Die grosse Verlagerung blieb aus: Vier Schweizer Industriefirmen, vier Antworten auf denselben Zoll
Im August 2025 warnte Swissmem vor einer Verlagerungswelle. Ein Jahr später zeigen die Mitteilungen der Unternehmen selbst: Bühler nutzte bestehende Werke, Sensirion entschied sich ausdrücklich dagegen, Fraisa überwälzte den Zoll. 6600 Stellen gingen trotzdem verloren – aber nicht durch Verlagerung.

Im August 2025 warnte der Präsident von Swissmem, zahlreiche Firmen bereiteten Verlagerungspläne vor. Ein Jahr später lässt sich nachprüfen, was daraus wurde. Die Antwort steht in den Medienmitteilungen der Unternehmen selbst – und sie ist eine andere, als die Warnung erwarten liess.
Das Wichtigste in Kürze
Seit dem 7. August 2025 galten 39 Prozent US-Zusatzzoll auf Schweizer Produkte, seit Mitte November 2025 sind es 15. Im dritten Quartal 2025 brachen die US-Exporte der Schweizer Tech-Industrie um 14,2 Prozent ein, im Maschinenbau um 24,8 Prozent. Die angekündigte Verlagerungswelle kam nicht. Bühler nutzte bestehende Werke, Sensirion entschied sich ausdrücklich dagegen, Fraisa überwälzte den Zoll auf die Kunden. Die Stellen gingen trotzdem verloren – 6600 im Jahr 2025. Aber nicht wegen Verlagerung.

Die Warnung
Am 26. August 2025, drei Wochen nach Inkrafttreten des Zolls, legte Swissmem die Halbjahreszahlen vor. Der Auftragseingang war im zweiten Quartal um 13,4 Prozent eingebrochen. 37 Prozent der Mitgliedfirmen planten Stellenabbau, 28 Prozent Kurzarbeit.
Verbandspräsident Martin Hirzel sagte an diesem Tag zwei Sätze, die sich lohnen, nebeneinanderzulegen. Der erste: «Zahlreiche Firmen bereiten Abbau- und Verlagerungspläne vor. Entlassungen sind unausweichlich.» Der zweite: «Das zeigt den Spirit der Schweizer Tech-Industrie. Die Firmen jammern nicht, sondern suchen neue Wege.»
Direktor Stefan Brupbacher benannte im selben Communiqué die Ursache: «Die politischen Unsicherheiten haben im zweiten Quartal voll auf die Investitionsgüternachfrage durchgeschlagen.»
Zwei Monate später lagen die ersten vollen Zollquartale vor. Die US-Exporte der Tech-Industrie fielen im dritten Quartal 2025 um 14,2 Prozent, im Maschinenbau um 24,8 Prozent. Über das ganze Jahr 2025 gingen die US-Exporte um 7,6 Prozent zurück, im vierten Quartal allein um 18. Die Gesamtexporte der Branche stiegen gleichzeitig leicht auf 68,1 Milliarden Franken.
Bühler: liefern, wo man schon ist
Am 8. Oktober 2025 veröffentlichte Bühler eine Mitteilung, die den Fall ohne Umweg beschreibt. Der damalige Konzernchef Stefan Scheiber, seit Anfang 2026 Verwaltungsratspräsident, fasste die Haltung in einen Satz: «Tariffs are beyond our control, but our delivery setup is not.» Zölle sind ausserhalb unserer Kontrolle, unsere Lieferstruktur nicht.
Das Entscheidende an dieser Antwort: Sie verlangte keine Verlagerung. Bühler betreibt 31 Produktionsstandorte weltweit, drei davon in den USA – Minneapolis, Raleigh und Holland im Bundesstaat Michigan. Der Zoll traf ein Unternehmen, das ohnehin schon dort war.
Andy Sharpe, Chef von Bühler Nordamerika, erklärte den Kunden die Rechnung: «Our customers should not assume that the 39% tariff will be applied to the full value of a project.» Bei einer Anlage, die aus Komponenten verschiedener Herkunft zusammengesetzt wird, betrifft der Zoll nur den Schweizer Anteil.
Gratis war das nicht. Im Geschäftsjahr 2025 brach der Auftragseingang aus den USA um 31 Prozent ein, weil Kunden Investitionen aufschoben. Der Konzernumsatz sank um 7,8 Prozent auf 2,8 Milliarden Franken.
Sensirion: nicht verlagern – wegen der Fachkräfte
Die gegenteilige Entscheidung traf Sensirion in Stäfa. Marc von Waldkirch, seit 2016 Konzernchef, schloss eine eigene US-Fertigung aus und nannte dafür einen Grund, der in der Schweizer Standortdebatte selten vorkommt: «Erstens braucht so etwas Zeit, zweitens sind Fachkräfte in den USA Mangelware.»
Die direkte Zollwirkung hielt er für beherrschbar: «Die direkte Auswirkung auf unser Geschäft ist begrenzt.» Sorgen bereitete ihm etwas anderes: «Das grössere Risiko liegt in der Einführung von Zöllen auf mexikanische Produkte.» Sensirion liefert einen erheblichen Teil der US-Ware über Mexiko. Als einzige Lokalisierungsoption nannte er eine Partnerschaft: «Denkbar wäre die Zusammenarbeit mit einem lokalen Partner für bestimmte Produkte, die wir nicht selbst fertigen.»
Bemerkenswert ist die Symmetrie. Bühler löste das Zollproblem über Standorte, die es schon hatte. Sensirion löste es nicht über Standorte, weil die dafür nötigen Leute in Amerika fehlen. Keine der beiden Firmen hat Produktion aus der Schweiz abgezogen.
Fraisa und Falu: den Zoll weitergeben
Die dritte Antwort ist die unspektakulärste und kam von einem Zulieferer aus dem Kanton Solothurn. Fraisa in Bellach stellt Präzisionswerkzeuge her und gab den 39-Prozent-Zoll an die amerikanischen Kunden weiter. Geschäftsführer Thomas Nägelin im Dezember 2025: «Die Kunden sind uns treu geblieben, haben diese Veränderung im Preis akzeptiert.» Hätte der Satz von 39 Prozent länger gegolten, wäre es nach seiner Einschätzung zu deutlichen Umsatzeinbussen gekommen.
Guy Petignat, Chef der Falu in Rüti ZH, ordnete die eigene Lage sofort ein: «Ich habe Kollegen in der Branche, die sind nicht in der gleich komfortablen Lage.» Der Satz ist das nötige Gegengewicht zu jeder Erfolgsgeschichte. Wer einen treuen Hauptkunden hat, kann überwälzen. Wer in einem Preiskampf steht, kann es nicht.
Der Widerspruch im eigenen Haus
Am 2. März 2026 zog Swissmem Bilanz über 2025. Hirzel: «2025 war ein verlorenes Jahr für die Schweizer Tech-Industrie.» Die Beschäftigtenzahl war auf 322’900 gefallen, 6600 weniger als ein Jahr zuvor.
Im selben Communiqué stand ein Befund, der die Verlagerungswarnung vom Vorjahr relativiert. Brupbacher, über eine Mitgliederumfrage zum Standort: «Diese Umfrageergebnisse zeigen, dass der Standort Schweiz für die Tech-Industrie nach wie vor attraktiv ist.» Als wichtigsten Investitionsgrund nannten 79 Prozent der Firmen die Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte, 75 Prozent die Arbeitsmarktregulierung, 68 Prozent die regulatorischen Rahmenbedingungen.
Was Brupbacher daraus ableitet, ist eine politische Forderung: «Ein wichtiger Schlüssel für den Zugang zu Fachkräften ist die Personenfreizügigkeit mit der EU.»
Dieselbe Organisation, sieben Monate Abstand: erst die Verlagerungswarnung, dann der Befund, der Standort sei attraktiv. Beides kann stimmen. Firmen bereiten Pläne vor, ohne sie auszuführen – und was den Standort trägt, sind nicht die Steuern, sondern die Leute.
Die Zahl, die zählt
6600 Stellen gingen 2025 in der Schweizer Tech-Industrie verloren. Keine einzige dieser Zahlen lässt sich in den ausgewerteten Mitteilungen auf eine Verlagerung in die USA zurückführen. Was die Stellen kostete, war der Nachfrageeinbruch: Kunden, die Investitionen aufschoben, weil sie nicht wussten, was ein Zoll in sechs Monaten kosten würde. Vizedirektor Jean-Philippe Kohl im Dezember 2025: «Die Verlässlichkeit der US-Zollpolitik ist nicht gegeben.»
Nicht die Höhe des Zolls war das Problem. Seine Unberechenbarkeit war es.
Wo die Branche heute steht
Im ersten Halbjahr 2026 stieg der Auftragseingang um 12,1 Prozent, der Umsatz um 2,5. Die US-Exporte lagen weiter 5,3 Prozent unter dem Vorjahr. Bei den KMU sanken die Umsätze um 3,8 Prozent – die Erholung erreicht die Grossen zuerst.
Brupbacher am 24. August 2026: «Die Erholung in der Schweizer Tech-Industrie hat sich fortgesetzt. Sie bleibt jedoch fragil, ungleich verteilt – und hat zuletzt etwas an Dynamik verloren.» Und, deutlicher: «Ein Viertel der Firmen hat negative EBIT-Margen, weitere 29 Prozent können die Kapital- und F&E-Kosten kaum erarbeiten.»
Nur 17 Prozent der Firmen können den Zollnachteil gegenüber der europäischen Konkurrenz aus eigener Kraft absorbieren.
Der Befund
Die Schweizer Industrie hat den Zollschock nicht mit Verlagerung beantwortet, sondern mit dem, was sie schon hatte: bestehende Werke im Ausland, treue Kunden, die einen höheren Preis akzeptieren, und Fachkräfte, die anderswo nicht zu finden sind. Das ist die unauffälligere Antwort und die wirksamere.
Sie hat einen Preis. Wer weder ein Werk in Amerika noch einen treuen Hauptkunden hat, konnte nichts davon nutzen. Deshalb sinken die Umsätze der KMU, während die Auftragsbücher der Branche wieder voll sind.
Arbeiten Sie in einem Industrieunternehmen, das anders entschieden hat? Wir nehmen Gegenbeispiele auf: Unternehmen vorschlagen.
Zur Methode: Sämtliche Aussagen in diesem Beitrag sind öffentlich dokumentiert und unten verlinkt. Leitgrad hat sie zusammengetragen, geprüft und eingeordnet. Es handelt sich nicht um eine Umfrage; niemand wurde für diesen Beitrag befragt.
Quellen (abgerufen am 12. September 2026)
- Swissmem, Tech-Industrie im Abwärtsstrudel: Auftragseingang sinkt um 13 Prozent (26. August 2025)
- Bühler Group, Bühler ensures continuity for US customers by leveraging its US and global manufacturing network (8. Oktober 2025)
- Swissmem, Zerstörerische Wirkung: US-Zölle lassen Exporte der Tech-Industrie einbrechen (23. Oktober 2025)
- cash.ch, Sensirion-CEO plant derzeit keine eigene US-Fertigung (14. April 2025)
- SRF News, Zolleinigung mit den USA: Was die tieferen US-Zölle für Schweizer Exportfirmen bedeuten (9. Dezember 2025)
- Bühler Group, Bühler stärkt Marktposition (16. Februar 2026)
- Swissmem, Die Tech-Industrie zwischen Stagnation und Lichtblicken (2. März 2026)
- Swissmem, Die Erholung in der Tech-Industrie bleibt fragil (24. August 2026)
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