Illustration: Leitgrad
KI entwirft Wirkstoffe. Die Phase II will ein Basler Start-up im Rechner lösen
Anthropic zeigt erste Ergebnisse aus der Medikamentenentwicklung mit Claude, von Antikörpern bis zu Zulassungsunterlagen. Die grösste Hürde bleibt die Studie am Menschen: Nur 28 Prozent schaffen den Schritt aus Phase II. Atlas Bio aus Basel simuliert dafür Patienten und hat 12,5 Millionen Dollar eingesammelt.

Illustration: Leitgrad
Kurz gesagt: Anthropic, die Firma hinter dem KI-Modell Claude, hat am 27. Oktober erste Ergebnisse aus der Medikamentenentwicklung mit sechs Partnern vorgelegt und ein eigenes kleines Wirkstoffprogramm übernommen. Claude schlägt dort Antikörper vor, prüft Herstellungsunterlagen und bewertet bei Bristol Myers Squibb Pläne für klinische Studien. Die grösste Hürde bleibt aber die Studie am Menschen: Nur 28 Prozent der Entwicklungsprogramme schaffen den Schritt von Phase II in Phase III. Genau dort setzt das Basler Start-up Atlas Bio an. Es simuliert, wie ein Wirkstoff bei einzelnen Patienten wirken könnte, und hat dafür 12,5 Millionen Dollar eingesammelt.
Die meisten Wirkstoffe, die am Menschen getestet werden, scheitern dort. Im Labor lässt sich vieles optimieren. Ob ein Wirkstoff bei Patientinnen und Patienten wirkt, zeigt erst die klinische Studie. Und dort ist Phase II der grösste Filter: Laut einer Auswertung des Datendienstes Citeline über die Jahre 2014 bis 2023 schaffen nur 28 Prozent der Programme den Sprung in Phase III. Von Phase I bis zur Zulassung kommen 6,7 Prozent.
Zwei Meldungen vom 27. Oktober setzen an verschiedenen Stellen dieser Kette an. Eine kommt aus San Francisco, eine aus Basel. Zusammen zeigen sie, wohin sich die Medikamentenentwicklung verschieben könnte.

Was Anthropic gemeldet hat
Anthropic beschreibt sechs Partnerschaften als Fallstudien. Einige Ergebnisse sind konkret:
Antikörper verbessern. Bei BigHat Biosciences schlug Claude Änderungen an zwei Antikörperfragmenten vor. Das Labor testete rund 1010 Varianten in etwa zehn Wochen. Die besten banden mehr als zehnmal so fest.
Designs in Serie. Für Divergence Labs entwarf Claude zum Thema Lebensmittelallergien in rund einem Monat weitgehend selbstständig etwa 35 000 Antikörper-Designs. In frühen Tests lösten 20 davon den Allergie-Antikörper IgE von Immunzellen, drei stärker als das Standardmedikament.
Papier prüfen. Bei Enveda prüfte Claude 1061 Seiten Herstellungsunterlagen. Es fand alle 11 Probleme, die menschliche Prüfer gefunden hatten, und sieben weitere. Die Prüfzeit der Menschen sank laut Anthropic um 89 Prozent, von über 25 auf unter drei Stunden.
Studien planen. Bei Bristol Myers Squibb bewertet Claude Pläne für ein Medikament in einer frühen klinischen Phase und schätzt die Erfolgswahrscheinlichkeit. Eine Ausweitung ist für 2027 geplant.
Dazu kommt ein eigenes Programm. Anthropic hat Mithril Medicine übernommen, ein Ein-Personen-Unternehmen, das Behandlungen für zwei seltene Formen der Muskeldystrophie entwickelt. Der Gründer arbeitete mit elf externen Laboren und liess Verträge, Logistik und Versuchsplanung von Claude unterstützen. Für eine Form kam er laut Anthropic in unter 18 Monaten von der Idee zu vielversprechenden Ergebnissen bei Mäusen. Halten die Kandidaten, könnte ein Wirkstoff ab Ende 2028 für Studien am Menschen bereit sein.
Anthropic selbst schreibt, die Forschung stehe noch am Anfang. Die meisten Wirkstoffe sind noch nicht am Menschen getestet.

Die Basler Wette: Phase II im Rechner
Atlas Bio wurde 2024 gegründet, sitzt in Basel und ist rechtlich eine Gesellschaft aus Delaware mit Schweizer Tochter. Am 27. Oktober trat die Firma mit 12,5 Millionen Dollar aus der Deckung, wie sie in einer auf Startupticker veröffentlichten Mitteilung bekannt gab. Die Seed-Runde über 10 Millionen führt der Risikokapitalgeber Creandum an, dazu kommt eine bisher nicht bekannte Vorrunde über 2,5 Millionen mit First Momentum Ventures und LEA Partners.
Das Versprechen ist gross. Atlas Bio hat ein KI-Modell mit rund zwei Millionen RNA-Messwerten aus menschlichem Gewebe trainiert. Es soll simulieren, wie ein Wirkstoff bei einzelnen Personen in einer virtuellen Patientengruppe wirkt, noch bevor die Phase II beginnt. Ein Pharmakonzern aus den weltweiten Top 10 ist laut Firma Kunde. Ein Basler Biotech-Unternehmen habe dank der Plattform in einem bestimmten Entwicklungsschritt auf Tierversuche verzichtet und sei dort direkt zu Studien am Menschen übergegangen.
CEO Simon Romanski formuliert es so: «Atlas Bio is the end of Phase II as we know it, and the end of animal testing as the price of progress.» Das ist der Anspruch einer Firma, nicht ein Ergebnis. Ob simulierte Patienten die echte Studie verkürzen oder nur besser vorbereiten, müssen erst Behörden und Studienresultate zeigen.

Was das für Schweizer Unternehmen bedeutet
Der Engpass wandert. Wenn KI Moleküle schneller entwirft und Unterlagen schneller prüft, wird die Studie am Menschen noch stärker zum Flaschenhals. Wer dort Zeit oder Ausfälle spart, verkauft den wertvollsten Teil der Kette. Das erklärt, warum ein Basler Start-up mit Simulationen Pharmakunden findet.
Daten sind der Burggraben. Atlas Bio wirbt nicht mit dem Algorithmus, sondern mit zwei Millionen Messwerten aus menschlichem Gewebe. Creandum-Partnerin Katharina Wilhelm hebt hervor, dass die Simulation ohne sensible Behandlungsdaten auskomme. Für Schweizer Firmen in Pharma, Medtech und Labordienst heisst das: Saubere, eigene Daten werden zum Verhandlungspfand gegenüber KI-Anbietern.
Kleine Teams werden grösser, als sie aussehen. Ein Gründer, elf externe Labore, ein KI-Modell für den Betrieb: Das Beispiel Mithril zeigt, wie viel Koordination sich auslagern lässt. Für Zulieferer heisst das, dass neue Kunden auch Ein-Personen-Firmen sein können.
Weitere Schweizer Start-ups, etwa das Basler Biotech Nouscom, stellen wir im Ressort Challenger vor.
Zum Mitnehmen
- Die KI arbeitet sich in die Pharmakette vor. Anthropic meldet erste Ergebnisse mit sechs Partnern, von Antikörpern bis zu Zulassungsunterlagen. Fast alles ist noch präklinisch.
- Phase II bleibt der Filter. Nur 28 Prozent der Programme schaffen den Schritt in Phase III.
- Basel setzt genau dort an. Atlas Bio simuliert Patienten mit einem Modell aus rund zwei Millionen RNA-Messwerten und hat 12,5 Millionen Dollar eingesammelt.
Transparenz: Leitgrad setzt in der Redaktion unter anderem Claude von Anthropic ein. Anthropic hat keinen Einfluss auf diesen Beitrag.
Häufige Fragen
Was macht Anthropic in der Medikamentenentwicklung?
Anthropic arbeitet mit sechs Partnern aus Pharma, Biotech und Wagniskapital zusammen, darunter Bristol Myers Squibb, Generate Biomedicines und Enveda. Claude schlägt Antikörper-Designs vor, prüft Herstellungsunterlagen und bewertet Studienpläne. Zudem hat Anthropic das kleine Wirkstoffunternehmen Mithril Medicine übernommen.
Wie viele Medikamente scheitern in Phase II?
Laut Citeline schafften in den Jahren 2014 bis 2023 nur 28 Prozent der Entwicklungsprogramme den Schritt von Phase II in Phase III. Von Phase I bis zur Zulassung waren es 6,7 Prozent.
Was macht Atlas Bio aus Basel?
Atlas Bio simuliert mit einem KI-Modell, das auf rund zwei Millionen RNA-Messwerten aus menschlichem Gewebe trainiert ist, wie ein Wirkstoff bei einzelnen Patienten einer virtuellen Gruppe wirken könnte. So sollen Pharmafirmen vor Phase II erkennen, wer profitiert. Die Firma hat 12,5 Millionen Dollar eingesammelt.
Quellen
- Anthropic, «Early progress on accelerating drug development with Claude», 27. Oktober 2026 anthropic.com
- Startupticker, «Atlas Bio steps out of stealth with 12.5M funding», Medienmitteilung, 27. Oktober 2026 startupticker.ch
- Citeline, «Why Are Clinical Development Success Rates Falling?», White Paper, April 2024 citeline.com
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