Palantir und das Wissen der Kunden: Was der Armeebericht Schweizer Firmen lehrt
KI-Anbieter schicken Ingenieure ins Haus. Die Armee sah darin ein Risiko. Vier Fragen, die jede Firma vor einem solchen Vertrag stellen sollte.

Wer im Silicon Valley gerade über Software spricht, spricht über ein Berufsbild mit sperrigem Namen: den Forward Deployed Engineer. Das sind Ingenieure, die nicht in der Zentrale sitzen, sondern beim Kunden, wochen- und monatelang, und dort lernen, wie eine Bank, ein Spital oder eine Armee tatsächlich arbeitet. Palantir hat das Modell gross gemacht. OpenAI und Anthropic bauen es nach. In der Schweiz hat eine Behörde dieses Modell bereits geprüft und ein Risiko darin gesehen. Der Satz, auf den es ankommt, steht in einem Bericht der Armee.
Das Wichtigste in Kürze
Ein vielbeachteter Essay von Nikhil Davar und Byrne Hobart vom 18. September beschreibt Palantirs Erfolgsrezept: Ingenieure beim Kunden, die dessen Wissen in Software übersetzen. Die Autoren loben Palantir und warnen die grossen KI-Firmen davor, dieses Wissen zu nutzen, um ihre Kunden zu ersetzen. In der Schweiz hat der Armeestab in einem Bericht vom Dezember 2024 genau diese Nähe als Risiko beschrieben: Die Armee könnte vom Fachpersonal des Anbieters abhängig werden. Er empfahl, auf Palantir zu verzichten. Palantir warb laut Recherchen der «Republik» sieben Jahre um Bundesbehörden, ohne Auftrag, und bestreitet, sich je an einer Ausschreibung der Armee beteiligt zu haben. In Zürich beschäftigt Palantir rund 60 Personen. Kunden sind Unternehmen, keine Behörden. Für Schweizer Firmen, die KI-Anbieter ins Haus holen, stellt sich eine Frage: Wem gehört das Wissen, das dabei entsteht?
Sieben Jahre Werben beim Bund. Null Aufträge.
Palantir und die Schweizer Bundesverwaltung, 2018 bis 2024, nach Recherchen der «Republik»; Palantir spricht von üblicher Marktabklärung.

Was der Essay beschreibt
Davar und Hobart schreiben für den Newsletter The Diff, erschienen ist ihr Text im Arena Magazine. Ihre These: Palantir verkauft nicht einfach Software. Es schickt Ingenieure zum Kunden, die dessen Abläufe, Daten und ungeschriebenes Wissen in ein Datenmodell übersetzen. So entsteht, was die Autoren das Problem nennen, mächtige Rechenleistung mit lokalem Institutionswissen zu verbinden, «without destroying an institution’s sovereignty».
Die Warnung im Text gilt nicht Palantir, sondern den grossen KI-Labors, die das Modell kopieren. Wenn sie ihren privilegierten Zugang nutzten, um das Wissen der Kunden in ihre eigenen Modelle zu überführen, gefährdeten sie das ganze Versprechen. Die Autoren nennen dazu Zahlen zu Kapital und Einstellungen, die sie nicht belegen; wir übernehmen sie nicht. Belegen lässt sich eine Momentaufnahme: Auf der Karriereseite von OpenAI waren am 21. September 25 von 816 offenen Stellen solche Deployment-Rollen, keine davon in der Schweiz. Anthropic sucht Forward Deployed Engineers in München, Paris und London.
Was die Armee darin sah
Im Dezember 2024 verfasste der Armeestab einen 21-seitigen Bericht über Palantir. Die «Republik» hat ihn veröffentlicht. Die Leistungen der Software nennen die Gutachter laut «Republik» beeindruckend. Sie sehen aber zwei Risiken. Das erste ist bekannt: Palantir ist ein amerikanisches Unternehmen, und es bestehe die Möglichkeit, dass US-Behörden auf sensible Daten zugreifen könnten.
Das zweite Risiko ist das interessantere, weil es jede Organisation betrifft, die einen solchen Anbieter ins Haus holt. Auf Seite 19 heisst es: «Die Abhängigkeit von externem hochqualifiziertem Personal ist ein weiteres Risiko, da unklar ist, ob für die Implementierung, den Betrieb und die Wartung der Systeme dauerhaft technisches Fachpersonal von Palantir vor Ort benötigt wird.» Und weiter: «Sollten Palantir-Spezialisten abgezogen werden oder nicht zur Verfügung stehen, könnte dies die Einsatzfähigkeit der Systeme und damit die Effektivität der militärischen Operationen gefährden.» Die Empfehlung auf der letzten Seite: auf Lösungen von Palantir zu verzichten und europäische Alternativen zu prüfen.
Palantir widerspricht. Der Armeestab habe weder eine Live-Demonstration gesehen noch einen praktischen Test durchgeführt, der Bericht beruhe auf sekundären Quellen. Man habe an keiner offiziellen Ausschreibung der Armee teilgenommen. Und: «Kunden legen fest, welche Daten integriert werden, wie diese verarbeitet werden und insbesondere auch, wer darauf zugreifen kann.»
Sieben Jahre ohne Auftrag
Die «Republik» hat mit dem WAV-Recherchekollektiv Kontakte zwischen Palantir und Bundesstellen von 2018 bis 2024 rekonstruiert, darunter Treffen mit einem Bundesrat, dem Bundeskanzler und dem Armeechef, und mindestens neun Absagen gezählt. Palantir nennt die Kontakte übliche Marktabklärung und verlangte von der «Republik» 23 Gegendarstellungen. Das Handelsgericht Zürich wies im Juni 22 davon ab und hiess eine gut. Palantir bestreite nicht, so das Gericht laut «Republik», dass man versucht habe, Schweizer Behörden als Kunden zu gewinnen, und dass es in sieben Jahren zu keiner Zusammenarbeit kam. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.
Auch der Kanton Zürich setzt keine Palantir-Software ein und plant es nicht, wie der Regierungsrat am 18. März auf eine Anfrage aus dem Kantonsrat antwortete. Ein künftiger Einsatz wäre unter Einbezug «der Frage der digitalen Souveränität» sorgfältig zu prüfen. Im Privatsektor sieht es anders aus. Laut «Republik» nutzen Swiss Re, Ringier und Novartis Palantir-Software. Die Schweizer Tochter ist seit 2014 im Handelsregister eingetragen, in Zürich arbeiten nach Angaben der «Republik» rund 60 Personen.
Vier Fragen für jede Firma
Man muss Palantir nicht mögen oder ablehnen, um aus dem Armeebericht etwas zu lernen. Die Frage, die er stellt, gilt für jeden Anbieter, der Ingenieure ins eigene Haus schickt, ob er Palantir, OpenAI, Anthropic oder ein Schweizer Integrator ist:
- Wem gehört das Datenmodell? Kann die Firma die abgebildeten Prozesse exportieren, dokumentieren und selbst weiterpflegen, wenn der Vertrag endet?
- Wer lernt mit? Arbeitet neben jeder externen Fachperson eine interne, die das System ohne den Anbieter betreiben und anpassen kann?
- Was darf der Anbieter mit dem Wissen tun? Darf er seine Modelle damit trainieren oder es bei anderen Kunden einsetzen?
- Was kostet der Ausstieg? Der Armeebericht nennt aus anderen Quellen das Beispiel der Polizei Nordrhein-Westfalen: 22 Millionen Euro für eine fünfjährige Lizenz, dazu jährlich 0,66 bis 1,1 Millionen Euro für Wartung.
Die grossen KI-Firmen werden in den nächsten Jahren mit genau diesem Modell an Schweizer Konzerne und KMU herantreten. Wer heute die Verträge schreibt, entscheidet, ob das Wissen der eigenen Firma danach noch der eigenen Firma gehört.
Methode
Die Grafik fasst die Recherche der «Republik» vom 8. und 9. Dezember 2025 zusammen: Kontakte zwischen Palantir und Bundesstellen von 2018 bis 2024, mindestens neun Absagen, kein Auftrag. Dass es in sieben Jahren zu keiner Zusammenarbeit kam, hat Palantir laut dem Urteil des Handelsgerichts Zürich nicht bestritten; Palantir wertet die Kontakte als übliche Marktabklärung. Die Mitarbeiterzahl in Zürich und die genannten Firmenkunden stammen aus der «Republik» und sind von Palantir oder den Kunden nicht bestätigt. Den Armeebericht haben wir im Original gelesen. Die Zahlen zu OpenAI und Anthropic sind eine Momentaufnahme der Karriereseiten vom 21. September 2026.
Was im Themenvorschlag anders stand: Der Essay «Forward Deployed» ist keine Warnung vor Palantir, sondern lobt dessen Modell; die Warnung gilt den KI-Labors, die es kopieren. Der Regierungsratsbeschluss des Kantons Zürich datiert vom 18. März 2026.
Quellen
- Nikhil Davar, Byrne Hobart, «Forward Deployed», Arena Magazine, 18. September 2026 arenamag.com
- Schweizer Armee, Armeestab, «Bericht Palantir Technologies Inc.», 4. Dezember 2024, veröffentlicht von der «Republik» cdn.repub.ch
- Republik, «Wie hartnäckig Palantir die Schweiz umwarb» und «Warum Palantir zum Risiko für die Schweiz wird», 8. und 9. Dezember 2025; Berichte zum Urteil des Handelsgerichts Zürich, 12. und 13. Juni 2026 republik.ch · republik.ch · republik.ch
- Palantir, «Korrektur: Wie das Online-Magazin Die Republik einen Regierungsbericht zu Palantir verdrehte», 18. Dezember 2025 blog.palantir.com
- Regierungsrat des Kantons Zürich, RRB Nr. 280/2026 vom 18. März 2026 (Anfrage KR-Nr. 395/2025) zh.ch
- Handelsregister, Palantir Technologies Switzerland GmbH; Karriereseiten von OpenAI und Anthropic, abgerufen am 21. September 2026 moneyhouse.ch · openai.com · anthropic.com
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