Illustration: Leitgrad
Nouscom will Krebs verhindern, bevor er entsteht. 135 Mio. Dollar finanzieren den Beweis
Ein Basler Biotech will Menschen mit erblichem Krebsrisiko vor Tumoren bewahren. Zugelassen ist das Präparat nicht, verkauft wird nichts. Investoren legen trotzdem 120 Mio. Euro auf den Tisch, und zwar für Daten.

Illustration: Leitgrad
Kurz gesagt: Das Basler Biotech Nouscom hat am 19. Oktober 2026 eine überzeichnete Serie-D-Finanzierung über 120 Mio. Euro (135 Mio. Dollar) gemeldet. Angeführt wird sie von M Ventures und Revelation Partners, neu dabei sind unter anderem Angelini Industries und die Europäische Investitionsbank. Das Geld fliesst in eine einzige globale Zulassungsstudie für NOUS-209, eine experimentelle Immuntherapie, die bei Menschen mit erblichem Lynch-Syndrom Krebs abfangen soll, bevor er entsteht. In einer Phase-1b/2-Studie ohne Vergleichsgruppe traten keine schweren Nebenwirkungen durch die Impfung auf, und alle 37 auswertbaren Teilnehmenden bildeten eine Immunantwort. Ob sie Krebs verhindert, ist nicht bewiesen. Wie Alentis (355 Mio. Dollar Vorauszahlung von CSL) und Araris (400 Mio. Dollar Kaufpreis von Taiho) hat Nouscom kein Produkt auf dem Markt.
43 Menschen, eine Darmspiegelung. Ein Jahr nach der Impfung mit NOUS-209 hatte keiner der auswertbaren Teilnehmenden fortgeschrittene Darmpolypen oder Darmkrebs. Nach zwei Jahren galt das für alle 17 auswertbaren. So steht es im Abstract, dessen Präsentation am Krebskongress ESMO in Madrid für den 25. Oktober angesetzt war (Nouscom).
Alle Teilnehmenden tragen das Lynch-Syndrom, eine erbliche Veranlagung für Krebs. Eine Vergleichsgruppe ohne Impfung gibt es in dieser Studie nicht. Nouscom spricht von einem «ermutigenden Signal» (Übersetzung Leitgrad). Nicht von einem Beweis.
Den soll eine neue Studie liefern. Sechs Tage vor der Präsentation meldete die Basler Firma, wer sie bezahlt.
Ein Signal, noch kein Beweis
Beim Lynch-Syndrom sind Gene der DNA-Reparatur vererbt verändert. Fehler im Erbgut häufen sich und können Tumoren antreiben. Das Lebenszeitrisiko für Darmkrebs liegt laut Nouscom bei bis zu 50 Prozent, in der Allgemeinbevölkerung bei 2 Prozent. Für Gebärmutterschleimhautkrebs nennt die Firma ebenfalls bis zu 50 Prozent. Über zwei Millionen Träger lebten mit einem Krebsrisiko von bis zu 80 Prozent, «und man kann ihnen nichts anbieten ausser Überwachung und Chirurgie», sagt CEO Marina Udier (Nouscom, Übersetzung Leitgrad).
Ein Schweizer Studienprotokoll schätzt die Häufigkeit auf 1 von 440 Menschen und nennt das Syndrom stark unterdiagnostiziert (Katapodi et al.). Bei 9,13 Mio. Einwohnern wären das grob gerechnet rund 20 000 Menschen in der Schweiz (BFS, eigene Rechnung).
NOUS-209 soll das Immunsystem auf 209 Eiweissbruchstücke trainieren, die für solche Tumoren und ihre Vorstufen typisch sind. Zwei Virusvektoren bringen sie in den Körper. In der ersten Kohorte der Phase-1b/2-Studie mit 45 Teilnehmenden gab es keine schweren Nebenwirkungen, die auf die Impfung zurückgingen. Alle 37 auswertbaren Personen bildeten eine Immunantwort, nach einem Jahr war sie bei 85 Prozent noch messbar. Publiziert wurde das Anfang 2026 in Nature Medicine (ASCO Post). Im Juni erteilte die US-Arzneimittelbehörde FDA dem Programm den Fast-Track-Status, der Entwicklung und Prüfung beschleunigen kann (Nouscom). NOUS-209 ist ein Prüfpräparat. Zugelassen ist es nicht.
Wer zahlt, kauft Daten
Die Serie D war überzeichnet. M Ventures und Revelation Partners führen sie an. Neu dabei sind Angelini Industries, die Europäische Investitionsbank über ihr Ko-Investitionsvehikel Aurea und Neva SGR aus der Gruppe Intesa Sanpaolo. Zehn bisherige Investoren ziehen mit, darunter Versant Ventures, EQT Life Sciences und Bpifrance. Das Geld ist für eine einzige globale Studie bestimmt, die den Weg zur Zulassung öffnen soll (Startupticker). Im Juni sprach Nouscom von einer Phase-2/3-Studie (Nouscom).
Was überzeugt hat, sagt Hakan Goker von M Ventures: ein eigener Ansatz, wachsende klinische Belege und ein Weg, der mit den Behörden abgestimmt ist. Eine «seltene Kombination für ein privates Biotech-Unternehmen» (Übersetzung Leitgrad). Von Verkäufen ist keine Rede. Bezahlt wird für Belege.
Von Runde zu Runde wurden die Beträge grösser. 2016 kamen 12 Mio. Euro, 2017 dann 42 Mio. Euro, um den Impfstoff in die Klinik zu bringen (Fierce Biotech). Die Serie C von 2023 wuchs bis März 2024 auf 75,8 Mio. Euro (Walder Wyss, The Pharma Letter). Jetzt sind es 120 Mio. Euro, zehnmal so viel wie am Anfang.

Basel kennt das Muster
Am 5. Oktober sicherte sich CSL aus Australien die weltweiten Rechte an Lixudebart von Alentis aus der Region Basel. Vorauszahlung: 355 Mio. Dollar, für ein Medikament in Phase 2 (Goodwin). Leitgrad hat den Fall unter dem Titel «Alentis hat kein Medikament auf dem Markt» beschrieben. Im März 2025 kaufte Taiho aus Japan die Zürcher Araris für 400 Mio. Dollar bei Abschluss, ohne dass ein Wirkstoff in der Klinik war (Venture Kick, Leitgrad).
Die Zahlen der Branche passen dazu. Privat finanzierte Schweizer Biotechs sammelten 2025 einen Rekord von 1,15 Mrd. Franken, 38 Prozent mehr als im Vorjahr. In Forschung und Entwicklung flossen 2,5 Mrd. Franken, die Branche beschäftigt über 21 000 Menschen (Swiss Biotech Association). In Basel-Stadt stellen die Life Sciences rund 10 Prozent der Stellen, aber rund 40 Prozent der Wertschöpfung (Kanton Basel-Stadt).

Was davon in Basel ankommt
Nouscom hat Büros, Forschung und Produktion in Basel und in Rom (Nouscom). Wie viel von den 120 Mio. Euro in der Schweiz ausgegeben wird, sagt die Mitteilung nicht. Auch wo die Studie läuft und wie viele Menschen teilnehmen, steht nicht darin. Bekannt ist der Zweck: Studiendaten.
Wer in der Region Labordienste, Logistik, Fachpersonal oder Herstellung anbietet, verkauft damit an Firmen, deren Kasse Investoren füllen, nicht Kunden. Das ist kein Nachteil. Es verlangt einen anderen Blick auf den Auftraggeber. Ob NOUS-209 Krebs verhindert, muss die Zulassungsstudie zeigen. Bis dahin zahlt Basel für Daten.
Zum Mitnehmen: Biotech als Kunde, wenn es noch keinen Umsatz gibt
- Verwendungszweck lesen: Finanzierungsmitteilungen nennen, wofür das Geld ist. Bei Nouscom ist es eine einzige globale Zulassungsstudie. Daraus folgt, welche Leistungen gefragt sind, etwa Studienbetrieb, Labor, Herstellung des Prüfpräparats und Logistik.
- Meilensteine in den Kalender: Ohne Produkt hängen Budgets an Daten und Behördenentscheiden. Bei Nouscom waren das zuletzt der Fast-Track-Status der FDA (Juni 2026), die Finanzierung (19. Oktober 2026) und die Präsentation am ESMO (25. Oktober 2026).
- Finanzierung prüfen: Betrag und Datum der letzten Runde sind öffentlich, etwa auf Startupticker oder in den Mitteilungen der Firma. Sitz, Organe und Zeichnungsberechtigte zeigt das Handelsregister auf zefix.ch.
- Zahlungen an Projektschritte binden: Ohne Umsatz zahlt der Kunde aus Investorengeld. Anzahlungen, Teilrechnungen nach Etappen und klare Regeln für einen Abbruch der Studie schützen beide Seiten.
- Marktgrösse kennen: 2025 gaben Schweizer Biotechs 2,5 Mrd. Franken für Forschung und Entwicklung aus und beschäftigten über 21 000 Menschen (Swiss Biotech Report 2026).
Häufige Fragen
Was ist NOUS-209?
Eine experimentelle, gebrauchsfertige Immuntherapie von Nouscom. Zwei Virusvektoren liefern 209 sogenannte Neoantigene, auf die das Immunsystem trainiert werden soll. Sie wird bei Lynch-Syndrom zum Abfangen von Krebs geprüft und in Phase-2-Studien zusammen mit Pembrolizumab bei fortgeschrittenem Darmkrebs. Zugelassen ist sie nicht.
Was ist das Lynch-Syndrom?
Eine erbliche Veränderung in Genen der DNA-Reparatur, die das Risiko für Darmkrebs, Gebärmutterschleimhautkrebs und weitere Krebsarten erhöht. Ein Schweizer Studienprotokoll schätzt die Häufigkeit auf 1 von 440 Menschen. Betroffene werden heute mit regelmässigen Untersuchungen wie Darmspiegelungen und teils vorsorglichen Operationen betreut. Wer eine familiäre Häufung vermutet, bespricht das mit der Hausärztin oder dem Hausarzt.
Ist die Lynch-Impfung NOUS-209 zugelassen?
Nein. NOUS-209 ist in klinischer Prüfung. Die bisherigen Daten zeigen Sicherheit und Immunantworten in einer Studie ohne Vergleichsgruppe. Ob die Impfung Krebs verhindert, soll eine globale Zulassungsstudie klären, für die die FDA den Fast-Track-Status erteilt hat.
Quellen
- Nouscom, Medienmitteilung «Nouscom Raises €120 Million ($135 Million) in Oversubscribed Series D Financing and will Present Long-Term Cancer Interception Clinical Data in Lynch Syndrome Carriers at ESMO», Basel, 19. Oktober 2026 nouscom.com
- Startupticker, «Nouscom raises 135 million to advance its cancer immunotherapy», 19. Oktober 2026 startupticker.ch
- Nouscom, Medienmitteilung zum Fast-Track-Status der FDA für NOUS-209, Basel, 1. Juni 2026 nouscom.com
- Nouscom, Unternehmenswebsite, abgerufen am 20. Oktober 2026 nouscom.com
- The ASCO Post, «Investigational Vaccine Intercepts Cancer Cells in Lynch Syndrome Carriers», 20. Januar 2026, zur Publikation in Nature Medicine (doi 10.1038/s41591-025-04182-9) ascopost.com · doi.org
- Katapodi M. C. et al., «Cancer Predisposition Cascade Screening for Hereditary Breast/Ovarian Cancer and Lynch Syndromes in Switzerland: Study Protocol», JMIR Research Protocols, 20. September 2017 pmc.ncbi.nlm.nih.gov
- Bundesamt für Statistik, «Das Bevölkerungswachstum hat sich im Jahr 2025 leicht verlangsamt», 20. August 2026 admin.ch
- Fierce Biotech, «NousCom bags €42M to trial off-the-shelf cancer vaccine», 6. November 2017 fiercebiotech.com
- Walder Wyss, «Nouscom raises EUR67.5m ($72m) in oversubscribed Series C financing round», 15. November 2023 walderwyss.com
- The Pharma Letter, Angelini Ventures invests into extended 75.8 million-euro Series C financing round for Nouscom, 21. März 2024 thepharmaletter.com
- Goodwin, Goodwin Advises Alentis on Global Collaboration Agreement with CSL, 5. Oktober 2026 goodwinlaw.com
- Leitgrad, «Alentis hat kein Medikament auf dem Markt. CSL zahlt trotzdem 355 Millionen Dollar», 10. Oktober 2026 leitgrad.ch
- Moneycab, Alentis Therapeutics erhält 181 Mio. Dollar in einer überzeichneten Serie-D-Finanzierung, 15. November 2024 moneycab.com
- Venture Kick, «Araris Biotech acquired by Taiho Pharmaceutical to accelerate ADC drug discovery», 17. März 2025 venturekick.ch
- Leitgrad, «Araris hatte kein Medikament in der Klinik. Taiho zahlte trotzdem 400 Millionen Dollar», 28. September 2026 leitgrad.ch
- Swiss Biotech Association, «Swiss Biotech Report 2026: Strong performance with new records in revenues and investments in privately funded companies», 5. Mai 2026 swissbiotech.org
- Kanton Basel-Stadt, Amt für Wirtschaft und Arbeit, «Wirtschaftsstruktur», aktualisiert am 31. August 2026 bs.ch
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