Eine Runde in San Francisco ist grösser als ein halbes Jahr Schweiz
Cognition nahm am 8. September über zwei Milliarden Dollar auf, Harvey einen Tag später 550 Millionen. Alle Schweizer Startups zusammen erhielten im ersten Halbjahr 1,245 Milliarden Franken. Warum das Gefälle nicht der Punkt ist – und was die Struktur darunter zeigt.

Am Dienstag hat ein amerikanisches Startup namens Cognition zwei Milliarden Dollar aufgenommen, zu einer Bewertung von 48 Milliarden. Umgerechnet 1,62 Milliarden Franken, eingesammelt an einem Tag, von einer Firma, die es seit zwei Jahren gibt. Im ganzen ersten Halbjahr 2026 haben sämtliche Schweizer Startups zusammen 1,245 Milliarden Franken erhalten, verteilt auf 123 Runden. Eine einzige Finanzierung in San Francisco ist grösser als ein halbes Jahr Schweizer Wagniskapital. Einen Tag später holte das Rechts-KI-Startup Harvey weitere 550 Millionen Dollar.
Das Wichtigste in Kürze
Cognition nahm am 8. September über zwei Milliarden Dollar zu 48 Milliarden Bewertung auf, angeführt von Andreessen Horowitz und Accel; der annualisierte Umsatz stieg seit Mai von 492 auf fast 900 Millionen Dollar, der Mittelabfluss liegt bei bis zu 800 Millionen im Jahr. In der Schweiz flossen im ersten Halbjahr 1,245 Milliarden Franken, 15,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Zürich fiel auf 155,8 Millionen und damit auf den tiefsten Wert seit 2018, die Waadt führt mit 336,6 Millionen. Die Hardware erreichte mit 324 Millionen einen Rekord. Das ist kein Wettlauf, den die Schweiz verliert. Es sind zwei verschiedene Spiele.

Was in Amerika passiert ist
Cognition baut Devin, einen KI-Agenten, der Software schreibt, und hat im Juli 2025 den Konkurrenten Windsurf übernommen. Die Runde vom Dienstag ist die fünfte des Unternehmens; im Mai waren es über eine Milliarde bei 26 Milliarden Bewertung. In dreieinhalb Monaten hat sich der Preis fast verdoppelt. Bemerkenswert ist, dass er sich am Umsatz gemessen nicht bewegt hat: In beiden Runden zahlten die Investoren rund das 53-Fache des annualisierten Umsatzes. Sie zahlten nicht mehr für dieselbe Firma, sondern denselben Preis für die doppelte Firma.
Der Umsatz stieg laut Unternehmen von 492 Millionen Dollar im Mai auf «fast 900 Millionen». Dagegen steht ein Mietvertrag für einen Nvidia-Rechencluster, der jährlich mehrere hundert Millionen kostet und den Gesamtverbrauch dieses Jahr auf 800 Millionen Dollar treiben könnte. Das sind, in Franken, 648 Millionen. Mehr als die Hälfte dessen, was sämtliche Schweizer Startups im ganzen ersten Halbjahr erhalten haben, verbrennt eine einzige amerikanische Firma in zwölf Monaten.
Harvey, das juristische Gegenstück, sammelte am Mittwoch 550 Millionen Dollar bei 15,5 Milliarden Bewertung ein, die achte Runde seit 2023 und die fünfte seit Anfang 2025. Ebenfalls am Dienstag nahm Mistral in Paris drei Milliarden Euro auf, die grösste Eigenkapitalrunde, die je ein europäisches Technologieunternehmen abgeschlossen hat. Auch sie ist mehr als doppelt so gross wie das Schweizer Halbjahr.
Der Rahmen dazu: In den USA flossen im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 412,7 Milliarden Dollar Wagniskapital, davon 355,9 Milliarden in künstliche Intelligenz. 86 Prozent jedes amerikanischen Risikofrankens gehen in eine einzige Technologie. Und 87,5 Prozent der Summe entfielen auf Runden ab 100 Millionen Dollar; 2024 waren es 43,8 Prozent. Der amerikanische Wagniskapitalmarkt ist kein Markt für junge Firmen mehr, sondern eine Infrastrukturfinanzierung mit Aktienmantel.
Was in der Schweiz passiert ist
Der Swiss Venture Capital Report von startupticker und Seca zählte für das erste Halbjahr 1,245 Milliarden Franken in 123 Runden. Die Zahl der Runden blieb praktisch konstant, das Volumen sank um 15,5 Prozent, und der Rückgang verteilt sich sehr ungleich. Die Waadt liegt mit 336,6 Millionen klar vorn, auf dem Niveau der Rekordjahre 2021 und 2022. Zug folgt mit 236,7 Millionen, Schwyz mit 181,5, Basel-Stadt mit 173,4. Zürich kommt auf 155,8 Millionen, den tiefsten Halbjahreswert seit 2018. Der Bericht nennt zwei Gründe: keine grossen Biotech-Runden und ein anhaltend schwaches ICT-Geschäft.
Nach Branchen sieht es anders aus als die Gesamtzahl vermuten lässt. Die Hardware erreichte mit über 324 Millionen Franken einen Rekord, mehr als 60 Prozent über dem bisherigen Bestwert eines Halbjahres. Die Biotechnologie brach um rund 70 Prozent auf 184 Millionen ein, die Zahl der Runden halbierte sich. Die grössten Finanzierungen gingen an terralayr in Zug mit 178,3 Millionen, an Kandou AI mit 177 und an Oviva mit 173,7. Vier Runden lagen über 100 Millionen Franken. Und der Seed-Bereich wuchs um 68,8 Prozent, bei einem Median von 2,7 Millionen, dem höchsten je gemessenen.
Stefan Kyora von startupticker sagt dazu: «Der Aufschwung des letzten Jahres hat sich nicht als nachhaltig erwiesen.» Thomas Heimann von der Seca hält dagegen: «Das ist eine normale Schwankung.» Beide haben recht. 2025 war mit 2,95 Milliarden Franken das erste Wachstumsjahr seit 2022, das Rekordjahr lag bei knapp vier Milliarden.
Was der Vergleich taugt, und was nicht
Man kann die beiden Zahlen nebeneinanderstellen und daraus schliessen, die Schweiz sei abgehängt. Das wäre bequem und falsch. Cognition wird zum 53-Fachen seines Umsatzes bewertet, in einem Markt, in dem zwei Anbieter zu je rund 50 Milliarden bewertet werden und beide gleichzeitig zwei Milliarden aufnehmen. Wer dort investiert, kauft eine Wette auf Marktbeherrschung, finanziert mit Kapital, das ohne Alternative ist, weil es zu viel davon gibt. Die grössten Schweizer Runden gingen an einen Batteriespeicher-Betreiber, einen Chipentwickler und eine Ernährungsplattform. Das sind Firmen mit Anlagen, Produkten und Kunden.
Interessant ist deshalb nicht das Gefälle, sondern die Struktur darunter. Die durchschnittliche Schweizer Runde liegt bei rund zehn Millionen Franken, die amerikanische bei umgerechnet knapp 35 Millionen. Der Median einer Schweizer Serie A betrug 2025 4,3 Millionen Franken, der amerikanische 19,4 Millionen Dollar. Ein Schweizer Gründer, der in derselben Liga spielen will, holt das Geld nicht hier, und das tut er längst: SoftBank hat Gravis Robotics im August 200 Millionen Dollar überwiesen, aus Tokio, in eine Firma mit 80 Leuten in Zürich.
Der Bericht selbst nennt die Bedingung für eine Erholung, und sie hat nichts mit Fondsgrössen zu tun: «Die wichtigste Voraussetzung für eine Belebung des Wagniskapitalmarkts sind Exits.» 21 gab es im ersten Halbjahr, gleich viele wie im Vorjahr. Solange das so bleibt, wird die Schweiz weiter Firmen bauen, die andere kaufen. Das ist ein Geschäftsmodell. Nur eben nicht dasselbe wie in San Francisco.
Nebenbei, zur Einordnung der Grössenordnungen: Novartis verlor am selben Dienstag nach der gescheiterten Phase-III-Studie zu Del-Desiran rund 24 Milliarden Franken Börsenwert, den dritten Rückschlag in einer Woche. Das ist neunzehnmal so viel, wie sämtliche Schweizer Startups im ganzen Halbjahr eingesammelt haben, an einem Nachmittag.
Wer eine Schweizer Runde abschliesst und über die Bedingungen sprechen will, auch anonym: [email protected].
Quellen (abgerufen am 10. September 2026)
- Cognition, Series E (8. September 2026); TechCrunch, Cognition hits $48B valuation; The Next Web, The flat multiple; TLDR AI, 9. September 2026
- Harvey, $550M at $15.5B (9. September 2026); TechCrunch, Harvey hits $15.5B; TechCrunch, Mistral raises €3B (8. September 2026)
- PitchBook-NVCA, Venture Monitor Q2 2026 (9. Juli 2026)
- startupticker/Seca, CHF 1,25 Milliarden für Schweizer Startups (14. Juli 2026); Swiss Venture Capital Report Update H1 2026; investrends, Kantons- und Sektorzahlen; SDA/bluewin, Zitate Kyora und Heimann
- startupticker, 2,95 Milliarden im Jahr 2025 (3. Februar 2026); tech.eu, SoftBank investiert 200 Millionen in Gravis Robotics (17. August 2026)
- Reuters, Novartis-Rückschlag bei Del-Desiran (8. September 2026); GEN, Novartis shares slide
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