Achtzehn Sitze, acht für vier Verbände: wie Economiesuisse entscheidet
Ein Textilunternehmer mit hundert Mitarbeitenden führt neu den Dachverband. Im Gremium, das tatsächlich entscheidet, halten vier Branchenverbände acht von achtzehn Sitzen, ohne dass die Statuten das vorsehen.

Seit dem 11. September führt ein Textilunternehmer aus St. Gallen mit rund hundert Mitarbeitenden den Dachverband der Schweizer Wirtschaft. Silvan Wildhaber, 48, ist das neue Gesicht von Economiesuisse. Die Hand liegt woanders: In dem Gremium, das zwischen den Sitzungen entscheidet, halten vier Branchenverbände acht von achtzehn Sitzen. In den Statuten steht darüber kein Wort.
Das Wichtigste in Kürze
Silvan Wildhaber, seit 2012 CEO der St. Galler Filtex AG, wurde am 16. März 2026 einstimmig zum Präsidenten von Economiesuisse gewählt und trat das Amt am 11. September an. Er folgt auf Christoph Mäder, der den Verband seit dem 1. Oktober 2020 geführt hatte. Der Vorstandsausschuss, das eigentliche Führungsgremium, zählt 18 Mitglieder. Acht davon stellen vier Branchenverbände (scienceindustries, Swissmem, die Bankiervereinigung und der Versicherungsverband), jeweils als Paar aus Präsident und Vizepräsident. Eine statutarische Sitzgarantie gibt es nicht; die Statuten verlangen lediglich, «der Gewichtung der Wirtschaftszweige und Regionen» Rechnung zu tragen. Der Verband befindet sich im Umbau: Die Geschäftsleitung wurde von zehn auf fünf Personen halbiert.
Achtzehn Sitze. Vier Verbände halten acht.
Der Vorstandsausschuss von Economiesuisse, Stand 15. September 2026. Rot markiert sind die Sitze, die auf scienceindustries, Swissmem, die Bankiervereinigung und den Versicherungsverband entfallen.

Wer der neue Präsident ist
Wildhaber, Jahrgang 1977, führt die Filtex AG an der Teufener Strasse in St. Gallen, ein Familienunternehmen von 1919, das exklusive Textilien und Stickereien exportiert. Über 80 Prozent des Umsatzes gehen ins Ausland, rund die Hälfte nach Afrika. Rund hundert Mitarbeitende, dazu etwa zehn Lernende. Er ist zugleich Verwaltungsratspräsident der Muttergesellschaft Emil Anderegg AG. Ausbildung: Kantonsschule Burggraben, dann HSG, dazwischen Credit Suisse; seit 2006 im Familienunternehmen, seit 2012 an dessen Spitze. Politisch wird er der FDP zugerechnet.
Eine verbreitete Angabe stimmt nicht: Wildhaber war nicht Präsident von Swiss Textiles. Er sitzt seit 2014 als Vertreter von Swiss Textiles im Economiesuisse-Vorstand. Präsident von Swiss Textiles ist Andreas Christen, der seinerseits im Vorstandsausschuss sitzt. Daneben gehört Wildhaber seit 2021 dem Vorstand des Arbeitgeberverbands an und seit 2013 dem Board von Euratex.
Sein Vorgänger Christoph Mäder kam aus der anderen Hälfte der Schweizer Wirtschaft: langjährig Chefjurist und Konzernleitungsmitglied bei Syngenta, Präsident von scienceindustries, dem Verband der Pharma-, Chemie- und Biotechbranche. Die Nachfolge suchte der Headhunter Egon Zehnder.
Wo die Macht tatsächlich sitzt
Economiesuisse hat eine Mitgliederversammlung, einen Vorstand, einen Vorstandsausschuss, einen Geschäftsführerausschuss, eine Geschäftsleitung und eine Revisionsstelle. Der Vorstand ist gross. Wie gross genau, weist der Verband nicht aus. Die Statuten nennen keine Zahl, die publizierte Namensliste lässt sich nicht stabil auszählen; sie liegt bei rund 75 Personen. Die in den Medien kursierende Zahl 76 stammt aus der «Bilanz», nicht vom Verband.
Ein Gremium dieser Grösse tagt selten und entscheidet wenig. Entschieden wird im Vorstandsausschuss mit seinen 18 Mitgliedern. Vier Branchenverbände stellen dort je zwei, und zwar nach demselben Muster: der Präsident des Branchenverbands und dessen Vizepräsident:
- scienceindustries (Pharma, Chemie, Biotech): Annette Luther, External Affairs bei F. Hoffmann-La Roche, Präsidentin des Verbands und Vizepräsidentin von Economiesuisse; Andreas Bohrer, Chefjurist der Lonza Group, Vizepräsident des Verbands.
- Swissmem (Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie): Martin Hirzel, Präsident, zugleich Vizepräsident von Economiesuisse; Eva Jaisli, CEO von PB Swiss Tools, Vizepräsidentin des Verbands.
- Bankiervereinigung: Giorgio Pradelli, CEO von EFG International, designierter Präsident, Vizepräsident von Economiesuisse; Markus Ronner, Vizepräsident des Verwaltungsrats der UBS Group.
- Versicherungsverband: Stefan Mäder, Verwaltungsratspräsident der Mobiliar, Präsident des Verbands, Vizepräsident von Economiesuisse; Roman Stein, CEO Schweiz von Swiss Life, Vizepräsident des Verbands.
Dazu kommen der Präsident Wildhaber, Vizepräsident Nicolas Durand (Gründer von Abionic, Lausanne, für die Waadtländer und Genfer Handelskammern), Quästor Thierry Kenel (Swatch Group, für die Uhrenindustrie), Swisscom-Chef Christoph Aeschlimann, Andreas Christen von Swiss Textiles, Ständerätin Petra Gössi als Präsidentin des Nahrungsmittelverbands fial, Nationalrat und Ypsomed-Chef Simon Michel für Swiss Medtech, Severin Moser als Präsident des Arbeitgeberverbands, Martin von Moos von HotellerieSuisse und Kaspar Wenger, Chairman von Holcim Schweiz.
Zwei Korrekturen zur gängigen Erzählung: Novartis und Swiss Re sitzen nicht im Vorstandsausschuss. Patrick Horber und Andreas Berger sind reine Vorstandsmitglieder. Und die Achse läuft nicht über einzelne Konzerne, sondern über die Branchenverbände. Das Muster ist «Verbandspräsident plus Verbandsvize», nicht «Firmensitz».
Warum das keine Regel ist
Man würde eine solche Ordnung in den Statuten vermuten. Sie steht dort nicht. Artikel 6 Absatz 1 sagt zur Zusammensetzung des Vorstandsausschusses lediglich: «Der Vorstandsausschuss besteht aus dem Präsidenten, den Vizepräsidenten, dem Quästor und mindestens fünf weiteren Mitgliedern. Sie werden für eine Amtszeit von drei Jahren gewählt. Der Gewichtung der Wirtschaftszweige und Regionen ist Rechnung zu tragen.» Analog heisst es für den Vorstand, er repräsentiere die Mitgliedschaftsinteressen «hinsichtlich der Bedeutung der einzelnen Wirtschaftszweige».
Keine Branche wird namentlich genannt, kein Sitz reserviert, keine Höchstzahl festgelegt. Die 18 sind Praxis, nicht Statut. Gewählt wird der Ausschuss vom Vorstand aus dessen Mitte. Das ist der eigentliche Befund: Es braucht keine Regel. Eine weiche Gewichtungsklausel und eine Wahlarithmetik genügen, um dieselbe Ordnung Jahr für Jahr zu reproduzieren.
Die Direktorin wird laut Statuten vom Vorstandsausschuss gewählt, ausdrücklich «von ausserhalb des Vorstands». Es ist seit September 2014 Monika Rühl.
Wer bezahlt
Economiesuisse vereint rund 100 Branchenverbände, 20 kantonale Handelskammern und einzelne Firmen und repräsentiert nach eigenen Angaben rund 100’000 Unternehmen mit etwa zwei Millionen Beschäftigten. Die Beitragsordnung wird von der Mitgliederversammlung genehmigt; veröffentlicht ist sie nicht. Budget, Jahresrechnung und Beitragsschlüssel stehen nicht auf der Website. Wer wie viel zahlt, ist von aussen nicht feststellbar.
Öffentlich ist nur, was das Gesetz über die Transparenz der Politikfinanzierung erzwingt. Im Register der Eidgenössischen Finanzkontrolle hat Economiesuisse seit Ende 2023 rund 11 Millionen Franken an Zuwendungen deklariert und sich in 16 von 21 erfassten Vorlagen engagiert, 2,9 Millionen gegen die 13. AHV-Rente, 2,06 Millionen gegen die Prämienentlastungsinitiative. Die Beiträge erscheinen unter dem Namen des Dachverbands; welche Firmen dahinterstehen, bleibt unsichtbar. Das ist legal und zugleich der Grund, warum die Frage nach der Beitragsstruktur nicht bloss akademisch ist.
Der Umbau
Wildhaber übernimmt einen Verband, der bereits umgebaut wird. Die Geschäftsleitung wurde von zehn auf fünf Personen halbiert, vollzogen über Änderungskündigungen. Vier Betroffene nahmen an; Jan Atteslander, Leiter Aussenwirtschaft und strategisch verantwortlich für das EU-Dossier, lehnte ab und verliess den Verband, ausgerechnet vor der grössten europapolitischen Vorlage seit Jahren. Die neue Struktur ordnet sich entlang Wirtschaftspolitik, Standortpolitik, Public Affairs und Kommunikation. Als Kampagnenleiterin kam im August 2026 Heike Scholten. Auslöser des Umbaus waren die Abstimmungsniederlagen von 2024, allen voran die 13. AHV-Rente.
Intern ist das nicht unumstritten. Kritiker monieren, Mäder habe seinen Nachfolger vor vollendete Tatsachen gestellt. Ausschussmitglied Simon Michel warnt, die Fachkompetenz müsse nah an der Verbandsspitze bleiben.
Der erste Test kommt später, als es scheint
Als Wildhabers Bewährungsprobe gelten die Bilateralen III. Der Bundesrat verabschiedete die Botschaft am 13. März 2026; das Paket ist in vier Bundesbeschlüsse aufgeteilt. Ende September 2026 behandelt der Ständerat das Geschäft erstmals. Umstritten ist, ob es Volks- und Ständemehr braucht: Der Bundesrat will nur das Volksmehr, die Staatspolitischen Kommissionen beider Räte verlangen beides.
Der parlamentarische Schlussentscheid fällt frühestens 2027, die Volksabstimmung voraussichtlich 2028, ein Termin ist nicht angesetzt. Economiesuisse unterstützt das Paket als «beste Option», hat aber noch keine Parole gefasst. Das geschehe erst nach Abschluss der Beratungen. In der Vernehmlassung stellte sich der Verband hinter die Lohnschutzmassnahmen 1 bis 13 und gegen Massnahme 14, den Kündigungsschutz.
Was daraus folgt
Für Unternehmerinnen und Unternehmer, die über eine Verbandsmitgliedschaft entscheiden, ist die relevante Frage nicht, wer Präsident ist. Sie lautet, über welchen Branchenverband die eigene Stimme läuft und ob dieser Verband im Vorstandsausschuss vertreten ist. Wer über fial, HotellerieSuisse oder eine kantonale Handelskammer angeschlossen ist, hat dort einen Sitz. Wer in keiner dieser Linien steht, ist im Vorstand vertreten, also in dem Gremium, das rund 75 Personen umfasst und selten tagt.
Dass ein Textilunternehmer mit hundert Mitarbeitenden den Verband führt, ist ein echtes Signal. Es ändert nichts daran, dass die Mehrheit der KMU über einen Branchenverband vertreten wird, der im entscheidenden Gremium keinen Platz hat.
Methode
Die Zusammensetzung des Vorstandsausschusses wurde gegen die Gremienliste auf economiesuisse.ch geprüft und ergibt 18 Personen; die Zuordnung zu den vier Branchenverbänden folgt den dort angegebenen Funktionen. Die Zahl 76 für den Vorstand liess sich nicht verifizieren: Die Statuten legen keine Zahl fest, der Verband weist keine aus, und die publizierte Namensliste ergab je nach Auszählung zwischen 74 und 79 Einträge. Wir schreiben deshalb «rund 75». Eine statutarische Sitzgarantie für Branchen existiert nicht; massgeblich ist allein die Gewichtungsklausel in Artikel 6 Absatz 1 der Statuten in der Fassung von Oktober 2025. Die Annahme, die vier Verbände zahlten die höchsten Beiträge, liess sich nicht belegen, weil die Beitragsordnung nicht öffentlich ist.
Quellen
- Economiesuisse, Statuten und Geschäftsreglement, Fassung v05, Stand Oktober 2025 backend-api.economiesuisse.ch
- Economiesuisse, Gremienübersicht Vorstand und Vorstandsausschuss, abgerufen am 15. September 2026 economiesuisse.ch
- Economiesuisse, Medienmitteilungen vom 13. Februar und 16. März 2026 zur Nomination und Wahl von Silvan Wildhaber economiesuisse.ch · economiesuisse.ch
- Economiesuisse, «Über uns», zu Mitgliederzahl und repräsentierten Unternehmen economiesuisse.ch
- Bilanz und Blick, September 2026, zum Umbau des Verbands; Blick vom 12. Oktober 2025 zum Rücktritt von Christoph Mäder bilanz.ch · blick.ch · blick.ch
- Watson, 11. September 2025, zur Verkleinerung der Geschäftsleitung von zehn auf fünf watson.ch
- SRF-Porträt Silvan Wildhaber; Rheintaler und Business Class Ost zu Filtex srf.ch · rheintaler.ch · businessclassost.ch
- Register der Eidgenössischen Finanzkontrolle zur Politikfinanzierung; Auswertung von SRF und swissinfo swissinfo.ch · politikfinanzierung.efk.admin.ch
- Bundesrat, Botschaft zum Vertragspaket Schweiz-EU vom 13. März 2026; SRF zu den Entscheiden der Staatspolitischen Kommissionen srf.ch · admin.ch
- Economiesuisse, Dossierpolitik zu den Bilateralen III und Vernehmlassungsantwort vom 4. September 2025 economiesuisse.ch · economiesuisse.ch
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