«Ill-advised»: Altman sagt den Börsengang ab – und macht Nachvollziehbarkeit zum Verkaufsargument
Sam Altman hat den Börsengang von OpenAI für 2026 abgesagt und begründet das mit der Sicherheit seiner eigenen Modelle. Ein Datum für später nennt er nicht. Warum das der Schweizer KI-Strategie in die Hände spielt – und welche Zürcher Firmen daran anschliessen.

Eilmeldung · 12. September 2026, 23:00 Uhr
Sam Altman hat den Börsengang von OpenAI für dieses Jahr abgesagt. Seine Begründung ist bemerkenswerter als die Absage: Es wäre, sagt er, wegen der Sicherheit seiner eigenen Modelle «an ill-advised moment».
Das Wichtigste in Kürze
Altman sagte am 12. September in einem Interview mit Fortune-Chefredaktorin Alyson Shontell am OpenAI-Hauptsitz in San Francisco, ein Börsengang käme derzeit zur Unzeit. Wörtlich: «I would say not 2026.» Ein Jahr für den Gang an die Börse nennt er nicht. Im Gespräch stand zuletzt eine Bewertung von einer Billion Dollar. Die Schweiz hat auf die Frage, die Altman als ungelöst bezeichnet, bereits eine Antwort veröffentlicht – sie heisst Apertus und ist vollständig offengelegt.

Was Altman gesagt hat – und was nicht
Die Zitate im Wortlaut: «I actually think that, given everything happening with safety, right now would be an ill-advised moment to go public.» Und: «I would say not 2026. Yeah, we got a lot of stuff to do, like meeting this moment of what is going to be required for safety and alignment.»
Dazu ein Satz, der weiter reicht als die Finanzfrage: «society needs to contend with these models at each level of capability.» Die Gesellschaft müsse sich mit diesen Modellen auf jeder Fähigkeitsstufe auseinandersetzen.
Eine Präzisierung, weil sie in mehreren Meldungen untergeht: Altman hat kein neues Datum genannt. Er sagte «nicht 2026». Die in einigen Schlagzeilen kolportierte Verschiebung «auf 2027» ist eine Zuschreibung, keine Aussage von ihm.
Der Satz, auf den es ankommt
Ein Unternehmen, das mit einer Billion Dollar bewertet wird, verzichtet auf den grössten Kapitalmarktauftritt seiner Geschichte – und nennt als Grund nicht Marktlage, Zinsen oder Regulierung, sondern die eigene Sicherheitsarbeit. Als Privatfirma, so das Argument, lasse sich das leichter lösen, weil man Entscheidungen treffen könne, die nicht dem Geschäftsinteresse folgen.
Man kann das als Ehrlichkeit lesen oder als bequeme Begründung für eine Verschiebung, die ohnehin anstand. Beides ändert nichts am Befund: Der Marktführer erklärt öffentlich, dass Sicherheit und Alignment bei ihm nicht gelöst sind.
Cui Helvetia bono?
Genau an diesem Punkt wird die Schweizer Position interessant – nicht weil hier bessere Modelle entstünden, sondern weil hier etwas anderes offengelegt wird.
Apertus, das Sprachmodell von ETH Zürich, EPFL und dem Nationalen Hochleistungsrechenzentrum CSCS, wurde am 2. September 2025 veröffentlicht: zwei Modelle mit 8 und 70 Milliarden Parametern, trainiert auf 15 Billionen Token in über 1000 Sprachen. Offengelegt sind nicht nur die Gewichte, sondern auch Zwischen-Checkpoints, der Quellcode des Trainings, die Trainingsdaten und das Trainingsrezept – unter einer permissiven Lizenz, auch kommerziell nutzbar.
Martin Jaggi, Professor für Machine Learning an der EPFL und Mitglied des Steering Committee der Swiss AI Initiative, bei der Veröffentlichung: «With this release, we aim to provide a blueprint for how a trustworthy, sovereign, and inclusive AI model can be developed.»
Imanol Schlag, technischer Leiter des Projekts an der ETH Zürich: «Apertus is built for the public good. It stands among the few fully open LLMs at this scale and is the first of its kind to embody multilinguality, transparency, and compliance as foundational design principles.»
Ein Jahr später: rund vier Millionen Downloads auf Hugging Face, über 70 externe Deployments, mehr als 100 abgeleitete Versionen. Im Juli 2026 kam Version 1.5. Version 2.0 steht für 2027 auf der Roadmap. Der Bund finanziert die Swiss AI Initiative bis 2028 mit 20 Millionen Franken.
Gerechnet wird das auf Alps am CSCS in Lugano: 2688 Knoten mit Nvidia-Grace-Hopper-Prozessoren, 10’752 GH200-Sockets, 434,9 Petaflops Spitzenleistung. Apertus verbrauchte allein über zehn Millionen GPU-Stunden.
Wer hier konkret profitiert
Wenn der Marktführer selbst sagt, die Sicherheitsfrage sei offen, wird Prüfbarkeit zum Verkaufsargument. Vier Schweizer Adressen stehen dort bereits:
- LatticeFlow AI (Zürich, ETH-Spin-off) hat gemeinsam mit der ETH Zürich und INSAIT mit COMPL-AI das erste Evaluationsframework für die Compliance generativer KI mit dem EU AI Act entwickelt – angewandt unter anderem auf die Modelle von DeepSeek.
- Lakera (Zürich), spezialisiert auf KI-Sicherheit, wurde im September 2025 von Check Point übernommen. Der israelische Konzern baut daraus ein KI-Sicherheitszentrum in Zürich auf.
- Unique (Zürich) liefert agentische KI an regulierte Finanzinstitute – Kunden sind unter anderem Pictet mit 6000 Nutzern, LGT Private Banking, SIX und Partners Group.
- DeepJudge (Zürich) löst dasselbe Problem für Kanzleien: Das Wissen bleibt im Haus statt im öffentlichen Chatbot. Im November 2025 nahm die Firma gut 41 Millionen Dollar auf.
Dazu kommt die Infrastrukturseite: Swisscom betreibt eine eigene souveräne KI-Plattform und gehörte zu den ersten, die Apertus produktiv einsetzten. Proton bewirbt seinen Assistenten Lumo ausdrücklich damit, dass er auf europäischer Infrastruktur laufe und Schweizer Datenschutzrecht unterliege.
Was dagegen spricht
Die Gegenrechnung gehört dazu. Apertus ist kein Ersatz für die Modelle von OpenAI, Anthropic oder Google, und niemand am Projekt behauptet das.
Damiano Binaghi, Head of Deep Learning bei Artificialy, sagte Anfang September zur Nutzung: «We’re not doing charity. We don’t use Apertus because we have to, but because it’s a good model.» Josef Kruckenberg von Liip, einem der frühen Anwender, nennt die Bedingung: «The whole ecosystem around it also needs to be up to the task.»
Und: Alps ist nicht offen zugänglich. CSCS-Direktor Thomas Schulthess hat das deutlich gesagt – das System lasse sich nicht einer Million Forschenden zur Verfügung stellen. Privatfirmen kommen nur über Hochschulkooperationen heran.
Regulatorisch fährt die Schweiz bewusst anders als die EU: Der Bundesrat entschied am 12. Februar 2025, die KI-Konvention des Europarats zu ratifizieren und im Übrigen sektoriell zu regulieren statt mit einem horizontalen KI-Gesetz. Ob das als Standortvorteil oder als Rechtsunsicherheit wirkt, ist offen.
Der Befund
Altmans Absage ist kein Schweizer Ereignis. Aber sie verschiebt, worüber man in Beschaffungsgesprächen streitet.
Solange der Marktführer Sicherheit und Alignment als offene Baustelle bezeichnet, ist «Wir können Ihnen zeigen, worauf unser Modell trainiert wurde» kein akademisches Argument mehr, sondern ein einkaufsrelevantes. Die Schweiz hat diese Karte vor einem Jahr gespielt, als sie noch niemand brauchte.
Diese Meldung wird aktualisiert. Arbeiten Sie in einem Schweizer Unternehmen, das aus Sicherheits- oder Nachvollziehbarkeitsgründen auf offene Modelle setzt? Kontakt zur Redaktion.
Zur Methode: Sämtliche Aussagen sind öffentlich dokumentiert und unten verlinkt. Leitgrad hat sie zusammengetragen, geprüft und eingeordnet; niemand wurde für diese Meldung befragt. Zu Schweizer institutionellen Beteiligungen an OpenAI liessen sich keine belegten Angaben finden; entsprechende Behauptungen erheben wir bewusst nicht.
Quellen (abgerufen am 12. September 2026)
- Fortune, Sam Altman confirms OpenAI won’t go public this year (12. September 2026)
- Axios, OpenAI delaying IPO amid AI safety concerns, Sam Altman says (12. September 2026)
- TechCrunch, OpenAI’s Sam Altman says it would be «ill-advised» to go public in 2026 (12. September 2026)
- ETH Zürich, Apertus: a fully open, transparent, multilingual language model (2. September 2025)
- SWI swissinfo.ch, One year on, has Swiss AI model Apertus lived up to the hype? (2. September 2026)
- CSCS, Alps
- Bundesrat, Vorgehen zur Regulierung künstlicher Intelligenz (12. Februar 2025)
- LatticeFlow AI, COMPL-AI; Check Point, Übernahme von Lakera; Unique; DeepJudge; Swisscom; Proton
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