Illustration: Leitgrad. Quelle: Creditreform via AWP, 14. Oktober 2026. Stapelhöhen massstabsgetreu.

Briefing · 7 min ·

Über 1800 Firmenkonkurse in einem Monat. Das Steueramt pfändet nicht mehr

Seit 2025 kann ein Rückstand bei Steuern oder AHV-Beiträgen eine Firma in die Konkursbetreibung führen. Das betrifft die eigene Kasse und jeden Kunden mit offenen Rechnungen. Wer früh mit dem Amt spricht, behält Spielraum.

Illustration: Auf einem Pult stehen zwei Papierstapel, massstabsgetreu für rund 8000 Firmenkonkurse im Jahr 2019 und 13 660 von Januar bis September 2026. Daneben ein Zahlungsbefehl mit rotem Stempel «KONKURS» und ein Stempel, an der Wand ein Kalenderblatt September mit «über 1800 Firmenkonkurse».

Illustration: Leitgrad. Quelle: Creditreform via AWP, 14. Oktober 2026. Stapelhöhen massstabsgetreu.

Kurz gesagt: Von Januar bis September 2026 zählte der Gläubigerverband Creditreform 13 660 Firmenkonkurse in der Schweiz, knapp 38 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Im September waren es erstmals über 1800 in einem einzigen Monat. Hält das Tempo an, werden es 2026 über 19 000, nach dem Rekord von 14 314 im Jahr 2025. Haupttreiber ist eine Gesetzesänderung: Seit dem 1. Januar 2025 betreiben Steuerämter und Sozialversicherungen säumige Firmen, die im Handelsregister stehen, auf Konkurs statt auf Pfändung. Gleichzeitig wächst der Firmenbestand weiter, bis September netto um 14 994 Firmen.

Über 1800. So viele Firmen gingen im September 2026 in der Schweiz in Konkurs. Das gab es noch nie in einem einzigen Monat, meldete Creditreform am 14. Oktober über die Agentur AWP (cash.ch). Seit Januar sind es 13 660 Fälle.

Zum Vergleich: 2019 zählte der Verband rund 8000 Firmenkonkurse im ganzen Jahr. 2024 waren es 11 506 (Moneycab), 2025 dann 14 314, ein Rekord. Geht es im gleichen Tempo weiter, rechnet Creditreform für 2026 mit über 19 000 (Moneycab).

Das klingt nach Krise. Es ist vor allem eine neue Regel.

Das Steueramt pfändet nicht mehr, es betreibt auf Konkurs

Bis Ende 2024 trieben Steuerämter ihre Forderungen nur auf dem Weg der Pfändung ein, schreibt das Konkursamt Basel-Landschaft. Gepfändet wurden Vermögenswerte, die Firma lief weiter. So liess sich ein Konkurs bis zu zwei Jahre hinauszögern, sagte Matthias Häuptli vom Konkursamt Basel-Stadt zu SRF.

Seit dem 1. Januar 2025 gilt das Bundesgesetz über die Bekämpfung des missbräuchlichen Konkurses (Bundesamt für Justiz). Es strich die Ausnahme in Art. 43 SchKG für Steuern, Abgaben, Gebühren, Bussen und andere öffentlich-rechtliche Leistungen, dazu für die Prämien der obligatorischen Unfallversicherung. Wer im Handelsregister steht, wird seither auch von diesen Gläubigern auf Konkurs betrieben (Art. 39 SchKG). Der Solothurner Regierungsrat nennt, wen das betrifft: «Bundes-, Kantons- und Gemeindesteuern; Mwst, SUVA, AHV u.a.»

«Die öffentliche Hand ist in der Schweiz der grösste Gläubiger», sagte Marco Lucchinetti vom Notariatsinspektorat des Kantons Zürich zu SRF, kurz nach dem Inkrafttreten. Spürbar wurde die Regel ab Mai 2025 (SRF). Das Bundesamt für Statistik zählt nach eigener Methode: 12 485 Konkurseröffnungen gegen Unternehmen 2025, plus 61,2 Prozent. Ein «grosser Teil» des Anstiegs gehe auf die Gesetzesänderung zurück, schreibt der Bund, genau beziffern lasse er sich nicht. Die Verluste stiegen um 17,8 Prozent auf knapp 1,8 Mrd. Franken.

Vier Stapel aus Aktenordnern, ein Ordner steht für 1000 Firmenkonkurse: 2019 rund 8 Ordner, 2024 11,5, 2025 14,3. Der Stapel 2026 ist bis September mit 13,7 roten Ordnern fast so hoch wie 2025 und wächst gestrichelt auf über 19 Ordner bei gleichem Tempo.
Grafik: Leitgrad. Quelle: Creditreform (Mitteilungen vom 3. Januar 2025 und 14. Oktober 2026 via AWP). 2026: Januar bis September, gestrichelt die Prognose bei gleichem Tempo.

Wer Kunden hat, ist auch Gläubiger

Für einen KMU-Chef hat die Regel zwei Seiten. Die erste betrifft die eigene Firma. Ein Rückstand bei Steuern oder AHV-Beiträgen ist kein Posten mehr, den man ein paar Monate liegen lässt. Er kann in eine Konkursbetreibung münden. Das Konkursbegehren stellt weiterhin der Gläubiger. Die Pfändung steht ihm bei eingetragenen Firmen aber nicht mehr offen.

Die zweite Seite betrifft die Kunden. Jeder Lieferant ist Gläubiger. Geht ein Kunde in Konkurs, wird die offene Rechnung zur Forderung in der Konkursmasse.

Wo es am häufigsten trifft, zeigt Dun & Bradstreet für das erste Halbjahr 2026, mit eigener Zählweise: 7496 Firmeninsolvenzen, knapp 55 Prozent mehr als im Vorjahr und so viele wie seit 1994 nicht (finews.ch). Vorne liegen das Handwerk mit 1053 Fällen, das Gastgewerbe mit 770 und der Detailhandel mit 626. Das Baugewerbe ist die einzige Branche mit einem Rückgang, minus 12,5 Prozent. 25 von 26 Kantonen liegen im Plus, nur Schwyz verzeichnet minus 13,5 Prozent. Die meisten Fälle hat Zürich mit 1261, die stärkste Zunahme der Thurgau mit 194,6 Prozent (Südostschweiz).

Der Bestand wächst trotzdem, und der Markt wird sauberer

Die Konkurszahl erzählt nur die halbe Geschichte. Von Januar bis September kamen 41 706 Firmen neu ins Handelsregister, 2,1 Prozent mehr als im Vorjahr, meldet Creditreform. Die Löschungen stiegen um 4,9 Prozent. Netto wuchs der Bestand um 14 994 Firmen. Für das ganze Jahr erwartet der Verband 56 600 Neueintragungen und ein Nettowachstum von 20 900 Firmen, minus 3,9 Prozent zum Vorjahr (Plattform J).

Der Gründungsboom treibt selbst einen Teil der Konkurse: Junge Firmen tragen in den ersten drei bis fünf Jahren ein hohes Risiko, so Creditreform. Warum sich Gründungen und Konkurse trotzdem nicht einfach gegeneinander aufrechnen lassen, haben wir im September gezeigt: «Rekord bei den Gründungen, Rekord bei den Konkursen: Warum das nicht zusammengehört».

Die neue Regel räumt auf. Firmen, die ihre Abgaben schuldig bleiben, verschwinden schneller, statt neben der korrekt zahlenden Konkurrenz weiterzulaufen. Häuptli nannte die alte Praxis gegenüber SRF unfair gegenüber Firmen, die korrekt wirtschaften. Wer sauber zahlt, hat also weniger Schatten im Markt. Und wer knapp ist, sollte das Gespräch mit dem Amt suchen, bevor der Zahlungsbefehl im Briefkasten liegt.

Zum Mitnehmen: Das Konkursrisiko von beiden Seiten begrenzen

  1. Eigene Rückstände früh klären. Steuerämter gewähren bei erheblicher Härte Ratenzahlungen oder Stundungen, bei der direkten Bundessteuer gestützt auf Art. 166 DBG (Steueramt Solothurn). Die Ausgleichskasse kann einen Zahlungsaufschub gewähren, wenn die Firma finanzielle Schwierigkeiten glaubhaft macht, regelmässige Abschlagszahlungen zusagt und die erste sofort leistet (Art. 34b AHVV). Gesuch stellen, bevor betrieben wird. Bei der MWST ist die Eidgenössische Steuerverwaltung die Ansprechstelle.
  2. Kunden vor grossen Aufträgen prüfen. Einen Auszug aus dem Betreibungsregister eines Kunden erhält, wer beim Betreibungsamt an dessen Sitz ein Interesse glaubhaft macht, etwa mit Offerte oder Vertrag (Art. 8a SchKG). Bei Neukunden Anzahlung oder Teilzahlungen vereinbaren, Zahlungsfristen kurz halten, offene Posten monatlich durchgehen.
  3. Im Konkurs eines Kunden die Frist halten. Das Konkursamt veröffentlicht die Eröffnung mit einem Schuldenruf im Schweizerischen Handelsamtsblatt SHAB. Gläubiger geben ihre Forderung samt Belegen innert einem Monat nach der Bekanntmachung beim Konkursamt ein (Art. 232 SchKG, Kanton Freiburg).
  4. Eigentumsvorbehalt eintragen lassen. Wer Maschinen oder Waren auf Raten liefert, behält das Eigentum nur, wenn der Vorbehalt im Register des Betreibungsamts am Wohnort oder Sitz des Käufers eingetragen ist (Art. 715 ZGB). Eine Klausel in den AGB allein genügt dafür nicht.

Im Einzelfall lohnt der Blick mit Treuhand oder Anwalt auf die konkreten Fristen.

Häufige Fragen

Warum gibt es 2026 so viele Firmenkonkurse in der Schweiz?

Vor allem wegen einer Gesetzesänderung: Seit dem 1. Januar 2025 betreiben Steuerämter, Ausgleichskassen und andere öffentlich-rechtliche Gläubiger Firmen im Handelsregister auf Konkurs statt auf Pfändung. Dazu kommt laut Creditreform der Gründungsboom, weil junge Firmen in den ersten Jahren häufiger scheitern.

Kann das Steueramt eine Firma in Konkurs betreiben?

Ja. Seit 2025 gilt die Ausnahme in Art. 43 SchKG nicht mehr. Steht der Schuldner im Handelsregister, läuft eine Betreibung für Steuern, AHV-Beiträge oder Unfallversicherungsprämien als Konkursbetreibung. Den Konkurs muss der Gläubiger beim Gericht verlangen.

Was tun, wenn ein Kunde Konkurs geht?

Den Schuldenruf im SHAB beachten und die Forderung mit Rechnungen, Verträgen und Mahnungen innert einem Monat nach der Publikation beim zuständigen Konkursamt eingeben. Ware unter eingetragenem Eigentumsvorbehalt kann zurückverlangt werden.

Quellen

  1. Creditreform via AWP, Pleiten bei Firmen und Privatpersonen bleiben auf Rekordniveau, 14. Oktober 2026 cash.ch · moneycab.com · plattformj.ch
  2. Creditreform via Moneycab, Zahl der Firmenkonkurse steigt im 2024 auf Höchststand, 3. Januar 2025 moneycab.com
  3. Bundesrat und Bundesamt für Statistik, Starker Anstieg der Konkurse im Jahr 2025, 21. Mai 2026 admin.ch
  4. Bundesamt für Justiz, Missbrauch des Konkursverfahrens verhindern (Dossier) bj.admin.ch
  5. Konkursamt Basel-Landschaft, Änderungen Art. 43 SchKG baselland.ch
  6. Regierungsrat des Kantons Solothurn, RRB 2025/268, 25. Februar 2025 so.ch
  7. SRF, Strengere Gesetzgebung: mögliche Verdoppelung der Konkurse 2025, 22. Januar 2025; Mehr Pleiten Anfang 2026, 4. März 2026 srf.ch (2025) · srf.ch (2026)
  8. Dun & Bradstreet, Firmeninsolvenzen erstes Halbjahr 2026, via finews.ch und Südostschweiz, 12. August 2026 finews.ch · suedostschweiz.ch
  9. Bundesgesetz über Schuldbetreibung und Konkurs (SchKG), Art. 8a, 39, 43, 232; Zivilgesetzbuch (ZGB), Art. 715; AHV-Verordnung (AHVV), Art. 34b SchKG · ZGB · AHVV
  10. Kanton Freiburg, Eröffnungspublikation und Schuldenruf, Stand 10. Dezember 2024 fr.ch
  11. Steueramt des Kantons Solothurn, Zahlungserleichterungen so.ch
  12. Leitgrad, Rekord bei den Gründungen, Rekord bei den Konkursen: Warum das nicht zusammengehört, 21. September 2026 leitgrad.ch

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