Eine Woche in Montreux kostet 31 800 Franken. Wem das Geschäft mit dem langen Leben gehört
Von 2499 Franken für einen Check in Zürich bis 31 800 Franken für eine Woche in Montreux: Wer die Schweizer Longevity-Adressen besitzt, woher das Kapital für die Start-ups kommt und warum die Wissenschaft noch nicht so weit ist wie der Markt.

Mitte September, Gstaad. Im Le Grand Bellevue sind alle Zimmer vergeben. Wer eines wollte, zahlte 6500 Franken, für die Suite 11 900. Dazu kamen Mehrwertsteuer und eine Servicegebühr. Unten im Saal spricht die Longevity Investors Conference vier Tage lang über ein einziges Thema: wie man länger lebt.
Nur jede fünfte Bewerbung wird angenommen, sagt die Konferenz. Das Handelsblatt zählte 120 Investoren und Ärzte. Wer hinein will, müsse 30 Millionen Euro investiert haben, schreibt die Zeitung. Die Konferenz selbst nennt keine solche Schwelle.
Das Wichtigste in Kürze
Das Geschäft mit dem langen Leben hat in der Schweiz eine eigene Landkarte. Die bekanntesten Kliniken gehören Schweizer Familien: Mattli in Montreux, Schmidheiny in Bad Ragaz. In Weggis steht ein türkischer Konzern dahinter. Auf dem Bürgenstock hat Katars Staatsfonds die Medizin Ende 2024 eingestellt. Die Preise reichen von 2499 Franken für einen Check in Zürich bis 31 800 Franken für eine Woche in Montreux. Das Kapital für die Start-ups kommt von L’Oréal, Nestlé, Mubadala und Spotify-Gründer Daniel Ek. Die Wissenschaft hinkt hinterher: Die Daten zum Nutzen beim Menschen sind dünn.
Ein Check in Zürich: 2499 Franken. Eine Woche in Montreux: 31 800.
Einstiegspreise für Longevity-Angebote in der Schweiz. Nicht alle Preise enthalten die Unterkunft.

Die Preisleiter zeigt, wie weit das Geschäft gespreizt ist. Zwischen dem ambulanten Check in Zürich und der Woche in Montreux liegt fast der Faktor 13. Dazwischen stehen Bad Ragaz, Weggis und Genolier, jedes Haus mit einem eigenen Programm und einer eigenen Vorstellung davon, was eine Woche für die Gesundheit kosten darf.
Bemerkenswert ist weniger die Spitze als ihre Entwicklung. In Montreux kostete eine Woche 2019 im Schnitt 22 000 Franken, zuletzt 32 000, also fast die Hälfte mehr. Zwei Drittel des Umsatzes kommen aus dem Ausland. Für Schweizer Unternehmer ist das die eigentliche Lektion: Eine Schweizer Adresse, ein Name mit Geschichte und ein Versprechen, das sich schwer vergleichen lässt, tragen einen Preis, den kaum eine andere Branche durchsetzt.
Wer in Gstaad einlädt
Auf der Bühne standen Aubrey de Grey, Steve Horvath und Collin Ewald von Novartis. Horvath hat eine der bekanntesten Uhren für das biologische Alter entwickelt. Partner waren die HSBC Private Bank und die Zuger Firma Maximon.
Veranstalterin ist die Longevity Investors AG in Zug. Gegründet wurde sie 2018 als Cryptadvise AG. 2020 kam der neue Name, und in den Zweck schrieb man «Kryonik». Dahinter stehen die Unternehmer Marc P. Bernegger und Tobias Reichmuth. Das Hotel gehört seit 2012 Daniel Koetser. Er führt es selbst und ist Mitgastgeber.
Wem das lange Leben gehört
Wem das lange Leben gehört: Familien, Staatsfonds, Risikokapital.

Auf der Karte zeigt sich eine klare Arbeitsteilung. Die bekanntesten Häuser gehören Familien und Unternehmern, in Montreux schon seit den 1970er-Jahren. Ausländische Eigentümer stehen hinter Weggis und dem Bürgenstock, und auf dem Bürgenstock hat Katars Staatsfonds die Medizin Ende 2024 ganz eingestellt. Wer die einzelnen Adressen kennt, versteht, wer in diesem Geschäft den Ton angibt.
Montreux. Die Clinique La Prairie gehört seit den 1970er-Jahren der Familie Mattli. Seit 2016 führt sie Simone Gibertoni. Rund 2000 Gäste kommen im Jahr, zwei Drittel des Umsatzes stammen aus dem Ausland. Eine Woche kostete zuletzt im Schnitt 32 000 Franken, 2019 waren es 22 000. Das sagt Gibertoni in einem Interview mit Luxury Tribune. Das EBITDA sei 2025 um über 30 Prozent gestiegen. Die Klinik wächst im Ausland, über Managementverträge und Ableger in Dubai und Madrid. Ein eigener Fonds soll in der ersten Runde 75 Millionen Franken einsammeln. Die Gebäude in Montreux will Beiersdorf kaufen, der Konzern hinter der Kosmetikmarke La Prairie. Den Vertrag unterzeichnete er im Februar 2024. Die Klinik führt die Familie weiter.
Bad Ragaz. Das Grand Resort gehört zu rund 85 Prozent Thomas Schmidheiny. Die Clinic Bad Ragaz steigerte ihren Umsatz 2025 um über 20 Prozent, berichtet htr.ch. Das ganze Resort schrieb 20,1 Millionen Franken EBITDA und 0,9 Millionen Verlust. Sieben Nächte Longevity kosten dort 9900 Franken, ohne Zimmer.
Genolier. Die Clinique Nescens gehört zum Swiss Medical Network, der zweitgrössten Privatspitalgruppe der Schweiz. Die Gruppe setzte 2025 brutto 988,5 Millionen Franken um. Ihre Mutter Aevis Victoria kontrolliert zu 74 Prozent eine Gruppe um Antoine Hubert und Michel Reybier.
Weggis. Das Chenot Palace am Vierwaldstättersee öffnete im Juni 2020. Die Immobilie gehörte damals der türkischen Doğuş Group. Sie hielt auch die Betreiberfirma, zusammen mit der Familie Chenot.
Bürgenstock. Das Resort gehört Katara Hospitality, einer Tochter des katarischen Staatsfonds. Im Waldhotel gab es einst eine eigene Medizin. Im Dezember 2024 kam das Aus für «alle medizinischen Angebote», meldete SRF. Die Reha hatte seit anderthalb Jahren keine Patienten mehr. Heute bietet dort eine Basler Klinik ein Programm an: fünf Tage für 12 900 Franken.
Zug und Zürich. Bernegger und Reichmuth gründeten 2021 auch die Maximon AG. Sie baut Longevity-Firmen auf und finanziert sie. Dazu gehört AVEA, ein Hersteller von Nahrungsergänzungen, laut Branchenmedien profitabel. Und AYUN, eine Klinik in Zürich. Ein Check dort kostet 2499, 5299 oder 7299 Franken.
Das Kapital für die Forschung kommt von aussen
Die Kliniken gehören meist Schweizer Familien. Bei den Firmen, die aus Longevity ein Produkt machen, ist es anders.
- Timeline in Ecublens verkauft Urolithin A, ein Wirkstoff aus dem Umfeld der EPFL. Die Runde über 56 Millionen Franken führte 2024 L’Oréal an. Nestlé ist seit 2019 dabei. Präsident ist der frühere EPFL-Präsident Patrick Aebischer.
- Centenara Labs, früher Rejuveron, sitzt in Baar. 2023 holte sie 75 Millionen Dollar, unter anderem von Mubadala aus Abu Dhabi.
- Epiterna am Biopôle in Lausanne erhielt 10 Millionen Euro von der Investmentfirma des Spotify-Gründers Daniel Ek.
- Aeon in Winterthur bietet Ganzkörper-MRI und Bluttests an und kommt auf 14 Millionen Dollar Startkapital. Wir haben über den Zukauf in Deutschland berichtet.
Eine Zahl für den Schweizer Markt gibt es nicht. Weltweit flossen 2024 rund 8,5 Milliarden Dollar in Longevity, zählt das Portal Longevity.Technology. Der Standort passt: Die Schweizer Medtech-Branche setzt 26 Milliarden Franken um.
Die Lücke, die verkauft wird
Die Schweiz gehört zu den Ländern, in denen man am längsten lebt. Frauen werden im Schnitt 86,3 Jahre alt, Männer 82,7. 1919 lebten im Land zwei Hundertjährige. 2025 waren es 2311.
Frauen leben 85,4 Jahre. Gut gesund davon 71,2.
Lebenserwartung und Lebenserwartung bei guter Gesundheit nach eigener Einschätzung, Schweiz 2022.

Die rote Strecke ist das eigentliche Geschäftsfeld. Frauen verbringen im Schnitt gut 14 Jahre ohne gute Gesundheit, Männer knapp 11. Die Branche verspricht deshalb weniger ein längeres Leben als weniger kranke Jahre am Ende davon. Das ist ein stärkeres Verkaufsargument, weil es fast jeden betrifft, und ein schwächer messbares, weil «gute Gesundheit» hier auf der Einschätzung der Befragten beruht.
Dazu kommt, dass diese Jahre ungleich verteilt sind. Ein 25-jähriger Mann mit Hochschulabschluss lebt im Schnitt 4,3 Jahre länger als einer mit obligatorischer Schule. Bei Frauen sind es 1,5 Jahre.
Was die Wissenschaft sagt
Die Daten zum Nutzen beim Menschen seien «sparse», also dünn, schrieb Nature Medicine im August. Zudem fehle ein verlässliches Mass für das Altern. Die wichtigsten Studien bestätigen das:
- Rapamycin verbesserte in 19 Studien einzelne Werte, brachte Kranken aber mehr Infektionen und höhere Blutfette. Die Lebensdauer wurde nicht untersucht.
- NMN und NR, beliebt als NAD-Booster, erhalten bei über 60-Jährigen die Muskeln nicht nachweisbar.
- Urolithin A machte in fünf Studien stärker und ausdauernder. Den Alltag erleichterte es nicht messbar.
- Metformin soll in der grossen TAME-Studie zeigen, ob es das Altern bremst. Die Studie sucht noch Geld für den Start.
Der greifbarste Schweizer Befund kommt aus Zürich. In der Studie DO-HEALTH nahmen 777 Menschen über 70 täglich ein Gramm Omega-3. Ihr biologisches Alter lief in drei Jahren bis zu vier Monate langsamer, meldet die Universität Zürich. Die Studienleiterin schränkt selbst ein: Einen Goldstandard für das biologische Alter gibt es nicht.
Wer zahlt
Nahrungsergänzungen dürfen in der Schweiz nicht versprechen, Krankheiten zu verhindern oder zu heilen. Das Lebensmittelrecht verbietet es. Die Grundversicherung zahlt nur Vorsorge, die in der Verordnung steht. Ein Gesundheits-Check für Erwachsene steht nicht darin. Wer in den USA bei den Spitalrechnungen genau hinschaut, findet ganz andere Kostentreiber: die KI-gestützte Kodierung. Die Schweiz gibt 1,9 Prozent ihrer Gesundheitsausgaben für Prävention aus. Im Schnitt der OECD sind es 3,4 Prozent.
Das lange Leben ist hierzulande also Privatsache. Bezahlt wird es von Gästen, die sich Montreux leisten können, zwei Drittel davon aus dem Ausland. Finanziert wird es von Konzernen und Fonds, die auf einen Markt setzen, dessen Wissenschaft noch dünn ist.
Methode
Preise stammen aus den Preislisten der Anbieter, abgerufen am 26. September 2026; verglichen wird jeweils das Einstiegsangebot, die Leistungen sind nicht identisch. Eigentumsverhältnisse aus Handelsregister, Aktionärsangaben und Medienberichten; die Angaben zu Chenot Weggis stammen vom Eröffnungsjahr 2020 und wurden nicht auf den heutigen Stand geprüft, der Vollzug des Beiersdorf-Kaufs ist nicht belegt. Die Anteile von Thomas Schmidheiny stammen aus Sekundärquellen. Die Angaben zur Clinique La Prairie (Kundenzahl, Durchschnittspreis, EBITDA) sind Aussagen der CEO. Teilnehmerzahl und Investitionsschwelle der Konferenz nennt nur das Handelsblatt. Die Lebenserwartung bei guter Gesundheit beruht auf der Selbsteinschätzung der Befragten und wird alle fünf Jahre erhoben; der neueste Wert ist von 2022.
Quellen
- Longevity Investors Conference 2026, Programm und Pakete longevityinvestors.ch · moneycab.com
- Handelsblatt, «Wo Superreiche das ewige Leben suchen», 26. September 2026 handelsblatt.com
- Handelsregister: Longevity Investors AG, Maximon AG, Amazentis SA, Centenara Labs AG zefix.ch · zefix.ch
- Luxury Tribune, Interview mit Simone Gibertoni, 5. März 2026; Clinique La Prairie, Preis Revitalisation luxurytribune.com · cliniquelaprairie.com
- Beiersdorf, Kaufvertrag für die Immobilien der Clinique La Prairie vom 28. Februar 2024 lenzstaehelin.com · leisureopportunities.co.uk
- Grand Resort Bad Ragaz: htr.ch zum Geschäftsjahr 2025; Tamina Health Longevity htr.ch · grandresort.ch
- Aevis Victoria, Aktionärsstruktur; Swiss Medical Network, Resultate 2025; Nescens 7-Day Cure Reset aevis.com · swissmedical.net · nescens.com
- Chenot Palace Weggis, Eröffnung 2020; Programme tageszeitung.it · chenot.com
- SRF zum Bürgenstock, 12. Dezember 2024; Swissinfo zu Katara, 12. April 2023; BodyClearance srf.ch · swissinfo.ch · bodyclearance.com
- Maximon, Fonds und Portfolio; Longevity.Technology zu AVEA und AYUN; AYUN Preise maximon.com · longevity.technology · ayun.ch
- Timeline, Finanzierung Januar 2024; Centenara, Finanzierung September 2023; Biopôle zu Epiterna; Tech Funding News zu Aeon timeline.com · centenara.com · biopole.ch · techfundingnews.com
- Longevity.Technology, Investitionsberichte vom 13. Mai 2025 und 16. September 2026 prnewswire.com · prnewswire.com
- Bundesamt für Statistik: Lebenserwartung 2025, gesunde Lebensjahre, Hundertjährige, Unterschiede nach Bildung admin.ch · bfs.admin.ch · bfs.admin.ch · bfs.admin.ch
- OECD, Health at a Glance 2025, Länderprofil Schweiz oecd.org
- Nature Medicine, Editorial vom 11. August 2026; Lancet Healthy Longevity zu Rapamycin; Meta-Analyse zu NMN und NR; Übersicht zu Urolithin A; AFAR zur TAME-Studie nature.com · pubmed · pubmed · pubmed · afar.org
- Universität Zürich zu DO-HEALTH und Omega-3, Februar 2025 news.uzh.ch
- BLV zu gesundheitsbezogenen Angaben; Lebensmittel- und Gebrauchsgegenständeverordnung Art. 12; Abgrenzungskriterien Swissmedic und BLV; BAG zur Prävention in der Grundversicherung blv.admin.ch · fedlex.admin.ch · blv.admin.ch · bag.admin.ch
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Merag Shahzad ist Gründer und Herausgeber von Leitgrad und führt die Zürcher GEO-Agentur meit. In der Kolumne «2 Rappen» schreibt er über Sichtbarkeit, Macht und Diskretion in der Schweizer Wirtschaft. Zum Profil
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Merag Shahzad ist Gründer und Herausgeber von Leitgrad und führt die Zürcher GEO-Agentur meit. In der Kolumne «2 Rappen» schreibt er über Sichtbarkeit, Macht und Diskretion in der Schweizer Wirtschaft. Zum Profil
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