Illustration: Leitgrad. Quelle: Matthäus 25,14-30 (Einheitsübersetzung 2016), eine Münze steht für ein Talent

Bruce-Boye · 4 min ·

Der dritte Diener hat nichts verloren. Genau das war sein Fehler

Drei Diener bekommen Geld anvertraut. Zwei setzen es ein, einer vergräbt es aus Angst und gibt es unversehrt zurück. Warum ausgerechnet er scheitert, und was das mit deinen Fähigkeiten zu tun hat.

Querschnitt durch den Boden: Über der Erde steht ein Stapel aus zehn Goldmünzen, unten fünf dunklere, oben fünf hellere mit roter Klammer «+5». Daneben ein Stapel aus vier Münzen mit «+2». Rechts ein Erdhügel mit Schaufel, darunter in einem gegrabenen Loch eine einzelne Münze, beschriftet «1 vergraben».

Illustration: Leitgrad. Quelle: Matthäus 25,14-30 (Einheitsübersetzung 2016), eine Münze steht für ein Talent

Vor einiger Zeit habe ich in der Bibel eine Geschichte gelesen, die ich mit dir teilen möchte. Sie handelt von Mut. Und davon, was wir mit dem anfangen, was in uns steckt.

Drei Diener, drei Summen

In Matthäus 25,14-30 erzählt Jesus das Gleichnis von den Talenten. Ein Mann geht auf Reisen. Vorher ruft er drei Diener zu sich und vertraut ihnen sein Vermögen an. Der erste bekommt fünf Talente, der zweite zwei, der dritte eines. «Jedem nach seinen Fähigkeiten», heisst es im Text.

Ein Talent war damals eine Geldeinheit, und zwar keine kleine. Es entsprach 6000 Drachmen. Die Zeitschrift «Welt und Umwelt der Bibel» nennt es «eine ungeheure Menge, die grösste Zähleinheit». Ein Denar, einer Drachme gleichgestellt, war der Tageslohn eines Arbeiters im Weinberg, so steht es in Matthäus 20,2. Auch der dritte Diener hielt also ein Vermögen in der Hand: rund 6000 Tageslöhne.

Der erste Diener wirtschaftet mit dem Geld und gewinnt fünf weitere Talente dazu. Der zweite macht aus zwei Talenten vier. Der dritte gräbt ein Loch und versteckt sein Talent in der Erde.

Als der Herr zurückkommt, lobt er die beiden ersten: «Sehr gut, du tüchtiger und treuer Diener.» Der dritte gibt sein Talent unverändert zurück. «Weil ich Angst hatte», sagt er. Der Herr ist enttäuscht, weil er die Gabe nicht genutzt hat.

Münzstapel als Piktogramme, ein Stapel steht für 1000 Tageslöhne: Der erste Diener erhält fünf Talente, 30 Stapel. Der zweite zwei Talente, 12 Stapel. Der dritte ein Talent, 6 Stapel, rot hervorgehoben. Ein Talent entsprach 6000 Drachmen, ein Denar war der Tageslohn eines Arbeiters.
Grafik: Leitgrad. Quellen: Matthäus 25,15 und 20,2 (Einheitsübersetzung 2016); «Welt und Umwelt der Bibel» 1/2008. Umrechnung in Tageslöhne: eigene Rechnung

Er hat nichts verloren

Für mich ist das der spannendste Punkt der Geschichte. Der dritte Diener hat nichts verloren. Kein Risiko, keine schlechte Entscheidung, kein Verlust. Er hat das Geld nur aufbewahrt. Und genau daran scheitert er.

Illustration auf Tannengrün: ein Kontobuch in Schräglage. Erster Diener: 5 anvertraut, 10 zurück, plus 5. Zweiter: 2 anvertraut, 4 zurück, plus 2. Dritter: 1 anvertraut, 1 zurück, plus minus 0, mit rotem Stempel «Verlust: 0».
Kein Verlust, kein Gewinn, und trotzdem gescheitert: die Bilanz der drei Diener in Talenten. Quelle: Matthäus 25,14-30 (Einheitsübersetzung 2016). Illustration: Leitgrad

Ich denke, es geht darum, dass jeder Mensch mit unterschiedlichen Gaben und Fähigkeiten ausgestattet ist. Der eine mit fünf, der andere mit einem. Diese Fähigkeiten sind nicht dazu gedacht, versteckt oder ungenutzt zu bleiben. Sie sollen eingesetzt werden. Zum Guten.

Ein Detail fällt mir dabei auf. Der Diener mit zwei Talenten bekommt vom Herrn wörtlich dasselbe Lob wie der mit fünf. Es zählt also nicht, wie viel jemand mitbringt. Es zählt, was er daraus macht.

Illustration: ein hoher Stapel aus zehn Münzen und ein niedriger aus vier. Über beiden hängt auf exakt gleicher Höhe dasselbe rote Band: «Sehr gut, du tüchtiger und treuer Diener.»
Ungleiche Summen, gleiches Lob: Der Diener mit zwei Talenten hört dieselben Worte wie der mit fünf. Quelle: Matthäus 25,21 und 25,23 (Einheitsübersetzung 2016). Illustration: Leitgrad

Ein Wort mit Auftrag

Dass wir heute von Talent sprechen, wenn wir Begabung meinen, geht auf genau dieses Gleichnis zurück. Laut dem Etymologischen Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer stammt die übertragene Bedeutung von Paracelsus, aus dem 16. Jahrhundert. Die anvertraute Geldsumme wurde als Gabe Gottes an den Menschen gedeutet.

Das Wort trägt den Auftrag also schon in sich. Ein Talent ist etwas, das einem gegeben wurde. Wer es bekommt, trägt Verantwortung dafür.

Illustration auf Nachtblau: eine Goldmünze dreht sich in drei Stufen und wird zur Keimpflanze. Matthäus 25: Talent ist eine Geldsumme von 6000 Drachmen. 16. Jahrhundert: Paracelsus deutet die Summe als Gabe Gottes. Heute: Talent heisst Begabung.
Aus Geld wurde Begabung, der Auftrag blieb. Quellen: Matthäus 25,14-30; Wolfgang Pfeifer, Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (DWDS); «Welt und Umwelt der Bibel» 1/2008. Illustration: Leitgrad

Angst fühlt sich sicher an

Ich denke, die Geschichte warnt davor, sich zurückzuziehen. Aus Angst. Oder aus Bequemlichkeit. Beides fühlt sich nach Sicherheit an. Beides lässt das, was in uns steckt, im Boden liegen.

Der dritte Diener wollte keinen Fehler machen. Aber nichts zu tun, ist auch eine Entscheidung. Sie fällt nur leiser.

Zitatkarte auf Erdschichten: «Aber nichts zu tun, ist auch eine Entscheidung. Sie fällt nur leiser.» Florian Bruce-Boye. Rechts eine Schaufel, unten eine vergrabene Münze.
«Aber nichts zu tun, ist auch eine Entscheidung. Sie fällt nur leiser.» Florian Bruce-Boye. Grafik: Leitgrad

Die Geschichte ermutigt zum Gegenteil. Die eigenen Fähigkeiten nutzen. Sie weiterentwickeln. Und Verantwortung übernehmen für das, was einem gegeben wurde.

Wenn du glaubst, du hättest keines

Vielleicht denkst du jetzt: «Ich habe keine Fähigkeiten.» Dann ist genau das der richtige Zeitpunkt, damit anzufangen, welche zu lernen. Denn eine Fähigkeit ist kein fertiges Geschenk. Sie wächst mit dem, was man mit ihr macht. Genau wie die Talente der ersten beiden Diener.

Egal ob Tennis, Rhetorik, Boxen, Segeln, Jagen, Fussball, Rennradfahren, Unternehmertum oder Podcasting. Wer etwas nie ausprobiert, kann auch nie herausfinden, welches Potenzial in ihm steckt.

Illustration: ein Korridor in Zentralperspektive mit neun geschlossenen Türen, beschriftet mit Tennis, Rhetorik, Boxen, Segeln, Jagen, Unternehmertum, Rennradfahren, Podcasting und Fussball. Am Ende fällt warmes Licht durch eine offene Tür.
Wer nie eine Tür öffnet, erfährt nie, was dahinter steckt. Illustration: Leitgrad

Der dritte Diener hat sein Talent sicher verwahrt. Was daraus hätte werden können, hat er nie erfahren.

Eine frühere Fassung dieses Textes erschien in Florians Newsletter Proaktiv Letter.

Zum Mitnehmen: Drei Fragen für diese Woche

  1. Welche Fähigkeit hast du, die gerade irgendwo vergraben liegt?
  2. Was hält dich davon ab, sie zu nutzen: Angst oder Bequemlichkeit?
  3. Was probierst du in den nächsten sieben Tagen zum ersten Mal aus, auch wenn du darin noch schlecht bist?

Quellen

  1. Die Bibel, Matthäus 25,14-30 und 20,2, Einheitsübersetzung 2016 bibleserver.com
  2. «Welt und Umwelt der Bibel» 1/2008 «Gott und das Geld», Übersicht «Münzen und Geldgewichte aus der Zeit der Bibel» bibelwerk.de
  3. Wolfgang Pfeifer, Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, Stichwort «Talent» dwds.de

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