China · 6 min ·

Chinas KI-Blase soll geplatzt sein. Geplatzt ist ein kurzer Rausch.

Reuters und viele Medien melden: In China ist die KI-Blase geplatzt, 480 Milliarden Dollar sind weg. Die Zahlen stimmen, messen aber vom Gipfel. Seit Neujahr liegt der Technologieindex STAR50 knapp 7 Prozent tiefer, und billig ist er noch immer nicht. Ein Faktencheck.

Illustration auf dunklem Grund: Eine weisse Kurslinie steigt steil an, auf dem Gipfel platzt ein kleiner goldener Ballon, danach fällt die Linie zurück knapp unter eine gestrichelte Linie mit der Aufschrift Neujahr. Text: Geplatzt? Nur der Rausch.

Kurz gesagt: Ist die KI-Blase in China geplatzt? Geplatzt ist vor allem ein Kursrausch. Der Technologieindex STAR50 hat seit seinem Höchststand Ende Juni gut 43 Prozent verloren. Davor war er seit Neujahr um 64 Prozent gestiegen. Am 27. Oktober schloss er bei 1252 Punkten, knapp 7 Prozent unter dem Stand vom Jahresanfang und gut ein Viertel über Ende 2024. Die rund 480 Milliarden Dollar, die laut Reuters «vernichtet» wurden, entsprechen, am Index gemessen, zum grossen Teil Kursgewinnen aus diesem Jahr. Einen Einbruch der Geschäfte belegen die Berichte bisher nicht. Der Fondsanbieter Huaxia sieht vor allem eine Korrektur der Bewertungen.

«In China, the AI bubble has already burst», titelte die Nachrichtenagentur Reuters am Montag, 26. Oktober. Am Dienstag zogen deutschsprachige Medien nach, von der «Berliner Zeitung» bis zu cash.ch. Die Botschaft: rund 480 Milliarden Dollar weg, und der Westen könnte als Nächster dran sein.

Die Zahlen in diesen Meldungen stimmen. Aber sie messen nur ein Stück der Strecke. Wer die ganze Strecke anschaut, sieht ein anderes Bild.

Was behauptet wird

Laut Reuters fiel der STAR50, der Index der 50 grössten Werte am STAR Market, dem Technologiesegment der Shanghaier Börse, in weniger als vier Monaten um rund 40 Prozent. Das war der Stand vom 26. Oktober. Nach einem weiteren Minus von 4,8 Prozent am 27. Oktober sind es gut 43 Prozent. Dabei gingen etwa 480 Milliarden Dollar Börsenwert verloren. Der breite Leitindex CSI 300 fiel laut Reuters am 22. Oktober mehr als 20 Prozent unter sein Hoch vom Juni und damit in einen Bärenmarkt.

Einzelne Werte brachen stärker ein. Der Roboterhersteller Unitree, beim Börsengang im August 8000-fach überzeichnet, hat sich seither ungefähr halbiert. Die Hersteller optischer Bauteile Zhongji Innolight und Eoptolink verloren rund 60 Prozent, auch weil Washington erwägt, sie von der Belieferung von US-Rechenzentren auszuschliessen. Reuters stützt die Diagnose im Text auf chinesische Fondsmanager. Der Pekinger Fondsmanager Dong Baozhen sprach von einem spekulativen Bullenmarkt, dessen Blase nun platze.

Was die Zahlen zeigen

Gemessen wird vom Gipfel. Der STAR50 startete 2026 bei 1344 Punkten und stieg bis zum 30. Juni auf 2208 Punkte, einen Rekord, ein Plus von 64 Prozent in rund sechs Monaten. Am 27. Oktober schloss er bei 1252 Punkten. Das sind gut 43 Prozent unter dem Hoch, aber nur knapp 7 Prozent unter dem Jahresanfang. Ende 2024 stand der Index bei rund 989 Punkten. Heute liegt er noch gut ein Viertel darüber.

Säulengrafik auf Papier: Technologieindex STAR50 der Börse Shanghai in Punkten. Ende 2024 rund 989, Neujahr 2026 1344, Hoch im Sommer 2208, 27. Oktober 2026 1252. Minus 43 Prozent seit dem Hoch, minus 7 Prozent seit Neujahr, plus 27 Prozent seit Ende 2024.
Die Meldungen messen vom Gipfel. Über das ganze Jahr ist der STAR50 knapp 7 Prozent tiefer. Quellen: The Paper, 31.12.2025; Eastmoney, 19.10.2026; Cnfin, 30.6.2026 (Hoch); Sina Finance, 27.10.2026; Veränderungen eigene Rechnung. Grafik: Leitgrad

Verloren gingen vor allem Gewinne aus diesem Jahr. Der Betrag beschreibt, wie viel Börsenwert seit dem Hoch verschwunden ist. Gemessen am Index hatten die Kurse den grössten Teil davon erst in diesem Jahr hinzugewonnen. Wer im Januar eingestiegen ist, liegt knapp 7 Prozent im Minus. Wer am Hoch gekauft hat, verliert über 40 Prozent. Laut Reuters sind an einer von Kleinanlegern dominierten Börse nur wenige ohne Verluste davongekommen.

Teuer ist der Index immer noch. Der STAR50 wird laut Reuters noch zum rund 100-Fachen der Gewinne der letzten zwölf Monate gehandelt. Der Nasdaq 100 kommt auf etwa das 30-Fache. Wer an eine Blase glaubt, muss deshalb eher sagen: Sie hat Luft verloren, leer ist sie nicht.

Balkengrafik auf Anthrazit: Kurs-Gewinn-Verhältnis der letzten zwölf Monate. STAR50 rund 100-fach, Nasdaq 100 etwa 30-fach.
Auch nach dem Kurssturz ist der STAR50 gut dreimal so hoch bewertet wie der Nasdaq 100. Quelle: Reuters, 26.10.2026. Grafik: Leitgrad

Gefallen sind vor allem die Bewertungen. Der chinesische Vermögensverwalter Huaxia Fund sagte laut einem Bericht auf Eastmoney vom 19. Oktober, die Gewinne der Technologiefirmen hätten sich nicht verschlechtert. Gesunken seien vor allem die Bewertungen, weil Anleger weniger Risiko eingehen. Als Gründe nennt Reuters Zweifel an der Nachfrage nach KI, Exportbeschränkungen, hohe Bewertungen, fällige Steuern und drohende Verbote chinesischer Technik in Rechenzentren der USA und anderer Länder. Einen einzelnen Auslöser gab es nicht. Dass die Nachfrage nach Halbleitertechnik in China nicht eingebrochen ist, deutet ein Schweizer Beispiel vom selben Tag an: Der Vakuumspezialist Inficon aus Bad Ragaz meldete am 27. Oktober für das dritte Quartal in China ein Umsatzplus von 71,7 Prozent.

Was das für Schweizer Firmen heisst

Zulieferer: Für Maschinen-, Sensor- und Halbleiterzulieferer zählen Bestellungen, nicht Aktienkurse. Das grössere Risiko liegt in der Politik. Wenn die USA chinesische Technik aus ihren Rechenzentren verbannen, kann das auch Lieferketten treffen, in denen Schweizer Teile stecken.

Anleger in KI-Fonds: Laut Goldman Sachs machen KI-Werte 42 Prozent des Börsenwerts chinesischer A- und H-Aktien aus und 57 Prozent des Handels. Für Halter von Schwellenländer- oder KI-Fonds ist entscheidend, wie gross der China-Anteil ist und wie stark die Schwankungen ausfallen können.

KI-Projekte im eigenen Haus: Ein Kurssturz an der Börse macht kein KI-Werkzeug schlechter. Der Shanghaier Fondsmanager Wang Zhuo erwartet in der Branche einen Preiskampf wie in anderen chinesischen Industrien. Für Anwender könnte das günstigere Modelle und Rechenleistung bedeuten.

Zum Mitnehmen

  1. Vom Gipfel gemessen. Minus 43 Prozent seit dem Hoch Ende Juni, minus 7 Prozent seit Neujahr, plus gut ein Viertel seit Ende 2024.
  2. Noch immer teuer. Rund das 100-Fache der Gewinne, gut dreimal so viel wie der Nasdaq 100.
  3. Bewertungen gefallen. Ein Einbruch der Geschäfte ist bisher nicht belegt. Inficon meldet in China ein Umsatzplus von 71,7 Prozent.

Dieser Artikel ist keine Anlageberatung. Indexstände: Schlusskurse laut Shanghaier Börse, berichtet von The Paper, Eastmoney und Sina Finance; Veränderungen eigene Rechnung, Stand Ende 2024 aus Jahresschluss 2025 und Jahresplus zurückgerechnet. Höchststand am 30. Juni laut Cnfin/Xinhua. Transparenz: Leitgrad setzt in der Redaktion unter anderem Claude von Anthropic ein.

Häufige Fragen

Ist die KI-Blase in China geplatzt?

Geplatzt ist vor allem der Kursrausch von 2026. Der Technologieindex STAR50 hat seit seinem Hoch Ende Juni gut 43 Prozent verloren, liegt aber nur knapp 7 Prozent unter dem Stand von Neujahr und gut ein Viertel über Ende 2024. Mit rund dem 100-Fachen der Gewinne ist er weiter hoch bewertet.

Wie viel Geld wurde an Chinas Börse vernichtet?

Reuters beziffert den Verlust an Börsenwert seit dem Hoch auf rund 480 Milliarden Dollar. Gemessen am Index entsprach der grösste Teil davon Kursgewinnen, die erst 2026 entstanden waren.

Was ist der STAR50?

Der STAR50 umfasst die 50 grössten Firmen des STAR Market, des Technologiesegments der Börse Shanghai. Reuters beschreibt ihn als Index der führenden KI- und Halbleiterwerte. Nach der Anpassung vom September kamen die Werte laut Ankündigung der Shanghaier Börse vom 1. September zusammen auf einen Börsenwert von rund 5,9 Billionen Yuan.

Droht auch an der US-Börse ein KI-Crash?

Das lässt sich aus China nicht ablesen. Der Nasdaq lag laut Reuters am 26. Oktober rund 6 Prozent unter seinem Rekord. Der Nasdaq 100 ist mit etwa dem 30-Fachen der Gewinne deutlich tiefer bewertet als der STAR50.

Quellen

  1. Tom Westbrook, Reuters, «Analysis: In China, the AI bubble has already burst», 26. Oktober 2026 Reuters via WHTC
  2. Reuters via cash.ch, «In China ist die KI-Blase schon geplatzt», 27. Oktober 2026 cash.ch
  3. Sina Finance, Börsenbericht vom 27. Oktober 2026 (STAR50 schliesst bei 1252,28 Punkten) finance.sina.com.cn
  4. Eastmoney, STAR50 seit Höchststand fast 40 Prozent tiefer (Bericht von Beijing Business Today; Höchststand 2207,86 Punkte, KGV, Einschätzung Huaxia Fund), 19. Oktober 2026 eastmoney.com
  5. The Paper, A-Aktien-Jahresbilanz 2025 (STAR50 plus 35,92 Prozent, Schluss 1344,2 Punkte), 31. Dezember 2025 thepaper.cn
  6. Shanghai Stock Exchange, «STAR 50 Set for a Material Adjustment, Effective from September 14», 1. September 2026 sse.com.cn
  7. Reuters, «China blue-chip index confirms bear market as AI stocks slump», 22. Oktober 2026 Reuters via Devdiscourse
  8. Cnfin (Xinhua), Rekordschluss des STAR50 bei 2207,86 Punkten, 30. Juni 2026 cnfin.com
  9. Inficon, Mitteilung zum dritten Quartal 2026, 27. Oktober 2026 inficon.com

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