Sechs Familien regieren die Schweizer Chemie – und eine hat für 3,3 Milliarden verkauft
Blocher, Firmenich, Grogg, Schachenmann, Kahane, Blaser: Wem die Schweizer Chemie jenseits der Pharma gehört – mit 50’000 Franken Startkapital, einem Giganten, der nicht bekannt sein will, und der Familie, die für 3,3 Milliarden ausstieg. Die Machtkarte.

Die Basler Chemie hat einen Namen, die Schweizer Chemie hat Familien. Sie sitzen in Domat/Ems, Dottikon, Bubendorf, Oftringen, Genf, Basel und im Emmental. Zwei von ihnen sind Geschwister, eine hat mit 50’000 Franken angefangen, eine will bis 2026 sieben Milliarden umsetzen und redet mit niemandem darüber. Und eine hat verkauft, für 3,3 Milliarden Franken, nach vier Jahren Krieg.
Das Wichtigste in Kürze
Sechs Familien kontrollieren die grössten Chemieunternehmen der Schweiz, die nicht Pharma sind: Blocher (Ems-Chemie und Dottikon), Firmenich (dsm-firmenich), Grogg (Bachem), Schachenmann (Omya), Kahane (Jungbunzlauer) und Blaser (Blaser Swisslube). Die Unternehmen, an denen sie die Mehrheit oder das grösste Paket halten, setzen zusammen über 20 Milliarden Franken um und beschäftigen rund 45’000 Menschen weltweit. Drei der sechs Unternehmen publizieren keine Zahlen. Und die Familie Burkard, die Sika kontrollierte, ist seit 2018 nicht mehr dabei.
Die Ausgangslage: Chemie ist die stille Hälfte des Exports
Chemie und Pharma stellen rund die Hälfte der Schweizer Exporte. Die Pharma macht den Lärm, die Chemie das Material: Polyamide für Autos, Peptide für Abnehmspritzen, Kalk für Papier und Zahnpasta, Aromen für Parfums, Zitronensäure für Limonaden, Kühlschmierstoffe für Werkzeugmaschinen. Wer diese Stoffe herstellt, ist meistens nicht an der Börse oder nur mit einer Minderheit. Die Mehrheit gehört Familien. Hier sind sie.

Die Machtkarte
1. Blocher – ein Vater, zwei Kinder, zwei Chemiekonzerne
Christoph Blocher kaufte 1983 die Ems-Chemie in Domat/Ems GR. 2004 übernahm seine Tochter Magdalena Martullo-Blocher die Führung, mit 34 Jahren. Heute ist Ems ein Konzern für Hochleistungspolymere: 1,95 Milliarden Franken Umsatz 2025, 5,8 Prozent weniger als im Vorjahr, aber ein EBIT von 567 Millionen und eine Marge von 29,1 Prozent, die in der europäischen Chemie ihresgleichen sucht. Reingewinn 467 Millionen, Dividende 18,40 Franken pro Aktie. Die Familie hält die Mehrheit über die Emesta Holding. Ihr Bruder Markus Blocher führt seit 2003 die Dottikon ES im Aargau, 1913 als Schweizerische Sprengstoff-Fabrik gegründet, 2005 an die Börse gebracht: 428,4 Millionen Franken Umsatz im Geschäftsjahr 2025/26, plus 11,2 Prozent, 103,6 Millionen Gewinn, rund 900 Mitarbeitende. Markus Blocher hält über 65 Prozent, zahlt keine Dividende und investiert in zehn Jahren rund eine Milliarde Franken in ein Dorf mit 4’000 Einwohnern. Die Bilanz führt die Familie Blocher mit 14 bis 15 Milliarden Franken; 2025 fiel sie wegen des Ems-Kurses aus den Top Ten.
2. Firmenich – die Genfer Dynastie, die ihre Firma hergab
1895 in Genf gegründet, fünf Generationen in Familienhand, der grösste private Aromen- und Riechstoffhersteller der Welt: 2023 fusionierte Firmenich mit der niederländischen DSM zu dsm-firmenich. Die Familie erhielt 34,5 Prozent des neuen Konzerns, Antoine und Patrick Firmenich sitzen im Verwaltungsrat. dsm-firmenich setzte 2025 12,5 Milliarden Euro um, mit knapp 30’000 Mitarbeitenden in fast 60 Ländern; das Tiernahrungsgeschäft geht an CVC. Für die Familie war die Fusion teuer: Der Kurs fiel innert eines Jahres um rund 40 Prozent, das Vermögen schmolz laut Bilanz von 14 bis 15 auf 9,5 Milliarden Franken, Rang 19. Die Firma heisst noch Firmenich. Die Familie hat sie nicht mehr.
3. Grogg – 50’000 Franken, 2,1 Milliarden, eine Abnehmspritze
Peter Grogg gründete Bachem 1971 in Bubendorf BL mit 50’000 Franken Startkapital und seiner Frau, die ihn zuvor in die USA begleitet hatte. Bachem stellt Peptide her, die Wirkstoffklasse der GLP-1-Abnehmspritzen, und ist damit zum Zulieferer des grössten Pharmabooms der Gegenwart geworden. Grogg starb im Juni 2025 mit 83 Jahren. Die Familie hält direkt 5,4 Prozent und über die Ingro Finanz AG weitere 52 Prozent, zusammen rund 57 Prozent, ein Paket im Wert von 2,1 Milliarden Franken. Im Verwaltungsrat der Ingro Finanz sitzen seine Frau und die Töchter; Nicole Grogg Hötze ist seit 2011 Vizepräsidentin des Bachem-Verwaltungsrats, Daniela Grogg führt Forbes seit 2026 als Milliardärin. Peter Grogg war bis 2002 CEO und bis 2012 Präsident. Die NZZ überschrieb ihren Nachruf mit einem Wort: Bescheidenheit.
4. Schachenmann – der Gigant, der nicht bekannt sein will
Omya in Oftringen AG ist das grösste Schweizer Chemieunternehmen, von dem Sie noch nie gehört haben. Gegründet 1884 als Kittfabrik von Gottfried Plüss, seit 1924 von der Familie Schachenmann geführt und bis heute in ihrem Besitz, verarbeitet Omya Kalkstein zu Calciumcarbonat: der weisse Füllstoff in Papier, Kunststoff, Farbe, Windeln, Make-up und Zahnpasta. Über 175 Standorte in mehr als 50 Ländern, rund 9’000 Mitarbeitende, zuletzt genannte 3,5 Milliarden Franken Umsatz (2018) und das erklärte Ziel, bis 2026 sieben Milliarden zu erreichen. Zahlen publiziert die Firma nicht, weil sie nicht muss. Der Kommunikationsverantwortliche sagte gegenüber SRF, was andere denken: «Es bringt uns eigentlich nichts, wenn wir sehr bekannt wären.» Die Handelszeitung nannte den Patron Max Schachenmann einen «Unternehmer namens Silence».
5. Kahane – die Wiener Familie hinter jeder Limonade
Jungbunzlauer ist der grösste Zitronensäurehersteller der Welt, und seine Holding sitzt in Basel. Die Geschichte beginnt 1867 als Melassebrennerei im böhmischen Jungbunzlau, führt über Wien, die NS-Enteignung der Gründerfamilie Lederer 1938 und die Verstaatlichung 1946 zum Wiener Industriellen Karl Kahane, der das Unternehmen 1967 erwarb. Seine Familie besitzt es bis heute. Vier Werke in Österreich, Deutschland, Frankreich und Kanada verarbeiten rund 4’000 Tonnen Mais pro Tag zu Zitronensäure, Xanthan, Glukonaten und Milchsäure; 95 Prozent gehen in über 130 Länder. Zuletzt publiziert: 541 Millionen Euro Umsatz (2021), rund 1’300 Mitarbeitende. Wer in der Schweiz eine Limonade, ein Gummibärchen oder ein Waschmittel kauft, kauft mit hoher Wahrscheinlichkeit Kahane.
6. Blaser – von der Schuhcreme zur Werkzeugmaschine
Willy Blaser gründete 1936 in Hasle-Rüegsau BE eine Fabrik für Schuhcreme und Reinigungsmittel. Sein Sohn Peter stieg 1973 ein, sein Enkel Marc führt seit 2010. Heute macht Blaser Swisslube zu 90 Prozent Kühlschmierstoffe, die Flüssigkeit, ohne die keine Fräse und keine Drehbank läuft, mit rund 600 Mitarbeitenden, 300 davon im Emmental, Niederlassungen in 60 Ländern und Werken in den USA, China und Indien. Umsatz und Gewinn publiziert die Familienaktiengesellschaft nicht. Bei den Schweizer Werkzeugmaschinenbauern, die in der Medtech-Machtkarte stehen, ist Blaser die Lieferantin, die alle kennen und niemand nennt.
Die Familie, die ausgestiegen ist
Bis 2018 kontrollierte die Familie Burkard mit 16 Prozent des Kapitals über die Schenker-Winkler Holding die Mehrheit der Stimmen bei Sika in Baar. 2014 verkaufte sie ihr Paket an Saint-Gobain, gegen den Willen von Verwaltungsrat und Management. Es folgten vier Jahre Gerichtsverfahren, Generalversammlungen mit beschränktem Stimmrecht und ein Streit, der das Schweizer Aktienrecht beschäftigte. Im Mai 2018 die Einigung: Saint-Gobain zahlte der Familie 3,3 Milliarden Franken, verkaufte knapp sieben Prozent der Aktien für 2,08 Milliarden an Sika zurück und blieb mit knapp zehn Prozent beteiligt. Die Burkards sind seither Privatiers. Sika ist heute ein Konzern ohne Familie, und es geht ihm gut.
Was die Karte zeigt
Drei der sechs Familien publizieren keine Zahlen. Omya, Jungbunzlauer und Blaser sind Aktiengesellschaften ohne Börse, und sie nutzen das. Der grösste Schweizer Chemiebetrieb ausserhalb der Pharma ist damit auch der unbekannteste. Die Börse ist die Ausnahme, nicht die Regel, und wo sie vorkommt, halten die Familien die Mehrheit: Ems, Dottikon, Bachem.
Die zweite Beobachtung ist unbequem für die Erzählung vom Schweizer Unternehmertum: Zwei der sechs Familien sind zugewandert oder haben zugekauft. Die Kahanes kamen aus Wien, Christoph Blocher kaufte Ems, als es der Familie Oswald gehörte. Die Firmenichs, die einzige echte Gründerdynastie in fünfter Generation, haben ihre Firma in einen Konzern eingebracht und dabei Milliarden verloren.
Die dritte: Der grösste Reichtum entstand dort, wo niemand hinschaute. Peter Grogg baute aus 50’000 Franken ein Paket von 2,1 Milliarden, in Bubendorf, mit Peptiden, die 40 Jahre lang niemanden interessierten, bis die Abnehmspritze kam. Wer die nächste Grogg-Geschichte sucht, sollte nicht in Basel suchen. Sondern in Oftringen, Rüegsau oder Dottikon.
Wer fehlt?
Die Karte ist ein Anfang. Die Familie Paulsen mit PolyPeptide in Baar, die Familie Dätwyler mit ihrer Elastomer-Gruppe in Altdorf, die CPH-Gruppe in Perlen, Zeochem in Uetikon, die Kunststoff-Familien im Jura: Wer auf dieser Karte fehlt oder falsch verzeichnet ist, schreibt uns an [email protected]. Korrekturen und Ergänzungen veröffentlichen wir.
Quellen und Stand der Zahlen (abgerufen am 7. September 2026)
- Moneycab, Ems-Chemie steigert Gewinn bei tieferem Umsatz (6. Februar 2026); Bilanz, 300 Reichste 2025: Familie Blocher; Watson, Die 10 Reichsten 2025
- Moneycab, Dottikon ES steigert Umsatz zweistellig (29. Mai 2026)
- Bilanz, 300 Reichste 2025: Familie Firmenich; dsm-firmenich, Gesamtjahr 2025 (12. Februar 2026)
- cash, Was passiert mit dem Aktienpaket? (4. Juni 2025); Forbes, Daniela Grogg; NZZ, Peter Grogg stand für Bescheidenheit
- SRF, Unbekannter Gigant: Oftringer Firma beliefert die ganze Welt (2018); Handelszeitung, Max Schachenmann: Unternehmer namens Silence; Omya, Unternehmensgeschichte
- Jungbunzlauer, Unternehmensgeschichte; cash.at, Umsatzschub für Zitronensäureproduzent
- Blaser Swisslube, Unternehmensangaben; Handelszeitung, Es läuft wie geschmiert
- Handelszeitung, Ein Milliarden-Deal beendet Sika-Prozesse (Mai 2018); Sika, Vereinbarung erzielt
- Tages-Anzeiger, EY Global Family Business Index
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