Karriere · 6 min ·

KI und Berufseinstieg: Warum in der Schweiz die Lernstufe verschwindet

Weniger Einstiegsinserate, mehr erwerbslose Absolventen, mehr Arbeitslose in KI-exponierten Berufen. Was fehlt, ist nicht die Arbeit, sondern die Lernstufe.

Zwei Zahlen: 3,5 Prozent der Wirtschaftsmaster des Jahrgangs 2022 und 8,5 Prozent des Jahrgangs 2024 waren ein Jahr nach Abschluss erwerbslos

Wer 2022 einen Master in Wirtschaft abschloss, war ein Jahr später zu 3,5 Prozent ohne Stelle. Wer 2024 abschloss, zu 8,5 Prozent. Gleichzeitig ist in den Schweizer Stellenportalen der Anteil der Inserate für Berufseinsteiger um ein Drittel geschrumpft. Die naheliegende Erklärung heisst künstliche Intelligenz. Sie ist nicht falsch. Aber sie ist nur die halbe Geschichte, und die andere Hälfte betrifft jedes Unternehmen, das in zehn Jahren noch erfahrene Leute braucht.

Das Wichtigste in Kürze

KI verändert den Schweizer Berufseinstieg dort, wo klassische Einstiegsarbeit aus Recherche, Text, Auswertung, Administration oder Routineprogrammierung besteht. Drei unabhängige Quellen zeigen in dieselbe Richtung. Laut jobs.ch lag der Anteil der Inserate für Berufseinsteiger 2025 um 32 Prozent unter dem Schnitt der Jahre 2019 bis 2022. Laut Bundesamt für Statistik stieg die Erwerbslosenquote von Universitätsabsolventen mit Master ein Jahr nach Abschluss von 3,9 auf 6,4 Prozent, bei Wirtschaftsmastern von 3,5 auf 8,5 Prozent. Und laut KOF der ETH stieg die Arbeitslosigkeit in stark KI-exponierten Berufen bis zu 27 Prozent stärker als in wenig exponierten. Keine dieser Quellen beweist allein, dass KI die Ursache ist; die schwache Konjunktur spielt mit. Einig sind sie sich im Muster: Es fehlt nicht die Arbeit, es fehlt die Lernstufe.

Wirtschaftsmaster, ein Jahr nach Abschluss: 3,5 Prozent ohne Stelle. Zwei Jahrgänge später: 8,5.

Erwerbslosenquote nach ILO ein Jahr nach dem Abschluss, Abschlussjahrgang 2022 gegenüber 2024.

Zwei Zahlen: 3,5 Prozent der Wirtschaftsmaster des Jahrgangs 2022 und 8,5 Prozent des Jahrgangs 2024 waren ein Jahr nach Abschluss erwerbslos
Erwerbslosenquote nach ILO ein Jahr nach dem Abschluss, Abschlussjahrgang 2022 gegenüber 2024.

Was die Stelleninserate zeigen

Die Stellenplattform jobs.ch hat für ihren ersten KI-Report 7,3 Millionen Inserate aus den Jahren 2019 bis 2025 ausgewertet. Sie vergleicht eine Phase vor dem Durchbruch der generativen KI, 2019 bis 2022, mit der Phase danach. Das Ergebnis, das hängen bleibt: Der Anteil der Inserate für Berufseinsteiger lag 2025 um 32 Prozent unter dem Durchschnitt der Vorphase. Die Einstellungen von Erfahrenen gingen seit 2022 ebenfalls zurück, aber, so der Report, «bei weitem nicht so dramatisch».

Man muss die Zahl richtig lesen. Es ist der Rückgang eines Anteils, nicht der Zahl der Stellen. Was genau als Einstiegsstelle zählt, legt der Report nicht offen. Und «KI-exponiert» ist dort eine grobe Zuordnung nach Berufsfeld: Informatik, Administration und HR, Banken und Finanzen, Marketing, Einkauf, Verkauf. 44 Prozent aller Inserate fallen in diese Felder.

Marco Bertoli, Chef der Betreiberin JobCloud, formuliert die Frage dahinter genauer als die meisten Schlagzeilen: «KI übernimmt zunehmend Aufgaben, die lange als klassische Einstiegsarbeit galten. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob Arbeit verschwindet, sondern wie Menschen künftig Berufserfahrung aufbauen.»

Was die Absolventen erleben

Das Bundesamt für Statistik befragt Hochschulabsolventen ein Jahr nach dem Abschluss. Die jüngste Welle, publiziert am 27. August, vergleicht den Jahrgang 2024 mit dem Jahrgang 2022. Bei den Universitätsabsolventen mit Master stieg die Erwerbslosenquote von 3,9 auf 6,4 Prozent, bei den Fachhochschulabsolventen mit Bachelor von 3,4 auf 4,9 Prozent.

Die Unterschiede nach Fach sind gross. Wirtschaftsmaster: von 3,5 auf 8,5 Prozent. Master in technischen Wissenschaften: von 2,1 auf 4,8. Fachhochschul-Bachelor in Technik und IT: von 3,0 auf 6,4. Wer dagegen Medizin studierte, war ein Jahr später zu 1,6 Prozent ohne Stelle.

Fast die Hälfte der Universitätsabsolventen, 44 Prozent, gab an, Mühe bei der Suche nach einer passenden Stelle gehabt zu haben; zwei Jahre zuvor waren es 30 Prozent. Als häufigstes Hindernis nannten rund zwei Drittel fehlende Berufserfahrung. Das Amt nennt KI nicht als Ursache. Es nennt aber die Konjunktur: 42,5 Prozent der Universitätsabsolventen sahen in ihr ein Hindernis, nach 23,8 Prozent zwei Jahre zuvor.

Was die Forschung dazu sagt

Die bisher genaueste Schweizer Untersuchung stammt von Jeremias Kläui und Michael Siegenthaler von der KOF der ETH. Sie haben Arbeitslosenregister und Stelleninserate bis August 2025 ausgewertet und Berufe nach ihrer KI-Exposition verglichen, vor und nach der Lancierung von ChatGPT im November 2022. In stark exponierten Berufen stieg die Arbeitslosigkeit bis zu 27 Prozent stärker als in wenig exponierten. Die Inserate dort fielen auf 60 bis 70 Prozent des Niveaus vor den grossen Sprachmodellen. Besonders betroffen: Softwareentwickler, Applikationsprogrammierer, Systemanalytiker.

Aus den USA kommt ein Befund, der den Mechanismus beschreibt. Erik Brynjolfsson und Kollegen vom Stanford Digital Economy Lab werten Lohnbuchhaltungsdaten aus. In ihrer aktualisierten Fassung vom August 2026 liegt die Beschäftigung der 22- bis 25-Jährigen in KI-exponierten Berufen 19 Prozent unter dem Pfad gleichaltriger Kollegen in weniger exponierten Berufen. Bei Älteren zeigt sich keine vergleichbare Lücke. Und der Effekt entsteht nicht durch Entlassungen, sondern dadurch, dass weniger Junge eingestellt werden.

Das ist der Kern. In diesen Daten wird kaum jemand wegen KI entlassen. Die Stelle für den Anfänger wird einfach nicht mehr ausgeschrieben.

Warum das ein Problem der Arbeitgeber ist

Einstiegsarbeit war nie nur billige Arbeit. Sie war die Werkstatt, in der aus Absolventen Fachleute wurden: Protokolle schreiben, Daten aufbereiten, Präsentationen bauen, Code testen, Verträge vergleichen. Wer diese Aufgaben einer Maschine überlässt, spart heute einen Junior. Er spart auch den Senior von 2035.

Adrian Jones, der bei PwC Schweiz das Thema Arbeit verantwortet, sagt es so: «Routineaufgaben, die früher dem Einstieg und Lernen dienten, übernimmt heute zunehmend die KI.» Die Frage für eine Geschäftsleitung lautet deshalb nicht, ob sich eine Juniorstelle heute rechnet. Sie lautet, woher in zehn Jahren die Leute kommen, die eine Abteilung führen, einen Kunden halten oder eine Anlage verantworten können.

Für Einsteiger heisst das umgekehrt: Das Abarbeiten reicht als Beweis nicht mehr. Gefragt ist, wer Ergebnisse einer Maschine prüfen, Fehler erkennen und dafür geradestehen kann. Das ist keine Frage des Werkzeugs. Es ist eine Frage der Verantwortung, und die lässt sich früher übernehmen, als viele Firmen es heute zulassen.

Serie · Karriere ist Handlungsfreiheit

Teil 1 von 12. Für die Entscheider von heute und morgen untersucht Leitgrad, welche Arbeit in der Schweiz wertvoller wird, wer an Verhandlungsmacht verliert und wie aus Karriere Führung und Eigentum werden. Die nächsten Teile erscheinen jeweils dienstags und donnerstags.

Methode

Die Grafik zeigt die Erwerbslosenquote nach ILO ein Jahr nach Abschluss aus der Absolventenbefragung des Bundesamts für Statistik, Abschlussjahrgang 2022 (befragt 2023) gegenüber Abschlussjahrgang 2024 (befragt 2025). Das Amt nennt keine Ursache für den Anstieg; die Verbindung zu KI ist unsere Einordnung und durch die KOF-Studie gestützt, nicht bewiesen.

Die 32 Prozent von jobs.ch erscheinen in den Unterlagen von JobCloud in zwei Fassungen: Im Report bezieht sich der Rückgang auf alle Inserate für Berufseinsteiger, in der Medienmitteilung auf KI-exponierte Berufe. Wir folgen dem Report. Eine Definition der Einstiegsstelle und eine Jahresreihe sind nicht publiziert. Die in Agenturmeldungen genannten Werte «minus 16 Prozent Junior, plus 26 Prozent Senior» finden sich weder im Report noch in der Mitteilung; wir verwenden sie nicht.

Was im Themenvorschlag anders stand: «Fast die Hälfte der Anzeigen entfällt auf KI-exponierte Rollen» trifft zu (44 Prozent), bezieht sich aber auf den gesamten Zeitraum 2019 bis 2025 und auf eine Zuordnung nach Berufsfeld, nicht nach Tätigkeiten. Die Stanford-Studie liegt inzwischen in einer neueren Fassung vor (19 statt 13 Prozent).

Quellen

  1. JobCloud, jobs.ch KI-Report 2026, Juni 2026, und Medienmitteilung vom 24. Juni 2026 jobcloud.ch · jobcloud.ch
  2. Bundesamt für Statistik, «Die Erwerbslosigkeit der Hochschulabsolventinnen und -absolventen ist zwischen 2023 und 2025 gestiegen», 27. August 2026 vtg.admin.ch
  3. Jeremias Kläui, Michael Siegenthaler, «KI und der Schweizer Arbeitsmarkt», KOF Studien Nr. 186, Oktober 2025 ethz.ch
  4. Erik Brynjolfsson, Bharat Chandar, Ruyu Chen, «Canaries in the Coal Mine?», Stanford Digital Economy Lab, Fassung vom 12. August 2026 digitaleconomy.stanford.edu
  5. PwC Schweiz, Medienmitteilung zum AI Jobs Barometer 2026, 15. Juni 2026 pwc.ch

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