Illustration: Leitgrad
Programmierer sind Handwerker. Das ist ihre beste Antwort auf die KI
In der Schweiz lernt man Software schreiben mit Lehrvertrag und Berufsschule. Ein Essay aus der Entwicklerszene fragt nun, ob Programmierer nicht immer Handwerker waren. Die Antwort entscheidet, wer von der KI profitiert.

Illustration: Leitgrad
Kurz gesagt: Der Entwickler Peter Bryant fragt in einem Essay, ob Softwareentwickler nicht immer schon Handwerker waren. In der Schweiz kann man den Beruf in einer vierjährigen Lehre lernen: 2025 zählte die ICT-Berufsbildung 12 208 Lernende, 80 Prozent mehr als 2010. Die KI verschiebt die Nachfrage zu den Erfahrenen: Bei KI-Stellen stiegen die Senior-Inserate innert eines Jahres um 42 Prozent, Junior-Festanstellungen machen nur 5 Prozent aus (Hochschule Luzern), und Senior Experts verdienen 2026 im Median 177 938 Franken, 2,8 Prozent mehr als im Vorjahr, während der ICT-Median fast stagniert (SwissICT). Bis 2033 fehlen der Schweiz trotzdem 54 400 ICT-Fachkräfte.
Ein Lehrvertrag. Ein Lehrbetrieb, die Berufsschule, überbetriebliche Kurse. So lernt man in der Schweiz ein Handwerk. So lernt man hier auch, Software zu schreiben.
Die Lehre als Informatikerin oder Informatiker EFZ dauert vier Jahre, Fachrichtung Applikationsentwicklung oder Plattformentwicklung, beschreibt der Verband ICT-Berufsbildung Schweiz. 2025 steckten 12 208 Menschen in einer ICT-Lehre, 80 Prozent mehr als 2010, zeigen seine Zahlen. Auf der Lehrstellenplattform Yousty ist Informatiker/in EFZ nach Kaufmann/-frau der meistgesuchte Lehrberuf der Deutschschweiz.
Anderswo ist das eine These. «Were we blue-collar workers all along?», fragt der Entwickler Peter Bryant in einem Essay. Waren wir die ganze Zeit Handwerker? Sein Argument: Wer Software baut, stellt Dinge her und repariert sie, in Bits statt in Atomen. Das Können braucht Jahre. Und wie jedes Handwerk kann es von neuer Technik überholt werden.
Den ersten Teil hat die Schweiz längst beantwortet. Spannend ist der zweite. Die neue Technik steht schon in der Werkstatt.
Die Maschine nimmt zuerst die einfachen Handgriffe
Im Oktober 2025 legte die Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich die ersten Schweizer Zahlen vor. In Berufen, die der KI stark ausgesetzt sind, stieg die Zahl der Stellensuchenden seit Ende 2022 im Schnitt um 27 Prozent stärker als in anderen. Ganz oben: Anwendungsprogrammierer, Datenbank-, Web- und Softwareentwickler. Kaum betroffen: das Handwerk, berichtete cash.ch. «Das ging überraschend schnell», sagte Michael Siegenthaler von der KOF der «NZZ am Sonntag». In absoluten Zahlen schätzte er den Effekt auf ein paar tausend Arbeitslose. Die Autoren betonen, dass ihre Zahlen Verschiebungen zwischen Berufen zeigen, nicht die Gesamtwirkung. Die KI dürfte Schweizer Firmen auch produktiver machen.
Im Juni 2026 lag die Arbeitslosenquote in den ICT-Berufen bei 3,80 Prozent, 7 186 Personen waren gemeldet, zeigen Zahlen des SECO, die die Netzwoche ausgewertet hat. Am Einstieg ist der Wandel am deutlichsten. Der Anteil der Juniorstellen in IT, Marketing, Administration und Finanz sank um 32 Prozent gegenüber der Zeit vor der generativen KI, zeigt der erste KI-Report von jobs.ch mit 7,3 Millionen Inseraten (Netzwoche). Am stärksten betroffen sind Aufgaben wie Recherche, Dokumentation, einfache Analysen und erste Entwürfe.
In der Werkstatt hiesse das: Die Maschine übernimmt das Zuschneiden. Wer weiss, was gebaut werden soll, wird wichtiger.
Erfahrung wird teurer, nicht billiger
Genau das zeigen die Löhne. Der Median in der ICT-Branche stieg 2026 nur noch um 0,2 Prozent auf 130 200 Franken, meldet die Salärstudie von SwissICT mit 37 112 Löhnen aus 214 Firmen. Die Senior Experts dagegen legten um 2,8 Prozent zu, auf einen Median von 177 938 Franken, seit 2020 um 16,2 Prozent. «Wo früher breites Wachstum herrschte, zählen heute vor allem die jeweiligen Skills beziehungsweise Kompetenzen», sagt Studienleiterin Cornelia Ammon zu PCtipp. In KI, Cloud, Cybersecurity und Daten übersteige die Nachfrage das Angebot (Netzwoche).
Wer gesucht wird, zeigt der Swiss AI Jobs Report der Hochschule Luzern. Rund 5000 KI-Stellen wurden zwischen Juli 2025 und Juni 2026 ausgeschrieben, die Senior-Stellen nahmen um 42 Prozent zu. Junior-Festanstellungen machten 5 Prozent aller Inserate aus. Und gesucht haben vor allem KMU: 62 Prozent aller KI-Stellen stammen von ihnen. «Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger beschreiben den Stellenmarkt als äusserst kompetitiv», sagt Studienautor Curdin Derungs.

Im Handwerk hat dieser Mensch einen Namen: Polier, Meisterin, Vorarbeiter. Jemand, der weiss, was die Maschine tun soll. Und der dafür geradesteht.
Ohne Lernende keine Meister
Hier liegt der Haken. Senior-Entwickler fallen nicht vom Himmel. Sie waren einmal Junioren.
266 000 Menschen arbeiteten 2024 in ICT-Berufen, zwei Drittel davon ausserhalb der ICT-Branche. Bis 2033 braucht die Schweiz 128 600 zusätzliche ICT-Fachkräfte, rechnet die Studie im Auftrag von ICT-Berufsbildung Schweiz. Das Bildungssystem liefert rund 44 400, die Zuwanderung rund 29 800. Es fehlen 54 400, berichtet die Netzwoche. Die Grundbildung diene «als Zulieferer für alle anderen Bildungsstufen», sagt Studienautor Michael Lobsiger.

Die Lehrstellenquote der ICT-Berufe liegt bei 5,9 Prozent, der Verband hält 8,8 Prozent für nötig (IT-Reseller). Wer heute nur Seniors sucht, sucht in einem kleinen Teich. Wer ausbildet, füllt ihn.
Mehr Werkzeug, mehr Freiheit
Handwerk hat nie stillgestanden. Auch die ICT-Berufe ändern sich. Die Lehre als Betriebsinformatiker läuft aus, neu gibt es die Entwicklerin digitales Business EFZ. Und am 30. Oktober beginnt die erste Berufsprüfung zum AI Business Specialist mit eidgenössischem Fachausweis, eingestuft auf Stufe 6 des nationalen Qualifikationsrahmens, gleich hoch wie ein Bachelor, so ICT-Berufsbildung Schweiz. Wer sie ablegt, soll die Entwicklung und Einführung von KI-Lösungen steuern.
Das ist der Kern. Karriere ist nicht der nächste Titel. Karriere ist mehr Handlungsfreiheit. Eine Entwicklerin, die mehrere KI-Assistenten gleichzeitig arbeiten lässt und ihr Ergebnis sicher beurteilen kann, hat mehr davon als je zuvor. Sie braucht dafür, was jeder gute Handwerker braucht: Erfahrung, ein geschultes Auge und den Mut, etwas abzulehnen, das nicht hält.
Waren Entwickler immer Handwerker? In der Schweiz steht es im Lehrvertrag. Und Handwerk hat eine gute Eigenschaft. Es verschwindet nicht, wenn eine neue Maschine kommt. Es lernt, sie zu führen.
Zum Mitnehmen: Was Entwickler und ihre Chefs jetzt tun können
- Erfahrung sichtbar machen: Die Berufsprüfungen ICT-Application Development Specialist oder AI Business Specialist führen zum eidgenössischen Fachausweis. Für AI Business Specialist braucht es ein ICT-EFZ und zwei Jahre Praxis oder einen anderen Abschluss und vier Jahre Praxis, davon zwei im Fach (ICT-Berufsbildung).
- Den Bund mitzahlen lassen: Er übernimmt 50 Prozent der Kursgebühren für vorbereitende Kurse, höchstens 9 500 Franken bei der Berufsprüfung und 10 500 Franken bei der höheren Fachprüfung. Bedingung: Wohnsitz in der Schweiz und die Prüfung wird abgelegt (Kanton Basel-Stadt).
- Dort vertiefen, wo Nachfrage herrscht: KI, Cloud, Cybersecurity und Daten, laut SwissICT die Felder mit mehr Nachfrage als Angebot.
- Lehrbetrieb werden: Bewilligung beim kantonalen Berufsbildungsamt einholen; die Berufsbildnerin braucht mindestens zwei Jahre Berufserfahrung und einen Berufsbildnerkurs (40 Kontaktstunden). Wer allein zu klein ist, bildet im Lehrbetriebsverbund aus (ICT-Berufsbildung).
- Einstiegsstellen behalten: Neu eingestellte Juniors kosten im Median 80 000 Franken, Senior Experts 177 938 Franken (SwissICT 2026). Die Seniors von morgen sind die Juniors von heute.
- Quereinsteiger holen: Way-up für Leute mit Matura und die Berufslehre für Erwachsene führen in zwei bis drei Jahren zum EFZ als Informatikerin (ICT-Berufsbildung).
Häufige Fragen
Wie viel verdienen ICT-Fachkräfte in der Schweiz?
Der Median liegt 2026 bei 130 200 Franken, nur 0,2 Prozent über dem Vorjahr. Neu eingestellte Juniors verdienen im Median 80 000 Franken, Senior Experts 177 938 Franken, zeigt die Salärstudie von SwissICT.
Kann man in der Schweiz Programmieren als Lehre lernen?
Ja. Die Lehre als Informatikerin oder Informatiker EFZ dauert vier Jahre, mit den Fachrichtungen Applikationsentwicklung und Plattformentwicklung. Erwachsene und Leute mit Matura können verkürzte Wege wie Way-up wählen.
Ersetzt KI Softwareentwickler?
Sie verschiebt die Nachfrage. Laut KOF stieg die Zahl der Stellensuchenden in stark KI-exponierten Berufen wie der Softwareentwicklung seit Ende 2022 um 27 Prozent stärker als in anderen. Gleichzeitig nahmen die Senior-Stellen im KI-Bereich um 42 Prozent zu, und bis 2033 fehlen 54 400 ICT-Fachkräfte.
Quellen
- Peter Bryant, Were we blue-collar workers all along?, Blog, empfohlen im Newsletter TLDR vom 14. Oktober 2026 ptrbrynt.com
- ICT-Berufsbildung Schweiz, Facts & Figures (Lernende 2025, BFS); ICT-Lehren; AI Business Specialist; Lehrbetrieb werden; Ausbildungsformen Zahlen · Lehren · AI Business Specialist · Lehrbetrieb · Ausbildungsformen
- Yousty, Die beliebtesten Lehrberufe 2025, 28. April 2025 yousty.ch
- cash.ch, ETH-Studie: Mehr arbeitslose Programmierer und Softwareentwickler wegen KI, 26. Oktober 2025 cash.ch
- Netzwoche, Arbeitslosigkeit in Schweizer ICT-Berufen steigt (Daten SECO), 15. Juli 2026; KI drängt Nachwuchskräfte aus Bürojobs (KI-Report jobs.ch), 24. Juni 2026 SECO-Zahlen · jobs.ch
- SwissICT, ICT-Salärstudie 2026, via Netzwoche und PCtipp, 26. August 2026 netzwoche.ch · pctipp.ch
- Hochschule Luzern, Swiss AI Jobs Report 2026, via Netzwoche, 9. Oktober 2026 netzwoche.ch
- ICT-Berufsbildung Schweiz, Fachkräftebedarf 2033 (BSS), via Netzwoche, 18. September 2025, und IT-Reseller, 19. September 2025 netzwoche.ch · itreseller.ch
- Kanton Basel-Stadt, Bundesbeiträge an vorbereitende Kurse für Berufsprüfung und höhere Fachprüfung, aktualisiert 13. August 2026 Berufsprüfung · Höhere Fachprüfung
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