Illustration: Leitgrad. Quellen: Reuters, 30. September 2026; Varda.

US-Trends · 8 min ·

Varda kristallisiert Medikamente im All. 28 Starts sind schon gebucht

Ein Startup aus Kalifornien lässt Wirkstoffe in der Schwerelosigkeit wachsen und holt sie per Kapsel zurück. Investoren geben ihm 251 Millionen Dollar, bezahlt wird es vorerst vor allem vom Staat. Die Schweiz besitzt beide Zutaten dieses Geschäfts.

Illustration: Nachthimmel mit 28 Kapseln an Fallschirmen für die gebuchten Starts, zwei Kapseln im Orbit und fünf geborgene Kapseln in der Wüste neben Wirkstoffkristallen

Illustration: Leitgrad. Quellen: Reuters, 30. September 2026; Varda.

Kurz gesagt: Varda Space Industries aus El Segundo in Kalifornien hat Ende September 251 Mio. Dollar eingesammelt, bei einer Bewertung von 1,6 Mrd. Dollar. Das Startup kristallisiert Wirkstoffe in der Schwerelosigkeit und bringt sie in kleinen Kapseln zur Erde zurück. Seit 2023 flogen sechs Missionen, für 2027 bis 2029 sind 28 Starts gebucht. Rund 70 Prozent der Nutzlastkunden im nächsten Jahr sind staatlich, einen ersten Patienten mit einem im All entwickelten Medikament erwartet Varda frühestens 2030. In der Schweiz arbeiten rund 130 Firmen in der Raumfahrt mit rund 500 Mio. Franken Umsatz, Chemie und Pharma exportierten 2025 für 152 Mrd. Franken.

Knapp 24 Stunden dauerte die Arbeit. Acht Monate das Warten.

Am 12. Juni 2023 brachte eine Falcon 9 die erste Kapsel von Varda in die Umlaufbahn, verzeichnet Wikipedia. Am 29. Juni begann an Bord das Experiment. Ritonavir, ein Wirkstoff gegen HIV, wurde bei 131 Grad geschmolzen und wuchs dann bei 80 Grad zu Kristallen, beschreibt der Fachdienst New Space Economy. Danach kühlte die Kapsel auf 15 Grad ab. Und kreiste weiter.

Landen durfte sie nicht. Die US-Luftfahrtbehörde FAA verweigerte im September 2023 die Rückkehr. Die Bewilligung kam erst am 14. Februar 2024. Eine Woche später setzte die Kapsel auf dem militärischen Testgelände in Utah auf.

Im Labor zeigte sich, was die Mission beweisen sollte. Die Kristalle hatten ihre Form behalten, die seltene Form III des Wirkstoffs. Weder die Strahlung im Orbit noch der glühende Wiedereintritt hatten sie verändert. Im April 2026 erschien die Studie in der Fachzeitschrift npj Microgravity.

Ein Kühlschrank namens Schwerelosigkeit

Viele Wirkstoffe kommen in mehreren Kristallformen vor. Welche entsteht, entscheidet mit darüber, wie sich ein Medikament verarbeiten lässt. Ohne Schwerkraft wachsen Kristalle anders.

Den bekanntesten Beleg lieferte nicht Varda, sondern der US-Pharmakonzern Merck & Co. 2017 liess er auf der Internationalen Raumstation Kristalle seines Krebsmittels Keytruda wachsen. Im All entstanden Kristalle von einheitlicher Grösse, rund 39 Mikrometer. Am Boden bildeten sich zwei Grössen, zeigt die Studie in npj Microgravity. Die Lösung aus dem All war zudem weniger zähflüssig. Das lieferte Hinweise, wie aus einer langen Infusion eine kurze Spritze werden könnte. Als Merck 2025 seine Keytruda-Spritze lancierte, nutzte der Konzern allerdings ein anderes Verfahren, schreibt MIT Technology Review.

Varda-Chef Will Bruey, früher bei SpaceX, wählt einen nüchternen Vergleich. Kälte mache Medikamente nicht per se besser, Schwerelosigkeit auch nicht, sagte er laut Aerospace America. Beides ist ein Werkzeug. Sein Ziel: Die Pharma soll die Schwerelosigkeit so selbstverständlich nutzen wie den Kühlschrank.

Wer heute mitfliegt

Am 30. September meldete Varda eine Finanzierungsrunde über 251 Mio. Dollar, angeführt von Lux Capital und Natural Capital, berichtet die Kanzlei Cooley. Auch Founders Fund und Khosla Ventures sind dabei. Total hat das 2021 gegründete Startup 598 Mio. Dollar eingesammelt. Es beschäftigt rund 275 Menschen, etwa 18 Prozent davon mit Pharma-Hintergrund, schreibt Reuters.

Einen Tag später flogen erstmals zwei Varda-Kapseln auf derselben Rakete, W-8 und W-9. An Bord: Sensoren für Hitzeschilde und Navigation für staatliche Hypersonik-Programme, keine Medikamente, meldet Defense Daily. Das ist kein Widerspruch. Es ist das Geschäftsmodell. Eine Kapsel, die mit 25-facher Schallgeschwindigkeit in die Atmosphäre eintaucht, ist ein begehrtes Testlabor. «Vor Varda war der billigste Weg zu Mach 25 der Kauf einer Rakete», sagte Bruey.

Zwei Reihen mit je zehn Rückkehrkapseln: 2027 stehen sieben für staatliche Kunden und drei für die Pharma, 2032 ist das erwartete umgekehrte Verhältnis mit gestrichelten Kapseln dargestellt
Grafik: Leitgrad. Quelle: Reuters, 30. September 2026. Die untere Reihe zeigt die erwartete Umkehr schematisch.

Rund 70 Prozent der Nutzlastkunden im nächsten Jahr sind staatlich, der Rest kommt aus der Pharma. Bis 2032 erwartet Bruey die Umkehr. Den Weg ebnen soll der erste grosse Pharmavertrag. Seit Mai 2026 bezahlt United Therapeutics Varda dafür, neue Kristallformen seiner Medikamente gegen Lungenhochdruck zu finden. Der erste Flug ist für Anfang 2027 geplant. Ein mögliches Ziel: eine Infusion, die zur Spritze wird.

«Für sie sind wir eigentlich keine Raumfahrtfirma, sondern eine Pharmafirma», sagt Bruey über die Kunden aus der Industrie. Einen ersten Patienten erwartet er frühestens 2030. Der Umweg hat seinen Preis: Rund 7’000 Dollar kostet es laut MIT Technology Review, ein Kilogramm in die Umlaufbahn zu bringen.

Die Schweiz hat beide Hälften

Für die Schweiz liest sich Vardas Plan wie eine Bauanleitung mit vertrauten Teilen. Die erste Hälfte ist Pharma. Chemie und Pharma exportierten 2025 Waren für 152 Mrd. Franken, mehr als jeden zweiten Exportfranken, meldete SRF mit Zahlen des Bundesamts für Zoll und Grenzsicherung.

Die zweite Hälfte ist die Raumfahrt. Rund 130 Firmen gehören dazu, mit etwa 1’000 Fachleuten und weiteren 2’000 Beschäftigten bei Zulieferern, zeigt eine Studie von Raiffeisen. Die Swiss Space Industries Group schätzt den Umsatz auf rund 500 Mio. Franken im Jahr, berichtete SRF im Juni. Die Verkleidungen der Ariane-Raketen baut Beyond Gravity in Emmen, Motoren für den Mars-Rover Perseverance kamen von Maxon aus Sachseln.

Schematisches Streckennetz der Schweiz mit einer schwarzen Linie Raumfahrt und einer grauen Linie Pharma, die sich in den rot markierten Umsteigebahnhöfen Dübendorf und Hergiswil treffen
Grafik: Leitgrad, schematisch. Quellen: UZH, Starlab, ISS National Lab, Hochschule Luzern, SRF, Beyond Gravity, Swissto12.

Wo sich die beiden Hälften treffen, liegt ein Flugplatz. Im Innovationspark Zürich in Dübendorf hat der UZH Space Hub mit Airbus menschliches Gewebe auf der ISS gezüchtet: Knorpel, Knochen und Leber, in zwei Produktionstests, meldet die Universität Zürich. Daraus entstand 2022 das Spin-off Prometheus Life Technologies. Es will Leber-Organoide im All in grosser Menge herstellen und baut dafür mit dem CSEM eine automatisierte Plattform, schreibt der Innovationspark Zürich.

Auf demselben Gelände plant Starlab, ein Gemeinschaftsunternehmen um Airbus, einen europäischen Science Park mit Kontrollzentrum für Experimente. Schwerpunkt: Biotech, Biomedizin und Pharma. Die Station soll ab 2029 die ISS ablösen, meldete die UZH. Novartis hat auf der ISS bereits zu Muskelschwund geforscht (ISS National Lab). Und in Hergiswil betreut das Zentrum BIOTESC der Hochschule Luzern als ESA-Nutzerzentrum biologische Experimente auf der Raumstation (HSLU).

Der Fahrplan steht, die Fracht wird verhandelt

Varda hat 28 Starts bis 2029 gebucht. Was die Kapseln tragen, entscheidet sich in Verhandlungen mit Behörden und Pharmafirmen. Die Schweiz sitzt dabei über die ESA mit am Tisch. An der Ministerratskonferenz im November 2025 zeichnete sie 771 Mio. Euro für die kommenden Jahre, meldete das SBFI. Das Geld fliesst als Aufträge an Industrie und Forschung in den Mitgliedsländern zurück.

Die Schwerkraft lässt sich auf der Erde nicht abschalten. Im Orbit kann man sie inzwischen buchen.

Zum Mitnehmen: So docken Schweizer Zulieferer an die Raumfahrt an

  • Erste Adresse: Das Swiss Space Office im SBFI ist das Kompetenzzentrum des Bundes für Weltraumfragen, Kontakt space@sbfi.admin.ch (SBFI).
  • Ausschreibungen: Die ESA vergibt Aufträge über die Plattform EMITS. Jede Ausschreibung zeigt, ob sie KMU vorbehalten ist. Grossfirmen sollen KMU einbinden, deren Einbezug zählt bei der Bewertung (ESA).
  • Rückfluss: Seit 1997 vergleicht die ESA den Anteil eines Landes an den Aufträgen mit seinem Beitragsanteil, gestützt auf Artikel VII der ESA-Konvention (ESA). Je mehr die Schweiz zeichnet, desto mehr Aufträge können an Schweizer Firmen gehen.
  • Netzwerk: Die Swissmem-Fachgruppe Raumfahrt (Swiss Space Industries Group) vermittelt Kontakte zum Swiss Space Office, zu Hochschulen und zur ESA und macht Lösungen ihrer Mitglieder bei der ESA sichtbar (Swissmem).
  • Für Startups: ESA BIC Switzerland gibt bis 200’000 Euro ohne Anteilsabgabe und bis 80 Stunden technische Unterstützung, Bewerbung über Venturelab (esabic.ch). Seit 2016 waren 76 Startups im Programm (Raiffeisen).
  • Tiefere Hürde: Hardware für Raketen und Satelliten braucht viel Kapital. Dienste mit Satellitendaten haben tiefere Eintrittshürden, hält Raiffeisen fest.

Häufige Fragen

Was macht Varda Space Industries?

Varda aus Kalifornien kristallisiert Wirkstoffe in der Schwerelosigkeit und bringt sie in kleinen Kapseln zur Erde zurück. Heute verdient das Startup vor allem mit Testflügen für staatliche Hypersonik-Programme. Für 2027 bis 2029 sind 28 Starts gebucht.

Kann man Medikamente im Weltraum herstellen?

Wirkstoffe lassen sich im Orbit kristallisieren und stabil zurückbringen, das hat Varda 2024 mit Ritonavir gezeigt. Merck erzeugte 2017 auf der ISS gleichmässigere Kristalle seines Krebsmittels Keytruda. Ein im All entwickeltes Medikament erwartet Varda frühestens 2030 bei einem Patienten.

Wie gross ist die Raumfahrtbranche in der Schweiz?

Rund 130 Firmen mit etwa 1’000 Fachleuten, dazu rund 2’000 Beschäftigte bei Zulieferern (Raiffeisen). Die Swiss Space Industries Group schätzt den Umsatz auf rund 500 Mio. Franken pro Jahr.

Quellen

  1. Reuters via WSAU, Varda raises $250 million, 30. September 2026 wsau.com
  2. Cooley, Varda Announces $251 Million Series D, 30. September 2026 cooley.com
  3. Wikipedia, Varda Space Industries (Missionen W-1 bis W-9), abgerufen 15. Oktober 2026 wikipedia.org
  4. New Space Economy, Return of the Ritonavir, 1. April 2024; Varda, Studie in npj Microgravity, 8. April 2026 newspaceeconomy.ca · varda.com
  5. npj Microgravity 5, 28, Pembrolizumab-Kristallisation auf der ISS, 2. Dezember 2019 pmc.ncbi.nlm.nih.gov
  6. MIT Technology Review, Varda und United Therapeutics, 13. Mai 2026 technologyreview.com
  7. Aerospace America (AIAA), Varda CEO foresees space-based medicine, 21. Mai 2026 aiaa.org
  8. Defense Daily, Varda launches two hypersonic reentry capsules, Oktober 2026 defensedaily.com
  9. SRF, Schweizer Exporte erreichen 2025 Rekord, 29. Januar 2026; SRF, Der Weltraum als Geschäftsfeld, 13. Juni 2026 Exporte · Raumfahrt
  10. Raiffeisen, Studie Raumfahrtindustrie Schweiz, 3. März 2026 raiffeisen.ch
  11. UZH Space Hub, Human Tissue Production in Space; UZH News, Starlab in Dübendorf; Innovationspark Zürich, Prometheus Life Technologies Space Hub · Starlab · Prometheus
  12. ISS National Lab, Novartis und Rodent Research-1, 28. Juni 2019; Hochschule Luzern, BIOTESC issnationallab.org · hslu.ch
  13. SBFI, ESA-Ministerratskonferenz in Bremen, 27. November 2025; SBFI, Raumfahrt-Projektfinanzierungen Ministerrat · Finanzierungen
  14. ESA, Industrial policy and geographical distribution; ESA BIC Switzerland; Swissmem, Raumfahrt esa.int · esabic.ch · swissmem.ch

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