Schalter im Verwaltungszentrum von Futian, Shenzhen. Foto: Ginoad itmooda L / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, zugeschnitten

China · 9 min ·

Wer ist bei Ihnen zuständig, wenn keiner zuständig ist?

Acht Familien warteten in China dreissig Jahre auf ihre Eigentumsurkunde, ein besonderer Schalter löste den Fall in drei Monaten. Wie Chinas «Geht-nicht-Schalter» funktioniert und welche zwei Entscheide Schweizer Firmen davon übernehmen können.

Nummerierte Schalter und Besucher im Verwaltungszentrum des Stadtbezirks Futian in Shenzhen

Schalter im Verwaltungszentrum von Futian, Shenzhen. Foto: Ginoad itmooda L / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, zugeschnitten

Kurz gesagt: In chinesischen Verwaltungszentren gibt es einen Schalter namens «办不成事», auf Deutsch etwa: Dinge, die sich nicht erledigen lassen. Wer mit seinem Anliegen überall gescheitert ist, geht dorthin, und der Schalter muss eine Lösung finden, auch wenn mehrere Ämter beteiligt sind. Die Idee stammt aus der Stadt Jiande in der Provinz Zhejiang, die im Mai 2018 als erste ein solches Auffangbüro einrichtete. 2022 verlangte der Staatsrat solche Schalter im ganzen Land, seit dem 1. Juli 2026 gilt eine nationale Norm mit einer Frist von fünf Arbeitstagen. Im Bezirk Fuyang wurden seit 2022 von 594 Fällen 585 gelöst. Für Schweizer Firmen steckt darin eine einfache Regel: Einer ist zuständig, wenn keiner zuständig ist.

Acht Familien in Fuyang bezogen Ende 1995 ihre Wohnungen. Sie richteten sich ein. Nur eines bekamen sie nie: das Papier, das ihnen die Wohnung zuspricht.

Rund dreissig Jahre lang.

Fuyang ist ein Stadtbezirk von Hangzhou, der Hauptstadt der Provinz Zhejiang. Gebaut hatte die Häuser 1994 eine Genossenschaft, 20 Haushalte zogen ein. Doch die Unterlagen für das Land waren lückenhaft, und so erhielten nur zwölf Haushalte ihren Eigentumsnachweis. Die übrigen acht warteten. Die Brandschutzpapiere von damals fehlten, Genehmigungen waren unvollständig, das Land musste in eine andere Rechtsform überführt werden. Bauamt, Steueramt, Landverwaltung und Planung hätten zusammenarbeiten müssen. Jedes war für seinen Teil zuständig. Keines für das Ganze.

Im Februar 2025 ging der Rentner Yuan Zhengquan an einen Schalter, den es in der Schweiz nicht gibt.

Wie langsam war Chinas Verwaltung?

So langsam, dass sie im eigenen Land zum Gespött wurde. Chinas Händler und Fabriken sind schnell, das habe ich im ersten Teil beschrieben: Chinas Händler sagen in Minuten Ja. Und Ihre Firma? Die Ämter waren lange das Gegenteil.

2013 zeichnete der Unternehmer Cao Zhiwei in Guangzhou auf, wie ein Bauprojekt durch die Behörden wandert: 20 Ämter, 53 Abteilungen, 100 Prüfschritte, 108 Stempel. Nacheinander erledigt, hätte das 2020 Arbeitstage gedauert, rund acht Jahre. Selbst wenn man so viel wie möglich gleichzeitig erledigte, blieben 799 Arbeitstage, berichtete China Daily. In China hiess seine Papierrolle bald der «Lange Marsch der Genehmigungen».

Grafik: 108 Stempel für ein Bauprojekt in Guangzhou 2013
Quelle: Cao Zhiwei via China Daily, 13. Januar 2022. Grafik: Leitgrad

Zwei Jahre später ging ein Satz durchs Land, der lustig klingt und es nicht ist. Ein Herr Chen aus Peking wollte mit Frau und Kind ins Ausland reisen und seine Mutter als Notfallkontakt angeben. Dafür sollte er beweisen, dass seine Mutter seine Mutter ist. Die Bescheinigung hätte er bei der Polizei am Wohnort der Eltern holen müssen, rund 1000 Kilometer entfernt. «Zu beweisen, dass meine Mutter meine Mutter ist, warum ist das so schwer?», fragte er, zitiert von der Volkszeitung via The Paper. Am Ende löste ein Reisebüro das Problem. Für 60 Yuan.

Laut der taiwanischen Nachrichtenagentur CNA griff Ministerpräsident Li Keqiang solche «absurden Bescheinigungen» öffentlich an. Noch 2018 klagte er im Staatsrat, die Behörden schöben sich die Verantwortung zu. Ein Quartiervorsteher hatte ihm erzählt, die Ämter verlangten von seinem Komitee über hundert Arten von Bescheinigungen.

Wer Mandarin spricht, kennt das Wort dafür: «踢皮球», tī píqiú, den Ball wegkicken. Der Bürger rennt von Schalter zu Schalter, und der Ball rollt weiter.

Wer hat den Schalter erfunden?

Eine Stadt in derselben Provinz, in der auch Yiwu und Fuyang liegen. Zhejiang hatte im Februar 2017 eine Reform mit einem einfachen Versprechen gestartet: «最多跑一次», zuìduō pǎo yí cì, höchstens einmal hingehen, schrieb China Daily. Doch manche Fälle passen in kein Formular. Für sie richtete die Stadt Jiande, die zu Hangzhou gehört, im Mai 2018 als erste ein Auffangbüro ein, berichtet das Portal Chao News. Im Februar 2022 verlangte der Staatsrat solche Schalter in allen Regionen.

Wandschrift «最多跑一次» im Bürgerdienstzentrum von Jinhua
«最多跑一次», höchstens einmal hingehen: das Versprechen der Reform von Zhejiang an einer Wand im Polizeibereich des Bürgerdienstzentrums von Jinhua, 2019. Darunter: «Mit hundertfacher Anstrengung die volle Zufriedenheit der Bürger gewinnen». Foto: MNXANL / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Heute heissen sie meist «办不成事反映窗口». Wörtlich ist das ein Meldeschalter für Dinge, die sich nicht erledigen lassen. Ich nenne ihn hier den Geht-nicht-Schalter. Seit dem 1. Juli 2026 regelt eine nationale Norm seinen Betrieb, und sie enthält eine Frist: Ein gewöhnliches Anliegen muss innert fünf Arbeitstagen bearbeitet und beantwortet sein, meldet Chao News.

Wie funktioniert der Schalter?

Wer an einem anderen Schalter gescheitert ist, trägt sein Problem hierher. Die Mitarbeitenden sollen nicht ablehnen, sondern nachfragen, was jemand braucht. So sagt es Chen Hangjun vom Prüf- und Genehmigungsamt in Fuyang gegenüber Xinhua. Kann ein Amt allein nicht helfen, holt der Schalter alle Beteiligten zusammen.

Grafik: So funktioniert der Geht-nicht-Schalter in vier Schritten
Quellen: Chao News, 25. Juni 2026; Xinhua, 16. April 2026. Grafik: Leitgrad

So war es auch bei Yuan Zhengquan. Der Schalter brachte Bauamt, Steueramt, Landverwaltung und Planung in dieselbe Runde. Es ging um Akten von vor dreissig Jahren, um Mitarbeitende von damals, die niemand mehr erreichte, und um die Frage, wer bei der Wohnungsreform schon Hilfe erhalten hatte. Etwas mehr als drei Monate später hielten alle berechtigten Haushalte ihre Urkunden in der Hand, berichtete das Staatsfernsehen CCTV.

Dreissig Jahre gegen drei Monate. Der Unterschied war kein neues Gesetz. Der Unterschied war ein Schalter.

Grafik: Ein Zifferblatt mit 353 Strichen, ein Strich ist ein Monat. 350 Monate warteten acht Familien in Fuyang ab Ende 1995 auf ihre Urkunde, gut 3 Monate brauchte der Geht-nicht-Schalter ab Februar 2025
Ein Strich ist ein Monat. Quelle: CCTV via Guangming Online, 13. August 2026. Grafik: Leitgrad

Auch Firmen profitieren. Xie Wei führt eine Technologiefirma in Hangzhou. Ende 2025 wollte sie Luftaufnahmen mit Drohnen anbieten und wusste nicht, wo sie die Bewilligung für den Luftraum beantragen sollte. Der Schalter im Bezirk Xiaoshan rief eine Arbeitsgruppe aus neun Abteilungen zusammen, darunter Polizei und Tourismus. Nach etwas mehr als einem Monat hatte sie ihre Bewilligung, berichtete CCTV.

In Tianjin wollte eine Chemiefirma ihre Bewilligung ändern. Das eine Amt verlangte zuerst den neuen Handelsregistereintrag, das andere zuerst die neue Bewilligung. Jedes wartete auf das andere, bis der Schalter beide zusammenbrachte, schreibt Xinhua.

Allein in Hangzhou gibt es inzwischen 121 solche Schalter. Seit 2022 hat der Bezirk Fuyang 594 Anliegen erfasst und 585 davon gelöst.

Die Türme des Bürgerzentrums von Hangzhou im Geschäftsviertel Qianjiang New City
Das Bürgerzentrum von Hangzhou in der Qianjiang New City. Allein in Hangzhou gibt es heute 121 Geht-nicht-Schalter. Foto: Bjoertvedt / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Woran misst China den Erfolg?

An einem leeren Wartesaal.

Im Bezirk Zhangqiu in der Provinz Shandong kamen in den ersten zwei Monaten nach der Eröffnung 26 Fälle an den Schalter. 2024 waren es im ganzen Jahr noch elf, 2025 nur noch sehr wenige, berichtet Xinhua. Der Grund: Jede Lösung wird zur Regel. Wer einmal einen Weg gefunden hat, schreibt ihn fest. Der nächste Bürger mit demselben Problem landet gar nicht mehr am Schalter. Die Norm fasst das in einen Satz: einen Fall lösen, eine ganze Gruppe von Fällen regeln.

Grafik: 594 Fälle am Schalter im Bezirk Fuyang seit 2022, davon 585 gelöst
Quelle: Xinhua, 16. April 2026. Grafik: Leitgrad

Liu Ping, Parteisekretär der Verwaltungsbehörde in Zhangqiu, sagt, die Schwierigkeit liege oft weniger in der Technik als im Willen, Verantwortung zu übernehmen. Xinhua schrieb in einem Kommentar, das Ziel sei, dass sich der Schalter selbst überflüssig macht.

Gibt es so etwas in der Schweiz?

Nicht in dieser Form. Die Schweiz ist nicht Guangzhou 2013. Unsere Ämter arbeiten verlässlich, und mit EasyGov betreibt der Bund seit 2017 einen Online-Schalter für Firmen. Über 140 000 Unternehmen sind dort registriert, rund ein Fünftel aller Firmen. Etwa 60 Behördengänge lassen sich online erledigen, schreibt das KMU-Portal des Bundes.

Leicht haben es die Firmen trotzdem nicht. 60 Prozent empfinden die administrative Belastung als eher hoch oder hoch, zeigt der Bürokratiemonitor 2022 des SECO. Im Mittel kostet sie ein Unternehmen 20 Stunden pro Monat.

Am nächsten kommen dem chinesischen Schalter die Ombudsstellen einiger Kantone und Städte. Im Kanton Zürich hilft die vom Kantonsrat gewählte Ombudsperson bei Konflikten mit der Verwaltung, auch Firmen. Sie kann schlichten, aber nicht entscheiden, und eine Frist gibt es nicht.

Was heisst das für Ihre Firma?

Der wichtigere Schalter fehlt nicht im Amt. Er fehlt in vielen Firmen.

Jedes Unternehmen hat Fälle, die zwischen den Abteilungen liegen bleiben. Die Reklamation, die weder der Verkauf noch die Technik übernehmen will. Die Rechnung, die seit Wochen zwischen Buchhaltung und Projektleitung pendelt. Den Ball wegkicken gibt es auch bei uns. Es heisst nur anders: «Da bin ich nicht zuständig.»

Für Montagmorgen genügen zwei Entscheide:

Bestimmen Sie eine Person, die zuständig ist, wenn keiner zuständig ist. An sie darf jedes Anliegen gehen, das sonst liegen bliebe. Sie darf es nicht weiterreichen. Sie löst es oder holt die Richtigen zusammen, und sie hat eine Frist, etwa fünf Arbeitstage, wie in China.

Schreiben Sie jede Lösung fest. Wer ein Problem gelöst hat, hält den Weg fest, damit das nächste gleiche Problem gar nicht erst bei dieser Person landet. Zählen Sie, wie viele Fälle bei ihr ankommen. Sinkt die Zahl, lernt Ihre Firma.

Meine Einschätzung: Ich habe in China viel Tempo erlebt, in Hallen, an Messen und in Fabriken. Die Verwaltung gehörte lange nicht dazu. Dass ausgerechnet sie einen Schalter für das Scheitern baut, beeindruckt mich mehr als jedes Hochhaus in Shenzhen. Denn der Schalter zwingt ein System, ehrlich zu sein: Hier geht etwas nicht, und wir kümmern uns darum. Jede Schweizer Firma könnte das morgen einführen. Es braucht keine Software und kein Projekt. Es braucht nur eine Entscheidung: wer den Ball nimmt, wenn ihn alle wegkicken.

Häufige Fragen

Was ist der «办不成事»-Schalter?

Ein Schalter in chinesischen Verwaltungszentren für Anliegen, die an anderen Schaltern gescheitert sind. Die Mitarbeitenden müssen eine Lösung finden, auch wenn mehrere Ämter beteiligt sind. Der Name bedeutet wörtlich: Meldeschalter für Dinge, die sich nicht erledigen lassen.

Seit wann gibt es den Schalter?

Die Stadt Jiande in der Provinz Zhejiang richtete im Mai 2018 als erste ein solches Auffangbüro ein. Im Februar 2022 verlangte der Staatsrat solche Schalter in allen Regionen. Seit dem 1. Juli 2026 regelt eine nationale Norm den Betrieb. Sie teilt die Anliegen in allgemeine, komplexe und schwierige Fälle, allgemeine müssen innert fünf Arbeitstagen beantwortet sein.

Gibt es in der Schweiz etwas Vergleichbares?

Am ehesten die Ombudsstellen einiger Kantone und Städte, etwa im Kanton Zürich. Sie helfen bei Konflikten mit der Verwaltung, eine Frist für eine Lösung gibt es dort nicht. Für Behördengänge von Firmen bietet der Bund seit 2017 den Online-Schalter EasyGov an.

Quellen

  1. CCTV via Guangming Online, «办不成事»-Schalter in Hangzhou, 13. August 2026 gmw.cn
  2. Xinhua, Hintergrund zum «办不成事»-Schalter, 16. April 2026; Xinhua-Kommentar, 21. März 2026 news.cn · news.cn
  3. Chao News, nationale Norm für den Schalter ab 1. Juli 2026, 25. Juni 2026 tidenews.com.cn
  4. China Daily, Cao Zhiwei und der Genehmigungsweg in Guangzhou, 13. Januar 2022; China Daily, Zhejiang «At Most One Visit», 14. Juni 2017 chinadaily.com.cn · chinadaily.com.cn
  5. Volkszeitung via The Paper, «Beweisen, dass meine Mutter meine Mutter ist», 8. April 2015; CNA, Li Keqiang zu absurden Bescheinigungen, 9. Juni 2018 thepaper.cn · cna.com.tw
  6. SECO, Bürokratiemonitor 2022, Februar 2023; KMU-Portal des Bundes, EasyGov admin.ch · kmu.admin.ch
  7. Ombudsstelle des Kantons Zürich ombudsstelle.zh.ch
Merag Shahzad

China · Die Kolumne

Merag Shahzad ist Gründer und Herausgeber von Leitgrad und führt die Zürcher GEO-Agentur meit. In der Kolumne «2 Rappen» schreibt er über Sichtbarkeit, Macht und Diskretion in der Schweizer Wirtschaft. Zum Profil

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Merag Shahzad ist Gründer und Herausgeber von Leitgrad und führt die Zürcher GEO-Agentur meit. In der Kolumne «2 Rappen» schreibt er über Sichtbarkeit, Macht und Diskretion in der Schweizer Wirtschaft. Zum Profil

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