Illustration: Leitgrad
Der Chiplieferant steht für den Kunden gerade. So kommen 63 Milliarden für Anthropics Rechenleistung zusammen
Vier Finanzhäuser stellen 63 Milliarden Dollar bereit, damit Anthropic Rechenleistung von Broadcom mieten kann. Broadcom sichert den vorrangigen Teil mit einer Restwertzusage ab, die Banken sagten erst nach höheren Zinsen zu. Was hinter der Struktur steckt und was Schweizer Firmen daraus lesen können.

Illustration: Leitgrad
Kurz gesagt: Am 26. Oktober 2026, am Tag des Börsenantrags von Anthropic, haben Bank of America, Citi, Morgan Stanley und Blackstone eine Finanzierung von 63 Milliarden Dollar angekündigt. Eine neu gegründete Zweckgesellschaft kauft damit KI-Beschleuniger und Netzwerktechnik von Broadcom und vermietet sie an Anthropic. Broadcom sichert den vorrangigen Teil der Schulden mit einer Restwertzusage ab. Laut Wall Street Journal hatte Broadcom-Chef Hock Tan die Banken fast zwei Monate lang bearbeitet und am Ende höhere Zinsen akzeptiert.
Im Gewerbe kennt man das Prinzip. Der Lieferant gewährt ein Zahlungsziel oder vermittelt ein Leasing, damit der Kunde kaufen kann. Bei Anthropic geht dieses Prinzip eine Grössenordnung weiter. Der Chiplieferant hilft nicht nur beim Bezahlen. Er steht auch dafür gerade, dass die Banken ihr Geld wiedersehen.
Die Summe ist selbst für die Wall Street gross: 63 Milliarden Dollar, damit ein einziger Kunde ab 2027 Rechenleistung mieten kann.

Wie die Struktur funktioniert
Laut Mitteilung der Beteiligten kauft eine neu gegründete Zweckgesellschaft die KI-Beschleuniger und die Netzwerktechnik von Broadcom und vermietet sie an Anthropic. Die Lieferungen sollen im Kalenderjahr 2027 beginnen. Bank of America, Citi und Morgan Stanley arrangieren den vorrangigen Teil der Schulden. Blackstone stellt allein den nachrangigen Teil.
Für den vorrangigen Teil gibt Broadcom eine Restwertzusage in derselben Höhe ab. Eine solche Zusage sichert den Geldgebern zu, dass die finanzierte Hardware einen bestimmten Wert behält. Fällt der Wert darunter, springt der Zusagende ein. Reuters bezeichnet das laut TheStreet faktisch als Garantie. Reuters beziffert den vorrangigen Teil unter Berufung auf informierte Personen auf rund 43,5 Milliarden Dollar. Offiziell wurde keine Aufteilung genannt.

Für Broadcom ist das kein Einzelfall. Schon eine frühere Finanzierung über 35 Milliarden Dollar mit Apollo und Blackstone sicherte Broadcom laut TheStreet mit bis zu 29 Milliarden ab.
Warum die Banken zögerten
Leicht war der Abschluss nicht. Laut Wall Street Journal, wie TheStreet berichtet, drängte Hock Tan die Banken fast zwei Monate lang, mehr als 40 Milliarden Dollar zuzusagen. Einige Kreditgeber fanden das Risiko bei steigenden Zinsen schlecht bezahlt und erwogen, auszusteigen. In letzten Gesprächen am Wochenende akzeptierte Broadcom höhere Zinsen.
Tan selbst sagt, der Abschluss bestätige, dass Kapital für dieses Wachstum verfügbar sei. Moody’s bezeichnet Broadcom laut TheStreet weiterhin als eines der stärksten grossen Tech-Unternehmen, warnt aber, dass sich die Risiken häufen, wenn mehrere solche Geschäfte zusammenkommen.

Was der Prospekt zeigt
Am selben Tag hat Anthropic den Börsengang an der Nasdaq beantragt, unter dem Kürzel ANT. Der Prospekt liefert die Zahlen, auf die Kreditgeber schauen: Der Umsatz stieg von 386 Millionen Dollar im Jahr 2024 auf 4,6 Milliarden im Jahr 2025. Im ersten Halbjahr 2026 waren es 16,3 Milliarden. Operativ blieb im Halbjahr ein Verlust von 693 Millionen Dollar.

Mehr als 11 900 Kunden zahlten Anthropic in den zwölf Monaten bis Ende September je mindestens 100 000 Dollar, rund 250 Kunden je mindestens 10 Millionen. Zum Konsortium für den Börsengang gehören 22 Institute, darunter UBS Investment Bank. Goldman Sachs und Morgan Stanley stehen an der Spitze. Was der Prospekt über Verlust und Kunden verrät, haben wir am 26. Oktober eingeordnet: 80,7 Milliarden Verlust, fast alles auf dem Papier.
Was Schweizer Firmen daraus lesen können
Wer den Kunden finanziert, trägt sein Risiko mit. Lieferantenkredit und Leasing kennt jedes KMU. Broadcom sichert sich damit Aufträge, trägt aber einen Teil des Ausfallrisikos mit. Das geht gut, solange der Kunde wächst.
Rechenleistung hängt am Zins. Die Banken haben ihren Preis erhöht, bevor sie zusagten. Auch diese Rechenleistung wird zum grössten Teil mit Fremdkapital bezahlt. Steigen die Finanzierungskosten, wird sie teurer. Diese Kosten dürften am Ende auch bei den Kunden der KI-Anbieter ankommen.

Zulieferer verdienen mit. Das Geld für Rechenleistung erreicht auch die Schweiz. Inficon aus Bad Ragaz meldete für das dritte Quartal 42,4 Prozent mehr Umsatz, getragen vom Halbleitergeschäft: Ohne Vakuum kein Chip.
Wer KI einkauft, sollte wechseln können. Wenige Anbieter, wenige Chiplieferanten und wenige Geldgeber hängen eng zusammen. Für ein KMU heisst das nicht, auf KI zu verzichten. Es heisst, Verträge und Abläufe so aufzusetzen, dass ein anderes Modell im Notfall übernehmen kann.

Zum Mitnehmen
- Der Lieferant als Bank. Broadcom sichert die vorrangigen Geldgeber der 63 Milliarden Dollar weitgehend ab, damit Anthropic seine Chips mieten kann.
- Kapital hat seinen Preis. Die Banken sagten erst nach höheren Zinsen zu. Das kann am Ende auch bei denen ankommen, die KI nutzen.
- Abhängigkeit planen. Wer KI im Betrieb einsetzt, sollte einen Wechsel des Anbieters vorbereitet haben.
Transparenz: Leitgrad setzt in der Redaktion unter anderem Claude von Anthropic ein. Anthropic hat keinen Einfluss auf diesen Beitrag. Dieser Beitrag ist keine Anlageempfehlung.
Häufige Fragen
Wer finanziert die 63 Milliarden Dollar für Anthropic?
Bank of America, Citi und Morgan Stanley arrangieren den vorrangigen Teil der Schulden, Blackstone stellt den nachrangigen Teil. Das Geld geht an eine Zweckgesellschaft, die Broadcom-Chips kauft und an Anthropic vermietet.
Was ist eine Restwertzusage?
Mit einer Restwertzusage sichert ein Unternehmen den Geldgebern zu, dass die finanzierte Ware einen bestimmten Wert behält. Fällt der Wert darunter, springt es ein. Broadcom gibt eine solche Zusage in Höhe des vorrangigen Teils der Schulden ab.
Wann geht Anthropic an die Börse?
Anthropic hat den Börsengang am 26. Oktober 2026 bei der US-Börsenaufsicht beantragt. Geplant ist eine Notierung an der Nasdaq unter dem Kürzel ANT. Ein Datum und eine Preisspanne stehen im Antrag noch nicht fest.
Quellen
- Investing.com via Yahoo Finance, «Broadcom secures $63 billion from banks to finance AI compute sales to Anthropic», 26. Oktober 2026 finance.yahoo.com
- TheStreet, «Broadcom CEO says capital is available after banks wavered», 27. Oktober 2026, mit Angaben von Wall Street Journal und Reuters thestreet.com
- Anthropic, PBC, Form S-1, eingereicht bei der SEC am 26. Oktober 2026 sec.gov
- Leitgrad, «Ohne Vakuum kein Chip. Inficon verkauft 42 Prozent mehr», 27. Oktober 2026 leitgrad.ch
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