Illustration: Leitgrad. Quelle: ICT-Berufsbildung Zürich via IT Reseller (19.8.2026). Ein Ordner steht für 25 Lehrverträge, Werte gerundet.

Karriere · 8 min ·

Anthropics Junior-Anteil fällt auf 9 Prozent. Die Lehre könnte zum Vorsprung werden

Ein KI-Unternehmen legt offen, wie viel weniger Einsteiger es einstellt, seit Agenten mitarbeiten. In Zürich beginnen zugleich weniger Jugendliche eine Informatiklehre. Warum ausgerechnet das Schweizer Modell eine Antwort hat und was Lernende im ersten Jahr tun sollen, wenn die Maschine den Code schreibt.

Illustration: Ein Wandregal mit zwei Reihen Bundesordner für Lehrverträge. Oben 31 Ordner für 773 ICT-Lehrbeginne im Kanton Zürich im Jahr 2024, unten 26 Ordner für 660 Lehrbeginne im Jahr 2026, dazwischen fünf rot gestrichelte Lücken. Ein Ordner steht für 25 Lehrverträge. Rechts auf dem Pult ein Laptop, auf dessen Bildschirm Code läuft.

Illustration: Leitgrad. Quelle: ICT-Berufsbildung Zürich via IT Reseller (19.8.2026). Ein Ordner steht für 25 Lehrverträge, Werte gerundet.

Kurz gesagt: Anthropic hat am 16. Oktober 2026 eigene Personaldaten veröffentlicht. In den technischen Abteilungen sank der Anteil Junioren seit Anfang 2025 von 21 auf 14 Prozent, bei den technischen Neueinstellungen von 27 auf 9 Prozent. Seit März 2026 leisten die KI-Agenten der Firma zusammen mehr Arbeitsstunden als die Menschen. Im Kanton Zürich begannen im August 660 Jugendliche eine ICT-Lehre, 2,8 Prozent weniger als im Vorjahr, an der Informatikmittelschule 36 statt 58. Eine Informatiklehre kostet einen Betrieb über vier Jahre im Schnitt netto 2260 Franken, wer die Fachkraft danach behält, spart rund 26 100 Franken für Suche und Einarbeitung.

660 Jugendliche. So viele haben im August im Kanton Zürich eine Lehre in einem ICT-Beruf angefangen: Informatik, ICT-Fachleute, Mediamatik, Entwicklung digitales Business (Inside IT). Drei bis vier Jahre lang lernen sie, wie man Software baut, Systeme betreibt und Fehler findet.

Zwei Monate später legt ein Unternehmen offen, wie sich genau diese Arbeit verändert. Anthropic, die amerikanische Firma hinter dem KI-Modell Claude, hat am 16. Oktober ausgewertet, was KI mit der eigenen Belegschaft macht (Anthropic). Leitgrad nutzt Werkzeuge von Anthropic. Der Bericht ist trotzdem eine Meldung wert, weil er aus dem Innern einer KI-Firma kommt.

Ein KI-Labor öffnet die eigene Personalakte

Vier Ökonomen des Unternehmens haben Einstellungsdaten, Umfragen, Kalender und Protokolle der KI-Nutzung ausgewertet. Der auffälligste Befund betrifft den Nachwuchs. Seit Anfang 2025 sank der Anteil Junioren in den technischen Abteilungen von 21 auf 14 Prozent. Bei den Neueinstellungen fiel er noch schneller, von 27 auf 9 Prozent. Ausschreibungen für Juniorstellen gingen nach Dezember 2025 besonders stark zurück (Anthropic).

Gleichzeitig wuchs die Arbeit der Maschinen. Im März 2026 übertrafen die Arbeitsstunden der KI-Agenten erstmals jene der Menschen. Im August leisteten die Agenten, die einzelnen Mitarbeitenden zuarbeiten, rund sechsmal so viele Stunden wie diese selbst. Pro Ingenieur entstehen etwa fünfmal so viele Code-Einträge wie ein halbes Jahr zuvor.

Die Autoren ordnen selbst ein. Es sind Anteile, keine absoluten Zahlen. Die technische Belegschaft ist weiter gewachsen, das ganze Unternehmen hat sich innert eines Jahres verdreifacht. Viele Praktiken liessen sich nicht auf die übrige Wirtschaft übertragen. Einen Satz schreiben sie trotzdem ohne Einschränkung: «Beschäftigungsschutz für Angestellte nützt jenen nichts, die gar nicht erst eingestellt werden» (Übersetzung Leitgrad).

Zwei Gruppen aus je 100 Personen-Piktogrammen für 100 technische Neueinstellungen bei Anthropic. Links sind 27 rot markiert, rechts nur noch 9. Rot steht für Junioren.
Grafik: Leitgrad. Quelle: Anthropic, «How employment is changing at Anthropic» (16.10.2026); Anteile, keine absoluten Zahlen

Was in Amerika verdeckt lief, steht hier im Vertrag

Patrick T. Harker, Professor an der Wharton School und bis 2025 Präsident der Federal Reserve Bank of Philadelphia, hat für dieses Problem im September ein Bild gefunden. Einstiegsjobs seien in Wahrheit verdeckte Lehren gewesen, schreibt er im Magazin Fortune. Firmen hätten Junioren nicht wegen ihres Outputs eingestellt, sondern um die eigenen Senioren von morgen heranzuziehen. Die Einstellung von Junioren sei «nie ein Betriebsaufwand» gewesen, sondern «eine falsch verbuchte Kapitalinvestition» (Fortune, Übersetzung Leitgrad). Leitgrad hat im September beschrieben, wie in der Schweiz die Lernstufe verschwindet und warum Erfahrung zählt, wenn Code billig wird.

In der Schweiz ist diese Investition nicht verdeckt. Sie hat einen Lehrvertrag, einen Bildungsplan und eine Berufsfachschule. Und sie hat einen Preis, den die Eidgenössische Hochschule für Berufsbildung (EHB) für die Informatiklehre ausgerechnet hat. Über vier Jahre kostet ein Lernender einen Betrieb im Schnitt 118 790 Franken. Er erbringt Leistungen im Wert von 116 530 Franken. Bleiben 2260 Franken, laut EHB kein signifikanter Wert (Netzwoche). Über alle Berufe erzielen die Betriebe bei 71 Prozent der Lehrverhältnisse sogar einen Nettonutzen, im Schnitt 4500 Franken pro Lehrjahr (EHB/SBFI).

Die Rechnung geht weiter. 59 Prozent der Informatik-Lernenden bleiben nach dem Abschluss im Betrieb. Eine Fachkraft auf dem Arbeitsmarkt zu suchen und einzuarbeiten, kostet im Schnitt 39 860 Franken. Wer seine Lernenden behält, spart so pro Lehrverhältnis rund 26 100 Franken (IT Reseller).

Zürich zählt 113 Lehrbeginne weniger als vor zwei Jahren

In Zürich zeigen die Zahlen trotzdem Bewegung. 2024 begannen im Kanton Zürich 773 Jugendliche eine ICT-Lehre, 2025 waren es 679, 2026 noch 660. Am stärksten sanken zuletzt die vierjährigen Informatiklehren: Applikationsentwicklung 208 statt 219, Plattformentwicklung 174 statt 187. Einzig bei den ICT-Fachleuten stieg die Zahl, auf 115 von 106. An der Informatikmittelschule begannen 36 statt 58 junge Leute, ein Minus von 38 Prozent und eine Klasse weniger (IT Reseller). Laut Inside IT geschah das zum ersten Mal seit 20 Jahren.

Mit KI begründet der Verband ICT-Berufsbildung Zürich den Rückgang nicht. Die Stagnation im vierjährigen Informatikberuf widerspiegle die Nachfrage der Wirtschaft nach diesen Fachkräften (Inside IT). Die betrieblichen Lehrstellen wertet er insgesamt als stabil, die Entwicklung bei den Informatiklehren solle aber «aufhorchen lassen» (IT Reseller). Der Bedarf bleibt gross. Bis 2033 fehlen der Schweiz laut einer Prognose von ICT-Berufsbildung Schweiz 54 400 ICT-Fachkräfte, nachdem Ausbildung und Zuwanderung bereits eingerechnet sind (Netzwoche).

Schulbänke als Piktogramme, eine Bank steht für einen Platz bei Ausbildungsbeginn an der Informatikmittelschule im Kanton Zürich. Links 58 dunkle Bänke für 2025, rechts 36 dunkle Bänke für 2026 und 22 rot gestrichelte, leere Bänke.
Grafik: Leitgrad. Quellen: ICT-Berufsbildung Zürich via IT Reseller und Inside IT (19.8.2026)

Das erste Lehrjahr neben dem Agenten

Was soll ein Lernender im ersten Jahr tun, wenn der Agent den Code schreibt? Die EHB-Zahlen zeigen, wo er heute steht. Im ersten Lehrjahr erreichen Informatik-Lernende 21 Prozent der Leistung einer Fachkraft, im vierten 71 Prozent. Arbeit auf Fachkraftniveau macht im ersten Jahr 22 Prozent ihrer Zeit im Betrieb aus, im vierten 72 Prozent (Netzwoche).

Bei Anthropic zeigt sich, welche Arbeit wächst, wenn Agenten tippen. Der Anteil sogenannter Meta-Arbeit, also Werkzeuge für Agenten bauen, ihre Ergebnisse prüfen und Abläufe überwachen, stieg zwischen Herbst 2025 und Frühling 2026 von 10 auf 22 Prozent der Sitzungen (Anthropic). In technischen Bewerbungsgesprächen nahmen Bemerkungen zu Selbständigkeit und Urteilsvermögen am stärksten zu. Und die Autoren halten fest, dass Fehler einer KI womöglich schwerer zu entdecken sind als jene eines Menschen.

Daraus lässt sich ein erstes Lehrjahr ableiten, das mit dem Agenten arbeitet statt gegen ihn. Lernende prüfen, testen und begründen, was die Maschine vorschlägt. Sie schreiben trotzdem eigenen Code, weil nur so das Urteil entsteht, das sie später brauchen. Anthropic beschreibt das Risiko selbst: Manche Mitarbeitende seien zunehmend von jener konkreten Arbeit entfernt, die ihre Fähigkeiten ursprünglich aufgebaut habe.

Dass KI und Ausbildung sich nicht ausschliessen, zeigt eine Studie aus Deutschland. Betriebe, die zwischen 2019 und 2023 dauerhaft KI eingeführt haben, schufen rund 14 Prozent mehr neue Ausbildungsplätze, ohne Anzeichen für mehr Entlassungen (LMU München). Was Harker in Amerika als verdeckte Lehre beschreibt, hat die Schweiz längst offen geregelt. Der Vorsprung bleibt, solange die Betriebe ausbilden.

Zum Mitnehmen: Das erste Informatik-Lehrjahr, wenn Agenten mitarbeiten

  • Die Rechnung kennen: Informatiker EFZ über vier Jahre im Schnitt 118 790 Franken Bruttokosten, 116 530 Franken Leistungen der Lernenden, 2260 Franken Nettokosten. Bleibt die Fachkraft danach im Betrieb, spart das im Schnitt rund 26 100 Franken für Suche und Einarbeitung (EHB, Erhebung 2022/23).
  • Das erste Jahr realistisch planen: Lernende erreichen im ersten Jahr 21 Prozent der Leistung einer Fachkraft, Ausbildende wenden im Schnitt 5,6 Stunden pro Woche auf, im vierten Jahr noch 4 Stunden. Harker nennt diese Zeit eine Investition, keinen Aufwand.
  • Prüfen als Lernziel: Code des Agenten lesen, testen und begründen lassen, warum ein Vorschlag angenommen oder verworfen wird. Bei Anthropic stieg dieser Teil der Arbeit, Meta-Arbeit genannt, von 10 auf 22 Prozent der Sitzungen.
  • Eigenen Code einplanen: Feste Aufgaben ohne Agent vorsehen. Anthropic beobachtet, dass sich Mitarbeitende von der Arbeit entfernen, die ihre Fähigkeiten aufgebaut hat. Harker rät den Hochschulen, im Lernen bewusst Mühe zu erhalten.
  • Begleitung und Wechsel: Harker empfiehlt Firmen, Ausbildung, Rotationen und Mentoring gezielt zu finanzieren. In der Lehre sind Betrieb, Berufsfachschule und Berufsbildner dafür schon vorgesehen.
  • Bei der Auswahl auf Urteil achten: Anthropic gewichtet in technischen Bewerbungsgesprächen Selbständigkeit und Urteilsvermögen stärker. Für die Lehrstellenvergabe heisst das zum Beispiel: fragen, wie jemand merkt, dass ein Ergebnis falsch ist.

Häufige Fragen

Stellt Anthropic keine Junioren mehr ein?

Doch, aber anteilsmässig weniger. Laut dem Bericht vom 16. Oktober 2026 sank der Junior-Anteil bei den technischen Neueinstellungen von 27 auf 9 Prozent, unter den technischen Mitarbeitenden seit Anfang 2025 von 21 auf 14 Prozent. Absolute Zahlen nennt Anthropic nicht, die Firma ist insgesamt stark gewachsen.

Gibt es im Kanton Zürich weniger Informatik-Lernende?

Ja. 2026 begannen 660 Jugendliche eine ICT-Lehre, 2,8 Prozent weniger als 2025 und 113 weniger als 2024. Die Informatikmittelschule eröffnete eine Klasse weniger. Der Verband ICT-Berufsbildung Zürich verweist auf die Nachfrage der Wirtschaft, nicht auf KI.

Lohnt sich ein Informatik-Lernender für ein KMU?

Während der Lehre gleichen sich Kosten und Leistungen laut EHB fast aus, im Schnitt bleiben über vier Jahre 2260 Franken Nettokosten. Der Gewinn kommt danach: Wer die ausgebildete Fachkraft behält, spart im Schnitt rund 26 100 Franken für Suche und Einarbeitung.

Quellen

  1. Anthropic, Nathan Wilmers, Regina Catipon, Maxim Massenkoff, Peter McCrory, «How employment is changing at Anthropic», 16. Oktober 2026 anthropic.com
  2. Inside IT, Mark Schröder, «Weniger ICT-Lehrverhältnisse im Kanton Zürich», 19. August 2026 inside-it.ch
  3. IT Reseller, «Kanton Zürich meldet weniger ICT-Lehrlinge», 19. August 2026, Zahlen von ICT-Berufsbildung Zürich itreseller.ch
  4. Fortune, Patrick T. Harker, «Entry-level jobs were actually secret apprenticeships all along, and AI just cut the subsidy», 25. September 2026 fortune.com
  5. Eidgenössische Hochschule für Berufsbildung, Alexander Gehret, Andreas Kuhn, Jürg Schweri, «Lohnt sich die Ausbildung von Lernenden? Kosten, Nutzen und Ausbildungsqualität aus Sicht der Betriebe 2025», November 2025 edudoc.ch (PDF) · sbfi.admin.ch (Präsentation)
  6. Netzwoche, Chiara Binder, «So viel kostet die Ausbildung von IT-Lernenden», 19. November 2025 netzwoche.ch
  7. IT Reseller, «Informatiklehre: Kosten übersteigen Nutzen», 18. November 2025 itreseller.ch
  8. LMU München, Samuel Mühlemann, «Artificial intelligence adoption and workplace training», Journal of Economic Behavior & Organization, Meldung vom 15. September 2025 som.lmu.de
  9. Netzwoche, «Bis 2033 fehlen in der Schweiz 54’000 ICT-Fachkräfte», Prognose von ICT-Berufsbildung Schweiz, 18. September 2025 netzwoche.ch

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