Araris hatte kein Medikament in der Klinik. Taiho zahlte trotzdem 400 Millionen Dollar
Taiho kaufte 2025 die ETH- und PSI-Ausgründung Araris für 400 Millionen Dollar bei Abschluss, bis zu 1,14 Milliarden. Klinische Daten gab es keine. Gekauft hat der japanische Konzern eine Verbindungstechnik für Krebsmedikamente, und die zahlt sich seither mehrfach aus.

Im März 2025 kaufte ein japanischer Pharmakonzern eine Firma aus Au am Zürichsee, die noch kein einziges Medikament an Menschen getestet hatte. Drei Wirkstoffkandidaten lagen im Labor, keiner in der Klinik. Taiho Pharmaceutical zahlte bei Abschluss trotzdem 400 Millionen Dollar, mit weiteren Zahlungen bis zu 1,14 Milliarden. Gekauft hat Taiho kein Medikament. Gekauft hat Taiho eine Methode.
Die Methode stammt aus dem Paul Scherrer Institut und der ETH Zürich. Bis zum Verkauf hatte Araris rund 40 Millionen Dollar aufgenommen, die Vorauszahlung betrug also etwa das Zehnfache. Seither arbeiten weitere Konzerne mit der Technik, und im Juni 2026 hat der erste Patient ein Medikament erhalten, das damit gebaut ist.
Das Wichtigste in Kürze
Taiho, eine Tochter des japanischen Otsuka-Konzerns, kündigte am 17. März 2025 die Übernahme von Araris Biotech an und schloss sie am 31. März ab. Taiho zahlte 400 Millionen Dollar bei Abschluss, dazu kommen bis zu 740 Millionen an Meilensteinzahlungen. Araris wurde 2019 gegründet und stammt aus dem Paul Scherrer Institut und der ETH Zürich. Das Kapital vorher: rund 40 Millionen Dollar. Der Wert liegt in einer Verbindungstechnik für Krebsmedikamente namens AraLinQ. Seit dem Verkauf hat Chugai sie für bis zu 780 Millionen Dollar lizenziert. Im Juni 2026 erhielt der erste Patient ein Medikament, das damit gebaut ist.
Kein Medikament in der Klinik. 400 Millionen Dollar sofort.
Was Taiho bei Araris gekauft hat: nicht den Wirkstoff und nicht den Antikörper, sondern die Verbindung dazwischen.

Die Grafik zerlegt ein Krebsmedikament in seine drei Teile. Den Antikörper kann AraLinQ als handelsübliche Ware verwenden, das Zellgift hängt daran. Das Preisschild klebt am unscheinbarsten Teil, dem Verbindungsstück dazwischen.
Überraschend ist der Zeitpunkt, denn Taiho zahlte 400 Millionen Dollar, bevor ein einziger Patient behandelt war. Ein Käufer, der so früh so viel überweist, wettet auf die Medikamente, die sich mit dem Verbindungsstück noch bauen lassen.
Für Schweizer Inhaber steckt darin eine Lehre über Bewertung. Wer ein Verfahren besitzt, das andere in ihre eigenen Produkte einbauen können, verkauft mehr als ein Produkt. Araris hat aus rund 40 Millionen Dollar Kapital eine Vorauszahlung vom Zehnfachen gemacht, ohne ein einziges Studienergebnis.
Was Taiho gekauft hat
Antikörper-Wirkstoff-Konjugate gehören zu den am schnellsten wachsenden Gruppen von Krebsmedikamenten. Das Prinzip ist einfach: Ein Antikörper erkennt eine Krebszelle und dockt an, an ihm hängt ein Zellgift. Dazwischen sitzt ein chemisches Verbindungsstück, der Linker. Er muss das Gift im Blut festhalten, damit es gesunde Zellen verschont. Loslassen darf er es erst in der Krebszelle.
An diesem Verbindungsstück hat Araris gearbeitet. AraLinQ setzt den Wirkstoff an genau einer Stelle des Antikörpers an, der sich danach fast wie das Original verhält. Die Verbindung bleibt im Blut stabil und verklumpt nicht, weil sie wasserlöslich ist. Zudem kann sie mehrere verschiedene Wirkstoffe zugleich tragen. Vor allem aber funktioniert sie mit handelsüblichen Antikörpern, in einem einzigen Arbeitsschritt. Wer einen Antikörper hat, kann ihn mit AraLinQ zu einem Medikament machen.
Beim Verkauf lagen drei Produkte von Araris in der präklinischen Phase, eine klinische Studie mit dieser Technik hatte es noch nie gegeben.
Warum eine Plattform mehr wert ist als ein Produkt
Ein Medikament lässt sich einmal verkaufen, eine Methode, aus der Medikamente entstehen, an viele Käufer. Das zeigen die Monate nach der Übernahme. Im April 2025 schloss Araris eine Forschungsvereinbarung mit Johnson & Johnson. Im Februar 2026 lizenzierte der japanische Konzern Chugai AraLinQ für ein Zielmolekül, mit möglichen Zahlungen von bis zu 780 Millionen Dollar. Am 23. Juni 2026 erhielt in den USA der erste Patient ARC-02, ein Mittel gegen Non-Hodgkin-Lymphome. Es ist das erste mit AraLinQ gebaute Medikament, das am Menschen getestet wird. Im August 2026 vereinbarte Taiho schliesslich mit Fujifilm die Produktion.
Wie viel des Kaufpreises auf die Technik entfällt und wie viel auf die drei Kandidaten, lässt sich aus den Büchern des Mutterkonzerns ablesen. Otsuka weist für die Übernahme eine Gegenleistung von rund 76 Milliarden Yen aus. Rund 52 Milliarden davon, also etwa 69 Prozent, verbucht der Konzern als Geschäfts- oder Firmenwert und begründet ihn mit Synergien und künftiger Ertragskraft. Der grösste Teil des Preises bezahlt also das, was sich mit Araris noch bauen lässt.
Die Gründer und das Geld
Araris wurde am 31. Januar 2019 im Handelsregister eingetragen, gegründet von Philipp Spycher, Isabella Attinger-Toller und Dragan Grabulovski. Spycher hatte die Technik als Postdoc am Paul Scherrer Institut entwickelt. Das PSI gehört wie die ETH zum ETH-Bereich, und die Firma bezeichnet sich als Ausgründung beider Institutionen. Die ETH führt Araris in ihrem Ventures Report als eigenes Venture.
Das Kapital kam in drei Stufen. 2019 brachte eine erste Runde 2,5 Millionen Franken von Redalpine, Schroder Adveq und VI Partners. 2020 folgten 15,2 Millionen Franken unter Führung von Pureos Bioventures. 2022 kamen schliesslich 24 Millionen Dollar dazu, mit 4BIO Capital und Pureos an der Spitze. Damit hatte Araris rund 40 Millionen Dollar aufgenommen. 2023 beteiligte sich Samsung Ventures ohne genannten Betrag, und Innosuisse steuerte einen nicht rückzahlbaren Beitrag von 2,5 Millionen Franken bei. Die Vorauszahlung von Taiho entsprach rund dem Zehnfachen des eingesammelten Kapitals.
Im Vergleich
Grosse Konzerne haben seit Anfang 2024 mehrfach Milliarden für solche Techniken bezahlt. Johnson & Johnson übernahm im Januar 2024 Ambrx für rund zwei Milliarden Dollar, Genmab im April 2024 ProfoundBio für 1,8 Milliarden. Gilead zahlte im April 2026 für Tubulis 3,15 Milliarden Dollar im Voraus. Diese Firmen hatten Wirkstoffe in klinischen Studien, Araris hatte keinen. Wenn eine Firma ohne Studiendaten 400 Millionen Dollar im Voraus erzielt, zeigt das, wie hoch Käufer das Verbindungsstück allein bewerten.
Was in der Schweiz bleibt
Araris ist heute eine hundertprozentige Tochter von Taiho und arbeitet weiter an ihrem Standort in Au im Kanton Zürich. Die Geschäftsleitung ist laut Website unverändert: Grabulovski als Chef, Spycher als wissenschaftlicher Leiter, Attinger-Toller als technische Leiterin. Die Forschung bleibt am Zürichsee, das Eigentum und künftige Lizenzerträge liegen in Tokio.
Das Muster hat Leitgrad schon bei den Scale-ups beschrieben: Der Umsatz ist im Ausland, die Leute sind hier. Dazu passt, dass nur 13 Prozent des Wachstumskapitals für Schweizer Scale-ups aus der Schweiz kommen. Bei Araris kam am Ende auch der Käufer von aussen.
Methode
Alle Beträge nennen wir in Dollar, weil die Unternehmen sie so publiziert haben. Das Schema zeigt den Aufbau eines Antikörper-Wirkstoff-Konjugats vereinfacht; es ist keine massstäbliche Darstellung des Moleküls. Den Anteil des Geschäfts- oder Firmenwerts haben wir aus dem Konzernbericht von Otsuka für die ersten neun Monate 2025 berechnet (52,2 von 76,0 Milliarden Yen). Die Zahl der Mitarbeitenden beim Verkauf liess sich an keiner Primärquelle belegen.
Was im Themenvorschlag anders stand: Die Werte «bis zu CHF 1,1 Milliarden» und «CHF 320 Millionen sofort» stammen aus dem ETH Ventures Report 2025. Die ETH nennt keinen Wechselkurs, und die beiden Umrechnungen passen nicht zueinander: 320 Millionen Franken für 400 Millionen Dollar entsprechen einem Kurs von 0,80, 1,1 Milliarden Franken für 1,14 Milliarden Dollar einem Kurs von rund 0,96. Wir verwenden deshalb die Dollarbeträge der Unternehmen. Der 17. März 2025 ist das Datum der Ankündigung; abgeschlossen wurde die Übernahme am 31. März.
Quellen
- Taiho Pharmaceutical und Araris Biotech, gemeinsame Mitteilung vom 17. März 2025 globenewswire.com
- Paul Scherrer Institut zur Übernahme psi.ch
- ETH Zürich, ETH Ventures Report 2025, Tabelle «Exits» ethz.ch
- Otsuka Holdings, Konzernbericht erste neun Monate 2025, Angaben zur Übernahme (Abschluss 31. März 2025, Gegenleistung, Firmenwert)
- Araris Biotech, Mitteilungen zu Gründung und Finanzierungsrunden 2019 bis 2023; Finanzierungsrunde 2022 globenewswire.com
- Chugai, Lizenz für AraLinQ, 10. Februar 2026 chugai-pharm.co.jp
- Taiho und Fujifilm, Produktionspartnerschaft, 3. August 2026 taiho.co.jp
- Taiho Oncology zu ARC-02: Abschluss der FDA-Prüfung am 27. April 2026 und erster Patient am 23. Juni 2026 taihooncology.com · taihooncology.com
- Vergleichsdeals: Johnson & Johnson zu Ambrx, Genmab zu ProfoundBio, Gilead zu Tubulis jnj.com · globenewswire.com · gilead.com
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