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Schweizer Solarkerosin: 100’000 Tonnen in Marokko, null in der Schweiz

Synhelion, ein ETH-Spin-off, hat in Marokko eine Absichtserklärung für die weltweit grösste Anlage für solare Treibstoffe unterschrieben: 100'000 Tonnen im Jahr. In Betrieb ist bisher eine Anlage in Jülich mit «einigen tausend Litern». Die Schweiz muss ab 2030 rund 22'300 Tonnen synthetisches Kerosin beimischen – und liefert Forschung, Kapital und Abnahmeverträge, aber keine Tonnen.

Von Redaktion Leitgrad

Publiziert am 10. September 2026

Am Dienstag hat Synhelion, ein Spin-off der ETH Zürich, mit vier marokkanischen Ministerien und der Investitionsagentur AMDIE eine Absichtserklärung unterzeichnet. In der Provinz Tan-Tan im Süden Marokkos soll eine Anlage entstehen, die aus Sonnenwärme bis zu 100’000 Tonnen Treibstoff im Jahr macht: Kerosin, Diesel, Benzin. Es wäre die grösste Anlage ihrer Art auf der Welt. In der Schweiz betreibt Synhelion keine einzige. Geplant ist auch keine.

Das Wichtigste in Kürze

Synhelions Anlage in Jülich produziert heute «einige tausend Liter» Treibstoff im Jahr. Die im September angekündigte Anlage in Hürth bei Köln soll 30’000 Tonnen schaffen, die marokkanische 100’000. Weder für Marokko noch für Hürth gibt es einen Investitionsentscheid, einen Zeitplan oder eine genannte Summe. Gleichzeitig gilt in der Schweiz seit dem 1. Januar 2026 die EU-Beimischpflicht: 2 Prozent nachhaltiger Flugtreibstoff, ab 2030 sechs Prozent, davon 1,2 Prozent synthetisch. Bei 1,86 Millionen Tonnen Schweizer Kerosinabsatz sind das rund 22’300 Tonnen E-Kerosin pro Jahr. Weltweit steht laut Iata eine einzige Anlage, die so etwas produziert.

Grafik: Balken in Jahrestonnen Treibstoff – Jülich in Betrieb mit einigen tausend Litern, Schweizer Pflicht ab 2030 mit 22'300 Tonnen, Hürth geplant mit 30'000 Tonnen, Tan-Tan in Marokko mit 100'000 Tonnen; dazu null Synhelion-Anlagen in der Schweiz, 20'000 Tonnen weltweite E-Kerosin-Kapazität und 600'000 Tonnen Bedarf von EU und Grossbritannien bis 2030

Die Treppe

Synhelion wurde 2016 aus dem Labor von Aldo Steinfeld an der ETH gegründet. Das Verfahren bündelt Sonnenlicht auf einen Turm, erzeugt Prozesswärme von über 1’200 Grad und macht daraus über Synthesegas einen flüssigen Treibstoff, der ohne Umbau in bestehende Motoren und Turbinen passt. Es ist kein Elektrolyse-Verfahren, sondern Thermochemie; die Sonne liefert die Wärme direkt, nicht erst den Strom. Die Firma hat 100 Millionen Franken eingesammelt, beschäftigt über 70 Leute und hält 23 Patentfamilien. Zu den Investoren und Abnehmern gehören Eni, Cemex, die Lufthansa Group, Swiss, AMAG, der Flughafen Zürich und Pilatus.

Am 20. Juni 2024 weihte Synhelion in Jülich bei Aachen die Anlage Dawn ein, die weltweit erste industrielle Anlage für solare Treibstoffe. Ihre Kapazität gibt die Firma bis heute als «einige tausend Liter Treibstoff pro Jahr» an, eine Tonnage nennt sie nicht. Am 24. Juli 2025 lieferte sie 190 Liter Rohprodukt an eine norddeutsche Raffinerie, wo daraus Jet A-1 wurde; getankt wurde es in Hamburg, geflogen nach Zürich. Es waren rund sieben Prozent des Treibstoffs dieses einen Fluges und der erste Einsatz von Solartreibstoff in der zivilen Luftfahrt überhaupt. Im Dezember unterschrieb Swiss einen Fünfjahresvertrag über mindestens 200 Tonnen pro Jahr ab 2027.

Dann kommen die Sprünge. Am 1. September kündigte Synhelion eine kommerzielle Anlage in Hürth-Knapsack auf einem Industriegelände von RWE an, 30’000 Tonnen im Jahr; Saipem macht die technische Vorplanung. Eine Woche später Marokko mit 100’000 Tonnen. Von einigen tausend Litern zu hunderttausend Tonnen sind vier Grössenordnungen. Für keinen der beiden Schritte gibt es bisher einen Investitionsentscheid.

Auch die Summe fehlt. Die Agentur AWP hielt fest: «Angaben zum Investitionsvolumen, zum Baubeginn oder zur geplanten Inbetriebnahme machte Synhelion nicht.» Die Milliarde Dollar, die in mehreren afrikanischen Medien steht, stammt aus dem Februar 2025, als Ambrosetti das Vorhaben am WEF dem marokkanischen Investitionsminister Karim Zidane vorstellte. Sie ist keine Zahl zur Absichtserklärung vom Dienstag.

Warum Marokko

Weil dort die Sonne steht und die Politik den Boden bereitstellt. Marokko hat mit der «Offre Maroc» bis zu eine Million Hektaren für Wasserstoffprojekte reserviert, 300’000 davon in einer ersten Phase, und 2025 Vorhaben im Umfang von 319 Milliarden Dirham bewilligt, rund 35 Milliarden Dollar, die etwa 20 Gigawatt erneuerbare Leistung bringen sollen. In derselben Region Guelmim-Oued Noun baut TotalEnergies mit Partnern eine Anlage für 200’000 Tonnen grünen Ammoniak im Jahr. Synhelion hat eine Tochtergesellschaft in Marokko gegründet und sich den Status der Casablanca Finance City gesichert. Ambrosetti sagt: «Marokkos erneuerbare Ressourcen und seine Industriestrategie machen das Land ideal, um unsere Technologie zu skalieren. Wir gehen von der Prüfung zur Umsetzung über.»

Ein Risiko nennt in Marokko kaum jemand gern: Wasser. Das Land will den Anteil der Entsalzung an der Trinkwasserversorgung bis 2030 von 25 auf 60 Prozent heben; private Wasserstoffprojekte müssen ihre Entsalzung selbst bauen. Synhelions Verfahren braucht Wasser als Ausgangsstoff. Tan-Tan liegt am Atlantik, was hilft; wie die Anlage ihr Wasser bekommt, hat die Firma nicht publiziert.

Was die Schweiz bestellt hat

Am 25. Juni 2025 hat der Bundesrat beschlossen, die EU-Verordnung ReFuelEU Aviation ins Luftverkehrsabkommen mit der EU zu übernehmen; angewendet wird sie seit dem 1. Januar 2026. Vollzugsbehörde ist das Bazl. Die Stufen stehen im Anhang der Verordnung: zwei Prozent nachhaltiger Flugtreibstoff heute, ab 2030 sechs Prozent, davon 1,2 Prozent synthetisch, ab 2035 zwanzig Prozent und fünf synthetisch, bis 2050 siebzig und fünfunddreissig.

In Mengen: In der Schweiz wurden 2025 rund 1,856 Millionen Tonnen Flugtreibstoff abgesetzt, 3,2 Prozent mehr als im Jahr davor. Die 1,2 Prozent synthetischer Anteil von 2030 entsprechen damit rund 22’300 Tonnen im Jahr, die fünf Prozent von 2035 rund 92’800 Tonnen. Die geplante Anlage in Tan-Tan könnte den Schweizer Bedarf von 2030 also gut viermal decken. Am gesamten Schweizer Kerosinabsatz wären ihre 100’000 Tonnen 5,4 Prozent.

Das Problem ist nicht die Schweiz, sondern die Welt. Die Iata rechnete im Juni vor, dass die Vorgaben der EU und Grossbritanniens bis 2030 rund 600’000 Tonnen E-Kerosin verlangen. Die weltweite Produktionskapazität liegt bei etwa 20’000 Tonnen, aus einer einzigen Anlage. Nötig wären rund zwanzig Raffinerien im kommerziellen Massstab, und im vergangenen Jahr fiel dafür kein einziger Investitionsentscheid. Marie Owens Thomsen, Nachhaltigkeitschefin der Iata, nennt die Ziele «jenseits von unrealistisch» und die Politik dahinter eine «leichtfertige Strategie der Marktschöpfung». Transport & Environment, eine Organisation, die den Ausbau eher antreibt als bremst, zählte zwischen 2024 und 2025 sechzehn pausierte oder abgesagte Grossprojekte und stellte fest, dass von über vierzig europäischen Vorhaben nur vier weit fortgeschritten sind und keines den Investitionsentscheid erreicht hat. Eine Anlage kostet ein bis zwei Milliarden Euro.

Dazu der Preis. Transport & Environment veranschlagte E-Kerosin im Frühjahr 2025 auf 7’700 Euro pro Tonne gegenüber 750 Euro für fossiles Kerosin, den Faktor zehn. Die Iata rechnet mit bis zum Zwölffachen. Synhelion nennt als Ziel, langfristig unter 80 Rappen pro Liter zu kommen. Zwischen diesen beiden Zahlen liegt das gesamte Geschäftsmodell.

Was der Fall zeigt

Die Schweiz hat die Technologie erfunden, sie finanziert, sie fliegt sie als Erste und schreibt sich per Gesetz vor, sie zu kaufen. Produziert wird sie in Jülich, bald vielleicht in Hürth, und womöglich in Tan-Tan. Auf synhelion.com steht unter «Anlagen» eine in Betrieb und zwei in Entwicklung; keine davon liegt in der Schweiz, und keine hat je hier gelegen. Das ist kein Vorwurf an die Firma: Für ein solares Verfahren ist die Schweiz der falsche Ort, und für eine Anlage dieser Grösse fehlen Fläche, Einstrahlung und Genehmigungstempo gleichermassen.

Es ist aber eine Beschreibung der Rolle, die das Land in dieser Wertschöpfungskette spielt, und die sollte man kennen, bevor man von Souveränität spricht. Die Schweiz liefert Forschung, Kapital und die Abnahmeverträge. Die Tonnen kommen aus Nordafrika, sofern sie kommen. Wenn 2030 die 22’300 Tonnen fällig werden und der Weltmarkt 600’000 hergeben muss, wird nicht entscheidend sein, wer die beste Technologie hat, sondern wer den Vertrag zuerst unterschrieben hat. Swiss hat das im Dezember getan, über 200 Tonnen ab 2027. Das ist ein Prozent dessen, was 2030 gebraucht wird.

Wer in der Schweiz an synthetischen Treibstoffen arbeitet und Zahlen hat: Unternehmen vorschlagen. Wir prüfen jeden Vorschlag.

Quellen (abgerufen am 10. September 2026)

  1. Synhelion, Large-scale synthetic fuel project in Morocco (8. September 2026); AWP via cash, Synhelion plant Grossanlage in Marokko; Atalayar, Die Milliardenzahl vom Februar 2025
  2. Synhelion, Press Kit (Finanzierung, Team, Anlagen); Synhelion, Solar fuel plants; Synhelion, Erste Lieferung an Swiss (24. Juli 2025); Synhelion, Abnahmevertrag mit Swiss (16. Dezember 2025); SolarPACES, Saipem und die Anlage in Hürth (1. September 2026)
  3. Bundesrat, Übernahme von ReFuelEU Aviation ins Luftverkehrsabkommen (25. Juni 2025); Bazl, SAF-Quoten; Europäische Kommission, ReFuelEU Aviation
  4. BFE, Schweizerische Gesamtenergiestatistik 2025 (Flugtreibstoffabsatz 1,856 Millionen Tonnen)
  5. Iata, SAF production volumes still disappointing (6. Juni 2026); Transport & Environment, E-Kerosene report (2025); GreenAir News, Zum Stand der europäischen E-SAF-Projekte
  6. North Africa Post, Morocco’s green hydrogen gambit; Businesswire, TotalEnergies-Projekt in Guelmim-Oued Noun (Oktober 2024)

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