Präsident für ein Jahr: Nexplore wechselt die VR-Spitze wie der Bundesrat
Über 20 Jahre präsidierte Konrad Hädener den Verwaltungsrat der Berner IT-Firma Nexplore. Jetzt wechselt das Präsidium jedes Jahr. Was dafür spricht, was dagegen und was das Gesetz zulässt.

Brigitte Hulliger weiss schon heute, wann sie aufhört. Seit Anfang September steht sie als Präsidentin des Verwaltungsrats der Berner IT-Firma Nexplore im Handelsregister, und in einem Jahr gibt sie das Amt weiter. «Im nächsten Jahr kann ich sehen, wie eine andere Person das Präsidium ausübt», sagte sie SRF.
Ihr Vorgänger Daniel Aebersold hielt das Präsidium ein Jahr lang. Vor ihm sass Konrad Hädener über zwanzig Jahre an der Spitze, ein früherer Exekutivpolitiker der Stadt Thun. Nexplore beschäftigt rund 180 Leute in Bern, Thun, Basel und Zürich. Und macht mit dem Präsidium, was die Schweiz mit dem Bundespräsidium macht: Es wechselt jedes Jahr.
Das Wichtigste in Kürze
Nexplore lässt Präsidium und Vizepräsidium des Verwaltungsrats seit 2026 jedes Jahr rotieren. Den Vorschlag machte Präsident Daniel Aebersold im Juli, seit September ist Brigitte Hulliger als Präsidentin eingetragen. Zuvor hatte Konrad Hädener das Amt über 20 Jahre geführt. In den Teams arbeitet die Firma schon seit 2019 ohne Chefs. Die Compliance-Expertin Monika Roth hält ein Jahr für zu kurz, sieht aber einen Vorteil: Das Modell verhindert, dass Präsident und Geschäftsleitung zu eng zusammenwachsen.
Die Rotation ist bei Nexplore die logische Folge einer älteren Entscheidung. Seit 2019 gibt es in der Firma keine klassischen Hierarchien mehr, die Teams arbeiten ohne Vorgesetzte. Auch einen CEO hat Nexplore nicht mehr, berichtete Netzwoche. Aebersold, damals Vizepräsident, trieb die Abschaffung voran. Seine Begründung gegenüber SRF: «Die Geschäftsleitung war der Flaschenhals.»
Das Präsidium hat bei Nexplore laut Firma vor allem die Funktion, die das Gesetz verlangt, und im Alltag keine Sonderstellung. «In unserer holakratischen Organisation bietet sich eine Rotation deshalb geradezu an», sagte Hulliger dem Fachportal Computerworld. Der Verwaltungsrat zählt fünf Mitglieder. Neuer Vizepräsident ist Oliver Blindenbacher, und Aebersold bleibt als einfaches Mitglied im Gremium.
Über 20 Jahre ein Präsident. Jetzt jedes Jahr ein neuer.
Amtsdauer an der Spitze des Verwaltungsrats von Nexplore, im Vergleich zur durchschnittlichen Amtszeit von Verwaltungsräten bei den 100 grössten Arbeitgebern der Schweiz.

Die Grafik zeigt den Bruch. Ein Präsident blieb länger als zwei Jahrzehnte, seine Nachfolger bleiben je ein Jahr. Bei den 100 grössten Arbeitgebern der Schweiz sind Verwaltungsräte laut Schillingreport im Schnitt seit sechs Jahren im Amt. Wer ausscheidet, hat im Schnitt zehn Jahre hinter sich.
Nexplore setzt damit am anderen Ende an als die meisten Familienunternehmen. Dort ist die lange Amtszeit häufig der Normalfall, und die Nachfolge wird zur Frage, über die man erst spricht, wenn sie drängt. Ein Jahr macht die Übergabe dagegen zur Routine.
Für einen Inhaber ist das Modell deshalb weniger Vorlage als Prüfstein. Die eigentliche Frage ist, ob die eigene Firma einen Wechsel an der Spitze überhaupt verkraften würde.
Was dafür spricht und was dagegen
Monika Roth, Expertin für Finanzmarktrecht und Compliance, sieht einen klaren Vorteil. Die Rotation wirke gegen eine Konzentration der Macht und gegen eine zu enge Nähe zwischen einem langjährigen Präsidenten und der Geschäftsleitung. Den Vergleich mit dem Bundesrat findet sie treffend: «Das ist eine Besonderheit in der Schweiz.» Sie sehe keinen sachlichen Grund, warum es in der Wirtschaft nicht funktionieren sollte.
Gleichzeitig ist sie skeptisch. «Der Wechsel nach nur einem Jahr ist zu kurz», sagt Roth. Bei grossen Konzernen sei der Präsident eine wichtige Ansprechperson, etwa für Finanzanalysten. «Ich glaube jedoch nicht daran, dass das Modell flächendeckend eingeführt wird.»
Nexplore selbst hält sich eine Hintertür offen. Ob die Rotation bleibt, hänge vom Erfolg ab, sagt Hulliger. Sollte das Modell der Firma schaden, «stoppen wir es».
Was das Gesetz zulässt
Für ein nicht kotiertes KMU ist die Rotation einfach umzusetzen. Den Präsidenten wählt dort nach Artikel 712 OR der Verwaltungsrat selbst. Die Amtsdauer der Verwaltungsräte beträgt nach Artikel 710 OR drei Jahre, höchstens sechs, Wiederwahl ist möglich. Nur bei kotierten Gesellschaften wählt die Generalversammlung Präsident und Verwaltungsrat jedes Jahr.
Wie gefährlich es ist, wenn alles an einer Person hängt, zeigt unser Text 33 Stunden ohne Chef. Wie viele Firmen vor der Übergabe stehen, steht in der Analyse Kein Erbe, kein Plan. Und wie Firmen Führung auf Zeit einkaufen, zeigt der Beitrag über den Fractional COO.
Aebersold hat den Grundgedanken im Juli so formuliert: «Veränderung sollte nicht erst stattfinden, wenn sie nötig wird, sondern gerade dann, wenn alles gut läuft.»
Methode
Zahl der Mitarbeitenden und Standorte nach SRF. Die Wechsel im Präsidium sind im Handelsregister publiziert (SHAB vom 19. August 2025 und 2. September 2026). Dass die Firma den Mitarbeitenden gehört, steht in einer Mitteilung von 2025; die Aktionärsstruktur haben wir nicht geprüft. Die Amtszeiten im Schillingreport beziehen sich auf alle Verwaltungsräte der 100 grössten Arbeitgeber, nicht nur auf Präsidenten.
Quellen
- SRF, «VR-Präsidium auf Zeit: Weshalb eine Berner IT-Firma jedes Jahr die VR-Spitze auswechselt», 27. September 2026 srf.ch
- Netzwoche, 8. Juli 2026; Computerworld netzwoche.ch · computerworld.ch
- Handelsregister, Nexplore AG, Thun lixt.ch
- Schillingreport 2026 schillingreport.ch
- Obligationenrecht, Art. 710 und 712 fedlex.admin.ch
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