Challenger · 7 min ·

Haarausfall wird zum Abo. In der Schweiz stehen drei Paragrafen dazwischen.

Fragebogen, Foto, Algorithmus und alle zwei Monate ein Paket: In den USA ist Haarausfall ein Abo-Geschäft, das über Monate bindet. In der Schweiz bremst das Heilmittelgesetz die Kopie, sobald Arzneimittel im Spiel sind. Die Nachfrage zeigt sich trotzdem, beim Zoll.

Illustration auf dunklem Grund: ein Kamm, umschlossen von einem Kreispfeil, daneben ein Paket mit Kalenderblatt «2 Monate». Text: Das Haar wächst langsam. Das Abo nicht.

Kurz gesagt: In den USA ist Haarausfall ein Abo-Geschäft. Fragebogen, Foto vom Kopf, ein Plan per Algorithmus, alle zwei Monate ein Paket. Das Modell lebt davon, dass Haare langsam wachsen: Wer Ergebnisse sehen will, muss Monate dabeibleiben. In der Schweiz bremsen drei Regeln des Heilmittelgesetzes die Kopie, sobald Arzneimittel im Spiel sind: Verschreiben nur bei bekanntem Gesundheitszustand, keine Publikumswerbung für rezeptpflichtige Mittel, Versand nur mit Rezept. Gleichzeitig zeigt der Zoll, wie gross die Nachfrage ist: 2025 betraf rund jede fünfte beschlagnahmte illegale Arzneimittelsendung ein Mittel gegen Haarausfall.

Haare wachsen etwa einen Zentimeter im Monat. Für die meisten Branchen wäre das ein Problem. Für ein Abo ist es das beste Argument. Wer heute anfängt, sieht frühestens in einigen Monaten, ob es etwas bringt. Bis dahin bezahlt er.

Auf diesem Prinzip haben amerikanische Firmen ein Geschäft gebaut, das von der Kamera im Handy bis zur Packstation reicht. Exploding Topics zählt die Marke MDhair zu den stark wachsenden Trends. Den Markt für Mittel gegen dünnes Haar schätzt der Dienst auf mehr als 1,5 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr und auf bis zu 2,8 Milliarden bis 2030.

Ablaufgrafik auf Papier in fünf Schritten: Fragebogen, Foto von Kopfhaut und Haar, Plan per Algorithmus, Probe-Abo ab 49 Dollar für einen Monat, danach Lieferung und Abrechnung alle zwei Monate bis zur Kündigung. Darunter: Die Firma empfiehlt mindestens drei Monate, neues Wachstum zeige sich laut Firma nach drei bis vier Monaten.
So funktioniert das Abo von MDhair, laut Website und Abo-Bedingungen der Firma. Quelle: MDhair, abgerufen 27.10.2026. Grafik: Leitgrad

So funktioniert das Abo

MDhair gehört zu MDalgorithms, einem Start-up, das 2017 durch das Programm von Y Combinator ging. Der Ablauf ist simpel. Die Kundin beantwortet einen Fragebogen zu Haarverlust und Gesundheit und lädt Fotos von Kopfhaut und Haar hoch. Ein Algorithmus wertet beides aus und stellt einen Plan zusammen: Serum, Shampoo, Nahrungsergänzung.

Laut Website beginnt das Probe-Abo bei 49 Dollar, feste Sets kosten zwischen 66 und 156 Dollar. Nach dem ersten Monat geht das Konto in einen Plan über, der alle zwei Monate liefert und abrechnet, bis die Kundin kündigt. Die Firma empfiehlt, mindestens drei Monate dabeizubleiben, weil sich neues Wachstum laut Firma erst nach drei bis vier Monaten zeige. Mehr als eine Million Kundinnen und Kunden will MDhair bedient haben. In die Schweiz liefert die Marke nicht, die Schweiz fehlt auf der Länderliste.

Wie gut das wirkt, ist offen. Die einzige Studie zu MDhair, die wir gefunden haben, begleitete 38 Frauen über sechs Monate, 27 blieben bis zum Ende. Eine Kontrollgruppe gab es nicht, zwei der vier Autoren arbeiten für die Firma. Die Studie erschien 2025 im «Journal of Drugs in Dermatology».

Warum das Modell so gut bindet

Das Abo verkauft nicht nur Produkte, sondern Geduld. Drei Dinge halten die Kundschaft: Der Plan gilt als persönlich, also fühlt sich ein Wechsel wie ein Neustart an. Das Foto macht Fortschritt sichtbar, also wird jede Zwischenaufnahme zum Grund, weiterzumachen. Und die Lieferung kommt automatisch, also muss man aktiv kündigen, um aufzuhören.

Wie gross das Geschäft werden kann, zeigt die amerikanische Telemedizin-Plattform Hims & Hers. Sie verbindet Patientinnen und Patienten mit Ärztinnen und Ärzten, die bei Bedarf Medikamente verschreiben, unter anderem gegen Haarausfall. Ende Juni zählte die Firma 2,89 Millionen Abonnenten, 19 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Im zweiten Quartal setzte sie 753 Millionen Dollar um, pro Abonnent und Monat im Schnitt 92 Dollar.

Drei Regeln, die in der Schweiz bremsen

Bei Kosmetik und Nahrungsergänzung ist das Abo auch in der Schweiz kein Problem. Heikel wird es, sobald Arzneimittel ins Paket kommen. Dann greift das Heilmittelgesetz an drei Stellen.

Verschreiben setzt Kenntnis voraus. Ein Arzneimittel darf nur verschrieben werden, wenn der Gesundheitszustand der Patientin oder des Patienten bekannt ist (Art. 26 HMG). Wie weit ein Fragebogen mit Foto dafür genügt, müssen Ärztin und Aufsicht im Einzelfall beurteilen.

Keine Werbung für Rezeptpflichtiges. Publikumswerbung für Arzneimittel, die nur auf ärztliche Verschreibung abgegeben werden dürfen, ist unzulässig (Art. 32 HMG). Das amerikanische Marketing, das einen Wirkstoff direkt verkauft, lässt sich hier nicht kopieren.

Versand nur mit Rezept. Der Versandhandel mit Arzneimitteln ist grundsätzlich verboten. Eine kantonale Bewilligung gibt es nur, wenn für das betreffende Mittel eine ärztliche Verschreibung vorliegt, auch für nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel (Art. 27 HMG).

Bei der dritten Regel bewegt sich etwas. Der Bundesrat hat am 19. Juni 2026 eine Revision des Heilmittelgesetzes in die Vernehmlassung geschickt. Nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel der Abgabekategorie D sollen künftig ohne Rezept verschickt werden dürfen, eine kantonale Bewilligung bleibt nötig. Die Vernehmlassung lief bis 16. Oktober.

Balkengrafik auf Anthrazit: Anteil der Mittel gegen Haarausfall an den beschlagnahmten illegalen Arzneimittelsendungen in der Schweiz, 2023 2 Prozent, 2024 4 Prozent, 2025 19 Prozent. Insgesamt 6647 illegale Importe 2025. Nur Potenzmittel waren mit 41 Prozent häufiger.
Anteil der Mittel gegen Haarausfall an den beschlagnahmten illegalen Arzneimittelsendungen. Quelle: Swissmedic, Illegale Arzneimittelimporte 2025, 16.2.2026. Grafik: Leitgrad

Die Nachfrage sucht sich ihren Weg

Dass Schweizerinnen und Schweizer solche Mittel wollen, zeigt die Statistik von Swissmedic. 2025 bearbeiteten die Behörden 6647 illegale Arzneimittelimporte. Mittel gegen Haarausfall machten rund 19 Prozent der beschlagnahmten Sendungen aus. 2024 waren es 4 Prozent, 2023 erst 2 Prozent. Nur Potenzmittel waren häufiger.

Wer im Ausland bestellt, umgeht die Beratung und riskiert gefälschte oder falsch dosierte Ware. Für Schweizer Anbieter heisst das: Die Kundschaft ist da, sie landet nur oft am falschen Ort. Was die verschiedenen Mittel tatsächlich leisten und wo die Evidenz endet, hat unser Schwestermagazin Vitage im Detail aufgeschlüsselt.

Was Schweizer Anbieter daraus machen können

Das Abo ohne Arzneimittel ist erlaubt. Kosmetik, Shampoo und Nahrungsergänzung lassen sich auch hier im Abo verkaufen, mit Fragebogen, Foto und Erinnerung. Heilversprechen bleiben trotzdem tabu.

Die Beratung ist der Wettbewerbsvorteil. Apotheken, Drogerien und Dermatologie-Praxen haben, was ein Algorithmus nicht hat: den persönlichen Kontakt, der für eine Verschreibung nötig ist. Wer diesen Kontakt digital begleitet, mit Fotodokumentation und regelmässiger Nachkontrolle, baut die Bindung des Abos legal nach.

Die Revision im Auge behalten. Wird der Versand für Kategorie D freigegeben, öffnet sich für Apotheken und Drogerien ein neuer Kanal. Wer Logistik und Qualitätssicherung schon heute aufbaut, ist dann schneller.

Wie der Markt für Langlebigkeit und Gesundheit in der Schweiz sonst funktioniert, zeigt unsere Machtkarte der Longevity-Kliniken. Wo Kosmetik aufhört und Arzneimittel anfangen, haben wir am Beispiel Exosomen-Facial erklärt.

Zum Mitnehmen

  1. Das Abo verkauft Geduld. Weil Haare langsam wachsen, bindet das Modell über Monate. Foto und persönlicher Plan halten die Kundschaft.
  2. Arzneimittel sind die Grenze. Verschreiben nur bei bekanntem Gesundheitszustand, keine Publikumswerbung für Rezeptpflichtiges, Versand nur mit Rezept.
  3. Die Nachfrage ist da. 2025 betraf rund jede fünfte beschlagnahmte illegale Arzneimittelsendung ein Mittel gegen Haarausfall.

Dieser Artikel ist keine medizinische Beratung und keine Rechtsberatung. Bei Haarausfall hilft eine ärztliche Abklärung. Transparenz: Leitgrad setzt in der Redaktion unter anderem Claude von Anthropic ein.

Häufige Fragen

Wie funktionieren Haarausfall-Abos mit KI?

Kundinnen und Kunden füllen einen Fragebogen aus und laden Fotos von Kopfhaut und Haar hoch. Ein Algorithmus stellt daraus einen Plan aus Produkten zusammen, die regelmässig geliefert werden. Bei MDhair wird nach dem ersten Monat alle zwei Monate geliefert und abgerechnet.

Darf man in der Schweiz Mittel gegen Haarausfall online bestellen?

Kosmetik und Nahrungsergänzung ja. Für Arzneimittel ist der Versandhandel grundsätzlich verboten, eine kantonale Bewilligung setzt eine ärztliche Verschreibung voraus, auch bei nicht verschreibungspflichtigen Mitteln (Art. 27 HMG). Die geplante Revision soll den Versand von Kategorie-D-Arzneimitteln ohne Rezept erlauben.

Darf eine Telemedizin-Plattform in der Schweiz Mittel gegen Haarausfall bewerben?

Für verschreibungspflichtige Arzneimittel ist Publikumswerbung unzulässig (Art. 32 HMG). Wer über ärztliche Beratung und Abklärung informiert, ohne ein bestimmtes rezeptpflichtiges Mittel anzupreisen, bewegt sich auf sichererem Boden. Im Zweifel lohnt eine rechtliche Prüfung.

Wie viele illegale Haarausfall-Mittel stoppt der Zoll?

2025 bearbeiteten die Behörden laut Swissmedic 6647 illegale Arzneimittelimporte. Rund 19 Prozent der beschlagnahmten Sendungen betrafen Mittel gegen Haarausfall, nach 4 Prozent 2024 und 2 Prozent 2023.

Quellen

  1. Swissmedic, «Illegale Arzneimittelimporte 2025», 16. Februar 2026 swissmedic.ch
  2. Heilmittelgesetz (HMG), SR 812.21, Art. 26, 27 und 32 fedlex.admin.ch
  3. Bundesrat, «Revision des Heilmittelgesetzes: Bundesrat will Arzneimittelversorgung stärken», 19. Juni 2026 admin.ch
  4. Bundesamt für Gesundheit, «Teilrevision Heilmittelgesetz (3b)» bag.admin.ch
  5. MDhair, Produkt- und Preisübersicht sowie Abo-Bedingungen und Lieferländer, abgerufen 27. Oktober 2026 mdhair.co Abo-Bedingungen Lieferländer
  6. Y Combinator, Firmenprofil MDalgorithms (W17) ycombinator.com
  7. Bhardwaj, Rodgers, Harth, Harth, «Artificial Intelligence-Based Personalization of Treatment Regimen for Hair Loss: A 6-Month Clinical Trial», J Drugs Dermatol 24(3), 2025 jddonline.com
  8. Hims & Hers Health, Ergebnisse zweites Quartal 2026 (Form 8-K) und Quartalsbericht (Form 10-Q) sec.gov
  9. Exploding Topics, Newsletter vom 27. Oktober 2026, «MDHair» und «Thin Hair Solutions»

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