Illustration: Leitgrad. Quelle: nekuda, WebMCP-Benchmark 1.2, 18. September 2026, Medianzeit pro Aufgabe mit dem Modell GPT-5.6 Luna

US-Trends · 8 min ·

Ein KI-Agent braucht 18 Sekunden im Shop. Mit WebMCP noch 6

Bisher bedienen KI-Agenten Websites wie Touristen eine fremde Speisekarte: Sie zeigen auf Bilder. Mit WebMCP reicht die Website ihnen stattdessen Werkzeuge. Für Schweizer Shops, Buchungsseiten und Offertformulare öffnet sich ein zweiter Kundenzugang.

Illustration einer Ladenfront: Ein Roboter sucht mit der Lupe im Schaufenster-Browser den Kaufen-Knopf und braucht 18,3 Sekunden, ein zweiter bekommt an der Durchreiche WebMCP die Werkzeuge Suchen, Warenkorb und Kasse und braucht 5,7 Sekunden

Illustration: Leitgrad. Quelle: nekuda, WebMCP-Benchmark 1.2, 18. September 2026, Medianzeit pro Aufgabe mit dem Modell GPT-5.6 Luna

Kurz gesagt: WebMCP ist ein vorgeschlagener Webstandard, mit dem eine Website KI-Agenten eigene JavaScript-Werkzeuge anbietet, etwa «Produkt suchen» oder «Kasse aktualisieren». Der Agent ruft sie direkt auf, statt Knöpfe auf Bildschirmfotos zu suchen. In einem Benchmark mit 49 Aufgaben lösten Agenten mit WebMCP jede Aufgabe, 2,5- bis 7,5-mal schneller als mit anderen Methoden. Der Entwurf vom 13. Oktober 2026 stammt aus einer Community Group des W3C und ist noch kein offizieller Standard. Chrome testet ihn ab Version 149, WebKit, die Engine von Safari, lehnt ihn ab. In der Schweiz richten erste Händler solche Schnittstellen bereits ein.

Der Agent sieht die Website wie ein Foto. Er macht ein Bildschirmfoto, sucht darauf den Filter, klickt auf eine Koordinate, wartet und macht das nächste Foto. Trifft er daneben, sucht er von vorn.

18,3 Sekunden braucht ein solcher Agent im Mittel für eine Aufgabe, zeigt ein Benchmark von nekuda mit 49 Aufgaben auf acht echten Websites. Dasselbe Modell braucht mit WebMCP 5,7 Sekunden. Die Aufgabe kostet dann 0,24 statt 1,74 US-Cent.

Der Agent ist derselbe. Die Website ist besser.

Das ist keine Zukunftsmusik. Leitgrad-Herausgeber Merag Shahzad begleitet mit seiner Agentur Meit gerade einen grossen Schweizer Detailhändler dabei, solche Schnittstellen für KI-Agenten auf der eigenen Website einzurichten, damit Agenten dort Produkte finden, vergleichen und bestellen können, ohne Knöpfe zu suchen. Es passiert nicht irgendwann, sondern jetzt, in der Schweiz.

Yoav Weiss arbeitet bei Shopify an genau diesen Werkzeugen. Am 12. Oktober hat er aufgeschrieben, warum er sie für entscheidend hält. Sein Kernsatz: «WebMCP ist Web-Performance für KI-Agenten», schreibt er in seinem Blog. Einen Tag später verbreitete der Newsletter TLDR den Text an seine Leser in der Techbranche.

Der Agent sucht nicht mehr den Knopf

Das Prinzip ist schlicht. Die Website meldet beim Browser Werkzeuge an, jedes mit Namen, Beschreibung und einem Schema für die Eingaben, so steht es im Entwurf der Spezifikation. Der Agent liest: Hier gibt es «Schuhe suchen», mit Feldern für Grösse und Sprengung. Er füllt sie aus. Fertig.

Weiss nennt genau dieses Beispiel. Wer Trailschuhe mit einer bestimmten Sprengung sucht, scheitert oft an der Filterleiste des Händlers. Ein Werkzeug kann mehr als die Leiste, es kann den ganzen Katalog durchsuchen und nur den besten Treffer zurückgeben. «In vielen Fällen will der Nutzer das Ergebnis, nicht den Weg dorthin», schreibt Weiss.

Es gibt zwei Wege, solche Werkzeuge zu bauen. Mit JavaScript lassen sich mehrstufige Abläufe abbilden. Für einfache Fälle genügt ein normales HTML-Formular mit ein paar zusätzlichen Angaben, erklärt Google.

Shopify zeigt, wie das an der Kasse aussieht. Die Kasse meldet laut Dokumentation vier Werkzeuge an: Kasse lesen, Kasse ändern, Bestellung abschliessen, zurück zum Laden. Abschliessen darf der Agent erst, wenn der Käufer bestätigt hat. In einem Versuch an dieser Kasse war WebMCP 2,7-mal schneller und 58 Prozent günstiger als die Steuerung über den Bildschirm, berichtet Weiss. Alle 60 Versuche gelangen, mit Bildschirmsteuerung waren es 56.

Piktogramm aus Einkaufstaschen: 60 von 60 Einkäufen gelingen mit WebMCP, 56 von 60 mit Bildschirmsteuerung
Grafik: Leitgrad. Quelle: Yoav Weiss, Why WebMCP matters, 12. Oktober 2026

Ein Standard im Rohbau

Wer jetzt an einen fertigen Standard denkt, liegt falsch. Der Text ist ein Entwurf der Web Machine Learning Community Group, Stand 13. Oktober 2026. Er sei «kein W3C-Standard und nicht auf dem Weg dorthin», steht im Dokument selbst. Geschrieben wird er von Brandon Walderman von Microsoft sowie Khushal Sagar und Dominic Farolino von Google.

Chrome lässt Websites WebMCP ab Version 149 in einem Origin Trial testen, also mit echten Nutzern auf Zeit. Entwickler können es lokal über eine Einstellung einschalten. Google warnt: Der Vorschlag werde noch diskutiert und könne sich ändern. OpenAI hat WebMCP in ChatGPT Desktop eingebaut und nennt es «Site tools», wie die Hilfeseite erklärt. Cloudflare unterstützt es ebenfalls, schreibt Weiss.

Bei Safari steht man auf der Bremse. WebKit, die Engine hinter Apples Browser, lehnt den Vorschlag ab, so steht es in seinen Positionen zu Standards. Die Begründung verdient Gehör. Ein Agent, der für einen Menschen handelt, sei eine Hilfstechnologie wie ein Bildschirmleser. Websites sollten ihn nicht anders behandeln. Lücken gehörten in HTML und ARIA geschlossen, die Sprache der Barrierefreiheit, nicht in eine eigene Werkzeugschicht. Zudem fehle ein Modell für Einwilligung bei folgenreichen Aktionen. Auch der Architekturrat des W3C prüft den Entwurf noch (TAG).

Weiss hält die Bedenken für berechtigt und lösbar. Beide Seiten wollen dasselbe: Agenten, die Websites zuverlässig bedienen. Sie streiten über den Weg.

Rohbau als Piktogramm: Das Fundament ist der Entwurf vom 13.10.2026 von Google und Microsoft, darauf testet Chrome ab Version 149, darüber ist WebMCP bei ChatGPT Desktop, Shopify-Kasse und Cloudflare im Einsatz, das Dach für einen W3C-Standard fehlt und ist nur rot gestrichelt
Grafik: Leitgrad. Quellen: WebMCP-Entwurf vom 13. Oktober 2026, Google, OpenAI, WebKit, Yoav Weiss

Was ein Agent im Schweizer Laden vorfindet

Der Markt dafür ist da. Schweizerinnen und Schweizer kauften 2025 online für 15,8 Mrd. Franken ein, 6 Prozent mehr als im Vorjahr, meldet der Handelsverband. 2,8 Mrd. davon gingen direkt an Händler im Ausland.

Und die Kundschaft hat die Werkzeuge schon in der Hand. 43 Prozent der Bevölkerung haben generative KI genutzt, bei den 15- bis 24-Jährigen sind es 79 Prozent, zeigt das Bundesamt für Statistik. 69 Prozent bestellten in den drei Monaten vor der Umfrage etwas online.

Für ein KMU heisst das zunächst wenig Arbeit. Wer auf Shopify verkauft, bekommt die Werkzeuge an der Kasse vom Anbieter. Wer Termine vergibt oder Offerten einholt, hat meist schon ein Formular. Mit dem deklarativen Weg kann genau dieses Formular zum Werkzeug werden.

Die Schweizer Regeln für den Onlinehandel passen gut dazu. Nach Art. 3 Abs. 1 Bst. s UWG muss klar sein, mit welchem Klick eine Bestellung ausgelöst wird. Eingabefehler müssen sich korrigieren lassen, die Bestätigung muss sofort kommen, erklärt das SECO. Bei Shopify füllt der Agent aus, der Mensch bestellt.

Eine Hürde sitzt oft im eigenen Haus. Viele Websites halten Agenten für Bots und sperren sie aus, warnt Weiss. Er hofft auf einen Ausweis für vertrauenswürdige Agenten, an dem die Arbeitsgruppe Web Bot Auth der IETF arbeitet.

Gefunden wird, wer schon sichtbar ist

Eines leistet WebMCP nicht: Es bringt niemanden auf die Website. Der Agent entdeckt die Werkzeuge erst, wenn er die Seite besucht, schreibt OpenAI. Verlässt er sie, sind sie weg. Wer in den Antworten von ChatGPT, Gemini oder Perplexity nicht vorkommt, bekommt auch keinen Agenten zu Besuch.

OpenAI rät Websites, die normale Oberfläche für Menschen und für Browser ohne WebMCP zu behalten. Jeder Werkzeugaufruf durchläuft bei ChatGPT eine Sicherheitsprüfung. Was eine Website ihren Werkzeugen mitgibt, behandelt der Agent als unzuverlässige Information.

Die Ladentür bleibt also offen. Daneben öffnet sich eine Durchreiche. Wer sie früh einbaut, bedient die schnellsten Kunden zuerst.

Zum Mitnehmen: Was ein KMU heute an seiner Website prüfen kann

  1. Formulare aufräumen. Jedes Feld mit Beschriftung, Pflichtfelder klar markiert, ein eindeutiger Knopf zum Absenden. Die deklarative WebMCP-Variante von Chrome baut auf HTML-Formularen auf, WebKit setzt auf HTML und ARIA. Sauberes HTML hilft in beiden Fällen und dem Bildschirmleser auch.
  2. Den Shopanbieter fragen. Shopify meldet Werkzeuge auf berechtigten Kassen bereits an (Dokumentation). Bei anderen Systemen lohnt die Frage, ob und wann WebMCP kommt.
  3. Den Bot-Schutz prüfen. Sperrt die Firewall automatisierte Besucher pauschal, sperrt sie auch Agenten mit echten Kaufabsichten aus (Weiss).
  4. Selbst testen. Im Chrome-Browser lässt sich WebMCP für die Entwicklung unter chrome://flags/#enable-webmcp-testing einschalten, für echte Nutzer gibt es ab Chrome 149 einen Origin Trial (Google).
  5. Werkzeuge eng schneiden. Wenige Eingaben, Nebenwirkungen beschreiben, ein überprüfbares Ergebnis zurückgeben, die bestehende Anmeldung und Prüfung der Eingaben nutzen. So empfiehlt es OpenAI.
  6. Den letzten Klick dem Menschen lassen. Der Bestellknopf, die Korrektur von Eingabefehlern und die sofortige Bestätigung sind nach Art. 3 Abs. 1 Bst. s UWG Pflicht (SECO).

Häufige Fragen

Was ist WebMCP?

Eine vorgeschlagene Programmierschnittstelle im Browser. Websites melden damit Werkzeuge mit Namen, Beschreibung und Eingabeschema an, die KI-Agenten direkt aufrufen können. Der Name lehnt sich an das Model Context Protocol an, mit dem KI-Assistenten an externe Dienste angebunden werden.

Ist WebMCP ein offizieller Standard?

Nein. Der Text ist ein Entwurf der Web Machine Learning Community Group vom 13. Oktober 2026 und laut eigener Angabe nicht auf dem Weg zum W3C-Standard. Chrome testet ihn ab Version 149, WebKit (Safari) lehnt ihn ab.

Muss mein KMU jetzt etwas tun?

Nicht sofort. Sinnvoll sind saubere Formulare, ein Bot-Schutz, der Agenten nicht pauschal aussperrt, und eine Nachfrage beim Shopanbieter. Die normale Website für Menschen bleibt nötig, denn viele Browser und Agenten nutzen WebMCP noch nicht.

Quellen

  1. Yoav Weiss, Why WebMCP matters, 12. Oktober 2026 blog.yoav.ws
  2. TLDR, Newsletter vom 13. Oktober 2026 tldr.tech
  3. Web Machine Learning Community Group, WebMCP, Draft Community Group Report, 13. Oktober 2026 github.io
  4. Google, WebMCP für Chrome, aktualisiert am 7. Oktober 2026 developer.chrome.com
  5. nekuda, WebMCP Benchmark, Version 1.2, 18. September 2026 webmcp.com
  6. Shopify, Checkout WebMCP, Entwicklerdokumentation shopify.dev
  7. OpenAI, Site tools (WebMCP) in ChatGPT Desktop, Hilfeseite learn.chatgpt.com
  8. WebKit, Standards Position zu WebMCP, Issue 670; W3C TAG, Design Review 1238 WebKit · TAG
  9. IETF, Arbeitsgruppe Web Bot Auth ietf.org
  10. Handelsverband.swiss und NIQ GfK, Schweizer Online-Konsum 2025, 12. März 2026 handelsverband.swiss
  11. Bundesamt für Statistik, Internetnutzung in den Schweizer Haushalten 2025, 5. Dezember 2025 bfs.admin.ch
  12. SECO, Onlinehandel: Pflichten nach Art. 3 Abs. 1 Bst. s UWG seco.admin.ch

Sie lesen Leitgrad öfter? Bei Google als bevorzugte Quelle markieren

Teilen

Korrekturen und Ergänzungen: Wir arbeiten mit öffentlichen Quellen und Unternehmensangaben. Wer einen Fehler findet oder eine Zahl aktualisieren kann, schreibt an redaktion@leitgrad.ch. Korrekturen kennzeichnen wir im Artikel. Unsere Regeln: Redaktionsstatut.

Das Morgen-Briefing

Sie lesen Leitgrad öfter? Bei Google als bevorzugte Quelle markieren