Firma kaufen statt gründen: Die unterschätzte Karriere in der Schweiz
168 000 KMU planen bis 2030 eine Eigentumsübergabe, über ein Drittel davon gilt als gefährdet. Knapp sind nicht nur Geld, sondern Käufer.

Fast 168 000 Schweizer KMU wollen ihr Eigentum bis Ende 2030 ganz oder teilweise übergeben. Für rund 59 000 davon könnte die Übergabe scheitern. Und ein Viertel der Inhaber plant ausdrücklich mit einer externen Führungskraft als Käuferin.
Wer in der Schweiz Unternehmer werden will, denkt meist an zwei Wege. Man gründet, mit einer Idee und null Umsatz am ersten Tag. Oder man steigt im Konzern auf, bis irgendwann ein Titel mit «Chief» davorsteht. Über den dritten Weg wird erstaunlich wenig geredet, obwohl er gerade in Zehntausenden Fällen offensteht: Man kauft eine Firma, die schon läuft.
Das Wichtigste in Kürze
Laut der Nachfolgestudie 2026 von UBS und der Universität St. Gallen planen 32 Prozent der Schweizer KMU-Inhaber, in den nächsten fünf Jahren Eigentum ganz oder teilweise zu übergeben. Hochgerechnet sind das fast 168 000 Firmen bis Ende 2030. Nach der Projektion der Studie lassen sich rund 109 000 dieser Übergaben vollziehen, rund 59 000 könnten scheitern. Ein Viertel der Inhaber plant ausdrücklich mit einer externen Führungskraft als Käuferin. Die Familie fällt als Lösung zunehmend weg: Nur noch 67 Prozent der befragten KMU bezeichnen sich als Familienunternehmen, 2013 waren es 81 Prozent. Knapp sind deshalb auch Menschen, die kaufen und führen wollen. Für erfahrene Führungskräfte ist das eine Karriereoption mit Umsatz, Kunden und Mitarbeitenden ab dem ersten Tag, allerdings auch mit Schulden ab dem ersten Tag.
168 000 Firmen brauchen neue Eigentümer. Über ein Drittel der Übergaben ist gefährdet.
Geplante Eigentumsübergaben in Schweizer KMU bis Ende 2030, nach Einschätzung ihrer Vollziehbarkeit; als gefährdet gelten Firmen mit mehr als einem Risikofaktor. Ein Feld entspricht einem Prozent.

Die Grafik zeigt eine Projektion, keine Zählung. Von hundert geplanten Übergaben gelten 65 als vollziehbar und 35 als gefährdet. Hochgerechnet auf die Schweiz sind das rund 109 000 und rund 59 000 Firmen.
Überraschend ist, wo die Lücke liegt. Der Wille der Inhaber ist da: Zwei Drittel der befragten Familienunternehmer sind offen für eine Übergabe ausserhalb der Familie. Knapp sind die Menschen auf der anderen Seite des Tisches, die kaufen und führen wollen.
Für eine erfahrene Führungskraft ist das gefährdete Drittel deshalb ein Markt. Hinter jedem Feld der Grafik stehen rund 1700 Firmen mit Kunden und Mitarbeitenden, die einen Nachfolger brauchen. Für den Inhaber gilt umgekehrt: Wer den Firmenerfolg an die eigene Person bindet, trägt bereits einen der Risikofaktoren, mit denen die Studie rechnet.
Was die Studie misst
Die Nachfolgestudie 2026 besteht aus fünf Kurzstudien von UBS und dem Center for Family Business der Universität St. Gallen. Grundlage ist eine Befragung von 401 KMU-Inhabern im September 2025, hochgerechnet nach der Unternehmensstatistik des Bundes. 32 Prozent gaben an, in den nächsten fünf Jahren Eigentum übergeben zu wollen. Gelegentlich war das als Erfolgsquote zu lesen. Tatsächlich ist es der Anteil der Firmen, bei denen ein Wechsel ansteht.
Frühere Ausgaben der Studienreihe kamen auf tiefere Werte: 29 Prozent im Jahr 2009, 22 Prozent 2013, 20 Prozent 2016. Die Autoren mahnen, den Vergleich wegen anderer Fragen und Stichproben «mit einer gewissen Vorsicht» zu lesen. Die Richtung ist trotzdem deutlich.
Auch die 59 000 gefährdeten Übergaben beruhen auf der Projektion. Die Autoren haben Risikofaktoren erfasst, etwa dass der Firmenerfolg an einer einzigen Person hängt. Firmen mit höchstens einem solchen Faktor schaffen nach ihrer Schätzung die Nachfolge. Das sind 65 Prozent. Der Rest ergibt knapp 12 000 Firmen pro Jahr, in denen der Wechsel ins Stocken geraten könnte.
Warum Käufer fehlen
Früher war die Antwort auf die Nachfolgefrage fast selbstverständlich: Der Sohn übernimmt, seltener die Tochter. Heute plant nur noch eine Minderheit so. Über alle KMU gerechnet sind 38,6 Prozent der geplanten Übergaben familienintern. 21,6 Prozent sollen an das eigene Kader gehen, 25,4 Prozent an externe Führungskräfte, 12,6 Prozent an einen strategischen Investor. Von den möglichen Nachfolgern in der Familie waren sich in der dritten Kurzstudie nur 19 Prozent sicher, dass sie übernehmen wollen.
Die Inhaber sind offener geworden. In der vierten Kurzstudie, einer Befragung von 261 Familienunternehmern, sagten 67 Prozent, sie stünden einer Übergabe ausserhalb der Familie offen gegenüber. Drei Viertel wären bereit, dafür vertrauliche Zahlen offenzulegen, ebenso viele würden eine längere Übergangsphase in Kauf nehmen. Die Autoren schreiben: «Die familienexterne Nachfolge ist längst eine Alternative und keine Notlösung mehr.»
Was fehlt, ist die Begegnung. Nur 19 Prozent der Inhaber halten Nachfolgebörsen im Internet für eine realistische Option. 16 Prozent bezweifeln, dass es überhaupt Interessenten gibt. Und 29 Prozent nennen mangelndes Vertrauen in externe Nachfolger als starkes Hindernis. Firmen werden in der Schweiz selten öffentlich verkauft. Sie werden über Vertrauen verkauft.
Der Vergleich mit dem Start-up
Ein gekauftes Unternehmen hat, was einem Start-up fehlt: Kunden, Mitarbeitende, Lieferanten, einen Ruf und einen Cashflow. Wie viel sicherer das am Ende ist, lässt sich für die Schweiz nicht beziffern. Für Neugründungen gibt es eine amtliche Zahl: Vom Gründungsjahrgang 2013 waren nach fünf Jahren noch 49,2 Prozent aktiv. Für Übernahmen führt das Bundesamt für Statistik keine vergleichbare Reihe. Die gelegentlich zitierte Überlebensrate von 95 Prozent für übernommene Firmen nennt keine Quelle, und wir haben keine gefunden.
Der Preis für den Vorsprung ist Kapital. Ein Unternehmen mit etablierten Kunden kostet Geld, das die wenigsten Führungskräfte auf dem Konto haben. Das KMU-Portal des Bundes nennt einen Richtwert. Käufer stemmen 20 bis 40 Prozent des Kaufpreises aus eigenen Mitteln und 40 bis 50 Prozent über die Bank. Den Rest decken Zwischenfinanzierungen wie ein Darlehen des Verkäufers. Die Bank will ihr Geld nach Angaben der Zürcher Kantonalbank innerhalb von vier bis sechs Jahren aus dem freien Cashflow der Firma zurück. Für kleinere Käufe gibt es Bürgschaften des Bundes über die vier Bürgschaftsgenossenschaften, für Kredite bis eine Million Franken.
Für wen dieser Weg taugt
Für Menschen, die ein Geschäft führen können, aber keines erfinden müssen. Ein Bereichsleiter aus der Industrie kennt Kunden, Kosten und Leute. Damit bringt er oft mehr von dem mit, was eine übernommene Firma braucht, als ein Gründer mit einer guten Idee. Was er zusätzlich braucht: Eigenkapital, einen Verkäufer, der ihm vertraut, und die Bereitschaft, mit seinem Namen für einen Kredit zu stehen.
Für die Schweizer Wirtschaft ist die Frage grösser als eine Karriereentscheidung. Finden sich für einen Teil der 59 000 gefährdeten Übergaben keine Käufer, verschwinden Betriebe mit Kunden und Arbeitsplätzen. Wie ein Manager konkret zum Käufer wird, beschreiben wir im letzten Teil dieser Serie.
Serie · Karriere ist Handlungsfreiheit
Teil 5 von 12. Für die Entscheider von heute und morgen untersucht Leitgrad, welche Arbeit in der Schweiz wertvoller wird, wer an Verhandlungsmacht verliert und wie aus Karriere Führung und Eigentum werden. Bisher erschienen: KI und Berufseinstieg · Fachkräftemangel 2026 · Berufseinstieg trotz Fachkräftemangel · Ab welchem Lohn lebt man in Zürich gut? Der Mietvertrag entscheidet mit.
Methode
Die Grafik zeigt die Projektion der Nachfolgestudie 2026: Von den geplanten Eigentumsübergaben gelten 65 Prozent als vollziehbar (Firmen mit höchstens einem Risikofaktor), 35 Prozent als gefährdet. Die absoluten Zahlen (168 000, 109 000, 59 000) sind Hochrechnungen aus einer Befragung von 401 Inhabern, keine gezählten Fälle. Alle Studienwerte haben wir über ein Abrufwerkzeug aus den PDFs gelesen.
Was im Themenvorschlag anders stand: Die dort zitierte Quelle deutet die 32 Prozent als Erfolgsquote der Nachfolge. Das ist falsch; es ist der Anteil der Firmen mit geplanter Übergabe. Eine Überlebensrate übernommener KMU ist für die Schweiz nicht belegt.
Quellen
- UBS und Center for Family Business der Universität St. Gallen, Nachfolgestudie 2026, Kurzstudien 1 bis 4 (Januar bis April 2026) cfb.unisg.ch · cfb.unisg.ch · cfb.unisg.ch
- UBS, Interview «Familienexterne Nachfolge früh planen», 25. August 2026 ubs.com
- Bundesamt für Statistik, Unternehmensdemografie, Überlebensraten neuer Unternehmen bfs.admin.ch
- KMU-Portal des Bundes, Grundlagen der Nachfolgefinanzierung; Seco, Bürgschaften für KMU kmu.admin.ch · seco.admin.ch
- Zürcher Kantonalbank, Unternehmenskauf finanzieren zkb.ch
Häufige Fragen
Wie viele Schweizer KMU suchen einen Nachfolger?
Laut der Nachfolgestudie 2026 von UBS und der Universität St. Gallen planen 32 Prozent der KMU-Inhaber, ihr Eigentum in den nächsten fünf Jahren ganz oder teilweise zu übergeben. Hochgerechnet sind das fast 168 000 Firmen bis Ende 2030.
Wie viele Nachfolgen könnten scheitern?
Nach der Projektion der Studie rund 59 000 der 168 000 Übergaben. Rund 109 000 lassen sich vollziehen.
Für wen lohnt sich der Kauf einer Firma?
Für erfahrene Führungskräfte, die ab dem ersten Tag Umsatz, Kunden und Mitarbeitende wollen. Dafür tragen sie ab dem ersten Tag auch Schulden. Ein Viertel der Inhaber plant ausdrücklich mit einer externen Führungskraft als Käuferin.
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