Fusion: China baut den Supraleiter-Reaktor, die Schweiz testet die Magnete
HL-4 soll ab 2027 laufen. Die Schweiz ist wieder bei ITER, prüft in Villigen Fusionsmagnete und liefert Spezialteile. Die Fabriken entstehen anderswo.

Am 16. September hat China in Shanghai eine Fusionsanlage vorgestellt, die es noch nicht gibt, aber sehr bald geben soll. HL-4 heisst sie, und ihre Betreiber nennen sie die erste Anlage der Welt, die mit Hochtemperatur-Supraleitern ein brennendes Plasma im Dauerbetrieb halten soll. Die Schweiz baut keinen solchen Reaktor. Aber sie testet die Bauteile, auf die es dabei ankommt. Die Frage ist, ob sie aus dieser Rolle mehr macht als Prüfberichte.
Das Wichtigste in Kürze
HL-4 soll laut Betreiber mit Magneten aus Hochtemperatur-Supraleitern ein Feld von 25 Tesla erreichen und ab 2027 in Betrieb gehen; das sind Ziele, keine Messwerte. China baut die ganze Magnetkette im eigenen Land auf, vom Supraleiterband bis zur Kryotechnik. Die Schweiz ist seit dem 1. Januar 2026 wieder am internationalen Fusionsprojekt ITER beteiligt. Am Paul Scherrer Institut in Villigen testet das Swiss Plasma Center der EPFL Supraleiter für Fusionsmagnete. Dort hat sich auch das Münchner Start-up Proxima Fusion niedergelassen, das im Juli 411 Millionen Euro aufnahm. Die Fabrik für das Supraleiterband, das Proxima braucht, entsteht in Niedersachsen. Ein Schweizer Zulieferer steht an einer Schlüsselstelle: Ampegon aus Baden liefert die Hochspannungsversorgung für die Plasmaheizung von ITER.
Die Magnete werden in Villigen getestet. Das Geld sammelt München.
Finanzierungsrunden von Proxima Fusion, dem Stellarator-Start-up mit Sitz in München und Standort am Paul Scherrer Institut, in Millionen Euro.

Was China plant
Entwickelt wird HL-4 vom Southwestern Institute of Physics in Chengdu, das seit den 1980er-Jahren Tokamaks baut. Gebaut wird die Anlage in Shanghai, geführt von einem Konsortium um die China Fusion Energy Co. Laut der Fachzeitschrift Nuclear Engineering International soll die erste Anlage 2027 in Betrieb gehen, 2028 folgt eine Linie für Entwicklung und Test der 25-Tesla-Magnete. Ziel ist ein Plasma, das mindestens fünfmal mehr Energie erzeugt, als man hineinsteckt.
Bemerkenswerter als die Zielwerte ist die Lieferkette. Das Supraleiterband kommt von Shanghai Superconductor, Kryotechnik und Struktur von Energy China und Shanghai Electric. China baut die Magnete nicht nur, es baut die Industrie dafür. Chen Zhe von China Fusion Energy beschreibt den Fahrplan knapp: «The next stage is the demonstration reactor.» Danach erst komme der kommerzielle Reaktor.
Zum Vergleich: Die britische Firma Tokamak Energy meldete am 15. September den Abschluss einer 14-monatigen Testkampagne mit einem Magnetsystem aus 44 Hochtemperatur-Supraleiterspulen und einem Spitzenfeld von 13,7 Tesla. Die Magnete sind der Engpass der Fusion. Wer sie bauen kann, bestimmt das Tempo.
Wo die Schweiz mitmacht
Das Swiss Plasma Center der EPFL gehört mit rund 200 Mitarbeitenden, darunter 40 Doktorierenden, zu den grösseren Fusionslabors Europas. Sein Tokamak TCV in Lausanne ist eine von vier grossen Fusionsforschungsanlagen des Kontinents. Weniger bekannt ist die Aussenstelle: Die Supraleitungsgruppe des Zentrums sitzt am Paul Scherrer Institut in Villigen und betreibt dort die Testanlage SULTAN, in der Supraleiter für Fusionsmagnete geprüft werden, auch für ITER.
Nachdem der Bundesrat 2021 die Verhandlungen über ein Rahmenabkommen abgebrochen hatte, war die Schweiz nicht mehr an die europäischen Forschungsprogramme assoziiert, und ihre Beteiligung an ITER ruhte. Am 10. November 2025 unterzeichneten Bundesrat Guy Parmelin und EU-Kommissarin Ekaterina Zaharieva ein neues Abkommen. Seit dem 1. Januar 2026 ist die Schweiz wieder dabei. Paolo Ricci, Direktor des Swiss Plasma Center, spricht von einer gestärkten strategischen Rolle der Schweiz in der europäischen Fusionsforschung.
Und es gibt Industrie. Ampegon Power Electronics in Baden baut Hochspannungsanlagen für die Plasmaheizung. Im März übergab die Firma zusammen mit der europäischen Agentur Fusion for Energy die erste europäische Hochspannungsversorgung für die Heizsysteme von ITER. Das Projekt umfasst nach Firmenangaben 15,5 Millionen Euro. Ampegon gehört seit 2019 zur italienischen Gruppe A&CT und ist Mitglied der Industrieallianz, die Proxima Fusion für ihren Demonstrator zusammengestellt hat.
Das Geld fliesst woanders hin
Proxima Fusion, 2023 aus dem Max-Planck-Institut für Plasmaphysik ausgegründet, will einen Stellarator bauen, eine verdrehte Variante des Tokamaks. Im Juni 2024 unterzeichnete die Firma ein Rahmenabkommen mit dem Paul Scherrer Institut über die Entwicklung von Hochtemperatur-Supraleitermagneten; das Institut hatte kurz zuvor einen solchen Magneten mit 18 Tesla betrieben. Mehrere Proxima-Mitarbeitende zogen in den Innovationspark nach Villigen.
Seither ist die Firma schnell gewachsen. 20 Millionen Euro im April 2024, 130 Millionen im Juni 2025, 411 Millionen im Juli 2026, bei einer Bewertung von 2,4 Milliarden. Unter den Investoren ist der Zürcher Risikokapitalgeber redalpine. Proxima nennt heute München, Zürich und Oxford als Standorte. Die Fabrik für das Supraleiterband, aus dem die Magnete gewickelt werden, soll aber in Niedersachsen entstehen: 140 Millionen Euro, zur Hälfte öffentlich finanziert.
Das ist das Muster. Die Schweiz liefert Prüfstände, Physik, Nachwuchs und einzelne Spezialteile. Die Serienfertigung, in der der grösste Teil der Wertschöpfung liegt, entsteht in China und in Deutschland. Für einen Standort, der von Präzisionsindustrie lebt, ist das eine Einladung und eine Warnung zugleich: Die Fusion braucht genau die Fertigkeiten, die hierzulande vorhanden sind. Wer sie nicht in Produkte übersetzt, bleibt das Testlabor der anderen.
Methode
Die Grafik zeigt die Finanzierungsrunden von Proxima Fusion nach den Mitteilungen der Firma: Seed im April 2024, Series A im Juni 2025, Series A2 im Juli 2026. Eine Erweiterung der Series A im September 2025 ist nicht dargestellt. Proxima hat seinen Hauptsitz in München und einen Standort am Paul Scherrer Institut. Die Angaben zu HL-4 sind Ziele des Betreibers, wiedergegeben von Fachmedien; eine chinesische Primärquelle haben wir nicht gelesen, und die Kosten sind nicht bekannt. Den Schweizer Beitrag an ITER in Franken konnten wir nicht verifizieren. Weitere Schweizer Industrieaufträge für ITER ausser jenem von Ampegon sind in den geprüften Quellen nicht belegt.
Quellen
- Nuclear Engineering International, «China unveils HL-4 fusion tokamak», 16. September 2026, und «Tokamak completes fusion magnet campaign», 15. September 2026 neimagazine.com · neimagazine.com
- Interesting Engineering, «China unveils HL-4 tokamak», 18. September 2026 interestingengineering.com
- EPFL, «Switzerland regains its place in European fusion research», 19. Januar 2026; Swiss Plasma Center, Angaben zu Organisation und Supraleitung actu.epfl.ch · epfl.ch
- Proxima Fusion, Mitteilungen vom 28. Juni 2024, 11. Juni 2025, 25. Februar 2026 und 7. Juli 2026; Nuclear Engineering International, «Germany plans Europe’s first HTS factory», 15. September 2026 proximafusion.com · proximafusion.com · neimagazine.com
- Ampegon, «Ampegon delivers first power supply unit to ITER Organization», 2. März 2026, und Mitteilung vom 16. September 2022 ampegon.com
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