Illustration: Leitgrad
Der Job bleibt, der Preis wackelt: Wie KI Bürolöhne neu bewertet
Die KI muss niemanden ersetzen, um seinen Lohn zu drücken, sagt der Wirtschaftshistoriker Dror Poleg. In der Schweiz zeigen Stelleninserate erste Signale: ein um 32 Prozent tieferer Anteil an Einstiegsinseraten und deutlich seltener gute Lohnbänder in Verkauf, Kundendienst und Administration. Die Lohnstatistik bis 2024 zeigt noch keine ausgehöhlte Mitte. Was Chefs und Kader jetzt tun.

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Kurz gesagt: Der Wirtschaftshistoriker Dror Poleg vertritt eine unbequeme These: Die KI muss niemanden ersetzen, um seinen Lohn zu drücken. Sie verändert, was eine Aufgabe auf dem Markt wert ist. In der Schweiz zeigen erste Signale in diese Richtung. Laut dem KI-Report von jobs.ch ist der Anteil der Inserate für Berufseinsteiger 2025 um 32 Prozent tiefer als im Schnitt der Jahre 2019 bis 2022. In Verkauf, Kundendienst und Administration ist der Anteil der Inserate mit mittleren bis gehobenen Lohnangaben seit 2023 um 53 Prozent gesunken. Die offizielle Lohnstatistik zeigt bis 2024 aber noch keine ausgehöhlte Mitte. Für Chefs heisst das: Jetzt ist der Moment, Löhne an Verantwortung zu knüpfen und nicht an Aufgaben, die bald jedes Werkzeug erledigt.
«AI does not have to replace you to reprice you.» Mit diesem Satz fasst Dror Poleg seinen Essay vom 27. Oktober zusammen. Seine Beobachtung: Die KI ist nicht nur ein Werkzeug, das Arbeit abnimmt. Sie ist auch ein Medium, ein Erbe von Phonograph, Radio und Kamera. Und Medien haben selten ganze Berufe ausgelöscht. Sie haben verändert, wer wie viel verdient.
Sein Beispiel ist die Musik. Der Anteil der Musiker an der US-Erwerbsbevölkerung ist laut Poleg seit 1970 ungefähr stabil. Den Beruf gibt es also weiterhin. Aber die grössten Stars sind Milliardäre, während die meisten Musiker weniger als das mittlere US-Einkommen verdienen. Seit YouTube, TikTok und Spotify konkurrieren Millionen Laien um dieselbe Aufmerksamkeit. Das Ergebnis beschreibt Poleg so: wenige, sehr grosse Gewinner, eine lange Reihe von Halbprofis und eine Mitte, die dünner wird.

Dasselbe Muster sieht Poleg im Büro
Für Poleg ist das kein Musikerproblem. Er sieht dasselbe Muster bei Wissensarbeit. Meta, Google und Microsoft boten Spitzenforschern für KI laut New York Times Pakete im Wert von mehreren hundert Millionen Dollar. Gleichzeitig entliessen dieselben Konzerne Tausende erfahrene Mitarbeitende. Wer ganz oben steht, wird teurer. Wer eine Aufgabe erledigt, die nun auch ein Werkzeug schafft, verliert Verhandlungsmacht, auch wenn sein Job bleibt.
Das ist eine These, keine Messung. Poleg stützt sie auf Beispiele aus den USA. Für die Schweiz lohnt sich deshalb der Blick auf eigene Zahlen.
Was Schweizer Stelleninserate zeigen
Im Juni hat jobs.ch seinen ersten KI-Report veröffentlicht. Er wertet 7,3 Millionen Stelleninserate von jobs.ch, jobup.ch und JobScout24.ch aus. Der Anteil der Inserate für Berufseinsteiger lag 2025 um 32 Prozent unter dem Schnitt der Jahre 2019 bis 2022. Stärker betroffen sind Rollen, die der KI besonders ausgesetzt sind: Administration und HR, Banking, Finanzen, Marketing, Einkauf, Vertrieb sowie IT und Telekommunikation. Ob die Firmen Einsteiger gezielt durch Erfahrene ersetzen, lässt der Report offen. Er formuliert es als Vermutung.

Spannender für die Lohnfrage ist ein zweiter Befund. Der Report hat rund 288 000 Inserate mit Lohnangabe ausgewertet. In Verkauf, Kundendienst und Administration ist der Anteil der Inserate mit mittleren bis gehobenen Lohnbändern seit 2023 um 53 Prozent gesunken (der Report nennt keine Frankenbeträge). Im Maschinen- und Anlagenbau und in der Produktion beträgt das Minus 46 Prozent. In der Medizin dagegen stieg der Anteil der Inserate mit einem Lohn über 135 000 Franken von 8 auf 32 Prozent.
Das passt zu Polegs These, beweist sie aber nicht. Inserate sind keine Lohnstatistik. Und der Report sagt nicht, dass die KI der Grund für die tieferen Lohnbänder ist. Auffällig ist trotzdem die Richtung: In Verkauf, Administration und Produktion werden mittlere bis gehobene Lohnbänder seltener. In der Medizin steigt dagegen der Anteil sehr hoher Löhne.

Die Mitte hält noch
Die offizielle Statistik zeichnet bisher ein ruhigeres Bild. Laut der Lohnstrukturerhebung des Bundesamts für Statistik lag der Medianlohn 2024 bei 7024 Franken brutto im Monat, nominal 3,5 Prozent höher als 2022. Die untersten 10 Prozent verdienten weniger als 4635 Franken, die obersten 10 Prozent mehr als 12 526 Franken. Die Lohnpyramide ist laut BFS zwischen 2008 und 2024 weitgehend unverändert geblieben.
Eine ausgehöhlte Mitte ist in diesen Zahlen also nicht zu sehen. Allerdings stammen sie aus dem Oktober 2024, als die KI in vielen Büros erst angekommen war. Die Inserate von jobs.ch sind ein früheres Signal. Wer Löhne festlegt, sollte beides kennen.

Was das für Chefs heisst
Laut jobs.ch übernehmen KI-Tools zunehmend Aufgaben, die traditionell an Nachwuchskräfte gingen: Recherche, Dateneingabe, einfache Analysen und erste Entwürfe. Genau diese Aufgaben haben Einsteiger bisher gelernt und verrechnet. Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Ein Treuhandbüro, das früher eine Lernende zwei Tage an einer Branchenübersicht arbeiten liess, kann den ersten Entwurf heute in Minuten erstellen lassen. Der Job der Lernenden bleibt. Der Preis dieser zwei Tage aber sinkt.
Für die Lohnpolitik folgen daraus drei Fragen. Erstens: Wofür zahlen wir eigentlich? Wer Löhne an Aufgaben knüpft, die bald jedes Werkzeug erledigt, wird sie nicht halten können. Wer sie an Verantwortung, Urteil und Kundenbeziehung knüpft, schon. Warum sich Führung beim Lohn auszahlt, zeigt unser Beitrag Verantwortung zahlt.
Zweitens: Woher kommen unsere Erfahrenen in fünf Jahren? Wer heute keine Einsteiger mehr anstellt, hat morgen niemanden, der Verantwortung übernehmen kann. Wie die Lernstufe in der Schweiz verschwindet, beschreibt unser Artikel KI und Berufseinstieg.
Drittens, für Kader selbst: Wie viel von meinem Lohn hängt an Aufgaben statt an Verantwortung? Wer diese Frage ehrlich beantwortet, weiss, wo er investieren muss. Und wer seinen Lohn nicht als einzige Sicherheit sehen will, findet in unserem Beitrag Lohn ist kein Vermögen vier Hebel, die Kader in der Schweiz haben.

Was Poleg vorschlägt
Poleg hält den Wettlauf, sich als «typisch menschlich» vom Automaten abzusetzen, für aussichtslos. Er erinnert stattdessen an die Musiker von 1948. Sie handelten damals Abgaben auf Tonträger aus, aus denen ein Fonds Live-Auftritte bezahlte. Gefragt seien heute wieder Lösungen, die gestiegene Produktivität breit verteilen. Für einen Schweizer Betrieb kann das ganz konkret heissen: Wer dank KI schneller liefert, teilt einen Teil des Gewinns mit dem Team, statt nur den Preis pro Stunde zu senken.

Zum Mitnehmen
- Der Job bleibt, der Preis kann fallen. Das ist die These von Dror Poleg. Belegt ist sie für die Schweiz noch nicht, die ersten Signale zeigen aber in diese Richtung.
- Die Inserate sind ein Frühsignal. Minus 32 Prozent bei den Einstiegsstellen, minus 53 Prozent bei guten Lohnbändern in Verkauf, Kundendienst und Administration (jobs.ch). Die Lohnstatistik bis 2024 zeigt noch keine ausgehöhlte Mitte.
- Löhne an Verantwortung knüpfen. Nicht an Aufgaben, die bald jedes Werkzeug erledigt. Und weiter Einsteiger ausbilden, sonst fehlen in fünf Jahren die Erfahrenen.
Häufige Fragen
Senkt die KI in der Schweiz die Löhne?
Belegt ist das bisher nicht. Laut Lohnstrukturerhebung des BFS stieg der Medianlohn von 2022 bis 2024 nominal um 3,5 Prozent auf 7024 Franken. In Stelleninseraten zeigen sich aber erste Verschiebungen: In Verkauf, Kundendienst und Administration sind Inserate mit mittleren bis gehobenen Lohnbändern seit 2023 deutlich seltener geworden (jobs.ch KI-Report 2026). Ob die KI der Grund ist, sagt der Report nicht.
Wie stark sind die Einstiegsstellen in der Schweiz zurückgegangen?
Laut jobs.ch lag der Anteil der Inserate für Berufseinsteiger 2025 um 32 Prozent unter dem Schnitt der Jahre 2019 bis 2022. Stärker betroffen sind Rollen, die der KI besonders ausgesetzt sind, etwa Administration, Finanzen, Marketing und IT.
Welche Aufgaben übernimmt die KI?
Laut jobs.ch übernehmen KI-Tools zunehmend Aufgaben, die traditionell an Nachwuchskräfte gingen: Recherche, Dateneingabe, einfache Analysen und erste Entwürfe. Das sind oft genau die Aufgaben, mit denen Einsteiger bisher gelernt haben.
Quellen
- Dror Poleg, «Your Job Can Survive AI. Your Salary Might Not», 27. Oktober 2026 drorpoleg.com
- jobs.ch (JobCloud), KI-Report 2026, Juni 2026, S. 3, 5, 11, 12, 21, 22 und 32 jobcloud.ch
- Netzwoche, «KI drängt Nachwuchskräfte aus Bürojobs», 24. Juni 2026 netzwoche.ch
- SRF News, «Schweizer Medianlohn liegt bei 7024 Franken brutto», 25. November 2025, gestützt auf die Lohnstrukturerhebung 2024 des Bundesamts für Statistik srf.ch
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