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Briefing · 6 min ·

Der Strompreis sinkt 2027. Für die Industrie ist das die falsche Zahl.

Der mittlere Haushaltstarif fällt 2027 um vier Prozent. Möglich macht das allein der Energietarif. Der Netztarif steigt – und genau er hat laut Swissmem den Strompreis für stromintensive Schweizer Industriebetriebe seit 2015 verdoppelt.

Von Redaktion Leitgrad

Publiziert am 12. September 2026

Strompreise 2027: Der Energietarif sinkt von 12,11 auf 11,35 Rappen, der Netztarif steigt von 10,73 auf 10,94 Rappen – Leitgrad-Grafik

Am 8. September hat die Elektrizitätskommission die Strompreise für 2027 veröffentlicht. Der mittlere Haushaltstarif sinkt um vier Prozent. Die Schlagzeile stimmt. Sie beschreibt nur nicht die Rechnung, die ein Industriebetrieb bekommt.

Das Wichtigste in Kürze

Der Median-Gesamttarif für einen Standardhaushalt fällt 2027 von 27,7 auf 26,5 Rappen je Kilowattstunde. Möglich macht das der Energietarif, der von 12,11 auf 11,35 Rappen sinkt. Der Netztarif steigt dagegen von 10,73 auf 10,94 Rappen, der Zuschlag für solidarisierte Kosten vervierfacht sich von 0,05 auf 0,19 Rappen. Genau die Netznutzung ist laut Swissmem der Grund, weshalb sich der Strompreis für stromintensive Industriebetriebe seit 2015 verdoppelt hat.

Strompreise 2027: Der Energietarif sinkt von 12,11 auf 11,35 Rappen, der Netztarif steigt von 10,73 auf 10,94 Rappen – Leitgrad-Grafik
Der Rückgang des Gesamttarifs kommt allein aus dem Energietarif. Netztarif und solidarisierte Kosten steigen. Grafik: Leitgrad

Zwei Zahlen, die auseinanderlaufen

Die ElCom rechnet das Standardprofil H4 – eine Familie im Einfamilienhaus mit Elektroherd und Tumbler. Für sie kostet die Kilowattstunde 2027 im Median 26,5 Rappen statt 27,7. Das sind 1,2 Rappen weniger, gut vier Prozent.

Der Rückgang kommt aus einer einzigen Komponente. Der Energietarif, also der Einkauf des Stroms, sinkt von 12,11 auf 11,35 Rappen. Die teuren Beschaffungsverträge aus der Zeit nach dem russischen Angriff auf die Ukraine laufen aus.

Die zweite Komponente bewegt sich in die andere Richtung. Der Netztarif steigt von 10,73 auf 10,94 Rappen. Und der Zuschlag für solidarisierte Kosten, mit dem die Allgemeinheit Sonderlasten einzelner Netzbetreiber mitträgt, steigt von 0,05 auf 0,19 Rappen – fast das Vierfache.

Für einen Haushalt geht das im Gesamtbild unter. Für einen Betrieb, der Strom in Millionen Kilowattstunden bezieht, geht es das nicht.

Die Verdoppelung, die niemand plakatiert

Swissmem hat den Befund im Mai 2026 aufgeschrieben, und er ist unmissverständlich: Der Strompreis für stromintensive Industriebetriebe in der Schweiz hat sich seit 2015 verdoppelt. Das ist die stärkste Erhöhung im Vergleich mit der EU. Beim Industriestrompreis belegt die Schweiz nach Darstellung des Verbands einen «unrühmlichen Spitzenplatz».

Entscheidend ist, worauf Swissmem die Ursache zurückführt. Nicht auf die europäischen Börsenpreise für Energie. Sondern auf die Netznutzungskosten – das Ergebnis länderspezifischer Regulierung und unterschiedlich hoher Beschaffungskosten für Systemdienstleistungen.

Damit betrifft die eine Zahl, die 2027 steigt, genau den Posten, der die Industrie seit zehn Jahren belastet.

Wer was dazu sagt

Die Frage, wer die Netzkosten tragen soll, ist der eigentliche Streit hinter den Tarifen. Am Schweizerischen Stromkongress vom 16. Januar 2026 im Berner Kursaal wurde er offen ausgetragen.

Werner Luginbühl, Präsident der ElCom, zog eine Grenze: «Die Grundversorgung ist nicht dafür ausgelegt, den Ausbau der erneuerbaren Energien zu finanzieren.» Gemeint sind die gebundenen Kunden, die den Anbieter nicht wechseln können.

Robert Itschner, Konzernchef der BKW, argumentierte in die Gegenrichtung: «Preissignale über alle Ebenen müssen beim Kunden ankommen.» Und, deutlicher: «Die Branche erstickt an Regulierungen. Wir brauchen mehr Freiheit für Innovation.»

Martin Schwab, VSE-Präsident und Chef der CKW, machte daraus eine Handlungsaufforderung: «Die Schweiz steht an einem energiepolitischen Wendepunkt. Die notwendigen Massnahmen liegen auf dem Tisch.» Sein Schlusssatz gab dem Kongress den Titel: «Kurzum: Es ist Zeit, die Lücke zu schliessen – Mind the Gap.»

Der Widerspruch

Dass diese Linie nicht unbestritten ist, zeigte sich im Sommer. Christoph Schär, Co-Präsident von Aeesuisse, antwortete am 2. September 2026 öffentlich auf einen Gastkommentar Schwabs vom 17. August.

Sein Kernsatz: «Versorgungssicherheit entsteht nicht durch die Rückkehr in die alte Energiewelt – sie entsteht, wenn wir das neue Energiesystem entschlossen fertig bauen.» Zur Kernenergie hält er fest: «Strom aus neuen Kernkraftwerken ist drei- bis viermal teurer als Wind- und Solarstrom.» Und er bestreitet die Grösse des Problems: Beim Ersatz fossiler Heizungen sinke der zusätzliche Winterstrombedarf durch Effizienz und Sanierung von rund acht auf vier Terawattstunden.

Zwei Verbände, dieselbe Versorgungsfrage, gegensätzliche Rechnungen. Wer sie auflösen will, muss wissen, wessen Kosten gemeint sind.

Die Industrie meldet sich – über die Netzkosten

Am 9. September 2026, einen Tag nach der ElCom-Publikation, lancierten VSE, Swissgrid und Sulzer die «Allianz Stromabkommen Schweiz». Bemerkenswert ist, mit welchem Argument die Industrie auftrat.

Suzanne Thoma, Konzernchefin von Sulzer und frühere BKW-Chefin, führte nicht die Versorgungssicherheit ins Feld, sondern den Preis: «Es geht um das Interesse der Schweiz und des Wirtschaftsstandortes. Ohne Stromabkommen wird die Stabilisierung des Schweizer Stromnetzes deutlich mehr kosten.»

Yves Zumwald, Chef der Netzgesellschaft Swissgrid, begründete es technisch: «Die Schweiz ist keine Insel. Wir betreiben das europäische Verbundnetz gemeinsam mit den europäischen Partnern.» Michael Frank, VSE-Direktor und Co-Präsident der Allianz: «Dank eines Stromabkommens bleibt die Schweiz verlässlich in das europäische Stromnetz eingebunden.»

Alle drei Aussagen laufen auf denselben Posten hinaus: Netz- und Systemkosten. Also auf die Zahl, die 2027 steigt.

Die Zahl, die zählt

10,94 gegen 11,35 Rappen. Netz gegen Energie. 2027 liegen die beiden Komponenten erstmals fast gleichauf – und sie bewegen sich gegenläufig.

Wer Strom einkauft, profitiert vom Markt. Wer Strom transportiert bekommt, zahlt Regulierung, Ausbau und Systemdienstleistungen. Ein Haushalt bezahlt beides in einer Rechnung und sieht den Saldo. Ein stromintensiver Betrieb hat den Einkauf längst optimiert und spürt nur noch den zweiten Teil.

Der Befund

«Die Strompreise sinken» ist für 2027 richtig und für die Industrie irreführend. Was sinkt, ist der Teil, den der Markt bestimmt. Was steigt, ist der Teil, den die Schweiz selbst bestimmt – durch Regulierung, Netzausbau und die Frage, ob sie im europäischen Verbund mitreden darf oder nicht.

Der Industriestrompreis hat sich seit 2015 verdoppelt, während die Energiepreise auf und ab gingen. Das ist kein Marktergebnis. Das ist eine Entscheidung.

Arbeiten Sie in einem stromintensiven Betrieb und können die Entwicklung Ihrer Netzkosten belegen? Wir suchen konkrete Zahlen: Kontakt zur Redaktion. Vertrauliche Hinweise behandeln wir auf Wunsch anonym.

Zur Methode: Sämtliche Aussagen in diesem Beitrag sind öffentlich dokumentiert und unten verlinkt. Leitgrad hat sie zusammengetragen, geprüft und eingeordnet. Es handelt sich nicht um eine Umfrage; niemand wurde für diesen Beitrag befragt.

Quellen (abgerufen am 12. September 2026)

  1. ElCom, Leicht sinkende Strompreise 2027 (8. September 2026)
  2. Swissmem, Industriestrompreise Schweiz unter Druck (18. Mai 2026)
  3. VSE, Schweizerischer Stromkongress 2026: Mind the Gap (16. Januar 2026)
  4. ee-news.ch, Replik von Christoph Schär: Versorgungssicherheit entsteht im Energiesystem von morgen (2. September 2026)
  5. VSE, Allianz Stromabkommen Schweiz lanciert (9. September 2026)

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Korrekturen und Ergänzungen: Wir arbeiten mit öffentlichen Quellen und Unternehmensangaben. Wer einen Fehler findet oder eine Zahl aktualisieren kann, schreibt an [email protected]. Korrekturen kennzeichnen wir im Artikel. Unsere Regeln: Redaktionsstatut.

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