Die EU hat ihre eigene KI-Frist um sechzehn Monate verschoben. Bern hat keinen Entwurf.
Der Rat der EU hat die Hochrisiko-Pflichten des AI Act auf Dezember 2027 verschoben, in Washington will der Kongress nicht vorangehen, und in Bern liegt nicht einmal ein Entwurf vor. Was für Schweizer Firmen trotzdem schon gilt.

In einer einzigen Woche haben die drei Rechtsräume, die für Schweizer Firmen zählen, dasselbe signalisiert: Verbindliche Regeln für Hochrisiko-KI kommen später. In Washington will der Kongress nicht vorangehen, in Brüssel ist die eigene Frist bereits verschoben, und in Bern liegt nicht einmal ein Entwurf in der Vernehmlassung.
Das Wichtigste in Kürze
Der Rat der EU hat am 29. Juni 2026 die Hochrisiko-Pflichten des AI Act vom 2. August 2026 auf den 2. Dezember 2027 verschoben. Seit August 2026 gelten nur die Transparenzpflichten nach Artikel 50. Der Bundesrat hat sich am 12. Februar 2025 gegen ein eigenes KI-Gesetz entschieden; eine Vernehmlassungsvorlage soll bis Ende 2026 vorliegen. Für Schweizer Firmen mit EU-Absatz gilt der AI Act trotzdem, über das Marktortprinzip.
Die EU hat ihre eigene KI-Frist um sechzehn Monate verschoben.
Wann verbindliche Regeln für Hochrisiko-KI in Kraft treten. Die Schweiz hat bis heute nicht einmal einen Entwurf in der Vernehmlassung.
Nachtrag vom 7. Oktober 2026: OpenAI stempelt Texte, aber nur in der EU
OpenAI führt in den kommenden Wochen für ChatGPT und Codex in der EU ein unsichtbares Wasserzeichen namens textGrain ein. Grund ist der AI Act, der verlangt, dass KI-Texte maschinenlesbar erkennbar sind. Der Detektor erkennt bei 200 Token rund 80 Prozent der Texte, bei 400 Token 95 Prozent. Wer ein Zehntel der Wörter ersetzt, senkt die Trefferquote von 92 auf 66 Prozent, schreibt OpenAI. Die Schweiz kommt in der Ankündigung nicht vor, hier gilt keine Kennzeichnungspflicht. Schweizer Firmen mit Kunden in der EU können das Wasserzeichen über die Programmierschnittstelle freiwillig einschalten.

Washington: Der Kongress führt nicht
Der Sprecher des Repräsentantenhauses, Mike Johnson, trat am Sonntag bei CNN auf. Ein bundesweites Moratorium lehnte er ab: «We cannot put a moratorium on this because China will overlap us.» Der Kongress solle sich zurückhalten: Man müsse «resist Congress jumping in and imposing some sort of emergency moratorium».
Die Begründung ist bemerkenswert offen: «Congress is obviously less qualified than the people who are pushing this frontier to know all the ins and outs.» Axios fasste den Auftritt in der Schlagzeile so zusammen, dass Johnson zwar Lösungen fordere, die Führung aber nicht beim Kongress sehe.
Wer stattdessen führen soll, sagte Johnson ebenfalls: die Unternehmen. «You have a corporate responsibility to make sure your products are safe.»
Was die Branche selbst vorlegt
Microsoft-Chef Satya Nadella kündigte am 13. September an, sein Unternehmen lege am Folgetag einen «Code of Conduct» für die eigenen MAI-Modelle zur öffentlichen Konsultation vor. Sein Satz dazu: «If the AI we build is not helping humanity and under human control, it’s not worth pursuing.»
Dario Amodei, Chef von Anthropic, veröffentlichte im September den Essay «We Must Pace the Frontier». Die Kernforderung: «We must slow the pace at which we improve the capabilities of AI models.»
Ein gemeinsames Standardsgremium von Anthropic, OpenAI und Google, über das The Information berichtete, ist bisher nicht angekündigt. Es handelt sich nach dieser Darstellung um Gespräche, nicht um eine Gründung. Einen Namen gibt es nicht.
Brüssel: Die eigene Frist verschoben
Am 29. Juni 2026 gab der Rat der EU dem Digital Omnibus grünes Licht. Damit verschieben sich die Pflichten für Hochrisiko-Systeme nach Anhang III vom 2. August 2026 auf den 2. Dezember 2027. Für Hochrisiko-Systeme, die in regulierte Produkte eingebettet sind, gilt neu der 2. August 2028.
Die Mitteilung des Rates begründet die Eile mit der Nähe des ursprünglichen Termins: «Given that provisions on high-risk AI systems were due to enter into force on 2 August 2026, the co-legislators treated this part of the package with utmost priority and agreed on a fixed timeline.»
Unverschoben blieb, was am 2. August 2026 in Kraft trat: die Transparenzpflichten nach Artikel 50: die Kennzeichnung KI-generierter Inhalte und die Offenlegung, dass man mit einer Maschine spricht.
Bern: Kein Gesetz, kein Entwurf, kein Datum
Der Bundesrat entschied am 12. Februar 2025, kein horizontales KI-Gesetz nach EU-Vorbild zu schaffen, sondern sektoriell zu regulieren. Das EJPD soll bis Ende 2026 eine Vernehmlassungsvorlage erarbeiten, die Transparenz, Datenschutz, Nichtdiskriminierung und Aufsicht abdeckt.
Am 27. März 2025 unterzeichnete Bundesrat Albert Rösti in Strassburg die KI-Konvention des Europarats.
Ein Datum für das Inkrafttreten einer Schweizer Regelung nennt der Bund nicht. Wer eine Jahreszahl nennt, schätzt.
Was das für Schweizer Firmen heisst
Die Verschiebung in Brüssel entlastet Schweizer Hersteller mit EU-Geschäft, denn Artikel 2 des AI Act bindet sie unabhängig vom Firmensitz, sobald sie ein KI-System in der EU in Verkehr bringen. Sechzehn zusätzliche Monate für die Konformitätsarbeit sind eine reale Verschnaufpause.
Sie gilt aber nicht für alles. Die Transparenzpflichten laufen seit August. Wer einen Chatbot betreibt oder Inhalte generiert, ist bereits in der Pflicht; für Systeme, die schon im Markt sind, endet die Übergangsfrist am 2. Dezember 2026.
Und die Schweizer Vorlage, die irgendwann kommt, wird sich an einem AI Act orientieren müssen, der dann schon wieder einmal überarbeitet wurde.
Der Befund
Drei Rechtsräume, dieselbe Bewegung: Die Regulierung rückt nach hinten, die Selbstverpflichtung nach vorn. Das ist für Unternehmen kurzfristig bequem und mittelfristig teuer, weil sich Anforderungen nicht abschaffen, sondern nur stapeln.
Wer heute Compliance aufbaut, sollte am August 2026 messen, nicht am Dezember 2027: Die Transparenzpflichten sind das Einzige, was bereits verbindlich ist.
Bauen Sie gerade die Konformität nach dem AI Act auf und haben die Verschiebung gespürt? Wir sammeln konkrete Erfahrungen: Kontakt zur Redaktion. Vertrauliche Hinweise behandeln wir auf Wunsch anonym.
Zur Methode: Sämtliche Aussagen in diesem Beitrag sind öffentlich dokumentiert und unten verlinkt. Leitgrad hat sie zusammengetragen, geprüft und eingeordnet. Die verbreitete Angabe, die Hochrisiko-Pflichten des AI Act gälten seit August 2026, trifft nicht zu; sie wurden am 29. Juni 2026 verschoben. Die Jahreszahl 2028 für ein Schweizer KI-Gesetz stammt nicht von Bundesrat oder EJPD.
Offenlegung: Leitgrad produziert Texte und Grafiken unter anderem mit einem Sprachmodell von Anthropic, dessen Chef in diesem Beitrag zitiert wird. Auf Auswahl und Bewertung der Quellen hatte das keinen Einfluss.
Quellen (abgerufen am 14. September 2026)
- Rat der EU, Council gives final green light to simplify and streamline rules (29. Juni 2026)
- AI Act Implementation Timeline, Fristenübersicht
- Axios, Johnson calls for AI solutions but says Congress won’t take the lead (13. September 2026)
- CNN, Mike Johnson zu KI und Kongress (September 2026)
- Dario Amodei, We Must Pace the Frontier (September 2026)
- Unite.AI, Nadella kündigt öffentliche Konsultation zu Microsofts MAI-Regeln an (13. September 2026)
- The Information via Cryptopolitan, Anthropic, OpenAI und Google erwägen ein gemeinsames Standardsgremium (September 2026)
- Bundesrat, Entscheid zur KI-Regulierung (12. Februar 2025)
- Bundesamt für Justiz, Künstliche Intelligenz: Stand der Arbeiten
- Bundesrat, Unterzeichnung der KI-Konvention des Europarats (27. März 2025)
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