Kein Erbe, kein Plan: 168’000 Schweizer KMU stehen bis 2030 vor der Übergabe
Ein Drittel aller KMU-Inhaber will in fünf Jahren übergeben – ein Rekord. Nur zwei Drittel davon werden es schaffen. Warum die Familie an Gewicht verliert, ausländische Käufer zulegen und Search Funds die dritte Option werden.

Die Zahl klingt abstrakt, bis man sie durch 365 teilt: Rund 12’000 Nachfolgen in Schweizer KMU könnten in den nächsten fünf Jahren jedes Jahr scheitern. Das sind 33 pro Tag. Nicht, weil die Firmen schlecht wären. Sondern weil ihre Inhaber 58 Jahre alt sind, drei Viertel von ihnen das Unternehmen selbst gegründet haben – und ein Fünftel der über 65-Jährigen noch kein Übergabedatum kennt.
Das Wichtigste in Kürze
Laut der neuen UBS/HSG-Nachfolgestudie (Januar 2026) steht in fast 168’000 Schweizer KMU bis Ende 2030 ein Eigentümerwechsel an – ein Rekordwert von 32 Prozent aller KMU. Nur 65 Prozent dieser Übergaben dürften gelingen. Familieninterne Lösungen verlieren an Gewicht, Management-Buy-outs und externe Käufer gewinnen. Und 2025 haben so viele ausländische Investoren Schweizer KMU gekauft wie seit 2013 nicht mehr.

Wie gross das Problem wirklich ist
Die Zahlen widersprechen sich – je nach Methode. Die UBS und das Center for Family Business der Universität St. Gallen befragten im September 2025 401 KMU-Inhaber. Ergebnis: 32 Prozent planen, ihr Unternehmen innerhalb von fünf Jahren zu übergeben. Hochgerechnet sind das knapp 168’000 Firmen. 2009 lag diese «Nachfolgequote» bei 29 Prozent, 2013 bei 22, 2016 bei 20 Prozent. Der aktuelle Wert ist der höchste seit Beginn der Messung.
Dun & Bradstreet zählt anders: Als «potenziell offen» gilt eine Nachfolge, wenn die im Handelsregister eingetragenen Inhaber 60 Jahre oder älter sind. Nach dieser Methode betraf das im März 2025 90’667 KMU oder 13,7 Prozent – bei Einzelfirmen 19,3 Prozent, bei Aktiengesellschaften 14,0, bei GmbHs 9,6 Prozent. Am stärksten betroffen: Nordwestschweiz, Ostschweiz und Espace Mittelland. Bei Firmen mit 10 bis 49 Mitarbeitenden sind es rund 17 Prozent.
Berater wie Transaction Partner halten die 90’000 für aufgebläht, weil Kleinst- und inaktive Firmen mitgezählt werden; sie schätzen die Zahl «echter» Nachfolgen auf 3’000 bis 6’000 pro Jahr. Der Widerspruch löst sich auf, wenn man zwischen Firmen unterscheidet, die einen Nachfolger brauchen, und Firmen, die einen finden. Genau hier liegt der Kern.
Die Übertragungsquote: 65 Prozent
Von den 168’000 Betrieben, so die UBS/HSG-Studie, dürften rund 109’000 tatsächlich übergeben werden – 65 Prozent. Für rund 59’000 könnte der Prozess scheitern: durch Liquidation, Verkauf unter Wert oder schlichtes Auslaufen. Auf fünf Jahre gerechnet sind das «beinahe 12’000 gescheiterte KMU-Nachfolgen pro Jahr». Zum Vergleich: Zwischen 2016 und 2020 wurden in der Schweiz jährlich rund 37’000 Firmen geschlossen und 40’000 gegründet.
Warum scheitert es? An der Person: 78 Prozent der Inhaber sind Gründer, 76 Prozent sagen, der Geschäftserfolg hänge stark von ihrer Anwesenheit ab. An der Zeit: Eine familieninterne Übergabe dauert 10 bis 12 Jahre, ein Management-Buy-out 5 bis 7, ein externer Verkauf 1 bis 2; eine Liquidation ist in 6 bis 24 Monaten erledigt. Wer mit 62 beginnt, hat für die erste Option keine Zeit mehr. Und es scheitert an der Scheu vor fremdem Rat: Nur 28 Prozent der Inhaber wollen externe Berater beiziehen.
Wer übernimmt – und wer nicht mehr
| Geplanter Weg | Anteil |
|---|---|
| Familienintern (FBO) | 38,6 % |
| Externe Privatperson (MBI) | 25,4 % |
| Management-Buy-out (MBO) | 21,6 % |
| Strategischer Investor | 12,6 % |
| Finanzinvestor | 1,5 % |
| Börsengang | 0,2 % |
Quelle: UBS/CFB-HSG, Kurzstudie 2, Februar 2026 (n = 401 KMU-Inhaber).
Die Familie ist noch die häufigste, aber längst nicht mehr die selbstverständliche Lösung. Der Anteil der Familienunternehmen unter den Schweizer KMU ist laut UBS von 81 Prozent (2013) auf 67 Prozent (2026) gefallen. Bei den tatsächlich vollzogenen Übergaben, die Credit Suisse 2022 erhob, gingen 42 Prozent an direkte Nachkommen, 11 Prozent an andere Verwandte, 23 Prozent an Mitarbeitende oder Partner.
Auffällig ist der Weg des MBO: Nur 14 Prozent der Inhaber, die noch nicht begonnen haben, ziehen ihn in Betracht. Unter denen, die bereits in der Umsetzung stecken, sind es 41 Prozent. Die Übergabe an das eigene Kader ist die Lösung, auf die man kommt, wenn die anderen nicht funktionieren.
Die Käufer kommen aus dem Ausland
Parallel dazu verändert sich der Markt für ganze Firmen. Die Deloitte-Mid-Cap-Studie zählte für 2025 208 M&A-Transaktionen mit Schweizer KMU, 16 Prozent mehr als im Vorjahr. 104 davon waren Käufe durch ausländische Investoren – ein Plus von 65 Prozent und der höchste Wert seit 2013. Nur 53 Deals fanden zwischen Schweizer Parteien statt. Private Equity war an 56 Prozent aller Transaktionen beteiligt. Vier von fünf ausländischen Käufern kamen aus Europa, 27 Prozent aus Frankreich, 19 Prozent aus Deutschland.
Für Inhaber ohne Nachfolger ist das eine Option, die vor zehn Jahren kaum existierte. Für den Standort ist es eine Verschiebung: Wer den Betrieb übernimmt, entscheidet über den Standort.
Die neuen Nachfolger: Suchen statt gründen
Zwischen Familie und Konzern wächst ein dritter Weg. Search Funds – Modelle, bei denen ein Unternehmer mit Kapital von Investoren gezielt eine Firma sucht, kauft und selbst führt – waren in der Schweiz lange exotisch. Die IESE-Studie 2024 zählte weltweit 320 solcher Fonds ausserhalb Nordamerikas, 163 davon in Europa, 67 in Spanien, 20 in Deutschland – und einen einzigen in der Schweiz.
Das ändert sich. Novastone Capital Advisors in Baar ZG, 2019 gegründet, betreibt ein Programm für «Entrepreneurship Through Acquisition»: 27 Übernahmen, rund 400 Millionen Franken investiert, jährlich rund 3’000 Bewerber, von denen etwa 20 ausgewählt werden. Die Suche gelingt in 50 bis 55 Prozent der Fälle, gesucht werden Firmen mit 2 bis 7 Millionen Franken EBITDA; die Verkäufer behalten häufig 10 bis 20 Prozent. Mit Amboro Capital (Luca Hany, Oberägeri) gibt es inzwischen auch einen klassischen Schweizer Search Fund, und Anbieter wie OBT und Kendris haben das Modell 2026 in ihre Beratung aufgenommen.
Das Argument dafür ist statistisch: Übernommene Firmen überleben die ersten fünf Jahre zu 95 Prozent, Neugründungen zu 50 Prozent.
Wie es aussieht, wenn es gelingt
Die Walser AG in Wald AR, ein Metallbetrieb mit rund 90 Mitarbeitenden, gegründet 1945: Von fünf Geschwistern übernahmen zwei, Christin und Claudio Walser, 2018 die operative Leitung und 2024 das gesamte Eigentum. Der Prozess dauerte von 2016 bis 2024 – acht Jahre, begleitet vom Nachfolgeberater Frank Halter. Die Krebs AG in Pfäffikon ZH, ein Elektroinstallateur mit 36 Mitarbeitenden und acht Lernenden, ging nach über 135 Jahren und vier Generationen nicht an die fünfte, sondern 2026 an drei langjährige Kadermitarbeiter.
Beide Fälle haben etwas gemeinsam: Sie begannen früh, und sie akzeptierten, dass die naheliegende Lösung nicht die richtige sein muss.
Was das für Inhaber heisst
Die PwC-Nachfolgestudie 2025 befragte nicht die Abgebenden, sondern 132 Nachfolgerinnen und Nachfolger zwischen 18 und 47. Die Hälfte startete ohne klaren Plan. Ein Viertel hätte früher beginnen sollen, ein Viertel berichtet von Konflikten, ein Drittel hat eine externe Lösung nie in Betracht gezogen. 30 Prozent der Frauen fühlten sich im Prozess benachteiligt. 80 Prozent halten ihre Lösung dennoch für fair.
Daraus folgt eine unbequeme Regel: Wer mit 60 noch nicht begonnen hat, hat die Wahl zwischen den Optionen bereits verloren. Der Nachfolge-Radar von Leitgrad wird diesen Markt ab jetzt laufend begleiten – mit Übergaben, MBOs, Verkäufen und den Menschen dahinter. Wer eine Nachfolge geregelt hat oder gerade regelt und darüber sprechen will: [email protected].
Quellen (abgerufen im August 2026)
- UBS / CFB-HSG, Unternehmensnachfolge Kurzstudie 1 (Januar 2026) und Kurzstudie 2 (Februar 2026)
- UBS, Interview mit Pascal Zumbühl und Marco Oliverio (25. August 2026)
- Dun & Bradstreet, Nachfolge KMU Schweiz 2025; SECO/KMU-Portal, KMU in Zahlen: Nachfolgeregelungen
- Transaction Partner, Studie KMU-Nachfolge Schweiz
- Deloitte, Mid-Cap-Studie 2026; SRF, Vor allem europäische Investoren haben 2025 Schweizer KMU gekauft
- IESE, International Search Funds 2024; SECO/KMU-Portal, Interview Novastone Capital Advisors (Mai 2026); Ostreum, Search Funds in DACH
- SRF, Walser AG: Bruder, Schwester und Unternehmenschefs (Februar 2026); Standortförderung Zürioberland, Krebs AG
- PwC Schweiz, Nachfolgestudie 2025
- Credit Suisse 2022 via SECO
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