heute einen KI-Lieferanten wählt, wählt einen Strom- und Standortentscheid gleich mit. Und wer ein Rechenzentrum plant, sollte zuerst mit dem Netzbetreiber sprechen, nicht mit dem Architekten.
Wer in der Schweiz Rechenkapazität baut oder sucht und die Zahlen dazu hat: [email protected].
Quellen (abgerufen am 9. September 2026)
- Data Center Dynamics, Anthropic signed $517bn in compute agreements in past 11 months (8. September 2026); TLDR AI, Ausgabe vom 8. September 2026
- Amazon, Amazon invests additional $5 billion in Anthropic (20. April 2026); Anthropic, Expanding our use of Google Cloud TPUs (23. Oktober 2025); Epoch AI, OpenAI Stargate: where the US sites stand (April 2026)
- Bundesamt für Energie, Rechenzentren in der Schweiz: Stromverbrauch und Effizienzpotenziale (7. Mai 2026); BFE, Elektrizitätsbilanz 2025
- CSCS, Alps supercomputer inaugurated (14. September 2024); ETH Zürich, Apertus: a fully open, transparent, multilingual language model (2. September 2025)
- Microsoft, 400 Millionen Dollar für die Schweiz (2. Juni 2025); Swisscom, Swiss AI Platform; Watson, So viele Datenzentren gibt es in der Schweiz; SWI, Reicht der Strom für die Rechenzentren?
- Parlamentsdienste, Parlament hebt AKW-Neubauverbot auf (18. Juni 2026); SRF, Bündnis lanciert Referendum (30. Juni 2026)
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