Challenger · 8 min ·

Aeon kauft Deutschlands Blutbild-Plattform. Sie war seit Mai insolvent.

Das Winterthurer Startup meldet eine Seed-Aufstockung auf 14 Millionen Dollar und einen Zukauf aus Berlin. Was in keiner Meldung stand: Über das Vermögen der gekauften Firma lief ein Insolvenzverfahren.

Am Montag meldete das Winterthurer Startup Aeon, es habe seine Seed-Runde auf über 14 Millionen Dollar aufgestockt und die deutsche Blutdiagnostik-Plattform Aware Health übernommen. Die Meldung lief in mehreren Branchendiensten. In keiner stand, dass über das Vermögen von Aware Health am 7. August das Insolvenzverfahren eröffnet worden war.

Das Wichtigste in Kürze

Aeon (juristisch MRI Health Holding AG, Sitz Winterthur) verkauft Ganzkörper-MRI mit KI-Auswertung an Selbstzahler, ab 2490 Franken. Am 14. September meldete die Firma eine Seed-Aufstockung auf über 14 Millionen Dollar und die Übernahme von Aware Health aus Berlin. Aware Health war seit Mai in einem Insolvenzverfahren; laut Insolvenzbekanntmachung wurde der Geschäftsbetrieb per Kaufvertrag vom 31. Juli für 100’000 Euro veräussert, die Gläubigerversammlung stimmte am 10. September zu. Lakestar, Cherry Ventures und June Fund hatten zuvor rund 15 Millionen Dollar in die Firma gesteckt. Die Kennzahlen zum Zukauf (45 Standorte, 100 Biomarker, 10’000 aktive Kunden) sind Angaben von Aeon und liegen über dem, was unabhängige Berichte im Frühjahr nannten. Medizinisch rät keine Fachgesellschaft zu Ganzkörper-MRI bei Beschwerdefreien.

Über 15 Millionen investiert. 100 000 Euro beim Verkauf.

Was Risikokapitalgeber in Aware Health gesteckt hatten, und der Preis, zu dem der Geschäftsbetrieb aus der Insolvenz veräussert wurde. Die rote Fläche ist flächentreu zum grossen Block; der Käufer wird in der Bekanntmachung nicht genannt.

Leitgrad-Grafik: Ein grosser Block für 15 Millionen Dollar Risikokapital, darin ein kleines rotes Quadrat für die 100 000 Euro, zu denen der Geschäftsbetrieb aus der Insolvenz verkauft wurde.
Insolvenzbekanntmachungen des Amtsgerichts Charlottenburg, Az. 3612 IN 3428/26; WirtschaftsWoche vom 26. Mai 2026. Verkaufspreis in Euro, Investitionen in Dollar.

Was gekauft wurde

Die Aware Health GmbH wurde im Juni 2021 in Berlin von Florian Meissner, Ramzi Rizk und Ferdinand Schmidt-Thomé gegründet; Meissner und Rizk hatten zuvor die Fotoplattform EyeEm aufgebaut. Lakestar, Cherry Ventures und June Fund investierten, im Frühjahr 2022 allein rund 15 Millionen Dollar. Das Modell: Bluttests direkt an Konsumenten, zuletzt auch in zwei dm-Filialen in Berlin und Karlsruhe, elf Tests zwischen 9.95 und 69.95 Euro.

Die Chronologie des Endes steht im Insolvenzregister des Amtsgerichts Charlottenburg. Am 21. Mai 2026 folgten Sicherungsmassnahmen, vorläufiger Verwalter wurde Philipp Grauer. Am 31. Juli wurde ein Kaufvertrag über den Geschäftsbetrieb geschlossen, Preis 100’000 Euro. Am 7. August wurde das Verfahren eröffnet, am 10. September stimmte die Gläubigerversammlung der Betriebsveräusserung zu. Vier Tage später meldete Aeon die Übernahme.

Es handelt sich um einen Asset Deal: Aeon übernahm nach eigener Darstellung die Technologieplattform, wesentliche Verträge, Ausrüstung, Kundenbeziehungen und das Kernteam, die klassische übertragende Sanierung. Wichtig für die Einordnung: In der öffentlichen Insolvenzbekanntmachung wird der Käufer nicht namentlich genannt. Aeon selbst sagt, der Kaufpreis werde nicht offengelegt. Dass die 100’000 Euro der von Aeon gezahlte Preis sind, ist damit naheliegend, aber nicht belegt.

Die Zahlen sind Selbstangaben

Aeon nennt für den Zukauf «mehr als 45 Blutentnahme-Standorte», «100+ Biomarker» und «annähernd 10’000 aktive Kunden». Alle drei Zahlen stammen aus der Mitteilung der Firma, ohne Stichtag und ohne Definition von «aktiv».

Zwei davon stehen quer zu älteren, unabhängigen Angaben. Die «WirtschaftsWoche» zählte Ende Mai 41 Standorte in Deutschland plus einen in Amsterdam. «Apotheke Adhoc» und «Pleiteticker» sprachen von rund 25 eigenen Standorten plus den beiden dm-Filialen. Ein Unternehmen, das seit Mai unter Insolvenzverwaltung stand, dürfte sein Netz in dieser Zeit kaum ausgebaut haben. Die Website von Aware Health selbst bewarb bis zuletzt «more than 90 Biomarkers», nicht über hundert.

Die dritte Zahl lädt zum Nachrechnen ein. Aware bot ein Jahresabo für rund 450 Euro an. 10’000 aktive Kunden entsprächen damit einem wiederkehrenden Umsatz von etwa 4,5 Millionen Euro im Jahr, eine Grössenordnung, die sich mit einer Insolvenz nur schwer verträgt. Entweder ist «aktiv» sehr weit gefasst, etwa als registrierte App-Nutzer, oder die Zahl trägt die Aussage nicht.

Auch die 14 Millionen sind nicht das, wonach sie klingen

Die Summe bezeichnet nicht frisches Kapital, sondern die Gesamtsumme der Seed-Runde seit dem ersten Abschluss vom Juni 2025 über 7,5 Millionen Franken. Wie hoch die Aufstockung selbst ausfällt, nennt Aeon nicht; rechnerisch bleiben rund 5 Millionen Dollar. Co-Lead ist Araya Ventures, ein zweiter Lead wird erwähnt, aber nicht genannt. Bestandsinvestoren sind Concentric, GoHub Ventures, Kadmos Capital, Calm/Storm Ventures, N&V Capital und Bigwave Capital.

Zur Einordnung der Grössenordnung: Neko Health, das schwedische Unternehmen von Spotify-Gründer Daniel Ek, nahm im Juli 2026 in einer Runde 700 Millionen Dollar auf. Function Health in den USA verfügt über mehr als 800 Millionen Dollar an Eigen- und Fremdkapital und hat mit Ezra bereits im Mai 2025 einen Ganzkörper-MRI-Anbieter mit über 200 Standorten gekauft, also genau die Kombination, die Aeon jetzt herstellt, sechzehn Monate früher. Prenuvo sammelte 120 Millionen. Aeons Selbstbeschreibung als «erste europäische Plattform» für ein durchgehendes Gesundheitsbild stützt sich damit auf das Wort «europäisch», und selbst dort steht Neko Health mit Schweden und Grossbritannien im Raum.

Wofür die Kunden zahlen

Aeon verkauft in der Schweiz drei Pakete: Starter für 2490 Franken mit Ganzkörper-MRI und 22 Blutwerten, Plus für 2990 Franken, Premium für 6990 Franken mit über 70 zusätzlichen Biomarkern und einem Gentest. Die Untersuchung dauert rund 90 Minuten, der Befund kommt nach etwa drei Arbeitstagen in die App. Die Grundversicherung zahlt nichts; Aeon wirbt mit einer Rückerstattung von bis zu 75 Prozent durch Zusatzversicherungen.

Die Scanner gehören der Firma nicht. Aeon arbeitet in acht Schweizer und acht deutschen Partnerkliniken, deren Namen es nicht offenlegt. Damit liegt die medizinische Verantwortung und die kantonale Betriebsbewilligung bei den Partnern, nicht bei Aeon. Das wiederkehrende Testen, mit dem die Firma ihr Modell beschreibt, gibt es im aktuellen Angebot noch nicht: Auf der Website stehen Einmalpakete, kein Abo. Genau diese Lücke soll der Zukauf schliessen.

Was die Fachgesellschaften sagen

Für Ganzkörper-MRI bei Menschen ohne Beschwerden gibt es keine randomisierte Studie, die einen Nutzen für Sterblichkeit oder Krankheitslast zeigt. Keine Fachgesellschaft empfiehlt die Untersuchung als Vorsorge.

Die Schweizerische Gesellschaft für Radiologie hat am 5. Juni 2025 ein Positionspapier veröffentlicht. Sie stehe dem Trend «eher kritisch» gegenüber; in bis zu 30 Prozent der Untersuchungen träten Zufallsbefunde auf, meist harmlos, aber Auslöser weiterer Abklärungen. Evidenzbasierte Vorsorge in Abstimmung mit Haus- und Fachärzten bleibe der sinnvolle Weg. Die Gesellschaft stellt zugleich Mindestanforderungen an Anbieter: Doppelbefundung durch subspezialisierte Radiologen mit Schweizer Fähigkeitsausweis, klinische Abklärung vor der Untersuchung, ärztliches Gespräch danach.

Das American College of Radiology hält seit 2023 fest, es gebe nicht genug Belege, um Ganzkörper-Screening bei Beschwerdefreien zu empfehlen; solche Verfahren führten zu zahlreichen unspezifischen Befunden, die die Gesundheit nicht verbesserten, wohl aber Folgeuntersuchungen und Kosten nach sich zögen. Die American Cancer Society schloss sich im Mai 2026 an. Ein Cochrane-Review zur Frage existiert seit August 2026, bislang nur als Protokoll, also ohne Ergebnis. Darin genannt: eine gepoolte Prävalenz kritischer oder unklarer Zufallsbefunde von 32,1 Prozent bei Beschwerdefreien. In den Niederlanden ist Ganzkörper-MRI-Screening bei Beschwerdefreien mangels Nutzennachweis untersagt.

Aeon wirbt damit, über 90 Prozent der Untersuchungen brächten Befunde zutage, bei einer Rate «signifikanter» Befunde von 15,4 Prozent. Beides sind unveröffentlichte Firmenangaben ohne Definition und ohne Fallzahl. In der Lesart der Fachgesellschaften ist die erste Zahl nicht das Verkaufsargument, sondern die Beschreibung des Problems.

Was daraus folgt

Die Schweiz kennt für selbstbezahlte Bildgebung keine Indikationspflicht. MRI arbeitet ohne ionisierende Strahlung und fällt damit nicht unter das Strahlenschutzrecht, anders als CT. Gesteuert wird allein über die Vergütung: Die Grundversicherung zahlt nur, was wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich ist, und Ganzkörper-MRI ohne Indikation ist das nicht. Die Zusatzversicherung ist frei, und dort setzen Aeon und seine Wettbewerber an.

Für Unternehmer, die solche Angebote als Mitarbeiterleistung erwägen, ist das der entscheidende Punkt: Was hier verkauft wird, ist keine von der Medizin empfohlene Vorsorge, sondern ein Konsumprodukt, das die Grundversicherung bewusst nicht bezahlt. Die Kosten der Folgeabklärungen trägt anschliessend die Grundversicherung mit.

Methode

Handelsregisterlich sitzt Aeon in Winterthur, nicht in Zürich (MRI Health Holding AG, UID CHE-432.302.803, Eintrag 22. November 2023). Die Angaben zur Insolvenz von Aware Health stammen aus dem Insolvenzregister des Amtsgerichts Charlottenburg, Aktenzeichen 3612 IN 3428/26. Der Käufer des Geschäftsbetriebs ist dort nicht genannt; wir schreiben deshalb nicht, Aeon habe 100’000 Euro bezahlt. Alle Kennzahlen zum Zukauf sowie die Befundraten sind Angaben von Aeon und unabhängig nicht überprüfbar.

Was offen ist

Ist Aeon der Käufer aus der Insolvenz, und trifft der Preis von 100’000 Euro zu? Wie sind «45 Standorte» und «10’000 aktive Kunden» per Stichtag definiert? Verfügt die MRI Health Holding AG über eine Betriebsbewilligung nach Paragraf 36 des Zürcher Gesundheitsgesetzes, und wer beaufsichtigt Plattformmodelle ohne eigene Geräte? Erfüllt Aeon die Anforderungen des Positionspapiers der Schweizerischen Gesellschaft für Radiologie, insbesondere die Doppelbefundung? Bestätigen KPT, CSS, Sanitas, Atupri und Groupe Mutuel die beworbene Rückerstattung? Wie ist der Gentest im Premium-Paket nach dem Bundesgesetz über genetische Untersuchungen beim Menschen einzuordnen? Läuft die dm-Kooperation weiter? Antworten tragen wir nach, sobald sie vorliegen.

Quellen

  1. Startupticker und EU-Startups zur Seed-Aufstockung und zur Übernahme, 14. September 2026 startupticker.ch · eu-startups.com
  2. Insolvenzbekanntmachungen des Amtsgerichts Charlottenburg, Az. 3612 IN 3428/26; Verwalter Philipp Grauer insolvenzmonitor.online
  3. WirtschaftsWoche zur Insolvenz von Aware Health, 26. Mai 2026; Apotheke Adhoc und Lebensmittelzeitung zur dm-Kooperation apotheke-adhoc.de · lebensmittelzeitung.net
  4. Handelsregister Kanton Zürich, MRI Health Holding AG, Winterthur, UID CHE-432.302.803 moneyhouse.ch
  5. Preis- und Standortangaben von aeon.life, abgerufen am 15. September 2026 aeon.life
  6. Schweizerische Gesellschaft für Radiologie, Positionspapier Ganzkörper-MRT, 5. Juni 2025 sgr-ssr.ch
  7. American College of Radiology, Statement on Screening Total Body MRI, 17. April 2023; American Cancer Society, 14. Mai 2026 acr.org · cancer.org
  8. Cochrane-Protokoll «Whole-body MRI or CT screening», 25. August 2026
  9. RSNA News, Juli 2026, zu Folgebildgebung und zum niederländischen Verbot rsna.org
  10. TechCrunch zur Finanzierungsrunde von Neko Health, 15. Juli 2026; Businesswire zu Prenuvo, 13. Februar 2025 techcrunch.com · businesswire.com

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