Diese fünf Familien regieren das Schweizer Fleisch – zusammen mit drei Genossenschaften
Vor der Abstimmung über die Ernährungsinitiative: Wem gehören Schlachthöfe, Poulets und Malbuner? Coop, Migros und fenaco stehen oben – darunter fünf Familien, deren Namen kaum jemand kennt. Die Machtkarte.

Am 27. September stimmt die Schweiz über die Ernährungsinitiative ab. Die Gegner warnen vor dem «Vegan-Zwang», die Befürworter vor der Abhängigkeit vom Import. Über eines spricht in diesem Abstimmungskampf niemand: wem das Fleisch gehört, bevor es auf dem Teller liegt. Die Antwort passt auf eine Hand. Drei Genossenschaften schlachten, zerlegen und verpacken den grössten Teil davon. Darunter arbeiten fünf Familien, deren Namen kaum jemand kennt, deren Produkte fast jeder isst.
Das Wichtigste in Kürze
Coop kontrolliert Bell, Migros die Micarna, fenaco die Ernst Sutter AG: Drei Genossenschaften stehen an der Spitze der Schweizer Fleischwirtschaft. Der grösste unabhängige Verarbeiter ist ein Familienunternehmen aus Liechtenstein, das Malbuner macht und ein Drittel seines Umsatzes mit Katzenfutter. Vier weitere Familien halten die Poulets, die Truten und die Wurst in der Hand. Und der Inlandanteil des Fleischs fällt seit zwei Jahren: von 82,9 auf 77,3 Prozent.
Die Ausgangslage: ein Kilo pro Woche, ein Viertel davon importiert
2025 standen jeder Person in der Schweiz rund 51,2 Kilogramm Fleisch im Verkaufsgewicht zur Verfügung, etwa ein Kilo pro Woche; effektiv gegessen werden laut Proviande rund 40 Kilogramm. Das Angebot wuchs um 3,5 Prozent, die Inlandproduktion um 0,5 Prozent, die Importe um 13,8 Prozent. Der Inlandanteil sank auf 77,3 Prozent, nach 79,6 Prozent im Vorjahr und 82,9 Prozent im Jahr 2023. Beim Schweinefleisch kommen noch 92 Prozent aus dem Land, beim Rindfleisch 77, beim Geflügel 62, beim Lamm 38 Prozent.
Genau hier setzt die Initiative an. Sie verlangt, dass innert zehn Jahren 70 Prozent der in der Schweiz konsumierten Lebensmittel im Inland hergestellt werden, heute sind es netto 42 Prozent. Dazu mehr pflanzliche statt tierische Produktion, weniger Dünger und Pflanzenschutzmittel, besserer Schutz des Trinkwassers. Hinter dem Begehren steht Franziska Herren, die Frau der Trinkwasser-Initiative von 2021. Nationalrat und Ständerat lehnten die Vorlage mit 194 zu 0 und 44 zu 0 Stimmen ab. Die erste SRG-Umfrage von gfs.bern zeigte Mitte August ein Patt: 47 Prozent Ja, 49 Prozent Nein.
Was das Resultat für die Branche bedeutet, hängt davon ab, wer die Branche ist.

Die drei Genossenschaften
1. Coop und Bell – der grösste Schlachter des Landes
Coop hält 66,67 Prozent der Bell Food Group und hat den Anteil zuletzt nochmals aufgestockt. Der Geschäftsbereich Bell Schweiz setzte 2025 2,41 Milliarden Franken um, verkaufte 137,4 Millionen Kilogramm Fleisch, Charcuterie und Geflügel und beschäftigte 3’963 Vollzeitstellen an 17 Standorten. In Oensingen SO ging 2025 der neue Rindviehschlachthof in Betrieb, ein Logistikzentrum und ein Schneidezentrum folgen 2026. Bell meldet, was die Statistik bestätigt: Der Rohstoff wird knapp, «rückläufige Tierbestände und Tierseuchen» drücken auf das Angebot, die Preiserhöhungen wurden «grösstenteils an den Markt weitergegeben».
2. Migros und Micarna – vier von zehn Poulets
Die Micarna in Courtepin FR und Bazenheid SG ist die Fleischfabrik der Migros: zuletzt publizierte 1,8 Milliarden Franken Umsatz (2019), rund 3’400 Mitarbeitende, dazu die Töchter Optigal, Mérat, Favorit Geflügel und die Bündner Fleischtrocknerei Natura. Beim Poulet ist Micarna die Nummer eins: 2021 schlachtete sie laut einer Greenpeace-Auswertung über 32 Millionen der 79 Millionen Schweizer Masthühner, vier von zehn. In St-Aubin FR plant die Migros einen Geflügelbetrieb für 40 bis 50 Millionen Hühner im Jahr. Neuere Umsatzzahlen veröffentlicht die Migros nicht.
3. fenaco und Ernst Sutter – die Bauern schlachten selbst
Die Ernst Sutter AG in Gossau SG gehört seit 2003 der fenaco, also den Bauern. 2024 setzte sie rund 611 Millionen Franken um, mit rund 1’000 Mitarbeitenden an fünf Standorten in Gossau, St. Gallen, Bazenheid, Langnau und Geuensee; die Marken heissen Suttero und Gemperli. Die Wurzeln reichen zurück auf die Dorfmetzgerei von Otto und Frieda Sutter in Teufen, 1909. Sutter beliefert Metzgereien, Detail- und Grosshandel und exportiert. Die Bauern, die im Abstimmungskampf vor der Initiative warnen, sind hier zugleich Produzenten und Verarbeiter.
Dazu kommt ein Betrieb, den niemand kennt: Die Centravo in Lyss BE verwertet, was vom Schlachten übrig bleibt, Häute, Knochen, Innereien, zu Pharmarohstoffen, Heimtierfutter und Leder. Rund 310 Millionen Franken Umsatz (2022), etwa 500 Mitarbeitende, und Eigentümerin ist die Fleischwirtschaft selbst, ungefähr nach Marktanteilen. Wer schlachtet, besitzt auch die Verwertung.
Die fünf Familien
4. Ospelt – Malbuner, Le Parfait und ein Drittel Katzenfutter
Das grösste unabhängige Fleischverarbeitungsunternehmen der Schweiz hat seinen Sitz nicht in der Schweiz, sondern in Bendern, Liechtenstein. Herbert Ospelt gründete es 1958 in Vaduz; er starb 2025 mit 96 Jahren. Sein Sohn Alexander, 65, führt die Gruppe seit 1993; die operative Leitung ging, wie im November 2025 angekündigt, im Frühjahr 2026 an Enkel Philipp, 33. Die Bilanz schätzt den Umsatz auf über 800 Millionen Franken und das Familienvermögen auf 425 Millionen. Zuletzt genannt wurden 1’800 Mitarbeitende und fünf Werke in Bendern, Sargans, Weite, Geroldswil und Apolda in Thüringen. Malbuner und Le Parfait sind die bekannten Marken. Ein Drittel des Umsatzes stammt aus Tiernahrung, Ospelt ist der grösste Lieferant von Chicken Nuggets im Land und produziert 350 Millionen Tiefkühlpizzen im Jahr. Wer beim Fleischbrötchen an Liechtenstein denkt, liegt richtig.
5. Bigler – die Familienmetzgerei in vierter Generation
Hans Bigler eröffnete 1946 in Büren an der Aare BE eine Metzgerei. Heute führt die vierte Generation die Bigler AG Fleischwaren mit Werken in Büren und Lyss und der Tessiner Tochter Orello Carne in Lugano. Bigler produziert Frischfleisch, Charcuterie und Convenience für Detailhandel und Gastronomie. Umsatz und Mitarbeiterzahl publiziert die Familie nicht. Das ist die Regel in dieser Branche, nicht die Ausnahme.
6. Kneuss – das Güggeli aus Mägenwil
Die Ernst Kneuss Geflügel AG in Mägenwil AG, gegründet 1960, wird in dritter Generation von Daniel Kneuss als Verwaltungsratspräsident und CEO geführt, Karin Kneuss verantwortet Marketing und Personal. Rund 200 Mitarbeitende, ein Restaurant und ein Güggelishop, der rund um die Uhr geöffnet ist. Kneuss ist die bekannteste Poulet-Marke, die nicht Migros oder Coop gehört.
7. Stöckli – Frifag Märwil, neun von zehn Truten
Die Frifag Märwil AG im Thurgau, 1987 gegründet, produziert rund 13 Millionen Kilogramm Pouletfleisch im Jahr und hält beim Trutenfleisch laut «Tagblatt» fast 90 Prozent Marktanteil. Rund 270 Mitarbeitende, 130 liefernde Höfe, eine Erweiterung für 35 Millionen Franken, dazu die Tochter Natura Güggeli mit 160 Grillwagen-Standorten. Im Verwaltungsrat sitzen Valentin Stöckli als Präsident und Lea Stöckli; das operative Geschäft führt Andreas Schmal. Wer an Weihnachten eine Trute isst, isst mit hoher Wahrscheinlichkeit Märwil.
8. Bader – Traitafina, die Hero-Erbin
Als Hero 1998 sein Fleischgeschäft in Lenzburg AG abstiess, übernahm Hermann Bader mit zwei Partnern und gründete die Traitafina AG neu. Heute gehört sie zur Heba Food Holding der Familie Bader: rund 300 Mitarbeitende, Frischfleisch, Wurstwaren, Traiteur, Salatsaucen und Fertiggerichte für Detailhandel und Gastronomie. Der letzte publizierte Umsatz lag bei 140 Millionen Franken (2011). 2020 wollte die Holding den Gastro-Lieferanten Saviva übernehmen; den Zuschlag erhielt später Transgourmet, also Coop.
Wer importiert
Ein Viertel des Fleischs kommt aus dem Ausland, beim Geflügel fast 40 Prozent. Die Importeure sind dieselben wie die Schlachter: 2021 führten Coop 8,3 Millionen Kilogramm Geflügel ein, die GVFI International in Basel 6,3 Millionen und die Migros 6,0 Millionen. Wer im Laden das Schweizer Poulet kauft, kauft beim selben Konzern, der das brasilianische verkauft. Im Grosshandel beliefert die Familie Bianchi aus Zufikon AG in fünfter Generation die Gastronomie mit Fisch und Fleisch; Luca und Dario Bianchi, beide unter 30, sind bereits eingestiegen.
Was die Karte zeigt
Migros und Coop kontrollieren zusammen 69 Prozent des Lebensmittelhandels, mit Denner 80 Prozent, und 41 Prozent des Fleischumsatzes läuft über Aktionen. Die beiden Genossenschaften entscheiden damit dreimal: als Schlachter, als Importeur und als Verkäufer. Wer wissen will, ob Schweizer Fleisch teurer oder billiger wird, muss nicht die Bauern fragen. Er muss zwei Verwaltungsräte in Basel und Zürich fragen.
Die Familien wiederum sitzen dort, wo die Genossenschaften nicht hinkommen: in der Nische mit Marke. Malbuner, Kneuss, die Trute von Frifag, die Wurst von Bigler. Sie sind die Adresse, wenn ein Käufer nicht Migros oder Coop sein will. Und sie sind die Adresse, wenn eine Nachfolge ansteht: Bei Ospelt hat der Generationenwechsel gerade stattgefunden, bei Bianchi läuft er, bei Bigler ist er die vierte Wiederholung.
Die Initiative trifft alle acht gleich und doch verschieden. Die Genossenschaften können die Regale umbauen, sie besitzen sie. Die Familien können es nicht. Wenn die Schweiz mehr pflanzlich produzieren soll, gewinnt, wer bereits beides kann. Ospelt macht Pizza und Katzenfutter, Traitafina Salatsaucen, Bell Hilcona. Ein Poulet-Schlachter in Mägenwil hat diese Wahl nicht.
Wer fehlt?
Die Karte ist ein Anfang. Die Schlachtbetriebe von Zürich und St. Gallen, die Metzgereien mit eigener Schlachtung im Emmental und im Jura, die Importeure hinter GVFI, die Geflügelmäster, die für Optigal und Frifag produzieren: Wer auf dieser Karte fehlt oder falsch verzeichnet ist, schreibt uns an [email protected]. Korrekturen und Ergänzungen veröffentlichen wir.
Quellen und Stand der Zahlen (abgerufen am 7. September 2026)
- Proviande via Bauernzeitung, Mehr Fleisch, mehr Importe – der Selbstversorgungsgrad sinkt (16. Mai 2026); SWI, Fleischmarkt 2024
- Bundeskanzlei, Volksabstimmung vom 27. September 2026; SRF, Die Ernährungsinitiative in Kürze; 20 Minuten, Was du vor der Abstimmung wissen musst; SRF, 1. SRG-Umfrage (gfs.bern, 3.–16. August 2026)
- Bell Food Group, Geschäftsbericht 2025 – Bell Schweiz; Luzerner Zeitung, Coop baut Beteiligung an Bell aus
- Micarna, Unternehmensangaben (Stand 2019); Greenpeace, Factsheet «Das grosse Schlachten» (August 2022); Presseportal, Micarna St-Aubin
- Ernst Sutter AG, Organisation; Unternehmensangaben 2024; Centravo, Unternehmensangaben 2022
- Bilanz, 300 Reichste 2025: Familie Ospelt; Bilanz, Mister Malbuner (2018); Sarganserländer, Generationenwechsel bei Ospelt
- Bigler AG, Unternehmen; Geschichte
- Kneuss Güggeli, Unternehmen und Team
- Tagblatt, Poulet für die ganze Schweiz kommt aus Märwil; Moneyhouse, Frifag Märwil AG
- Traitafina, Unternehmensangaben; GaultMillau, Bianchi: die 5. Generation
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