Macht · 11 min ·

Drei Genossenschaften, fünf Familien: Wem das Schweizer Fleisch gehört

Coop, Migros und fenaco schlachten den grössten Teil des Schweizer Fleischs, fünf Familienunternehmen halten die Nischen mit Marke. Die Karte der Schweizer Fleischwirtschaft, aktualisiert mit dem Nein zur Ernährungsinitiative vom 27. September.

Ein Huhn mit einem leeren Preisschild, auf dem ein Fragezeichen steht.

Am 27. September hat die Schweiz die Ernährungsinitiative abgelehnt, mit 72,5 Prozent Nein. Die Gegner warnten vor dem Vegan-Zwang, die Befürworter vor der Abhängigkeit vom Import. Über eines sprach im Abstimmungskampf niemand: wem das Fleisch gehört, bevor es auf dem Teller liegt. Die Antwort passt auf eine Hand. Drei Genossenschaften schlachten, zerlegen und verpacken den grössten Teil davon. Darunter arbeiten fünf Familien, deren Namen kaum jemand kennt, deren Produkte fast jeder isst. Daran hat auch das Nein vom 27. September nichts geändert.

Das Wichtigste in Kürze

Coop hält 66,67 Prozent der Bell Food Group, die Migros die Micarna, die fenaco die Ernst Sutter AG. Drei Genossenschaften stehen damit an der Spitze der Schweizer Fleischwirtschaft. Der grösste unabhängige Verarbeiter ist ein Familienunternehmen aus Liechtenstein, das Malbuner und Le Parfait macht und laut «Bilanz» einen Drittel seines Umsatzes mit Tiernahrung. Vier weitere Familien halten Poulets, Truten und Wurst in der Hand. Der Inlandanteil des Fleischs fällt seit zwei Jahren, von 82,9 auf 77,3 Prozent. Und die Initiative, die daran etwas ändern wollte, scheiterte am 27. September mit 72,5 Prozent Nein.

Wer Schweizer Poulet isst, isst Migros. Vier von zehn Mal.

Anteil der Micarna, des Fleischbetriebs der Migros, an den in der Schweiz geschlachteten Masthühnern.

Zehn Hühnersymbole, vier davon rot: Die Micarna der Migros schlachtete 2021 über 32 der 79 Millionen Schweizer Masthühner.
Schlachtungen 2021 laut Greenpeace-Factsheet «Das grosse Schlachten». Die Micarna selbst nennt heute rund 45 Prozent Marktanteil beim Geflügel.

Nachtrag, 10. Oktober 2026

Ein Migros-Kunde wog sein Poulet nach und fand rund 16 Prozent weniger als deklariert. Erlaubt sind bei Frischfleisch 2 bis 5 Gramm pro Packung, und bei den Kontrollen der Eichämter war 2025 jede 16. Packung mit Einzelgewicht zu leicht. Was gilt und wie man reklamiert, steht in unserer Meldung zum Migros-Poulet.

Die Ausgangslage: ein Kilo pro Woche, ein Viertel davon importiert

2025 standen jeder Person in der Schweiz rund 51,2 Kilogramm Fleisch im Verkaufsgewicht zur Verfügung, etwa ein Kilo pro Woche; effektiv gegessen werden laut Proviande rund 40 Kilogramm. Das Angebot wuchs um 3,5 Prozent, die Inlandproduktion um 0,5 Prozent, die Importe um 13,8 Prozent. Beim Schweinefleisch kommen noch 92 Prozent aus dem Land, beim Rindfleisch 77, beim Geflügel 62, beim Lamm 38 Prozent.

Fast ein Viertel auf dem Teller ist importiert.

Anteil des Fleischangebots, der nicht in der Schweiz produziert wurde: 17,1 Prozent im Jahr 2023, 22,7 Prozent im Jahr 2025.

Zwei Teller mit Besteck. Der rote Anteil zeigt das importierte Fleisch: 17,1 Prozent im Jahr 2023, 22,7 Prozent im Jahr 2025.
Differenz zum Inlandanteil am Schweizer Fleischangebot. Quelle: Proviande, Jahreszahlen 2025.

Genau hier setzte die Initiative an. Sie verlangte, dass innert zehn Jahren 70 Prozent der in der Schweiz konsumierten Lebensmittel im Inland hergestellt werden, heute sind es netto 42 Prozent. Dazu mehr pflanzliche statt tierische Produktion, weniger Dünger und Pflanzenschutzmittel, besserer Schutz des Trinkwassers. Hinter dem Begehren steht Franziska Herren, die Frau der Trinkwasser-Initiative von 2021. Nationalrat und Ständerat lehnten die Vorlage mit 194 zu 0 und 44 zu 0 Stimmen ab. Die erste SRG-Umfrage zeigte Mitte August noch ein Patt, 47 Prozent Ja zu 49 Prozent Nein. In der zweiten, publiziert Mitte September, waren es 33 zu 64; der Ja-Anteil verlor 14 Prozentpunkte. Lukas Golder von gfs.bern sagt, die Stossrichtung nehme die Stimmung im Land auf, die konkreten Forderungen überzeugten weniger: 74 Prozent halten es für wenig realistisch, den Selbstversorgungsgrad in zehn Jahren auf 70 Prozent zu heben. Eine Ja-Parole haben nur PdA, Junge Grüne und Juso beschlossen, die Grünen selbst gaben die Abstimmung frei. Was das Resultat für die Branche bedeutet, hängt davon ab, wer die Branche ist.

Die drei Genossenschaften

1. Coop und Bell, der grösste Schlachter des Landes

Coop hält 66,67 Prozent der Bell Food Group, die Aufstockung auf diese Zweidrittelmehrheit kündigte die Genossenschaft im Juni 2022 an. Die Gruppe setzte 2025 rund 4,9 Milliarden Franken um und beschäftigte 13’709 Mitarbeitende. Der Geschäftsbereich Bell Schweiz allein kam auf 2,41 Milliarden Franken, verkaufte 137,4 Millionen Kilogramm Fleisch, Charcuterie und Geflügel und beschäftigte 3’963 Vollzeitstellen an 17 Standorten. In Oensingen SO ging 2025 der neue Rindviehschlachthof in Betrieb, Logistik- und Schneidezentrum folgen. Im Geschäftsbericht nennt Bell rückläufige Tierbestände und Tierseuchen als Grund für das knappe Angebot und hält fest, die Preiserhöhungen seien grösstenteils an den Markt weitergegeben worden.

2. Migros und Micarna, vier von zehn Poulets

Die Micarna in Courtepin FR und Bazenheid SG ist die Fleischfabrik der Migros, dazu kommen die Töchter Optigal, Mérat und Favorit Geflügel. Das Unternehmen nennt 26 Standorte und über 3’000 Mitarbeitende in der Schweiz; einen eigenen Umsatz weist die Migros für die Micarna nicht aus. Beim Poulet ist sie die Nummer eins und beziffert ihren Marktanteil selbst auf rund 45 Prozent. Greenpeace zählte für 2021 über 32 der 79 Millionen Schweizer Masthühner. In St-Aubin FR plant die Migros einen Geflügelbetrieb für 40 bis 50 Millionen Hühner im Jahr.

3. fenaco und Ernst Sutter, die Bauern schlachten selbst

Die Ernst Sutter AG in Gossau SG gehört seit 2003 der fenaco, also den Bauern. 2024 setzte sie rund 611 Millionen Franken um, mit rund 1’000 Mitarbeitenden an fünf Standorten in Gossau, St. Gallen, Bazenheid, Langnau und Geuensee; die Marken heissen Suttero und Gemperli. Die Wurzeln reichen zurück auf die Dorfmetzgerei von Otto und Frieda Sutter in Teufen, 1909. Sutter beliefert Metzgereien, Detail- und Grosshandel und exportiert. Die Bauern, die im Abstimmungskampf vor der Initiative warnen, sind hier zugleich Produzenten und Verarbeiter.

Dazu kommt ein Betrieb, den niemand kennt. Die Centravo in Lyss BE verwertet, was vom Schlachten übrig bleibt, Häute, Knochen, Innereien, zu Pharmarohstoffen, Heimtierfutter und Leder. Rund 310 Millionen Franken Umsatz (2022), etwa 500 Mitarbeitende, und Eigentümerin ist die Fleischwirtschaft selbst, ungefähr nach Marktanteilen. Im Verwaltungsrat der Centravo Holding sitzt unter anderen der Bell-Chef Marco Tschanz. Wer schlachtet, besitzt auch die Verwertung.

Die fünf Familien

4. Ospelt, Malbuner, Le Parfait und ein Drittel Tiernahrung

Das grösste unabhängige Fleischverarbeitungsunternehmen der Schweiz hat seinen Sitz nicht in der Schweiz, sondern in Bendern, Liechtenstein. Herbert Ospelt gründete es 1958; er starb am 3. Mai 2025 im Alter von 96 Jahren, im Ländle hiess er «Onkel Herbert». Sein Sohn Alexander übernahm 1993 die Geschäftsleitung der Gruppe und ist heute Verwaltungsratspräsident; den Posten des CEO hat er inzwischen an seinen Sohn Philipp übergeben. Die Gruppe beschäftigt rund 2’000 Menschen und setzt nach zuletzt publizierten Angaben rund 800 Millionen Franken um. Malbuner und Le Parfait sind die bekannten Marken. Ein Drittel des Umsatzes stammt laut «Bilanz» aus Tiernahrung, dazu kommen Chicken Nuggets und dreistellige Millionenzahlen an Tiefkühlpizzen. Wer beim Fleischbrötchen an Liechtenstein denkt, liegt richtig.

5. Bigler, die Familienmetzgerei in vierter Generation

Hans Bigler eröffnete 1946 in Büren an der Aare BE eine Metzgerei. Heute führt die vierte Generation die Bigler AG Fleischwaren mit Werken in Büren und Lyss und der Tessiner Tochter Orello Carne in Lugano. Bigler produziert Frischfleisch, Charcuterie und Convenience für Detailhandel und Gastronomie. Umsatz und Mitarbeiterzahl publiziert die Familie nicht. Das ist die Regel in dieser Branche, nicht die Ausnahme.

6. Kneuss, das Güggeli aus Mägenwil

Die Ernst Kneuss Geflügel AG in Mägenwil AG, gegründet 1960, wird in dritter Generation von Daniel Kneuss als Verwaltungsratspräsident und CEO geführt, Karin Kneuss verantwortet Marketing und Personal. Rund 200 Mitarbeitende, ein Restaurant und ein Güggelishop, der rund um die Uhr geöffnet ist. Kneuss ist die bekannteste Poulet-Marke, die nicht Migros oder Coop gehört.

7. Stöckli, Frifag Märwil, neun von zehn Truten

Die Frifag Märwil AG im Thurgau, 1987 gegründet, produziert rund 13 Millionen Kilogramm Pouletfleisch im Jahr und hält beim Trutenfleisch laut «Tagblatt» fast 90 Prozent Marktanteil. Rund 270 Mitarbeitende, 130 liefernde Höfe, eine Erweiterung für 35 Millionen Franken. Natura Güggeli, die Marke mit den Grillwagen, war bis 2025 eine eigene Gesellschaft; per Fusionsvertrag vom 7. Februar 2025 gingen Aktiven und Passiven an die Frifag über, im April 2025 wurde die Natura Güggeli AG im Handelsregister gelöscht. Im Verwaltungsrat sitzen Valentin Stöckli als Präsident und Lea Stöckli, das operative Geschäft führt Andreas Schmal. Wer an Weihnachten eine Trute isst, isst mit hoher Wahrscheinlichkeit Märwil.

8. Bader, Traitafina, das Erbe von Hero

Als Hero 1998 sein Fleischgeschäft in Lenzburg AG abstiess, übernahm Hermann Bader mit zwei Partnern und gründete die Traitafina AG neu. Heute gehört sie zur Heba Food Holding der Familie Bader: rund 300 Mitarbeitende, Frischfleisch, Wurstwaren, Traiteur, Salatsaucen und Fertiggerichte für Detailhandel und Gastronomie. Der letzte publizierte Umsatz lag bei 140 Millionen Franken (2011). 2020 wollte die Holding den Gastro-Lieferanten Saviva übernehmen; den Zuschlag erhielt später Transgourmet, also Coop.

Wer importiert

Ein Viertel des Fleischs kommt aus dem Ausland, beim Geflügel fast 40 Prozent. Die Importeure sind dieselben wie die Schlachter: 2021 führten Coop 8,3 Millionen Kilogramm Geflügel ein, die GVFI International in Basel 6,3 Millionen und die Migros 6,0 Millionen. Wer im Laden das Schweizer Poulet kauft, kauft beim selben Konzern, der das brasilianische verkauft. Im Grosshandel beliefert die Bianchi AG aus Zufikon AG die Gastronomie mit Fisch und Fleisch, seit 1881 und heute in fünfter Generation: Dario und Luca Bianchi haben den Betrieb von ihren Vätern übernommen.

Was die Karte zeigt

Migros und Coop kontrollieren zusammen 69 Prozent des Lebensmittelhandels, mit Denner 80 Prozent, und 41 Prozent des Fleischumsatzes läuft über Aktionen. Die beiden Genossenschaften entscheiden damit dreimal: als Schlachter, als Importeur und als Verkäufer. Wer wissen will, ob Schweizer Fleisch teurer oder billiger wird, muss nicht die Bauern fragen. Er muss zwei Verwaltungsräte in Basel und Zürich fragen.

Die Familien wiederum sitzen dort, wo die Genossenschaften nicht hinkommen: in der Nische mit Marke. Malbuner, Kneuss, die Trute von Frifag, die Wurst von Bigler. Sie sind die Adresse, wenn ein Käufer nicht Migros oder Coop sein will. Und sie sind die Adresse, wenn eine Nachfolge ansteht: Bei Ospelt und bei Bianchi hat der Generationenwechsel stattgefunden, bei Bigler ist er die vierte Wiederholung.

Die Initiative hätte alle acht gleich und doch verschieden getroffen. Die Genossenschaften können die Regale umbauen, sie besitzen sie. Die Familien können es nicht. Wenn die Schweiz mehr pflanzlich produzieren soll, gewinnt, wer bereits beides kann. Ospelt macht Pizza und Tiernahrung, Traitafina Salatsaucen, Bell gehört Hilcona. Ein Poulet-Schlachter in Mägenwil hat diese Wahl nicht. Am 27. September hat das Volk die Initiative mit 72,5 Prozent Nein abgelehnt. Für diese acht ändert sich damit vorerst nichts.

Wer fehlt?

Die Karte ist ein Anfang. Die Schlachtbetriebe von Zürich und St. Gallen, die Metzgereien mit eigener Schlachtung im Emmental und im Jura, die Importeure hinter GVFI, die Geflügelmäster, die für Optigal und Frifag produzieren: Wer auf dieser Karte fehlt oder falsch verzeichnet ist, schreibt uns an redaktion@leitgrad.ch. Korrekturen und Ergänzungen veröffentlichen wir.

Methode

Die Karte zählt die Betriebe, die in der Schweiz schlachten und verarbeiten, nicht die Mäster und nicht den Detailhandel. Umsatz- und Mitarbeiterzahlen stammen aus unterschiedlichen Jahren, weil mehrere Familienunternehmen keine Zahlen publizieren; wir nennen jeweils das Jahr der letzten publizierten Angabe. Die Poulet-Grafik zeigt Schlachtungen des Jahres 2021 nach der Zählung von Greenpeace, weil es die letzte öffentliche Aufstellung nach Betrieben ist. Die Micarna nennt heute selbst rund 45 Prozent Marktanteil.

Aktualisiert am 11. Oktober 2026: Abstimmungsresultat vom 27. September ergänzt, 72,5 Prozent Nein (SRF). Die Machtkarte selbst ist unverändert.

Korrekturhinweis: Diese Fassung ersetzt eine Version vom 7. September 2026. Wir haben den Beitrag am 19. September aus dem Netz genommen, weil eine interne Prüfung mehrere Angaben beanstandet hat. Geändert haben wir: Luca und Dario Bianchi führen die Bianchi AG bereits, sie sind nicht «beide unter 30» und nicht erst eingestiegen. Natura Güggeli ist seit der Fusion im Frühjahr 2025 keine Tochter der Frifag mehr, sondern eine Marke. Bei Ospelt nennen wir das Todesdatum des Firmengründers samt Quelle und die Nachfolge so, wie sie öffentlich belegt ist, ohne Altersangaben. Drei Sätze standen in Anführungszeichen, obwohl sie keine wörtlichen Zitate waren; sie stehen jetzt in indirekter Rede. Die Angaben zu Bell und zum Coop-Anteil haben wir auf den Geschäftsbericht 2025 aktualisiert, die Abstimmungslage auf die zweite SRG-Umfrage. Die Todesmeldung zu Herbert Ospelt war entgegen dem Prüfbefund korrekt und mehrfach belegt.

Quellen

  1. Proviande, Jahreszahlen 2025, via Bauernzeitung, 16. Mai 2026 bauernzeitung.ch · swissinfo.ch
  2. Abstimmung vom 27. September 2026 und die zweite SRG-Umfrage von gfs.bern, 15. September 2026 ch.ch · srf.ch · gfsbern.ch
  3. Bell Food Group, Geschäftsbericht 2025 und Bell Schweiz; Coop zur Aufstockung auf 66,67 Prozent bellfoodgroup.com · wikipedia.org
  4. Micarna und Migros Industrie zu Standorten und Marktanteil; Greenpeace-Factsheet «Das grosse Schlachten», August 2022 migrosindustrie.ch · greenpeace.ch · presseportal-schweiz.ch
  5. Ernst Sutter AG und Centravo ernstsutter.ch · wikipedia.org
  6. Zum Tod von Herbert Ospelt, 3. Mai 2025, und zur Nachfolge in der Ospelt-Gruppe vaterland.li · ospelt.com · bilanz.ch
  7. Bigler AG und Kneuss Güggeli bigler.ch · kneuss.com
  8. Frifag Märwil und die Fusion mit der Natura Güggeli AG, Handelsregister 2025 tagblatt.ch · moneyhouse.ch · pappers.ch
  9. Traitafina und die Bianchi AG in fünfter Generation wikipedia.org · bianchi.ch · gaultmillau.ch

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