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Karriere · 6 min ·

Hunger schlägt Dienstjahre. Wie Chefs junge Leute einstellen, wenn KI die Prüfung löst

Ein Engineering Manager von Anthropic hat das Programmier-Interview abgeschrieben und sucht in Bewerbungen nach kleinen Prototypen. Was Schweizer KMU daraus lernen können, während der Anteil der Einstiegsstellen an allen Inseraten laut jobs.ch um 32 Prozent gesunken ist.

Illustration auf Nachtblau: Links ein hoher Turm aus Aktenordnern mit der Aufschrift Dienstjahre, rechts eine kleine Figur neben einem leuchtenden Prototyp, dessen Lichtkegel höher reicht als der Turm. Dazu der Satz: Hunger schlägt Dienstjahre.

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Kurz gesagt: Ein Engineering Manager von Anthropic schreibt, das klassische Programmier-Interview habe in seinem Team ausgedient, weil KI kleine Programmieraufgaben besser löst als Menschen. Er sucht in Bewerbungen nach kleinen Prototypen, die Geschmack, Empathie und durchdachtes Denken zeigen. Seine These: Hunger schlägt Dienstjahre. Für Schweizer KMU kommt das zu einem heiklen Zeitpunkt. Der Anteil der Einstiegsstellen an allen Inseraten ist laut jobs.ch deutlich gesunken.

Felix Rieseberg leitet bei Anthropic nach eigenen Angaben die Entwicklung von Claude.ai, Cowork und Claude Code Desktop. Davor arbeitete er bei Notion, Stripe, Slack und Microsoft. Am 27. Oktober veröffentlichte er einen kurzen Essay mit dem Titel «Hunger beats tenure», Hunger schlägt Dienstjahre. Er richtet sich an junge Ingenieure, liest sich aber wie eine Anleitung für jeden Chef, der Junge einstellt.

Leitgrad nutzt für die Recherche auch Claude, das Modell von Anthropic. Anthropic hat keinen Einfluss auf diesen Beitrag.

Gegenüberstellung auf Papier: Bisher die durchgestrichene Programmieraufgabe unter Zeitdruck, die KI heute besser löst. Neu gesucht: ein kleiner, selbst gebauter Prototyp mit drei Kriterien, Geschmack, Empathie und durchdachtes Denken.
Was Felix Rieseberg in Bewerbungen sucht. Quelle: «Hunger beats tenure», 27.10.2026. Grafik: Leitgrad

Warum das Programmier-Interview ausgedient hat

Das Coding-Interview, bei dem Bewerbende unter Zeitdruck eine kleine Programmieraufgabe lösen, war nie beliebt. Es hatte aber eine gewisse Aussagekraft darüber, wie jemand Probleme löst. Diese Aussagekraft sei weg, schreibt Rieseberg, zumindest in seinem Team. Claude löse solche Aufgaben inzwischen besser als Menschen. Er glaube nicht, dass das Format zurückkommt. Einen vollwertigen Ersatz habe er aber noch nicht gefunden.

Was er stattdessen anschaut: kleine Prototypen, die Bewerbende selbst gebaut haben. Er sucht darin drei Dinge, Geschmack, Empathie für die Nutzer und durchdachtes, prinzipientreues Denken.

Frische Augen sehen, was Alteingesessene übersehen

Rieseberg beobachtet, dass vergleichsweise neue Ingenieure an Kollegen vorbeiziehen, die wohl besser programmieren. Jahrelang angesammeltes Wissen über Frameworks begrenze die Wirkung weniger als früher. Weil die Ausführung durch KI billig geworden ist, können Neue eine Idee selbst beweisen, statt sich erst Status erarbeiten zu müssen, bevor die Firma auf ihre Idee setzt.

Er stützt sich auf einen Klassiker der Organisationsforschung. Der Organisationsforscher James March schrieb 1991, Organisationen brauchten einen steten Zufluss von «the naive and ignorant», von Leuten also, die noch nicht wissen, was angeblich nicht geht. Das Problem, schreibt Rieseberg: Neulingen hört oft niemand zu, weil ihnen Status und Beziehungen fehlen.

Zwei Beispiele bringt Rieseberg selbst. Bei Notion galt ein Offline-Modus als unmöglich, so selbstverständlich, dass niemand nachgeprüft hatte. Rieseberg fragte als Neuling einfach nach. Die Komplexität des Datenmodells war real, der Widerstand der Gründer nicht. Bei Anthropic bauten zwei relativ neue Ingenieure über ein Wochenende einen Prototyp für eine grafische Oberfläche von Claude Code. Die erste öffentliche Version folgte rund acht Tage später.

Fünf Karten auf Sand: 1 Geschäft verstehen, 2 eine kühne Idee, 3 am Wochenende bauen, 4 eine Idee pro Prototyp, 5 eigene Sicht nutzen. Daneben das Zitat Hunger beats tenure.
Fünf Ratschläge an junge Ingenieure, sinngemäss übersetzt. Quelle: Felix Rieseberg, 27.10.2026. Grafik: Leitgrad

Fünf Ratschläge, die auch für KMU gelten

Seine Ratschläge an junge Ingenieure lassen sich fast eins zu eins auf junge Mitarbeitende in einem KMU übertragen. Erstens: verstehen, womit die Firma Geld verdient, und an diesen Teilen arbeiten statt am Pendenzenberg. Zweitens: eine kühne Idee wählen, die das Geschäft deutlich voranbringen könnte. Drittens: sie übers Wochenende als Prototyp bauen, statt zuerst ein Konzeptpapier zu schreiben. Viertens: pro Prototyp nur eine Idee. Fünftens: die eigene Perspektive nutzen, etwa den unverstellten Blick der Kundin.

Was in der Schweiz gerade passiert

Für junge Leute in Schweizer Büros ist der Einstieg schwieriger geworden. Im KI-Report von jobs.ch, der 7,3 Millionen Stelleninserate sowie Befragungen von rund 3600 Arbeitnehmenden und 850 Unternehmen auswertet, ist der Anteil der Inserate für Berufseinsteiger 2025 um 32 Prozent tiefer als im Schnitt der Jahre 2019 bis 2022. Relativ weitaus stärker gesunken ist er laut Report in KI-exponierten Berufen wie Administration und HR, Banking, Finanzen und Marketing. 76 Prozent der Befragten nehmen Stelleninserate heute als anspruchsvoller wahr. 41 Prozent der Befragten unter 25 Jahren machen sich grosse oder sehr grosse Sorgen, künftig teilweise durch KI ersetzt zu werden.

Wie viel davon wirklich an der KI liegt, ist umstritten. Die Autoren des Reports sehen darin keine rein kurzfristige konjunkturelle Bewegung, sondern eine strukturelle Verschiebung. David Stauffacher von economiesuisse widerspricht: Der Rückgang sei real, aber grossteils konjunkturell erklärbar. Er verweist auf eine Auswertung von Ramp und Revelio Labs bei über 21 000 US-Firmen: Unternehmen mit intensiver KI-Nutzung bauten ihre Beschäftigung in den zwei Jahren nach der Einführung um rund 10 Prozent aus, bei Einstiegsstellen um rund 12 Prozent.

Zahlen auf Nachtblau: minus 32 Prozent Anteil der Inserate für Berufseinsteiger 2025 gegenüber dem Schnitt 2019 bis 2022, 76 Prozent nehmen Inserate als anspruchsvoller wahr, 41 Prozent der unter 25-Jährigen sorgen sich, teilweise durch KI ersetzt zu werden (jobs.ch KI-Report 2026). Gegenargument aus den USA: Firmen mit intensiver KI-Nutzung bauten die Beschäftigung um rund 10 Prozent aus, bei Einstiegsstellen um rund 12 Prozent.
Weniger Einstiegsstellen, Ursache umstritten. Quellen: jobs.ch KI-Report 2026; Ramp und Revelio Labs via economiesuisse. Grafik: Leitgrad

Was Chefs daraus mitnehmen

Wer jetzt bei Jungen spart, spart womöglich an der falschen Stelle. Riesebergs Punkt ist nicht, dass Erfahrung wertlos wird. Sondern dass Neugier und der Mut, eine Idee selbst zu bauen, mit KI schneller Wirkung entfalten als früher. Ein KMU kann das nutzen, ohne Silicon Valley zu spielen: mit einer kleinen Probeaufgabe statt eines Tests, mit einem Prototyp-Freitag für Lernende und Junge, und mit einer Chefin oder einem Chef, die zuhören, wenn jemand Neues fragt, warum etwas nicht geht.

Zum Mitnehmen

  1. Probeaufgabe statt Prüfung. Lassen Sie Bewerbende ein kleines echtes Problem Ihrer Firma lösen, gern mit KI, und schauen Sie auf das Ergebnis.
  2. Nach Prototypen fragen. Was hat jemand schon selbst gebaut, eingerichtet oder verbessert? Das sagt mehr als Noten.
  3. Neulingen zuhören. Die Frage «Warum geht das nicht?» ist oft die wertvollste in den ersten Wochen.
  4. Eine Idee, ein Versuch. Geben Sie Jungen Raum für einen schnellen Prototyp, aber nur zu einer Idee auf einmal.
  5. Einstiegsstellen nicht vorschnell streichen. Ob KI sie überflüssig macht, ist offen. Erste US-Daten deuten eher in die andere Richtung.

Häufige Fragen

Was bedeutet «Hunger beats tenure»?

Wörtlich: Hunger schlägt Dienstjahre. Gemeint ist, dass Neugier und Tatendrang mit KI-Werkzeugen schneller zu Ergebnissen führen können als lange Erfahrung allein. Der Satz stammt aus einem Essay von Felix Rieseberg, Engineering Manager bei Anthropic, vom 27. Oktober 2026.

Gibt es in der Schweiz weniger Einstiegsstellen wegen KI?

Laut KI-Report von jobs.ch ist der Anteil der Inserate für Berufseinsteiger 2025 um 32 Prozent tiefer als im Schnitt der Jahre 2019 bis 2022, besonders in KI-exponierten Bürobereichen. Ob vor allem die KI oder die Konjunktur dahintersteckt, ist umstritten.

Wie können KMU Junge besser auswählen?

Mit kleinen Probeaufgaben aus dem eigenen Betrieb und der Frage nach Dingen, die jemand schon selbst gebaut oder verbessert hat. So zeigt sich, wie jemand denkt, nicht nur, was jemand auswendig weiss.

Quellen

  1. Felix Rieseberg, «Hunger beats tenure: Advice for junior engineers», 27. Oktober 2026 felixrieseberg.com
  2. jobs.ch (JobCloud), KI-Report 2026 jobcloud.ch
  3. Netzwoche, «KI drängt Nachwuchskräfte aus Bürojobs», 24. Juni 2026 netzwoche.ch
  4. David Stauffacher, economiesuisse, «KI vernichtet Jobs: Ein Mythos wird brüchig», 16. Juli 2026 economiesuisse.ch

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