Illustration: Leitgrad. Quellen: NZZ, HLS, SRF, Victor Valley News, Business Wire.
Eine Kugel Würze holt 25 Millionen. Kemptthal kennt das Geschäft seit 1886
In den USA verwandelt eine Familie die Rezepte der Mutter in Kugeln, die sich im Kochtopf auflösen. Investoren zahlen dafür 25 Millionen Dollar. Die Schweiz hat diese Geschichte schon einmal geschrieben, mit einem Arzt, einem Müller und einer braunen Flasche.

Illustration: Leitgrad. Quellen: NZZ, HLS, SRF, Victor Valley News, Business Wire.
Kurz gesagt: Die amerikanische Familienfirma EZ Bombs hat am 14. Oktober 2026 eine Finanzierungsrunde über 25 Mio. Dollar abgeschlossen, angeführt von CAVU Consumer Partners. Sie verkauft vorportionierte Würzkugeln für mexikanische Gerichte wie Birria, setzte 2024 rund 20 Mio. Dollar um und ist nach eigenen Angaben in über 8’000 Läden erhältlich. Fertige Würze ist keine amerikanische Erfindung: Julius Maggi brachte 1886 in Kemptthal seine Flüssigwürze heraus, als Konkurrenz zu Liebigs Fleischextrakt. Das Maggi-Areal gehört seit Februar 2026 der Immobilienfirma Intershop. Knorr mit dem Aromat aus Thayngen geht mit Unilevers Foodsparte zum US-Gewürzkonzern McCormick.
Eine Kugel fällt in einen Topf mit Fleisch und Wasser. Sie löst sich auf. In ihr steckt alles, was ein Birria braucht, das mexikanische Schmorgericht: Chilis, Gewürze, Aromaten.
Die Rezepte stammen von Tina Castaneda. Ihr Sohn Brandon hat Ende 2023 eine Firma daraus gemacht, ihre Tochter Nichole Munoz führt die sozialen Medien. «Wir haben ihre Rezepte genommen, die ganze Geschmacksbasis in eine Bombe gepackt und den Leuten gezeigt, wie einfach es sein kann», sagt Brandon Castaneda in der Mitteilung zur Finanzierungsrunde, verbreitet über Business Wire.
Ein ganzes Gericht in einer Kugel
Am 14. Oktober meldete EZ Bombs 25 Mio. Dollar frisches Kapital, angeführt vom Investor CAVU Consumer Partners. Die Zahlen dahinter klingen nach Rakete. Anfang 2025 stand die Kugel in keinem einzigen Laden. Heute ist sie nach Firmenangaben in über 8’000 Verkaufsstellen, darunter Walmart, Target, Costco und Kroger. Auf TikTok Shop hat EZ Bombs über eine Million Einheiten verkauft. Schon 2024 setzte die Firma 20 Mio. Dollar um, berichteten die Victor Valley News.
Der Investor erklärt seine Wette in einem Satz. «Die meisten Gewürze werden als Zutat verkauft, EZ Bombs beginnt beim Gericht», sagt Brandon Neumann von CAVU. Dazu kommt eine zweite These. CAVU setzt darauf, dass Konsumenten mehr Geschmack aus kleineren Portionen suchen, je verbreiteter Medikamente der GLP-1-Klasse wie die Abnehmspritzen werden, schreibt Axios.
Der Rückenwind ist messbar. Innert vier Jahren hat sich Birria auf amerikanischen Speisekarten verfünffacht, ein Plus von 412 Prozent, zeigen Daten des Marktforschers Datassential, zitiert von NBC News. Und EZ Bombs ist nicht allein. 2024 gewann Birria Queen aus Austin mit eigenen Würzbomben den Hauptpreis eines Wettbewerbs der texanischen Supermarktkette H-E-B, berichtete Bay News 9.
Der Arzt, der Maggi auf die Suppe brachte
Die Idee, Geschmack fertig abzupacken, ist allerdings älter als TikTok. Sie beginnt 1882 mit einem Referat. Der Arzt Fridolin Schuler, erster eidgenössischer Fabrikinspektor, sprach vor der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft über das Essen der Fabrikarbeiter. Sie arbeiteten elf Stunden und länger, sechs Tage die Woche. Sie assen meist Kaffee-Ersatz, Kartoffeln und Mehlsuppe, selten Gemüse, fast nie Fleisch. «Der Fabrikarbeiter bedarf mithin einer leichter verdaulichen Nahrung als die meisten anderen Arbeiter», hielt Schuler fest, zitiert in der Schweizer Zeitschrift für Ernährungsmedizin.
Schuler vermittelte der Gesellschaft einen Müller aus dem Kempttal: Julius Maggi. Sie unterstützte die Entwicklung und Vermarktung seiner Mehle aus Hülsenfrüchten. 1883 verliess die erste Fertigsuppe aus Bohnen und Erbsen die Fabrik, schreibt die Workzeitung.
1886 folgte in Kemptthal die Flüssigwürze, 1908 der Bouillonwürfel, so die gängige Datierung der NZZ. Die Würze trat gegen den Fleischextrakt des deutschen Chemikers Justus von Liebig an, verzeichnet Wikipedia. Die Schweiz hat die Fertigwürze also nicht erfunden. Sie hat sie industrialisiert und auf jeden Tisch gestellt.
Das Geschäft wuchs schnell. Um 1900 war Maggi der grösste Gutsbesitzer der Schweiz. 1906 führte die Firma den freien Samstag ein, zur besten Zeit arbeiteten in Kemptthal rund 2’000 Menschen. 1947 fusionierte Maggi mit Nestlé.
Wem Kemptthal heute gehört
1976 bot Maggi in Kemptthal noch rund 500 Arbeitsplätze, hält das Historische Lexikon der Schweiz fest. Die Produktion ging nach Singen, 2003 folgte die Forschung. Schon 2002 hatte Nestlé das Areal samt Aromengeschäft an Givaudan verkauft (Givaudan). 2018 gingen rund zwei Drittel an Mettler2Invest und Motorworld, die es als «The Valley» vermarkten, berichtete SRF. Givaudan blieb mit einem Innovationszentrum.

Gekocht wird auf dem Areal noch immer, nur anders. Planted stellt dort seit 2021 Fleischersatz her. In «The Cultured Hub», einem Konsortium von Migros Industrie, Givaudan und Bühler, baut die israelische Firma Aleph Farms eine Produktion für Fleisch aus Zellkulturen auf, berichtet die Workzeitung. Rund 150 Firmen mit 1’200 Beschäftigten haben sich angesiedelt.
Am 25. Februar 2026 kaufte die Immobilienfirma Intershop «The Valley», mit rund 52’900 Quadratmetern Mietfläche und einem angestrebten Mietertrag von 7,5 Mio. Franken, meldete Immobilienbusiness. Maggi-Produkte stellt in Kemptthal niemand mehr her.
Die Kugel kommt, der Streuer geht nach Amerika
Die zweite Schweizer Würzgeschichte spielt in Thayngen. Dort stellt Knorr seit 1907 Suppen her, 1953 kam der Aromat dazu (HLS). Erfunden hat ihn der Koch Walter Obrist. Knorr verschenkte nach der Lancierung rund 30’000 Menagen an Beizen im ganzen Land, berichtete SRF. Innert Monaten kannte ihn die Schweiz.
Seit 2000 gehört Knorr zu Unilever. Ende März 2026 kündigte der Konzern an, seine Foodsparte mit McCormick zusammenzulegen. Die Aktionäre von Unilever halten künftig 55,1 Prozent, jene von McCormick 35 Prozent. Das Unternehmen behält aber den Namen McCormick und den Hauptsitz in Maryland, der Abschluss ist für Mitte 2027 geplant, schreibt Grocery Gazette. Eine Petition für den Standort Thayngen sammelte über 10’000 Unterschriften. «Er gehört zur Schweizer DNA», sagt Initiant Michael Oehl über den Aromat. Dabei war Knorr nie eine Schweizer Marke: Gegründet wurde sie in Heilbronn.
So wandert der Schweizer Streuer unter das Dach eines amerikanischen Gewürzkonzerns, während Amerikaner die Würze neu als Kugel verpacken. Der Markt dafür ist hierzulande gross. 2020 verbrachte die Schweizer Bevölkerung 2’330 Mio. Stunden mit dem Zubereiten von Mahlzeiten, fast ein Viertel aller unbezahlten Arbeit, zeigt das Bundesamt für Statistik. Im Kanton Zürich kochten 2020 rund zwei Drittel der Männer am Stichtag, 2010 waren es 49 Prozent (Statistisches Amt Zürich).

Gleichzeitig essen die Haushalte oft auswärts. 2023 gaben sie im Monat 638 Franken für Lebensmittel und alkoholfreie Getränke aus und 558 Franken in Restaurants und Hotels, meldet das BFS. Wer zu Hause den Geschmack des Restaurants verspricht, zielt auf beide Kassen.
Julius Maggi verkaufte Zeit und Geschmack in einer Flasche. Die Castanedas verkaufen beides in einer Kugel. Das Geschäft ist dasselbe geblieben.
Zum Mitnehmen: Was Schweizer Lebensmittel-KMU aus dem Würzbomben-Trend nutzen können
- Vom Gericht her denken. EZ Bombs verkauft nicht Chili oder Kreuzkümmel, sondern «Birria» oder «Pozole»: eine Kugel pro Gericht und Topf (Business Wire). Der Investor nennt genau das als Grund für seine Wette.
- Fantasiename reicht nicht. Ein Name wie «Bombe» ersetzt die Sachbezeichnung nicht. Auf die Etikette gehört eine beschreibende Bezeichnung, die sich vom Marken- oder Fantasienamen unterscheidet (BLV).
- Allergene hervorheben. Die 14 Allergengruppen müssen im Zutatenverzeichnis hervorgehoben sein, darunter Gluten, Milch, Sellerie und Senf. Ein Beispiel: Im Aromat stecken laut SRF Weizenstärke und Milchzucker.
- Pflichtangaben prüfen. Zutaten in absteigender Menge, Haltbarkeitsdatum, Name und Adresse, Produktionsland, Nährwertdeklaration, Schriftgrösse mindestens 1,2 mm, in mindestens einer Amtssprache. Rechtsgrundlage ist die Verordnung des EDI über die Information über Lebensmittel (LIV); die Kontrolle liegt bei den Kantonen (BLV).
- Zeit als Verkaufsargument. 2’330 Mio. Stunden pro Jahr fürs Kochen (BFS 2020): Jede gesparte Viertelstunde trifft einen grossen Markt.
- Kleine Portion, viel Geschmack. Investoren setzen darauf, dass Konsumenten mit GLP-1-Medikamenten weniger, aber intensiver essen wollen (Axios).
Häufige Fragen
Was ist eine Würzbombe oder Seasoning Bomb?
Eine vorportionierte Kugel aus Gewürzen, Chilis und Aromaten, die sich beim Kochen mit Fleisch und Wasser im Topf auflöst. Bekanntester Anbieter ist EZ Bombs aus den USA, der mit Kugeln für das mexikanische Gericht Birria begann.
Wer hat die Maggi-Würze erfunden?
Julius Maggi brachte die Flüssigwürze 1886 in Kemptthal bei Winterthur heraus. Fertige Würzen gab es schon vorher, etwa den Fleischextrakt nach Justus von Liebig. Maggi machte die Würze aus Pflanzeneiweiss zum Schweizer Massenprodukt.
Wem gehört das Maggi-Areal in Kemptthal?
Den Grossteil, vermarktet als «The Valley», kaufte am 25. Februar 2026 die Immobilienfirma Intershop. Givaudan betreibt auf dem Areal ein Innovationszentrum. Maggi-Produkte werden dort nicht mehr hergestellt.
Quellen
- EZ Bombs via Business Wire, EZ Bombs Raises $25 Million, 14. Oktober 2026; Axios Pro, 14. Oktober 2026 Business Wire · axios.com
- Victor Valley News, EZ Bombs hits $20 million in revenue, 3. März 2025 vvng.com
- NBC News, Birria took restaurant menus (Datassential), Datum nicht ausgewiesen; Bay News 9, H-E-B Quest for Texas Best, 12. August 2024 nbcnews.com · baynews9.com
- Annatina Tam, Die Anfänge der Schweizer Lebensmittelindustrie von 1850 bis 1910, Schweizer Zeitschrift für Ernährungsmedizin 5/2017 rosenfluh.ch
- NZZ, Maggi-Areal in Kemptthal, 2019; Wikipedia, Maggi; Historisches Lexikon der Schweiz, Kemptthal und Knorr nzz.ch · Wikipedia · HLS Kemptthal · HLS Knorr
- Workzeitung, Luxusautos und Laborfleisch, 17. April 2026 workzeitung.ch
- Givaudan, Mitteilung zum Kauf in Kemptthal, 18. Januar 2002; SRF, Grossprojekt in Kemptthal, 27. Juni 2018; Immobilienbusiness, Intershop kauft The Valley, 27. Februar 2026 givaudan.com · srf.ch · immobilienbusiness.ch
- SRF, Besitzerwechsel für Knorr, 9. April 2026; Grocery Gazette, Unilever Foods and McCormick, 31. März 2026 srf.ch · grocerygazette.co.uk
- BFS, Satellitenkonto Haushaltsproduktion 2020, 5. Dezember 2022; BFS, Haushaltsbudgeterhebung 2023, 17. November 2025; Statistisches Amt des Kantons Zürich, statistik.info 2022/02 Haushaltsproduktion · Haushaltsbudget · statistik.zh.ch
- Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen, Lebensmitteletikette blv.admin.ch
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