Illustration: Leitgrad. Quellen: Colt und Anapaya (6.10.2026), SNB Economic Note 2026-07 (7.10.2026)

Challenger · 7 min ·

Die Technik hinter dem Schweizer Zahlungsverkehr geht auf drei Kontinente

Über SCION erreichen mehr als 100 Teilnehmer des Finanzplatzes das Zahlungssystem der Nationalbank. Erdacht wurde die Technik an der ETH, vermarktet wird sie von Anapaya aus Zürich. Jetzt bietet sie der britische Netzbetreiber Colt in Europa, Nordamerika und Asien an.

Illustration: Ein gelber Schweizer Wanderwegweiser mit dem Standortschild Zürich zeigt nach Nordamerika, Europa und Asien, jedes Schild trägt ein rotes Siegel. Ein Wanderer hält einen versiegelten Briefumschlag. Im Gras liegt ein durchgestrichener, ungesiegelter Wegweiser mit der Aufschrift Abkürzung. Infobox: über 100 Teilnehmer im Finanznetz SSFN, Colt in über 40 Ländern.

Illustration: Leitgrad. Quellen: Colt und Anapaya (6.10.2026), SNB Economic Note 2026-07 (7.10.2026)

Kurz gesagt: Der britische Netzbetreiber Colt bietet seit Anfang Oktober 2026 die Internetarchitektur SCION als gemanagten Dienst in Europa, Nordamerika und Asien an, nach einem zweijährigen Pilotversuch mit Finanzfirmen. SCION wurde an der ETH Zürich entwickelt und wird vom Zürcher Spin-off Anapaya vermarktet. Auf SCION läuft das Secure Swiss Finance Network von Nationalbank und SIX: Mehr als 100 Teilnehmer des Finanzplatzes sind angeschlossen, seit Juni 2024 ist es der Zugang zum Zahlungssystem SIC. Preise nennt Colt nicht. Für KMU zählt SCION heute vor allem dort, wo ein Branchennetz es verlangt, in Finanz, Gesundheit, Zahlungsverkehr und Energie.

Am 24. Februar 2008 wollte Pakistan Telecom YouTube im eigenen Land sperren. Es legte YouTube weltweit lahm, verzeichnet Wikipedia. Der Fehler war simpel. Das Netz hatte verkündet, es sei der richtige Weg zu den Adressen von YouTube. Die anderen Netze glaubten es.

So funktioniert das Internet bis heute. Welchen Weg ein Datenpaket nimmt, handeln die Netze der Welt über das Protokoll BGP aus. Der Absender hat kaum Einfluss. Und BGP biete keine Möglichkeit zu prüfen, ob ein angekündigter Weg echt ist, schreibt die Schweizerische Nationalbank in einer Analyse vom 7. Oktober (SNB). Im April 2018 wurden so rund 1’300 Adressen des Amazon-Dienstes Route 53 umgeleitet.

Der Schweizer Finanzplatz hat sich dagegen gewappnet, mit einer Technik aus Zürich. Anfang Oktober hat sie den Sprung auf drei Kontinente geschafft.

Ein Professor dreht die Logik um

Die Technik heisst SCION, kurz für «Scalability, Control and Isolation on Next-Generation Networks». Erdacht hat sie Adrian Perrig, erst an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh, seit 2013 als Professor an der ETH Zürich, wo er die Gruppe für Netzwerksicherheit leitet (Wikipedia). Vorgestellt wurde SCION laut Anapaya 2009.

Das Prinzip ist so einfach, dass man sich fragt, warum es nicht immer so war. Der Absender wählt den Weg, etwa nach Anbieter oder Land. Daten können so in der Schweiz bleiben. Jedes Netz signiert das Wegstück, das durch sein Gebiet führt, gefälschte Routen fallen auf. Netze mit gemeinsamen Regeln bilden eigene Domänen, Störungen bleiben darin gefangen. Und weil mehrere Wege gleichzeitig offen sind, springt bei einem Ausfall sofort ein anderer ein, beschreibt die SNB.

2017 gründeten Perrig, seine ETH-Kollegen David Basin und Peter Müller sowie Samuel Hitz die Anapaya Systems AG (Anapaya). Seit 2021 führt Martin Bosshardt die Firma, Mitgründer des Sicherheitsspezialisten Open Systems. Im selben Jahr sammelte Anapaya 6,8 Mio. Franken unter Führung von SIX FinTech Ventures (Netzwoche), 2024 kamen 10 Mio. Franken dazu (Startupticker).

Zwei Netzpläne im Vergleich: Im heutigen Internet behauptet Netz X, der Weg nach B zu sein, und der Verkehr läuft über X. Bei SCION wählt Absender A den Weg, jedes Wegstück trägt ein Siegel, ein Ersatzweg ist sofort bereit.
Grafik: Leitgrad. Quellen: SNB Economic Note 2026-07, Wikipedia «BGP hijacking»

Der Finanzplatz ist längst umgezogen

Im Juli 2021 lancierten Nationalbank und SIX das Secure Swiss Finance Network, kurz SSFN, mit Swisscom, Sunrise UPC, SWITCH und Anapaya als Entwicklungspartnern (SIX). Im Juni 2022 ging es in Betrieb. Ende Juni 2024 löste es das alte Finance IPNet als Zugang zum Interbank-Zahlungssystem SIC ab, Ende September 2024 wurde das alte Netz abgeschaltet. Heute sind mehr als 100 Teilnehmer des Finanzplatzes angeschlossen, schreibt die SNB.

Anapaya und Colt nennen eine grössere Zahl: Das Clearing-System, das über das Netz läuft, werde von «mehr als 300 Banken» genutzt. Beides kann stimmen. Die 300 beziehen sich auf die Nutzer des Zahlungssystems, die 100 auf die direkt angeschlossenen Teilnehmer. Banken, die über ein Service Bureau arbeiten, verweist SIX für den Anschluss an diesen Dienstleister. Leitgrad hält sich an die Zahl der Nationalbank.

Andere Branchen zogen nach. Seit 2023 schützt der Ärztedienst HIN seinen Vertrauensraum mit SCION (Anapaya). Worldline betreibt seit Ende 2024 ein eigenes Netz für Kartenzahlungen, SBB und Coop sind angeschlossen (Worldline). Und für die Energiebranche wird der Anschluss an ihr Netz bis 2030 schrittweise Pflicht (Netzwoche).

Zeitleiste der vier Schweizer SCION-Branchennetze: Finanz SSFN seit 2022, über 100 Teilnehmer, seit Juni 2024 Zugang zum SIC; Gesundheit HIN seit 2023; Zahlungsverkehr SEPN von Worldline seit Ende 2024; Energie SSUN, Anschluss bis 2030 schrittweise Pflicht, rot hervorgehoben
Grafik: Leitgrad. Quellen: SNB, SIX, Anapaya, Worldline, Netzwoche

Colt öffnet die Tür nach draussen

Am 6. Oktober kündigte Colt aus London an, SCION in Europa, Nordamerika und Asien als vollständig gemanagten Dienst anzubieten, nach eigenen Angaben als erster Netzbetreiber auf drei Kontinenten (Colt). Das Netz von Colt reicht in mehr als 40 Länder und 32’000 Geschäftsgebäude. Vorausgegangen war ein Pilotversuch über zwei Jahre, in dem Anapaya mit mehreren Finanzfirmen testete. Ihre Namen nennt die Mitteilung nicht.

Colt verkauft zwei Produkte. «Colt SCION Private» verbindet Firmen mit bestehenden geschlossenen Netzen, etwa von Finanzinstituten. «Colt SCION Global» dient als sicheres Firmennetz zwischen Standorten. Im Visier stehen Energie, Gesundheit, Verwaltung, Verteidigung und globale Finanzfirmen. «Vertrauen, Ausfallsicherheit und Kontrolle sind für Organisationen mit kritischen Daten nicht verhandelbar», sagt Colt-Produktchef Peter Coppens (übersetzt). Anapaya-Chef Bosshardt ergänzt, Organisationen bräuchten neue Ansätze, um kritische Dienste gegen Angriffe aus dem öffentlichen Internet abzuschirmen (Anapaya). Preise nennt Colt nicht, berichtet Techzine.

Der Bund will erst Preise sehen

In Bern ist man noch nicht so weit. Im Oktober 2025 beurteilte der Bundesrat SCION als technisch ausgereift, führt es in der Bundesverwaltung aber vorerst nicht ein (Bericht des Bundesrats). Er sieht eine starke Abhängigkeit von Anapaya und hält die Lizenzkosten pro Nutzer für hoch. Es fehle ein marktreifes Angebot mit Servicezusagen und Preislisten, fasste die Netzwoche zusammen. Die Anbieter sollen deshalb zwei Jahre lang jährlich unverbindliche Offerten einreichen.

Jeder grosse Anbieter mehr ist eine Antwort auf diese Einwände. Ob Colt auch Preislisten liefert, wird sich zeigen. Der Bedarf ist da: Im ersten Halbjahr 2026 gingen beim Bundesamt für Cybersicherheit 27’128 freiwillige Meldungen ein, dazu 200 Pflichtmeldungen von kritischen Infrastrukturen, 12,7 Prozent davon betrafen Überlastungsangriffe (Bundesrat).

Das Internet glaubt weiterhin jedem. Vier Schweizer Branchennetze tun es nicht mehr.

Zum Mitnehmen: Was SCION ist und wann es sich für ein KMU lohnt

  • Was es ist: eine Internetarchitektur der ETH Zürich. Der Absender wählt den Weg, jedes Netz signiert sein Wegstück, Störungen bleiben in ihrer Domäne, ein Ersatzweg steht sofort bereit. Bestehende Anwendungen laufen über ein Gateway weiter, ohne Umbau.
  • Wo es verlangt wird: Kunden von SIC, euroSIC und SECOM brauchen für das SSFN einen SCION-Anschluss, ein SCION-Gateway und ein Zertifikat von SIX. SIX empfiehlt zwei verschiedene Telekomanbieter. Energieversorger und Marktpartner der nationalen Datenplattform müssen bis 2030 schrittweise ans Netz SSUN. Arztpraxen im HIN nutzen SCION bereits über den Vertrauensraum.
  • Wie man hinkommt: nur über Provider. In der Schweiz unter anderem Swisscom (SCION Access und SCION GATE), Sunrise, SWITCH und Cyberlink, international Colt. Für das Zahlungsnetz SEPN bieten Telekomanbieter Firmen ohne eigenes Netzwerkwissen einen Managed Service.
  • Was es kostet: Öffentliche Preislisten gibt es nicht, nur Offerten. Der Bundesrat fand die Lizenzkosten pro Nutzer 2025 hoch, für Telearbeit zu hoch. Die oft zitierte Ersparnis von bis zu 1,3 Mio. Franken pro Jahr rechnet mit einer Bank mit 800 Mitarbeitenden, nicht mit einem KMU.
  • Wann es sich lohnt: Belegt ist der Nutzen dort, wo ein Branchennetz SCION voraussetzt. Für ein KMU ohne solches Netz gibt es keine öffentliche Kosten-Nutzen-Rechnung. Swisscom zählt Firmen mit Standorten im Ausland zur Zielgruppe. Wer dazugehört, kann Offerten von zwei Anbietern vergleichen.

Häufige Fragen

Was ist SCION?

Eine an der ETH Zürich entwickelte Internetarchitektur. Anders als beim heutigen Protokoll BGP wählt der Absender den Weg der Daten, und jedes Wegstück ist kryptografisch signiert. Vermarktet wird SCION vom Zürcher Spin-off Anapaya, angeboten über Provider wie Swisscom, Sunrise oder Colt.

Was ist das Secure Swiss Finance Network?

Das Netz von Nationalbank und SIX für den Finanzplatz, aufgebaut auf SCION. Seit Juni 2024 ist es der Zugang zum Interbank-Zahlungssystem SIC, mehr als 100 Teilnehmer sind angeschlossen.

Braucht mein KMU SCION?

Pflicht oder üblich ist es heute für Teilnehmer von SIC, euroSIC und SECOM, für Energieversorger bis 2030 und für Praxen im HIN-Verbund. Für andere KMU gibt es keine belegte Kosten-Nutzen-Rechnung, Preise gibt es nur auf Offerte.

Quellen

  1. Colt Technology Services, Colt becomes first network provider to bring SCION to enterprises across Europe, North America and Asia, 6. Oktober 2026 colt.net · anapaya.net
  2. Techzine, Colt brings SCION to Europe as a managed network service, 8. Oktober 2026; Startupticker, Anapaya inks major client deal, 13. Oktober 2026 techzine.eu · startupticker.ch
  3. Schweizerische Nationalbank, William Boye und Thomas Moser, A secure network for financial infrastructure: SCION and the SSFN, Economic Note 2026-07, 7. Oktober 2026 snb.ch
  4. SIX, Secure Swiss Finance Network, Stand Oktober 2026; Medienmitteilung zum Start des SSFN, 15. Juli 2021 six-group.com · Medienmitteilung 2021
  5. Wikipedia, BGP hijacking und Adrian Perrig (abgerufen Oktober 2026) BGP hijacking · Adrian Perrig
  6. Anapaya, About; HIN Trust Circle now powered by SCION, 20. April 2023 anapaya.net · HIN
  7. Netzwoche, Anapaya sammelt frisches Kapital ein, 21. Juni 2021; Startupticker, Anapaya enters growth phase with CHF 10 million investment, Mai 2024 netzwoche.ch · startupticker.ch
  8. Worldline, Medienmitteilung zum Secure EFTPOS Network, 16. Oktober 2025; Netzwoche, Jetzt hat auch die Energiebranche ein SCION-Netz, 22. August 2025 worldline.com · netzwoche.ch
  9. Bundesrat, Bericht in Erfüllung des Postulats 23.3958, 29. Oktober 2025; Netzwoche, Bundesrat prüft den Datenverkehr der Bundesverwaltung, 30. Oktober 2025 parlament.ch · netzwoche.ch
  10. Bundesrat, Halbjahresbericht 2026/1 des Bundesamts für Cybersicherheit, 24. August 2026 admin.ch
  11. Swisscom, SCION für Unternehmen; Cyberlink, SCION; Anapaya, Whitepaper zu Einsparungen, 18. Mai 2026 swisscom.ch · cyberlink.ch · anapaya.net

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