Wer regiert die Schweizer Medtech? Die zwölf Zulieferer, ohne die kein Implantat entsteht
Straumann, Sonova und Ypsomed liefern die Schlagzeilen. Ihr Motor sitzt in Delémont, Biel, Bonaduz und Rapperswil – bei Firmen mit 200 bis 600 Mitarbeitenden, die gerade reihenweise den Eigentümer wechseln.

Straumann, Sonova, Ypsomed: Die Schweizer Medtech hat ihre Aushängeschilder. Doch ihr Motor sitzt eine Ebene tiefer – in Delémont, Biel, Bettlach, Bonaduz und Rapperswil, bei Firmen mit 200 bis 600 Mitarbeitenden, die Knochenschrauben drehen, Endoskop-Optiken schleifen und Autoinjektoren montieren. Wer verstehen will, warum jede hundertste Schweizer Arbeitskraft in der Medtech arbeitet, muss diese Zulieferer kennen.
Das Wichtigste in Kürze
Rund 1’400 Firmen, 71’700 Beschäftigte, 23,4 Milliarden Franken Umsatz und ein Handelsüberschuss von 5,8 Milliarden: So gross ist die Schweizer Medizintechnik laut der Branchenstudie 2024. Neunzig Prozent davon sind KMU. Wir zeigen die Zulieferer, ohne die Implantate, Beatmungsgeräte und Injektionspens nicht gebaut würden – und was die EU-Regulierung mit ihnen macht.

Die Ausgangslage: eine Branche, die doppelt so schnell wächst wie das Land
Die Swiss Medtech Industry Study 2024 – die nächste Ausgabe wird im Herbst 2026 erwartet – zählt rund 1’400 Medtech-Unternehmen mit 71’700 Beschäftigten (2023), ein Plus von 3,1 Prozent pro Jahr und 20’000 Stellen in einem Jahrzehnt. Der Umsatz stieg von 20,8 Milliarden (2021) auf 23,4 Milliarden Franken (2023), 6,1 Prozent jährlich, etwa doppelt so schnell wie das nominale BIP. Exporte von 12,3 Milliarden stehen Importen von 6,5 Milliarden gegenüber; der Überschuss von 5,8 Milliarden entspricht 11,9 Prozent des gesamten Schweizer Handelsbilanzüberschusses. Die Hälfte der Exporte geht in die EU, 27 Prozent in die USA.
Die Struktur ist kleinteilig: 95 Prozent der Firmen haben weniger als 250 Mitarbeitende und stellen die Hälfte der Arbeitsplätze. Rund 30 Prozent sind Hersteller, 20 Prozent Zulieferer, 35 Prozent Handel, 15 Prozent Dienstleister. In Forschung und Entwicklung fliessen 1,8 Milliarden Franken pro Jahr, 12 bis 13 Prozent des Herstellerumsatzes.
Die Machtkarte der Zulieferer
1. Willemin-Macodel, Delémont JU – die Maschine hinter dem Implantat
1974 mitten in der Uhrenkrise von Blaise Haegeli gegründet, heute von den Söhnen Olivier und Patrick geführt: Willemin-Macodel baut Fünfachs-Bearbeitungszentren, auf denen Hüftschäfte, Dentalimplantate und Uhrenteile gefräst werden. Über 370 Mitarbeitende in Delémont, rund 40 in Tochtergesellschaften in Deutschland, China, Indien, den USA, Irland und Spanien. 2024 meldete die Firma einen Rekordumsatz, ohne die Zahl zu nennen. 20 Lernende.
2. Tornos, Moutier BE – der Langdreher der Knochenschraube
Die Drehautomaten aus Moutier bearbeiten Werkstücke unter 36 Millimeter Durchmesser – das Format von Knochenschrauben und Dentalimplantaten. Seit der Fusion mit Starrag im Dezember 2023 firmiert das Unternehmen als StarragTornos mit Sitz in Rorschacherberg. 2025 sank der Gruppenumsatz um 10,5 Prozent auf 442,1 Millionen Franken; das Segment MedTech & Dental war rückläufig, während Verteidigung inzwischen 37 Prozent des Maschinengeschäfts ausmacht. Ein Zulieferer, dessen Kunden gerade den Markt wechseln.
3. Mikron, Boudry NE und Agno TI – die Montagelinie des Autoinjektors
Wer einen Insulinpen oder einen GLP-1-Autoinjektor in der Hand hält, hält ein Produkt, das mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einer Mikron-Anlage montiert wurde. Pharma und Medtech machten 2025 66 Prozent des Gruppenumsatzes von 381,9 Millionen Franken aus – bei der Sparte Automation 97 Prozent. EBIT 39,5 Millionen (10,3 Prozent), rund 1’570 Mitarbeitende. Der Auftragseingang ging allerdings um 14,4 Prozent zurück.
4. Weidmann Medical Technology, Rapperswil-Jona SG – Reinraum in vierter Generation
Die Weidmann-Gruppe (gegründet 1877, geführt von Franziska Tschudi Sauber) ist eigentlich ein Isolationsspezialist für Transformatoren. Ihre Medical-Sparte spritzt seit rund 30 Jahren Kunststoffteile für Medizinprodukte: über 200 Mitarbeitende, 13’000 Quadratmeter Reinraum. 2026 wurde sie als «Precision Medical Manufacturing CDMO of the Year» ausgezeichnet.
5. Cendres+Métaux, Biel BE – neu unter dem Namen CMSA
Seit 1885 in Biel, an der OTC-X gehandelt, in Familienhand. Anfang 2026 hat sich das Unternehmen in CMSA (Contract Manufacturing Solutions Alliance) umbenannt: neun Schweizer Produktionsstandorte, 35’000 Quadratmeter, über 600 Mitarbeitende, mehr als 50 Millionen Komponenten pro Jahr für Uhren, Medtech und Industrie.
6. Bien-Air, Biel BE – die Turbine des Zahnarzts
1959 startete der Feinmechaniker David Mosimann in einer Garage. Heute baut Bien-Air mit rund 400 Mitarbeitenden in Biel und Le Noirmont JU Dentalturbinen, Hand- und Winkelstücke und Mikromotoren – in Familienhand, mit acht Tochtergesellschaften.
7. Ruetschi Technology, Muntelier FR – Implantate im Auftrag
1960 gegründet, über 200 Mitarbeitende in Muntelier, Yverdon und Renquishausen (D). Ruetschi fertigt Implantate und Instrumente für Wirbelsäule und Dentalimplantologie und packt sie zu sterilen Sets. Seit Dezember 2021 gehört das Unternehmen zur deutschen Klingel medical metal (IK Partners), heute Teil von Elos Medtech.
8. Mikrop, Wittenbach SG – Optik ab 0,3 Millimeter
Mikrooptiken für Endoskope und Mikrokameras, ab 0,3 Millimeter Durchmesser: Mikrop (gegründet 1981) gehört seit 2000 zur deutschen INDUS Holding, beschäftigt 208 Mitarbeitende in der Schweiz und Serbien und setzte 2025 17,5 Millionen Euro um. Die Eigentümerin nennt «hohe Eintrittsbarrieren» als Grund für das Investment.
9. Hamilton, Bonaduz GR – jedes Beatmungsgerät hat einen Ort
Die US-Familienfirma aus Reno (gegründet 1953) betreibt seit 1966 in Bonaduz ihren ersten Standort ausserhalb der USA. Hamilton Medical, 1983 ebenfalls in Bonaduz gegründet, baute 1984 das erste mikroprozessorgesteuerte Beatmungsgerät. Über 1’000 Mitarbeitende in Bonaduz, ein zweites Werk in Domat/Ems, über 605 Schutzrechte. Umsätze publiziert die Familie nicht.
10. Sensirion, Stäfa ZH und maxon, Sachseln OW – die Sensoren und Motoren
Der ETH-Spin-off Sensirion (1998, rund 1’200 Mitarbeitende) liefert die Durchflusssensoren, die in Beatmungsgeräten, CPAP-Systemen und Infusionspumpen messen. maxon (1961, rund 3’200 Mitarbeitende, acht Werke) liefert die Antriebe für Operationsroboter, aktive Implantate, Pumpen und Prothesen – und nebenbei für die Mars-Rover der NASA.
11. Tecan, Männedorf ZH – der versteckte OEM
Tecan gilt als Laborautomatisierer, ist aber zur Hälfte ein Auftragsfertiger: Das «Partnering Business», das Geräte für andere Diagnostik- und Medtech-Firmen baut, setzte 2025 505,4 Millionen Franken um, mehr als das eigene Life-Sciences-Geschäft (377,1 Millionen). Gesamtumsatz 882,5 Millionen, Nettoverlust 110,7 Millionen nach Abschreibungen von 139,5 Millionen. Das Programm «Rewired» soll bis 2028 eine Milliarde Umsatz bringen.
12. Mathys, Bettlach SO – die erste künstliche Hüfte Europas
1946 von Robert Mathys gegründet; am 9. Februar 1961 wurde in Europa die erste künstliche Hüfte nach dem Design von Mathys und Maurice Müller eingesetzt. Seit 2021 gehört das Unternehmen dem US-Konzern Enovis, der im Januar 2025 in Bettlach 30 bis 35 Stellen abbaute. Der Standort bleibt Kompetenzzentrum für Polyethylen-Produktion.
Und die Grossen?
Die Hersteller an der Spitze der Kette liefern die Nachfrage. Ypsomed in Burgdorf setzte im Geschäftsjahr 2025/26 731,0 Millionen Franken um, das Kerngeschäft Delivery Systems wuchs um rund 20 Prozent auf 601,5 Millionen mit einer EBIT-Marge von 32,5 Prozent – getrieben vom GLP-1-Boom. Ypsomed hat sich dafür radikal fokussiert: Die Diabetessparte mylife wurde im Juli 2025 verkauft, der Präzisionsteile-Zulieferer Ypsotec in Grenchen ging am 31. Oktober 2025 an den Münchner Investor Callista. Straumann erzielte 2025 2,6 Milliarden Umsatz (organisch plus 8,9 Prozent) mit 11’821 Mitarbeitenden, Sonova 3,61 Milliarden, Medartis wuchs organisch um 15,7 Prozent auf 266 Millionen.
Was die Liste zeigt
Die Medtech-Zulieferer sind Uhrenkinder. Willemin-Macodel entstand in der Uhrenkrise, Tornos in Moutier, Bien-Air und Cendres+Métaux in Biel: Der Jurabogen hat seine Präzision umgewidmet. Die Branchenstudie nennt Zürich, das Genferseebecken und Basel als Cluster und Zug als Kanton mit der höchsten Herstellerdichte. Der Zuliefererbogen von Delémont bis Solothurn erscheint in keiner offiziellen Statistik. Er ist die eigentliche Fabrik.
Und seine Eigentümer wechseln. Ruetschi ging an Klingel und damit an Elos, Mikrop an INDUS, Mathys an Enovis, Sensile Medical in Olten 2018 für bis zu 350 Millionen Euro an Gerresheimer, Ypsotec an Callista. Ausländische Konzerne und Beteiligungsgesellschaften kaufen sich Stück für Stück in die Schweizer Zulieferkette ein. Familienbesitz, wie ihn Willemin-Macodel, Bien-Air, CMSA, Weidmann und Hamilton halten, ist die Ausnahme geworden.
Am teuersten ist die EU-Regulierung für die Kleinen. 71 Prozent der Firmen nennen laut Branchenstudie die MDR-Zulassung als Hürde. 80 Prozent haben Regulatory-Personal eingestellt, 60 Prozent Mitarbeitende von der Entwicklung in die Compliance verschoben, die Hälfte hat das Portfolio um durchschnittlich 20 Prozent gekürzt. Die Entwicklungskosten stiegen um 28 Prozent. Mehr als 20 Prozent der Schweizer Firmen suchen inzwischen zuerst die US-Zulassung. Ein Zulieferer mit 200 Mitarbeitenden bucht das nicht unter Kosten. Er muss seine Strategie ändern.
Wer fehlt?
Precipart in Lyss, Laubscher in Täuffelen, Jossi in Islikon, SKAN in Allschwil (Isolatoren, 333 Millionen Umsatz 2025), Medela in Baar, Fischer Connectors in Saint-Prex, SteelcoBelimed in Zug – die Liste ist länger, als ein Artikel fassen kann. Wer auf dieser Karte fehlt oder falsch verzeichnet ist: [email protected]. Wir ergänzen und korrigieren öffentlich.
Quellen und Stand der Zahlen (abgerufen im August 2026)
- Swiss Medtech, Swiss Medtech Industry Study 2024; SECO/KMU-Portal, Swiss medtech industry continues to grow
- Maschinenmarkt, 50-Jahr-Feier Willemin-Macodel
- Maschinenmarkt, StarragTornos 2025
- Mikron, Jahresergebnis 2025
- Weidmann Medical Technology, Porträt
- CMSA, Unternehmensangaben
- ZWP online, Bien-Air – 60 Jahre
- Maschinenmarkt, Klingel erwirbt Ruetschi
- INDUS Holding, Mikrop AG
- Hamilton Medical, About us; Kanton Graubünden, Hamilton Bonaduz AG
- Sensirion, Company; maxon, Company
- Tecan, Ergebnisse 2025
- Nau.ch, Stellenabbau bei Mathys
- Ypsomed, Ad-hoc-Mitteilung 20. Mai 2026; Verkauf Ypsotec
- Straumann, Medienmitteilung FY2025; Sonova via EQS; Medartis via Moneycab
- Luzerner Zeitung, Sensile Medical wird verkauft; SKAN via EQS
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