Trinkbrunnen an der Torgasse in Zürich. Foto: Matthew Moy de Vitry / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0Foto: Matthew Moy de Vitry / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0 (Lizenz)
Amerika filtert sein Hahnenwasser für 449 Dollar. Die Schweiz streitet über einen Grenzwert
Ein US-Start-up macht mit Angst vor Ewigkeitschemikalien Millionen. Das Schweizer Hahnenwasser ist sauberer, aber den strengeren EU-Grenzwert hat der Bund vorerst auf Eis gelegt.

Trinkbrunnen an der Torgasse in Zürich. Foto: Matthew Moy de Vitry / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0Foto: Matthew Moy de Vitry / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0 (Lizenz)
Kurz gesagt: Das US-Start-up Rorra verkauft einen Wasserfilter für 449 Dollar und meldet für sein erstes Jahr einen achtstelligen Umsatz. Der Treiber ist Angst: Laut der US-Behörde USGS enthält mindestens 45 Prozent des amerikanischen Hahnenwassers PFAS, sogenannte Ewigkeitschemikalien. In der Schweiz fanden die Kantonschemiker 2023 in 54 Prozent von 564 Trinkwasserproben gar keine PFAS. Keine Probe überschritt die Schweizer Höchstwerte, fünf lagen über dem strengeren Wert der EU. Diesen Wert wollte der Bund auf Januar 2026 übernehmen. Er hat es verschoben. Gefiltert kostet der Liter bei Rorra rund 7 Rappen, aus dem Hahn in Küssnacht 0,11 Rappen.
In Amerika ist sauberes Wasser ein Produkt geworden. Es steht in Edelstahl auf der Küchenablage, es wird von Sportlern auf Instagram empfohlen, und es kostet so viel wie ein Wochenende in den Bergen. In der Schweiz kommt es aus der Wand. Noch.
Was verkauft Rorra?
Rorra wurde von Brian Keller und Charlie Carlisle gegründet, die zuvor schon eine Firma aufgebaut und verkauft hatten. Ihr erstes Produkt, ein Tischfilter aus Edelstahl, kostet 449 Dollar. Eine Filterkartusche hält laut Rorra 200 Gallonen, rund 760 Liter, und kommt im Abo alle 90 Tage für 65 Dollar. Dazu gibt es einen Duschkopf für 199 Dollar und neu eine Glaskanne für 249 Dollar. Im ersten Jahr setzte die Firma einen achtstelligen Betrag um und erwartet nun das Zwei- bis Dreifache, berichtet das Magazin Entrepreneur. Gross wurde Rorra laut dem Trenddienst Exploding Topics über Instagram und Sportler, die das Gerät empfehlen.
Warum haben Amerikaner Angst vor ihrem Hahnenwasser?
Weil sie Gründe haben. Die US-Behörde USGS hat Leitungswasser an 716 Orten untersucht. Mindestens 45 Prozent des Hahnenwassers im Land dürfte mindestens eine Art PFAS enthalten, schreibt die USGS. PFAS sind Tausende künstliche Verbindungen, die Wasser und Fett abweisen. Sie stecken in Pfannen, Regenjacken und Löschschaum, und sie bauen sich in der Natur kaum ab. Daher der Name Ewigkeitschemikalien.
Wie sauber ist das Schweizer Hahnenwasser?
Sauberer. Mehr als 80 Prozent des Schweizer Trinkwassers stammen aus dem Grundwasser, schreibt das Bundesamt für Umwelt. Im Herbst 2023 haben die Kantonschemiker 564 Trinkwasserproben aus der ganzen Schweiz und Liechtenstein untersucht. In 306 davon, also 54 Prozent, fanden sie keine PFAS. Die Schweizer Höchstwerte überschritt keine Probe, den strengeren Wert der EU fünf, das sind 0,9 Prozent, so die Kantonschemiker.
Ganz frei ist das Grundwasser trotzdem nicht. An knapp der Hälfte von rund 550 Messstellen wies das Bundesamt für Umwelt PFAS nach, in Siedlungsgebieten an mehr als 90 Prozent. Über 0,1 Mikrogramm pro Liter lagen rund 2 Prozent der Stellen, zeigt die Grundwasserbeobachtung mit Daten von 2021.

Die Grafik zeigt, was Angst kostet. Rorra rechnet selbst mit 33 Cent pro gefilterter Gallone. Das sind umgerechnet rund 7 Rappen pro Liter. Der Bezirk Küssnacht am Rigi nennt für sein Hahnenwasser 0,11 Rappen pro Liter, in einem Merkblatt vom September 2025. Gefiltert ist der Liter also gut 60-mal so teuer, ohne die 449 Dollar für das Gerät.
Warum wartet die Schweiz mit dem strengeren Grenzwert?
Heute begrenzt die Schweiz nur drei PFAS im Trinkwasser: PFOS und PFHxS auf 0,3, PFOA auf 0,5 Mikrogramm pro Liter. Die EU lässt für die Summe von 20 PFAS höchstens 0,1 Mikrogramm zu und verlangt seit dem 12. Januar 2026 von allen Wasserversorgern, diese Stoffe zu messen. Ab 2028 gilt dort für vier besonders kritische PFAS zusammen ein noch tieferer Wert, berichtet Infosperber.
Der Bund wollte den EU-Wert auf den 1. Januar 2026 übernehmen. Im Dezember 2025 bestätigte das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) gegenüber SRF, dass die Grenzwerte vorerst nicht angepasst werden, wegen der «laufenden politischen Diskussionen». Hinter der Diskussion steht eine Motion aus dem Ständerat: Die Schweiz soll eigene Grenzwerte festlegen, unabhängig von der EU, und belastete Landwirtschaftsbetriebe unterstützen. Auf der Website des BLV steht weiterhin, die Schweiz werde den europäischen Wert «im Lauf von 2026 voraussichtlich» übernehmen.
Wer bezahlt sauberes Wasser in der Schweiz?
Die Wasserversorger, und am Ende die Gebührenzahler. Die meisten Versorger halten den EU-Wert schon heute ein, schreibt der Branchenverband SVGW. Wo Löschschaum das Grundwasser belastet hat, mussten einzelne aufrüsten. «Solche Massnahmen sind teuer, energieintensiv und nicht nachhaltig», hält der Verband laut Aqua & Gas fest. Er fordert deshalb ein rasches Verbot der ganzen Stoffgruppe in Anwendungen, auf die man verzichten kann.
Ein Schweizer Unternehmen lebt seit Jahrzehnten davon, dass Wasser nicht überall so gut ist wie hier: Die Katadyn Group aus Kemptthal bei Winterthur stellt seit mehr als 90 Jahren Geräte zur Wasseraufbereitung her, für Trekking, Schiffe, Armeen und Hilfswerke. Sie beschäftigt rund 200 Personen in Europa, Asien und den USA, schreibt die Firma. Ihr Markt ist die Wildnis, nicht die Küche.
Unsere Einschätzung: Für die Schweizer Küche braucht es den Filter für 449 Dollar nicht. Eine Filterkanne kann sogar schaden: Die deutsche Stiftung Warentest fand nach einer simulierten Ferienpause in allen getesteten Kannen Bakterien. Wichtiger als jedes Gerät ist der Grenzwert. Solange die Schweiz ihn nicht festlegt, wissen Konsumenten und Versorger nicht, woran sie sich halten sollen. Dass PFAS auch in Fleisch und Eiern ein Thema sind, betrifft die Firmen aus unserer Machtkarte der Ernährung. Wie viel Gewicht die Landwirtschaft im Ständerat hat, zeigte sich zuletzt beim Mercosur-Abkommen. Und warum manche US-Idee in der Schweiz nicht zündet, steht in diesem Beitrag.
Häufige Fragen
Was ist Rorra?
Ein US-Start-up, das Wasserfilter für den Haushalt verkauft. Der Tischfilter aus Edelstahl kostet 449 Dollar und soll laut Firma PFAS, Blei und Mikroplastik entfernen.
Hat das Schweizer Trinkwasser PFAS?
Teilweise. Bei einer Messkampagne der Kantonschemiker 2023 waren in 54 Prozent der 564 Proben keine PFAS nachweisbar. Keine Probe lag über den Schweizer Höchstwerten, fünf über dem strengeren EU-Wert.
Wann übernimmt die Schweiz den PFAS-Grenzwert der EU?
Offen. Geplant war der 1. Januar 2026. Das BLV hat die Anpassung im Dezember 2025 wegen der politischen Diskussionen verschoben.
Quellen
- Entrepreneur, Would You Pay $249 for a Water Pitcher?, 24. September 2026; Rorra, Produktseite, abgerufen am 8. Oktober 2026 entrepreneur.com · rorra.com
- USGS, Tap Water Study Detects PFAS «Forever Chemicals» Across the US, Juli 2023 usgs.gov
- Verband der Kantonschemiker der Schweiz, PFAS in Trinkwasser, 12. Oktober 2023 kantonschemiker.ch
- Bundesamt für Umwelt, PFAS im Grundwasser; Grundwasserschutz sichert unser Trinkwasser bafu.admin.ch · bafu.admin.ch
- BLV, PFAS; SRF, 12. Dezember 2025; Aqua & Gas, 15. Dezember 2025; Infosperber, 8. Februar 2026 blv.admin.ch · srf.ch · aquaetgas.ch · infosperber.ch
- Bezirk Küssnacht, Umwelttipp Trinkwasser, September 2025; Katadyn Group, Über uns; Stiftung Warentest, Wasserfilter im Test, 22. Juni 2022 kuessnacht.ch · katadyngroup.com · test.de
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