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Morgen-Briefing

Schweizer Wirtschaft, ernsthaft erzählt — für Gründer, Eigentümer und Entscheider.

Macht · 8 min ·

Wer regiert die Schweizer Ernährung? 14 Unternehmen, ohne die das Regal leer bleibt

Die Schweiz versorgt sich netto nur noch zu 42 Prozent selbst. Dazwischen sitzt eine Schicht von Genossenschaften, Familienfirmen und einem Salzmonopol der Kantone, die kaum jemand kennt. Die Machtkarte der Schweizer Ernährung – mit Zahlen von 2025.

Von Redaktion Leitgrad

Publiziert am 31. August 2026

Wer regiert die Schweizer Ernährung? – Die Macht-Serie

Wer in der Schweiz an Lebensmittel denkt, denkt an Migros, Coop und Nestlé. Wer die Schweizer Ernährung tatsächlich am Laufen hält, sitzt in Bern, Uzwil, Rothenburg und Pratteln – in Genossenschaften, Familienunternehmen und einem Salzmonopol, das allen 26 Kantonen gehört. Diese Firmen stehen selten in den Schlagzeilen. Ohne sie steht das Regal leer.

Das Wichtigste in Kürze

Die Schweiz versorgt sich netto nur noch zu 42 Prozent selbst. Zwischen Hof und Regal liegt eine Verarbeitungs- und Handelsschicht von rund zwei Dutzend Unternehmen, die zusammen deutlich über 40 Milliarden Franken umsetzen. Die meisten sind genossenschaftlich oder familiengeführt, viele gehören den Detailhändlern. Die Machtkarte zeigt, wem sie gehören und wo es 2026 knirscht.

Grössenvergleich: Der Swissmill-Kornhaus-Turm in Zürich ist mit 118 Metern das höchste Getreidesilo der Welt – höher als Big Ben (96 m) und der Turm von Pisa (57 m)

Die Ausgangslage: 42 Prozent

Der Netto-Selbstversorgungsgrad der Schweiz ist 2024 auf 42 Prozent gesunken, nach 46 Prozent im Vorjahr. Brutto sind es 50 Prozent. Bei tierischen Produkten liegt die Quote bei 93 Prozent, bei Brotweizen bei 55 Prozent, bei Zucker bei 47 Prozent, beim gesamten Getreide bei 39 Prozent. Die Bevölkerung ist seit 2000 von 7,2 auf 9,1 Millionen gewachsen, die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe schrumpft weiter: 46’270 waren es 2025, 1,7 Prozent weniger als im Vorjahr, im Schnitt 22,5 Hektaren gross.

Das Loch füllt der Import. 2024 führte die Schweiz Agrargüter und Lebensmittel für 15,5 Milliarden Franken ein, sieben Prozent aller Importe. Exportiert wurden 10,7 Milliarden. 73 Prozent der Agrarimporte kommen aus der EU. Jede Firma auf dieser Liste arbeitet in diesem Spannungsfeld: Sie verarbeitet, was das Land produziert – und beschafft, was es nicht produziert.

Balkendiagramm: Umsatz 2025 der wichtigsten Unternehmen der Schweizer Ernährungswirtschaft in Milliarden Franken – Barry Callebaut 14,8, Transgourmet 11,9, Givaudan 7,5, fenaco 7,2 als Nummer 1 der Machtkarte, Migros Industrie 5,8, Bell 4,9, Emmi 4,7, Bühler 2,8, Coop-Produktion 1,0, Pistor 0,9

Die Machtkarte

1. fenaco – der Konzern, der den Bauern gehört

Die fenaco Genossenschaft in Bern ist das grösste Unternehmen der Schweizer Landwirtschaft und eines der am meisten unterschätzten des Landes. 133 LANDI-Genossenschaften mit über 39’000 Mitgliedern und rund 23’000 aktiven Bauern sind ihre Eigentümer. 2025 erzielte fenaco einen Nettoerlös von 7,21 Milliarden Franken, ein EBIT von 110,6 Millionen und eine Eigenkapitalquote von 66,5 Prozent. 11’613 Mitarbeitende, mehr als 80 Tochtergesellschaften.

fenaco steht an beiden Enden der Kette. Vorne liefert sie Futter (UFA), Dünger (Landor) und Saatgut. In der Mitte sammelt und handelt sie Getreide, Kartoffeln und Gemüse. Dann verarbeitet sie: Ramseier presst Saft, frigemo produziert Pommes frites, Ernst Sutter Fleisch, EiCO Eier. Hinten verkauft sie über 593 Volg-Läden und 270 LANDI-Filialen. Dazu kommt Agrola mit 406 Tankstellen. Die Segmente 2025: Agrar 1,96 Milliarden, Lebensmittelindustrie 1,52 Milliarden, Detailhandel 2,31 Milliarden, Energie 1,34 Milliarden.

2. Bühler – die Mühle der Welt steht in Uzwil

Wenn irgendwo auf dem Planeten Mehl gemahlen, Pasta gepresst oder Schokolade conchiert wird, steht mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Maschine aus Uzwil SG daneben. Bühler, gegründet 1860 und in fünfter Generation im Besitz der Familie (Jeannine, Maya und Karin Bühler), setzte 2025 2,8 Milliarden Franken um, 7,8 Prozent weniger als im Vorjahr. Das EBIT lag bei 220,3 Millionen (8,0 Prozent), in Forschung und Entwicklung flossen 131 Millionen. Rund 12’000 Mitarbeitende, 30 Produktionsstandorte, Kunden in 140 Ländern. Seit 1. Januar 2026 führt Samuel Schär das Unternehmen als CEO.

3. Barry Callebaut – der grösste Schokoladenhersteller, den kein Konsument kennt

Der Zürcher Konzern produziert Schokolade für fast jede globale Marke, nur nicht unter eigenem Namen. Im Geschäftsjahr 2024/25 stieg der Umsatz wegen der explodierenden Kakaopreise auf 14,79 Milliarden Franken, in Lokalwährungen ein Plus von 49 Prozent – bei einem Volumenrückgang von 6,8 Prozent auf 2,13 Millionen Tonnen. 13’138 Mitarbeitende, über 60 Werke, Jacobs Holding hält 30,1 Prozent. Das Werk in Wieze (Belgien) ist die grösste Schokoladenfabrik der Welt.

4. Emmi – börsenkotiert, aber in Bauernhand

Der grösste Milchverarbeiter des Landes gehört mehrheitlich den Milchbauern: ZMP Invest, die Beteiligungsgesellschaft der Zentralschweizer Milchproduzenten, hielt Ende 2024 53,3 Prozent. Emmi setzte 2025 4,7 Milliarden Franken um, beschäftigt rund 12’800 Mitarbeitende an 73 Produktionsstandorten in 13 Ländern. Rund 57,5 Prozent des Umsatzes stammen aus dem Ausland.

5. Bell Food Group – Coops Fleischfabrik für den ganzen Markt

1869 in Basel gegründet, seit Jahrzehnten von Coop kontrolliert (rund zwei Drittel der Aktien), an der SIX kotiert: Bell verarbeitet Fleisch, Charcuterie und Convenience (Bell, Hilcona, Hügli) für den gesamten Schweizer Markt. 2025: Nettoerlös 4,89 Milliarden Franken, organisch plus 4,5 Prozent, EBIT 172 Millionen, 12’644 Vollzeitstellen an 67 Standorten in 13 Ländern. Die Salatsparte Eisberg wurde 2025 verkauft.

6. Migros Industrie – die zweitgrösste Lebensmittelindustrie des Landes

Jowa (Brot), Elsa (Milch), Micarna (Fleisch), Bina, Mifroma: Die Migros-Industrie produzierte 2025 an über 40 Standorten mit 11’000 Mitarbeitenden 16’000 Produkte und setzte 5,81 Milliarden Franken um, 5,1 Prozent weniger als im Vorjahr. Allein Micarna in Courtepin FR kam zuletzt (2019) auf 1,8 Milliarden Umsatz und 43 Prozent Marktanteil beim Geflügel – neuere Zahlen publiziert die Migros nicht.

7. Givaudan – der Geschmack hinter den Marken

Das grösste Aromen- und Riechstoffhaus der Welt sitzt in Vernier GE. 2025: Umsatz 7,47 Milliarden Franken, davon 3,64 Milliarden im Segment Taste & Wellbeing, Reingewinn 1,07 Milliarden, über 17’500 Mitarbeitende. Was in Joghurt, Bouillon oder Getränken nach etwas schmeckt, kommt oft von hier.

8. Pistor – die Genossenschaft der Bäcker

1916 von Bäckern gegründet, bis heute eine Genossenschaft in Rothenburg LU. Pistor beliefert Bäckereien, Confiserien und zunehmend Gastronomie und Gesundheitswesen mit über 27’000 Artikeln. 2025 stieg der Umsatz um 3,7 Prozent auf 857,8 Millionen Franken, der Gewinn auf 26,2 Millionen. Die Gastronomie macht inzwischen 54 Prozent des Geschäfts aus. Rund 700 Mitarbeitende.

9. Transgourmet und Saviva – Coop kontrolliert den Grosshandel

Prodega gehört seit 2011 vollständig zu Coop; die Transgourmet-Gruppe erzielte 2025 11,9 Milliarden Franken Umsatz mit 31’212 Mitarbeitenden in sieben Ländern (Schweizer Zahlen weist Coop nicht separat aus). 2024 übernahm Transgourmet Schweiz zusätzlich Saviva, den ehemaligen Migros-Gastrolieferanten aus Brunegg AG. Damit gehören der Nummer eins im Abholgrosshandel und der ehemalige Belieferungsarm des Konkurrenten heute demselben Eigentümer.

10. Swissmill – ein Fünftel des Brotmehls

Die Coop-Mühle in Zürich mahlte 2025 207’000 Tonnen Getreide – über 20 Prozent des Schweizer Brotmehls und rund 40 Prozent des Teigwarenmehls. Ihr 118 Meter hoher Silo-Turm ist das höchste Getreidesilo der Welt. Alle Coop-Produktionsbetriebe zusammen (Swissmill, Chocolats Halba, Reismühle Nutrex, Sunray u. a.) setzten 2025 977 Millionen Franken um.

11. Schweizer Salinen – das Monopol der Kantone

Jedes Korn Schweizer Salz stammt von den Schweizer Salinen in Pratteln BL, Riburg AG und Bex VD. Eigentümer: alle 26 Kantone und das Fürstentum Liechtenstein, geregelt über ein Konkordat von 1973. Betriebsertrag 2025: 109,9 Millionen Franken – bei einem Verlust von 22,8 Millionen. 296 Mitarbeitende, Kapazität bis 600’000 Tonnen pro Jahr.

12. Schweizer Zucker – ein Werk, ein Ofen, ein Problem

Die einzige Zuckerproduzentin des Landes betreibt Werke in Aarberg BE und Frauenfeld TG. Im Geschäftsjahr 2024/25 sank der Umsatz von 294,7 auf 234,6 Millionen Franken, der Gewinn auf 0,1 Millionen. 225’800 Tonnen Zucker aus 1,6 Millionen Tonnen Rüben von rund 16’800 Hektaren. In der Kampagne 2025/26 legte ein Ofenausfall in Frauenfeld die Produktion zeitweise lahm.

13. SIG und Model – die Verpackung

SIG in Neuhausen am Rheinfall SH ist Tetra Paks wichtigster Rivale bei aseptischen Kartonverpackungen: 2025 3,25 Milliarden Euro Umsatz, rund 9’700 Mitarbeitende, aber ein Nettoverlust von 87 Millionen Euro nach Sonderlasten von 351 Millionen. Die Model Group in Weinfelden TG, seit 1882 in Familienhand und seit Juli 2024 in vierter Generation von David und Sarah Model geführt, produziert Wellkarton: 862 Millionen Franken Umsatz (2024), 4’349 Mitarbeitende, davon 770 in der Schweiz.

14. Hochdorf, Cremo, Hero – wo es knirscht

Nicht jeder Verarbeiter ist ein Champion. Hochdorf, 1895 gegründet und einst börsenkotiert, gehört seit Dezember 2024 der Beteiligungsgesellschaft AS Equity Partners (Kaufpreis 83 Millionen Franken); die Aktionäre der Holding, darunter ZMP mit 18 Prozent, erlitten einen Totalverlust. Cremo in Villars-sur-Glâne FR schrieb 2025 zum siebten Mal in Folge rote Zahlen: 473,6 Millionen Umsatz, 17,1 Millionen Verlust. Hero in Lenzburg wächst zwar (1,19 Milliarden Umsatz 2025), hat aber sein Schweizer Werk Ende 2024 geschlossen – Ricola übernimmt das Gebäude.

Was die Liste zeigt

Die Bauern sind mächtiger, als die Debatte um Direktzahlungen vermuten lässt. fenaco, Emmi und Pistor gehören ihren Produzenten oder ihren Abnehmern; zusammen setzen sie rund 12,8 Milliarden Franken um. Ein erstaunlich grosser Teil der Schweizer Ernährung liegt in Genossenschaftshand.

Migros und Coop wiederum sind längst mehr als Händler. Migros Industrie (5,8 Milliarden), Bell (4,9 Milliarden), Coops Produktionsbetriebe (977 Millionen) und Transgourmet (11,9 Milliarden) hängen an zwei Genossenschaften. Wer ihnen liefert, hat oft nur einen Kunden.

Die Weltmarktführer schliesslich verdienen ihr Geld draussen. Bühler, Barry Callebaut, Givaudan und SIG setzen zusammen über 27 Milliarden Franken um, den grössten Teil davon im Ausland. Der Schweizer Ernährung liefern sie Technologie, Rezeptur und Verpackung, nicht das Produkt im Regal.

Bleibt ein Befund, der niemandem gefällt: Zucker, Salz, Milchpulver – die Basiskette hat 2025 Verluste geschrieben oder den Besitzer gewechselt. Die Schweizer Ernährung ist nicht in Gefahr. Aber ihre unauffälligsten Glieder sind ihre verletzlichsten.

Wer fehlt?

Diese Liste ist ein Anfang, keine Endabrechnung. Proviande klassifiziert jedes Schlachttier des Landes, Suisag liefert die Genetik für die Schweinezucht, Ramseier presst den grössten Teil des Schweizer Apfelsafts, Groupe Minoteries ist die Nummer zwei unter den Müllern (151,9 Millionen Umsatz 2025), Ospelt produziert Malbuner und Le Parfait. Wer auf dieser Karte fehlt oder falsch verzeichnet ist, schreibt uns: [email protected]. Korrekturen und Ergänzungen veröffentlichen wir.

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