Die Pflege geniesst Vertrauen, gesucht wird die Lehre im Büro. Illustration: Leitgrad
Schweizer vertrauen der Pflegerin. Ihre Kinder wollen ins Büro.
Feuerwehr, Pflege und Ärzte geniessen in der Schweiz das grösste Vertrauen. Jugendliche suchen aber vor allem eine KV-Lehre, ausgerechnet dort, wo KI die Einstiegsstellen schrumpfen lässt. Influencer sind dabei kaum das Problem.

Die Pflege geniesst Vertrauen, gesucht wird die Lehre im Büro. Illustration: Leitgrad
Kurz gesagt: Die Schweiz vertraut Feuerwehrleuten, Pflegefachpersonen und Ärzten am meisten. Das zeigt die jüngste repräsentative Umfrage dazu, durchgeführt von Ipsos im Auftrag von Moneyland. Schweizer Jugendliche suchen dagegen vor allem eine KV-Lehre: Jede sechste Suchanfrage auf der Lehrstellenplattform Yousty gilt dem Kaufmann oder der Kauffrau EFZ. Influencer als Berufsziel spielen in den Daten kaum eine Rolle. Die Lücke liegt woanders. Die Jungen drängen in Büroberufe, in denen es seit dem KI-Boom deutlich weniger Einstiegsstellen gibt. In der Pflege dagegen kann die Schweiz bis 2034 nur rund die Hälfte der nötigen Diplomierten selbst ausbilden.
Heute früh ging eine Rangliste durch die sozialen Netzwerke. Oben stehen Ärzte, Forschende und Lehrer. Unten stehen Influencer und Politiker. Das Marktforschungsinstitut Ipsos hat dafür 23 537 Menschen in 31 Ländern gefragt, welchen Berufen sie trauen. Das Portal Visual Capitalist hat daraus die Grafik gemacht, die jetzt geteilt wird.
Die Schweiz fehlt in der Liste.
Wer wissen will, wem die Schweiz vertraut, muss vier Jahre zurückblättern. Und wer daneben legt, was Schweizer Jugendliche werden wollen, findet eine Lücke. Sie liegt nicht dort, wo man sie vermutet.

Wem die Schweiz vertraut
Im April 2022 befragte Ipsos im Auftrag des Vergleichsdienstes Moneyland 1500 Personen aus der Deutsch- und der Westschweiz. Neuere repräsentative Zahlen zum Vertrauen in einzelne Berufe haben wir für die Schweiz nicht gefunden. Ganz oben stehen die Feuerwehrleute: 74 Prozent haben grosses bis sehr grosses Vertrauen in sie. Dahinter folgen Pflegefachpersonen mit 66 Prozent, Ärzte mit 64 und Piloten mit 63 Prozent.
Ganz unten stehen Schweizer Politiker mit 14 Prozent, Fussballspieler mit 12 und Werbeleute mit 10 Prozent. Journalisten kommen auf 22 Prozent, Programmierer auf 29.
Das Muster ist leicht zu lesen. Vertraut wird, wer im Ernstfall da ist und dessen Arbeit man sieht. Wenn es brennt, kommt die Feuerwehr. Wer im Spital liegt, ist auf die Pflege angewiesen.
Die Jungen sehen das kaum anders. Bei den 18- bis 25-Jährigen haben 59 Prozent grosses Vertrauen in Pflegefachpersonen und 65 Prozent in Ärzte. Auch weltweit zeigt Ipsos 2026 dasselbe Bild: Gesundheitsberufe vorn, Politik und Influencer hinten.

Was die Jugend werden will
Die naheliegende Vermutung lautet: Wer den ganzen Tag Streamern folgt, will Streamer werden. Die Schweizer Daten stützen das nicht.
63 Prozent der Jugendlichen vor der Berufswahl ziehen eine Berufslehre in Betracht. Das zeigt das Nahtstellenbarometer des Bundes vom April 2026. Welche Lehre sie suchen, zeigt die Plattform Yousty. Von 6,5 Millionen Suchanfragen in der Deutschschweiz galten 1,1 Millionen dem Kaufmann oder der Kauffrau EFZ. Das ist jede sechste. Auf Platz zwei folgt Informatiker, auf Platz drei Detailhandelsfachmann.
Gesundheit und Betreuung sind durchaus gefragt. Fachmann Betreuung steht auf Platz vier, Medizinische Praxisassistentin auf Platz fünf, Fachmann Gesundheit auf Platz acht. An das KV kommt keiner dieser Berufe heran.
Und die Influencer? Im Jugendbarometer, das gfs.bern im April 2026 für Merck veröffentlicht hat, gelten Stars und Influencer bei den meisten 16- bis 30-Jährigen als «out». Ihre Inhalte haben über die Jahre deutlich an Bedeutung verloren. Wichtiger sind den Jungen ein guter Chef (89 Prozent), ein guter Lohn (87 Prozent) und sinnvolle Aufgaben (86 Prozent).

Warum das Büro lockt
Das KV ist die Lehre mit den meisten Türen. Seit der Reform von 2023 ist sie stärker auf die digitale Arbeitswelt ausgerichtet. Chantal Donzé, Präsidentin des Schweizerischen Verbands der Lehrerinnen und Lehrer an kaufmännischen Berufsschulen, sagte dem «Blick», die KV-Lehre habe durch die Digitalisierung wieder an Attraktivität gewonnen.
Dazu kommt der Druck, früh zu entscheiden. 65 Prozent der Befragten im Nahtstellenbarometer finden, man müsse sich in der Schweiz sehr früh für einen Beruf festlegen, und das schränke ein. Wer mit 14 noch nicht weiss, was er will, wählt das Breite.
Bleibt die Frage nach den Vorbildern. Die meisten Lieblingsinfluencer Schweizer Jugendlicher haben über eine Million Follower, sie sind meist Männer zwischen 25 und 30. Das zeigte die JAMES-Studie der ZHAW. «Die Person hinter einem Account ist für die Kinder wichtiger als das Thema», sagt Michael In Albon von Swisscom, die die Studie mitträgt. Werden wollen die meisten Jugendlichen nicht wie sie. Aber sie sehen sie jeden Tag. Ein Beruf, den niemand zeigt, hat es schwer, zum Vorbild zu werden.
Auch beim Vertrauen in Informationen verschiebt sich etwas. Im World Internet Project der Universität Zürich bewerten 14- bis 19-Jährige KI-generierte Inhalte fast so vertrauenswürdig wie Kaufzeitungen: 3,2 gegenüber 3,3 Punkten auf einer Skala bis 5. 67 Prozent der 16- bis 30-Jährigen nutzen KI regelmässig, zeigt das Jugendbarometer. Für die Bürolehre ist das eine doppelte Nachricht. Die nächste Generation arbeitet selbstverständlich mit KI. Und KI übernimmt genau die Aufgaben, mit denen Einsteiger bisher ihr Handwerk lernten.

Wo die KI zuerst zugreift
Ausgerechnet im Büro. Jobcloud, die Betreiberin von jobs.ch, hat 7,3 Millionen Stelleninserate aus den Jahren 2019 bis 2025 ausgewertet. 2025 lag der Anteil der Einstiegsstellen 32 Prozent unter dem Schnitt der Jahre 2019 bis 2022. Stärker als anderswo ging er in Berufen zurück, deren Aufgaben KI gut übernehmen kann: Administration und Personal, Banken und Finanzen, Marketing, Einkauf, Verkauf und Informatik. Das Ende ihres Berufs ist das nicht. Für Programmierer etwa liegt die beste Antwort auf die KI im Handwerk.
Die Jungen spüren das. In der Umfrage von Jobcloud sorgen sich 41 Prozent der unter 25-Jährigen, beruflich an Bedeutung zu verlieren oder teilweise durch KI ersetzt zu werden. Die Umfrage ist nicht repräsentativ. Die Richtung bestätigt aber Pro Juventute: Ein Drittel der 14- bis 25-Jährigen sorgt sich um die beruflichen Aussichten. 2024 war es noch ein Viertel.

Der Fachkräftemangel-Index der Universität Zürich zeigt dieselbe Verschiebung von der anderen Seite. 2025 fehlten nur noch in 4 von 32 Berufsgruppen Fachkräfte. Ganz oben stehen die Gesundheitsberufe, dahinter Bau- und Produktionsleitung, Technik und Elektro. Büro- und kaufmännische Berufe fielen von Rang 21 auf Rang 28. Dort gibt es inzwischen mehr Fachkräfte, als gesucht werden.
Auf dem Lehrstellenmarkt ist davon noch wenig zu sehen. Das Angebot an KV-Lehrstellen ist bisher nicht eingebrochen. Jugendliche orientierten sich an den offenen Lehrstellen, sagte der Berner Bildungsökonom Stefan C. Wolter dem «Blick», solange sich bei den Unternehmen nichts ändere. Patrick Leisibach von Avenir Suisse sagte dort: «Aktuell ist der Druck, dass ein Beruf in Gefahr ist, in vielen Bereichen noch nicht angekommen.»

Wo der Schweiz die Hände fehlen
In der Pflege. Bis 2034 wird rund ein Drittel des Personals von 2024 aus Spitälern, Heimen und Spitex ausgeschieden sein. Das rechnet das Gesundheitsobservatorium Obsan in seinem Bericht vom September 2026 vor. Gleichzeitig wächst der Bedarf, im mittleren Szenario um 22 Prozent.
Bei den Lehrberufen geht die Rechnung weitgehend auf. Fachpersonen Gesundheit und Betreuung bildet die Schweiz in ausreichender Zahl aus, Obsan schätzt die Deckung auf 66 bis 101 Prozent. Eng wird es eine Stufe höher. Von den diplomierten Pflegefachpersonen mit Abschluss einer höheren Fachschule oder Fachhochschule kann die Schweiz bis 2034 nur 40 bis 55 Prozent selbst ausbilden. Der Rest fehlt oder muss aus dem Ausland kommen.

Das ist die eigentliche Lücke. Die Schweiz vertraut der Pflegefachfrau mehr als fast jedem anderen Beruf. Viele Jugendliche beginnen eine Lehre im Gesundheitswesen. Doch zu wenige werden am Ende Pflegefachfrau oder Pflegefachmann.

Was Unternehmen daraus machen können
Für Lehrbetriebe und Arbeitgeber folgen daraus drei Aufgaben.
KV-Stellen neu zuschneiden. Wenn KI Protokolle, Zusammenfassungen und einfache Auswertungen übernimmt, braucht es Lernende für das, was bleibt: das Gespräch mit Kunden, die Abklärung im Einzelfall, die Verantwortung für einen ganzen Ablauf. Wer diese Aufgaben früh in die Ausbildung holt, bildet Leute aus, die der Markt auch in fünf Jahren noch sucht. Warum die Lehre dabei sogar zum Vorsprung werden kann, haben wir am Beispiel der Informatik beschrieben.
Berufe sichtbar machen. Jugendliche wählen, was sie kennen. Wer Lernende sucht, sollte seine Berufsleute zeigen: im Betrieb, an Schulen, in den Kanälen, auf denen Jugendliche unterwegs sind. Ein fester Termin dafür ist der Nationale Zukunftstag am 12. November.
Mit Vertrauen werben. In Gesundheit, Bau, Technik und Elektro fehlen Fachkräfte. Diese Berufe geniessen hohes Vertrauen, und Fachleute halten sie für schwerer automatisierbar als Büroarbeit. In der Berufswahl ist dieses Argument bisher zu leise.
Zum Mitnehmen
- Vertraut wird der Pflege. 66 Prozent der Schweizer haben grosses Vertrauen in Pflegefachpersonen, nur der Feuerwehr vertrauen mehr.
- Gesucht wird das Büro. Jede sechste Suche nach einer Lehrstelle gilt dem KV. Influencer als Berufsziel sind in den Schweizer Daten kaum ein Thema.
- Die Lücke ist eine KI-Frage. Einstiegsstellen in KI-nahen Büroberufen sind um ein Drittel seltener geworden. In der diplomierten Pflege kann die Schweiz bis 2034 nur rund die Hälfte des Nachwuchses selbst ausbilden.
Zur Datenlage: Eine aktuelle, repräsentative Schweizer Rangliste zum Vertrauen in Berufe gibt es nicht. Die Schweizer Werte stammen aus der Umfrage von Ipsos für Moneyland vom April 2022, die Berufswünsche aus den Suchanfragen auf Yousty vom 1. August 2024 bis 31. März 2025.
Häufige Fragen
Welchen Berufen vertrauen Schweizer am meisten?
Feuerwehrleuten (74 Prozent grosses bis sehr grosses Vertrauen), Pflegefachpersonen (66 Prozent), Ärzten (64 Prozent), Piloten (63 Prozent) und Apothekern (61 Prozent). Am wenigsten vertrauen sie Werbeleuten (10 Prozent), Fussballspielern (12 Prozent) und Schweizer Politikern (14 Prozent). Das zeigt eine repräsentative Umfrage von Ipsos für Moneyland unter 1500 Personen vom April 2022.
Welche Lehre ist in der Schweiz am beliebtesten?
Kaufmann oder Kauffrau EFZ. Auf der Plattform Yousty galten 1,1 von 6,5 Millionen Suchanfragen in der Deutschschweiz dieser Lehre. Es folgen Informatiker, Detailhandelsfachmann, Fachmann Betreuung und Medizinische Praxisassistentin.
Wollen Schweizer Jugendliche Influencer werden?
Die Daten sprechen kaum dafür. 63 Prozent der Jugendlichen vor der Berufswahl ziehen eine Berufslehre in Betracht. Im Jugendbarometer 2025 gelten Stars und Influencer bei den meisten 16- bis 30-Jährigen als «out».
Welche Berufe trifft KI in der Schweiz zuerst?
Laut dem KI-Report von jobs.ch vor allem Administration und Personal, Banken und Finanzen, Marketing, Einkauf, Verkauf und Informatik. 2025 lag der Anteil der Einstiegsstellen 32 Prozent unter dem Schnitt der Jahre 2019 bis 2022.
Ist die Schweiz im Ipsos Global Trustworthiness Index enthalten?
Nein. Die Ausgabe 2026 umfasst 31 Länder, darunter Deutschland, Frankreich und Italien, aber nicht die Schweiz.
Quellen
- Ipsos, «Ipsos Global Trustworthiness Index 2026», 17. September 2026, 23 537 Befragte in 31 Ländern, 19. Juni bis 3. Juli 2026 ipsos.com
- Sofie Gilbert, Visual Capitalist, «Ranked: The Most and Least Trusted Professions in 2026», 26. Oktober 2026 visualcapitalist.com
- Moneyland, «Studie: Schweizer vertrauen Feuerwehrleuten am meisten», 31. Mai 2022, Umfrage von Ipsos unter 1500 Personen moneyland.ch Tabellen
- Yousty, «Die beliebtesten Lehrberufe 2025», Medienmitteilung vom 28. April 2025 yousty.ch
- gfs.bern im Auftrag des SBFI, «Nahtstellenbarometer April 2026», 11. Juni 2026 gfsbern.ch
- gfs.bern, «Merck Jugendbarometer 2025», Schlussbericht, April 2026, 1009 Befragte zwischen 16 und 30 gfsbern.ch
- ZHAW und Swisscom, «Jugendliche in der Schweiz sind fasziniert von Mega-Influencer:innen», JAMESfocus, 27. April 2023 zhaw.ch
- Universität Zürich, IKMZ, «Vertrauen und Sorgen», World Internet Project Switzerland 2025, November 2025 mediachange.ch
- Jobcloud, «jobs.ch KI-Report», Juni 2026 jobcloud.ch
- Pro Juventute, «Zweite Pro Juventute Jugendstudie», 16. März 2026 projuventute.ch
- Stellenmarkt-Monitor Schweiz, Universität Zürich, «Fachkräftemangel-Index Schweiz 2025», 27. November 2025 uzh.ch
- Obsan, «Nachwuchsbedarf und -angebot an Pflege- und Betreuungspersonal», Bericht 05/2026 obsan.admin.ch
- Moritz Meister, Blick, «Trotz KI-Ängsten bei Berufswahl: Warum Lehrlinge Ausbildungen stürmen, die stark bedroht sind», 10. August 2026 blick.ch
- Travail.Suisse, «Berufseinstieg im KI-Zeitalter: Chancen für junge Menschen sichern», 9. Oktober 2026 travailsuisse.ch
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