Briefing · 4 min ·

Waadt senkt die Steuern um 12 Prozent. Gegen Regierung und Parlament

Drei Wirtschaftsverbände haben in der Waadt durchgesetzt, was der Grosse Rat mit 91 zu 31 Stimmen abgelehnt hatte. Was die Steuersenkung für Unternehmer bedeutet und wer sie bezahlt.

Eine Steuererklärung des Kantons Waadt, eine Schere schneidet 12 Prozent ab. Text: 12 Prozent weniger Steuern.

«Die Botschaft der Bevölkerung ist klar: Mit dem Steuerdruck ist jetzt Schluss.» Das sagte Olivier Feller am Sonntagabend zu RTS. Der FDP-Nationalrat ist Direktor der Chambre vaudoise immobilière, und er hatte gerade gewonnen, gegen fast die ganze Waadtländer Politik.

Die Waadt senkt ihre Kantonssteuern auf Einkommen und Vermögen um 12 Prozent. 53,1 Prozent der Stimmenden sagten Ja. Regierung und Grosser Rat hatten die Initiative zur Ablehnung empfohlen, das Parlament mit 91 zu 31 Stimmen.

Das Wichtigste in Kürze

Die Initiative «Baisse d’impôts pour tous» stammt von drei Wirtschaftsverbänden: dem Centre Patronal, der Waadtländer Handelskammer CVCI und der Chambre vaudoise immobilière. Sie senkt die kantonalen Einkommens- und Vermögenssteuern ab der Steuerperiode 2027 um 12 Prozent. Das Volk nahm sie am 27. September 2026 mit 53,1 Prozent an, bei einer Stimmbeteiligung von 49,97 Prozent. Der Kanton verliert netto rund 272 Millionen Franken im Jahr. Die von der Regierung geplante Senkung um 7 Prozent entfällt. Die Gemeindesteuern bleiben unverändert.

Die Initiative war im April 2023 mit 28 486 gültigen Unterschriften zustande gekommen, mehr als doppelt so vielen wie nötig. Die Regierung hielt mit einem eigenen Programm dagegen: 4 Prozent weniger Einkommenssteuer 2025, 5 Prozent 2026, 7 Prozent ab 2027. Das reichte dem Stimmvolk nicht.

Im Grossen Rat stimmten 23 Prozent dafür. Im Volk 53.

Zustimmung zur Initiative «Baisse d’impôts pour tous» im Waadtländer Parlament (Empfehlung vom 4. Dezember 2024) und an der Urne (27. September 2026).

Zwei Balken: Im Grossen Rat stimmten 31 von 136 Mitgliedern für die Initiative, 23 Prozent. An der Urne sagten 53,1 Prozent Ja.
Quellen: Kanton Waadt, Abstimmungsbroschüre und amtliches Resultat. Grosser Rat: 31 Ja, 91 Nein, 14 Enthaltungen.

Der Abstand zwischen den beiden Balken ist die eigentliche Nachricht. Im Parlament fand die Initiative nicht einmal ein Viertel der Stimmen. An der Urne holte sie eine klare Mehrheit, obwohl Regierung, Linke und Gewerkschaften dagegen waren und selbst die FDP gespalten auftrat. Drei Verbände haben damit durchgesetzt, was die gewählten Vertreter mit grosser Mehrheit abgelehnt hatten.

Für Unternehmer in der Waadt ist der Entscheid doppelt relevant. Er senkt die Einkommenssteuer der Inhaber und die Vermögenssteuer auf ihre Firmenbeteiligungen, die bei Familienunternehmen oft den grössten Teil des Vermögens ausmachen. Die offizielle Abstimmungsbroschüre räumte selbst ein, dass die Waadt ab 100 000 Franken steuerbarem Einkommen zu den Kantonen mit der höchsten Belastung gehört. Genau dort setzt die Senkung an.

Wer die Rechnung bezahlt

Brutto kostet die Initiative 536 Millionen Franken. Weil die 7-Prozent-Senkung der Regierung ohnehin gekommen wäre, beträgt der zusätzliche Ausfall rund 272 Millionen im Jahr. Das Budget 2027 wies schon vorher ein Defizit von 356 Millionen aus, trotz 440 Millionen aus den Reserven.

Finanzdirektorin und Staatsratspräsidentin Christelle Luisier Brodard (FDP) spricht von einer Gratwanderung. Die nötigen Massnahmen «fallen nicht vom Himmel», sagte sie. Ihr Kollege Roger Nordmann (SP) nannte die Lage «äusserst problematisch». Die Initianten sehen es anders. CVCI-Direktor Philippe Miauton: Der Kanton müsse lernen, besser mit seinen Ausgaben umzugehen.

Warum das über die Waadt hinaus zählt

Die Waadt ist gerade der stärkste Startup-Kanton des Landes. Im ersten Halbjahr 2026 flossen laut dem Swiss Venture Capital Report mehr als 330 Millionen Franken in Waadtländer Jungfirmen, so viel wie in den Rekordjahren 2021 und 2022. Zürich schnitt «historisch schwach» ab. Tiefere Vermögenssteuern treffen genau jene Gründer und Investoren, deren Vermögen vor allem aus Firmenanteilen besteht. Wie stark die Steuer auf Beteiligungen die Rechnung eines Unternehmers prägt, zeigt die ETH-Studie zum Gewinn in der eigenen AG.

Und der Fall zeigt, wie Wirtschaftsverbände in der Schweiz Politik machen, wenn das Parlament nicht mitzieht: über die direkte Demokratie. Wer auf nationaler Ebene in den Verbänden das Sagen hat, haben wir in der Machtkarte zu Economiesuisse gezeigt. Warum Schweizer Wachstumsfirmen ihr Kapital trotzdem meist im Ausland holen, steht in unserer Analyse zum Wachstumskapital.

Methode

Resultat nach dem amtlichen Ergebnis des Kantons Waadt, das leere Stimmzettel in die Basis einrechnet (53,14 Prozent Ja). Ohne leere Stimmzettel ergibt sich 53,9 Prozent, die Zahl, die SRF nennt. Der Anteil im Grossen Rat bezieht sich auf alle 136 abgegebenen Stimmen inklusive Enthaltungen (31 Ja); ohne Enthaltungen sind es 25 Prozent. Kosten nach der offiziellen Abstimmungsbroschüre. Eine Frankenzahl für Zürich im Venture-Capital-Report ist öffentlich nicht ausgewiesen.

Quellen

  1. Kanton Waadt, amtliches Resultat der Abstimmung vom 27. September 2026 elections.vd.ch
  2. Kanton Waadt, Medienmitteilung des Staatsrats zur Annahme der Initiative, und Abstimmungsbroschüre vd.ch
  3. RTS, «Vaud: l’initiative des 12% fait la course en tête», 27. September 2026 rts.ch
  4. SRF, «Waadt sagt Ja zu deutlicher Steuersenkung», 27. September 2026 srf.ch
  5. Startupticker, Swiss Venture Capital Report H1 2026, 14. Juli 2026 startupticker.ch

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