Machtkarte Rechenzentren: 259 von 260 Megawatt gehören dem Ausland
Sechs Betreiber publizieren Kapazitätszahlen für ihre Schweizer Rechenzentren: zusammen 260,7 Megawatt, davon 259 in ausländischem Eigentum. Seit dem Verkauf von Green an australische Pensionskassen im Herbst 2025 ist der letzte grosse Schweizer Anbieter weg. Gleichzeitig verbrauchen die Anlagen 2,08 Terawattstunden Strom im Jahr – 77 Prozent dessen, was die Stadt Zürich braucht.

Im Herbst 2025 wurde das letzte grosse Schweizer Rechenzentrums-Unternehmen verkauft. Green, 1995 gegründet, sechs Anlagen rund um Zürich, ging von der französischen InfraVia an IFM Investors in Melbourne. IFM gehört sechzehn Pensionskassen: fünfzehn australischen und der britischen Nest. Die Rechenzentren, in denen Schweizer Spitäler, Banken und Verwaltungen ihre Daten halten, gehören seither australischen Rentnerinnen und Rentnern.
Das Wichtigste in Kürze
Für sechs Betreiber liegen publizierte Kapazitätsangaben vor: zusammen 260,7 Megawatt. Davon stehen 259 in ausländischem Eigentum, 99,3 Prozent. Der einzige Schweizer Wert stammt von Infomaniak in Genf: 1,7 Megawatt. Schweizer Rechenzentren verbrauchten 2024 laut Bundesamt für Energie 2,08 Terawattstunden Strom, 3,6 Prozent des Landesendverbrauchs – 77 Prozent dessen, was die gesamte Stadt Zürich verbraucht. Bis 2030 rechnet der Bund mit 2,5 bis 3,5 Terawattstunden. Ein Mitautor derselben Studie nennt öffentlich 10 bis 15 Prozent.

Die Karte
Es gibt keine amtliche Statistik über Rechenzentrums-Kapazität in der Schweiz. Das Bundesamt für Energie misst Strom, nicht installierte Leistung. Wer wissen will, wie viele Megawatt wo stehen, ist auf die Angaben der Betreiber angewiesen, und die publizieren sehr unterschiedlich viel. Equinix nennt für die Schweiz keine Zahl, Swisscom nennt keine, NTS Workspace nennt keine, Templus nennt keine, und Green nennt nur eine für einen einzigen Neubau. Was übrig bleibt, sind sechs Betreiber mit publizierten Werten. Sie ergeben 260,7 Megawatt, und sie ergeben eine sehr klare Karte.
Der grösste ist STACK Infrastructure, in Zürich mit drei Standorten und 76 Megawatt, in Genf mit zwei Campus und 42, zusammen 118. STACK hiess bis 2022 Safe Host und war eine Genfer Firma. IPI Partners übernahm im Mai 2022 die Mehrheit, und Anfang Januar 2025 kaufte Blue Owl Capital aus New York das Geschäft von IPI. Zweitgrösster ist Vantage Data Centers mit 40 Megawatt in Winterthur und 24 in Glattfelden; Vantage gehört mehrheitlich DigitalBridge und Silver Lake, beide amerikanisch, seit einer Eigenkapitalrunde über 9,2 Milliarden Dollar im Juni 2024. Dritter ist Digital Realty mit 45 Megawatt auf dem Campus Glattbrugg, ein an der New Yorker Börse kotierter Immobilientrust; der norwegische Staatsfonds hält daran 5,57 Prozent. Dann NTT aus Japan mit 20 Megawatt in Zürich. Dann Green mit den 12 Megawatt des Neubaus in Lupfig. Und dann, als einziger Schweizer Eintrag, Infomaniak mit 1,7 Megawatt in Genf.
Die Liste liesse sich fortsetzen, aber sie würde die Richtung nicht ändern. NorthC, mit sechs Standorten von Münchenstein bis Biel, gehört seit dem 19. März 2026 der Pariser Antin Infrastructure Partners. Das ehemalige Colt-Rechenzentrum an der Badenerstrasse in Zürich ging 2021 an AtlasEdge und im Mai 2026 weiter an den spanischen Betreiber Templus. Microsoft hat im Juni 2025 einen Ausbau in Zürich und Genf angekündigt. Was in Schweizer Hand bleibt, ist entweder klein oder staatlich: Infomaniak, seit dem 13. Mai 2026 über eine Stiftung mit unverkäuflichen Aktien gegen jede Übernahme abgesichert; NTS Workspace in Bern, den Mitarbeitenden gehörend; und Swisscom, an der der Bund 51 Prozent hält.
Der Strom
Am 7. Mai 2026 hat das Bundesamt für Energie die erste breit abgestützte Erhebung seit Jahren publiziert, erarbeitet von TEP Energy und der Hochschule Luzern. Sie kommt für 2024 auf 2’082 Gigawattstunden, 3,6 Prozent des Schweizer Endverbrauchs. Gegenüber 2019 sind das 18 Prozent mehr, im Mittel 3,4 Prozent pro Jahr. Diese Gesamtzahl verdeckt allerdings zwei gegenläufige Bewegungen: Die kommerziellen Rechenzentren legten um 82 Prozent zu, die unternehmenseigenen gingen um 9 Prozent zurück. Firmen räumen ihre Serverräume und ziehen in die Colocation-Anlagen. Der Verbrauch wandert dorthin, wo die Eigentümer im Ausland sitzen.
2,08 Terawattstunden sind schwer vorstellbar, deshalb drei Vergleiche mit derselben Jahresbasis. Die Stadt Zürich verbrauchte 2024 rund 2’700 Gigawattstunden; die Rechenzentren kommen also auf 77 Prozent einer Stadt mit 450’000 Einwohnern. Alle Elektrofahrzeuge der Schweiz zusammen brauchten 1’109 Gigawattstunden, die Rechenzentren fast das Doppelte. Der gesamte Bahnstrom, inklusive Weichenheizungen und Leerfahrten, lag bei 3’077 Gigawattstunden; die Rechenzentren erreichen zwei Drittel davon. Das Kernkraftwerk Gösgen produzierte 7’994 Gigawattstunden, gut das Vierfache.
Für 2030 nennt die Studie drei Szenarien: 2,5 Terawattstunden im unteren Fall, 3,2 als beste Schätzung, 3,5 im Maximalfall, das wären rund sechs Prozent. Hier beginnt die Unsicherheit. Adrian Altenburger von der Hochschule Luzern, Mitautor derselben Studie, nennt in Interviews sechs bis acht Prozent für heute und zehn bis fünfzehn Prozent für 2030. Zwischen dem Bericht und seinem Mitautor liegt ein Faktor von rund zweieinhalb. Wir nennen beide Zahlen, weil beide von denselben Leuten stammen und weil die Differenz die eigentliche Nachricht ist: Niemand weiss, wie schnell das wächst.
Bemerkenswert ist, was die Studie zur künstlichen Intelligenz sagt. «Die KI spielt derzeit in der Schweiz aus energetischer Sicht eine untergeordnete Rolle.» Grosse Modelle würden hier kaum trainiert; dafür sind Strom und Boden zu teuer und die freien Flächen mit Netzanschluss zu selten. Der einzige KI-Supercomputer des Landes, Alps am CSCS in Lugano, zieht im Mittel 7 Megawatt und ist auf maximal 24 ausbaubar. Was in der Schweiz wächst, ist nicht das Training, sondern die Ablage.
Wo die Grenze gezogen wird
Die Netze stossen zuerst an. Die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich halten fest, dass in mehreren Gebieten des vorgelagerten Netzes keine Kapazität mehr für zusätzlichen Bedarf besteht; Betreiber weichen in den Aargau und nach Schaffhausen aus. Sechs der neun Unterwerke, die der Kanton Zürich zwischen 2014 und 2030 baut, entstehen laut einer Recherche von AlgorithmWatch primär für Rechenzentren. Der geplante Vantage-Campus in Volketswil allein ist auf 100 Megawatt ausgelegt.
Politisch ist die Zuständigkeit geklärt, und zwar gegen den Bund. Am 5. Juni 2026 hat der Bundesrat seinen Bericht zur Abwärmenutzung vorgelegt und ausdrücklich auf bundesrechtliche Vorgaben verzichtet: Die Gesetzgebung im Gebäudebereich obliege den Kantonen. Der Kanton Zürich hat seine Regel bereits: Seit dem 1. September 2022 verlangt Paragraf 30a der Besonderen Bauverordnung I, dass nicht selbst nutzbare Abwärme von mehr als 2 Gigawattstunden im Jahr Dritten zu Gestehungskosten zur Verfügung gestellt wird. Schaffhausen ist am 2. Juni 2026 weiter gegangen: Der Kantonsrat beschloss mit 38 zu 17 Stimmen bei 2 Enthaltungen, dass grosse neue Rechenzentren mindestens die Hälfte ihrer Abwärme nutzen, mindestens die Hälfte des Kühlwassers im Kreislauf führen und lokale Wertschöpfung nachweisen müssen. Betroffen sind eine Anlage von STACK im Bau in Beringen, eine zweite dort geplante und eine dritte in Herblingen.
Beringen ist der Ort, an dem die Grössenverhältnisse kippen. Die Anlage soll 350 Gigawattstunden im Jahr beziehen und würde den Stromverbrauch des Kantons Schaffhausen um rund 70 Prozent erhöhen; mit der zweiten Anlage wären es laut SRF 140 Prozent. Der Wasserbedarf wurde von ursprünglich 300’000 bis 400’000 Kubikmetern auf 55’000 heruntergehandelt. Nur rund 30 Prozent der Abwärme liessen sich lokal überhaupt verwerten. Im Betrieb arbeiten in einer solchen Anlage etwa 25 Menschen. Anfang Juli 2026 löste die Polizei ein Protestcamp gegen das Projekt auf, nachdem die Gemeinde Benken die Bewilligung verweigert hatte.
Andere Länder sind diesen Weg schon gegangen. Irland kam 2025 auf 7’663 Gigawattstunden aus Rechenzentren, 23 Prozent des gemessenen Stromverbrauchs, mehr als alle Haushalte des Landes zusammen; der Netzbetreiber hatte 2021 einen Anschlussstopp für den Grossraum Dublin verhängt. Am 12. Dezember 2025 wurde er aufgehoben, gegen Auflagen: eigene Erzeugung für den vollen Bedarf, Rückspeisung auf Anforderung, mindestens 80 Prozent des Jahresbedarfs aus neuen erneuerbaren Projekten. Die Niederlande untersagen seit Februar 2022 neue Hyperscale-Anlagen ab zehn Hektaren oder 70 Megawatt, mit zwei benannten Ausnahmeregionen.
Was der Fall zeigt
Es geht hier nicht um Ausverkauf, jedenfalls nicht in dem Sinn, in dem das Wort meist gebraucht wird. Rechenzentren sind Infrastruktur mit langen Amortisationszeiten, und die Kapitalgeber, die so etwas finanzieren, sind fast überall Infrastrukturfonds und Pensionskassen. Dass australische Vorsorgewerke Schweizer Serverhallen besitzen, ist so wenig skandalös, wie dass Schweizer Pensionskassen ausländische Autobahnen und Flughäfen halten. Es ist der Normalfall dieser Anlageklasse.
Interessant wird es eine Ebene tiefer. Diese Anlagen brauchen etwas, das nicht handelbar ist: Netzkapazität, Kühlwasser, Bauland und eine Bewilligung. Das sind kantonale und kommunale Güter, sie sind knapp, und sie werden gerade verteilt. Der Kanton Schaffhausen hat im Juni entschieden, dafür einen Preis zu verlangen. Der Kanton Zürich hat die Abwärme reguliert und lässt den Rest laufen. Der Bund hat entschieden, nichts zu entscheiden. Wer die Rechenzentren besitzt, ist dabei die zweite Frage. Die erste ist, was eine Gemeinde verlangt, bevor sie 350 Gigawattstunden und 55’000 Kubikmeter Wasser für fünfundzwanzig Arbeitsplätze bewilligt.
Und es fehlt eine Zahl. Es gibt in der Schweiz keine Statistik, die installierte Rechenzentrums-Leistung erfasst, keine, die sie nach Eigentümern gliedert, und keine, die die Netzanschlussgesuche ausweist. Die 260,7 Megawatt dieser Karte sind das, was sechs Firmen freiwillig auf ihre Websites schreiben. Eine Infrastruktur, die in vier Jahren mehr Strom ziehen könnte als der Bahnbetrieb des Landes, wird statistisch schlechter erfasst als der Schweizer Käsehandel. Das lässt sich ändern, und es müsste nicht einmal ein Gesetz sein: eine Meldepflicht für Anschlussleistung ab einer Schwelle würde reichen.
Wir führen diese Karte weiter. Wer belastbare Zahlen zu Kapazität, Eigentümerstruktur oder Netzanschlüssen hat: Unternehmen vorschlagen. Korrekturen publizieren wir mit Datum.
Quellen (abgerufen am 10. September 2026)
- BFE/EnergieSchweiz, Rechenzentren in der Schweiz – Stromverbrauch und Effizienzpotenzial (Kurzbericht, 7. Mai 2026; TEP Energy und Hochschule Luzern); Medienmitteilung; energeiaplus, Interview mit Martin Jakob (8. Juli 2026)
- BFE, Schweizerische Elektrizitätsstatistik 2024 (Endverbrauch 57’512 GWh, Elektromobilität 1’109 GWh, Bahnen 3’077 GWh); Stadt Zürich, Monitoring Energiestrategien (rund 2’700 GWh, 2024); KKG, Jahresproduktion Gösgen 7’994 GWh (13. Februar 2025)
- IFM Investors, Investment in Green (11. Juli 2025) und Eigentümerstruktur; Blue Owl Capital, Vollzug der IPI-Übernahme (6. Januar 2025); Businesswire, IPI übernimmt Safe Host (23. Mai 2022)
- Kapazitätsangaben der Betreiber: STACK Zürich und Genf; Vantage Zurich I und Zurich II; Digital Realty, Spatenstich ZUR4 (27. August 2026); Green, Zurich West 4, 12 MW; Infomaniak, Rechenzentrum D4 Genf (28. Januar 2025) und Übertragung an die Infomaniak Stiftung (20. Mai 2026)
- NorthC, Antin übernimmt NorthC (19. März 2026); AtlasEdge, Verkauf von neun Standorten an Templus (5. Mai 2026); Fintel, Aktionäre von Digital Realty (Norges Bank 5,57 %, Stand 12. August 2026)
- Bundesrat/BFE, Abwärmenutzung: keine bundesrechtlichen Vorgaben (5. Juni 2026); AWEL Kanton Zürich, Merkblatt Rechenzentren (§ 30a BBV I); IT-Markt, Strengere Vorschriften in Schaffhausen (3. Juni 2026)
- SRF, Rechenzentren werden zum Politikum (15. Juni 2026) und Umstrittene Datenzentren (29. August 2026); swissinfo, Protestcamp Beringen (3. Juli 2026); AlgorithmWatch CH, Recherche Rechenzentren Schweiz (16. November 2025); watson, Immer mehr Rechenzentren (26. Juli 2026, mit CBRE-Zahlen)
- CSO Ireland, Data Centres Metered Electricity Consumption; EnergyConnects, Irland hebt das Moratorium auf (Dezember 2025); CMS, Niederländisches Hyperscale-Verbot (23. November 2022)
- swissinfo, Alps am CSCS Lugano, 7 Megawatt (Januar 2025)
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