Foto: Dmitry G / Wikimedia Commons, Public domain

Briefing · 4 min ·

Teuerung 1 Prozent, Prämien 5 Prozent: Warum sich die Mittelschicht ärmer fühlt

Die Teuerung liegt bei 1 Prozent, die Krankenkassenprämien steigen 2027 um 5 Prozent, Wohnungen sind knapp. Die Firmen planen 1,2 Prozent mehr Lohn. Was das für Arbeitgeber in der Lohnrunde heisst.

Leerer Einkaufswagen

Foto: Dmitry G / Wikimedia Commons, Public domain

Kurz gesagt: Die Teuerung in der Schweiz liegt bei 1 Prozent, die Krankenkassenprämien steigen 2027 aber um 5 Prozent. Freie Wohnungen gibt es so wenige wie seit Jahren nicht. Die Firmen planen für 2027 im Schnitt 1,2 Prozent mehr Lohn. Für die Mittelschicht bleibt damit kaum etwas übrig. Für Arbeitgeber heisst das: Die Lohnrunde wird härter, und das Gespräch über Fixkosten gehört dazu.

«Die Kosten werden unerträglich.» So beschreibt eine Frau am Markt in Vevey ihren Alltag, aufgezeichnet von SRF. Der Bericht zeigt ein Paar aus Lucens VD: 11 200 Franken netto im Monat, über 7000 Franken Fixkosten. Den Heiztank füllt es nicht mehr ganz. Die Mittelschicht schalte in den Überlebensmodus, schreibt SRF.

Wer nur auf die Teuerung schaut, versteht das nicht. Die Konsumentenpreise lagen im September 1 Prozent über dem Vorjahr, meldet das Bundesamt für Statistik. Das Problem liegt dort, wo der Landesindex wenig Gewicht hat.

Warum fühlt sich die Mitte ärmer, obwohl die Teuerung tief ist?

Weil die grossen Fixkosten schneller steigen als der Rest. Die mittlere Krankenkassenprämie steigt 2027 um 5,0 Prozent auf 412 Franken im Monat, gab das BAG Ende September bekannt. Erwachsene zahlen im Schnitt 487.60 Franken, rund 270 Franken mehr im Jahr. In Genf sind es 610.60 Franken im Monat. Die Prämien sind nicht im Landesindex enthalten.

Dazu kommt das Wohnen. Nur 0,93 Prozent der Wohnungen standen im Juni leer, erstmals weniger als 1 Prozent, zeigt die Leerwohnungszählung. Inserierte Mietwohnungen kosteten im August 1,8 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, misst der Homegate-Mietindex. Wer umziehen muss, zahlt den Marktpreis.

Grafik: Krankenkassenprämie 2027 plus 5,0 Prozent, Angebotsmieten plus 1,8, Lohnpläne plus 1,2, Teuerung plus 1,0 Prozent
Quellen: BAG, Swiss Marketplace Group, KOF ETH, BFS. Grafik: Leitgrad

Die Grafik zeigt die Schere. Prämien und Mieten wachsen schneller als die Löhne, die Firmen für 2027 planen. Laut der Umfrage der Konjunkturforschungsstelle KOF bei rund 3500 Firmen sind das im Schnitt 1,2 Prozent. Der Gewerkschaftsbund fordert 2,5 Prozent, der Arbeitgeberverband nennt das überhöht, berichtet SRF.

Wer gehört zur Mittelschicht, und wie knapp ist es?

Zur Mittelschicht zählt das Bundesamt für Statistik, wer zwischen 70 und 150 Prozent des mittleren Einkommens verdient. Für eine Einzelperson sind das 4228 bis 9061 Franken brutto im Monat. 55 Prozent der Bevölkerung gehören dazu, ein Anteil, der seit 1998 kaum schwankt, zeigt die BFS-Auswertung vom Mai.

Die Reserven sind dünn. Ein Viertel der unteren Mittelschicht könnte eine unerwartete Rechnung von 2500 Franken nicht bezahlen. Jeder Siebte kommt nur schwer über die Runden. In der Westschweiz achten 89 Prozent der Befragten genau auf ihre Ausgaben, fast die Hälfte spart beim Essen, zitiert SRF eine Umfrage des Instituts Qualinsight.

Was heisst das für Arbeitgeber?

Erstens wird die Lohnrunde härter. Das vergangene Jahr war ein gutes für die Beschäftigten: Die Reallöhne stiegen 2025 um 1,6 Prozent, so stark wie seit 2009 nicht mehr, meldet das BFS. Für 2027 rechnet die KOF real nur noch mit rund 0,7 Prozent. Wer nur die Teuerung ausgleicht, gleicht die Prämien nicht aus.

Zweitens zählt nicht nur der Lohn. Ein Zuschuss an die Krankenkasse, ein Beitrag an den Arbeitsweg, flexible Tage für Pendler: Das sind Hebel, die bei Fixkosten ansetzen. Drittens spüren es Firmen in der Kasse. Die Konsumentenstimmung des SECO lag im September bei minus 36 Punkten, kaum besser als vor einem Jahr. Wer an Haushalte verkauft, muss mit vorsichtiger Kundschaft rechnen.

Unsere Einschätzung: Die tiefe Teuerung beruhigt die Statistik, nicht die Mitarbeitenden. In den Lohngesprächen kommen Prämie und Miete auf den Tisch. Wer dort nur mit dem Landesindex argumentiert, verliert das Gespräch. Besser ist ein ehrlicher Blick auf das, was am Monatsende übrig bleibt.

Was die Wohnungsnot für Arbeitgeber bedeutet, steht in diesem Beitrag. Was Geschäftsführer in der Schweiz verdienen, zeigt unser Lohnvergleich. Und warum neue Medikamente die Prämien weiter treiben könnten, erklärt unsere Meldung zur Abnehmspritze.

Häufige Fragen

Wie stark steigen die Krankenkassenprämien 2027?

Die mittlere Prämie steigt 2027 um 5,0 Prozent auf 412 Franken pro Monat. Für Erwachsene ab 26 Jahren liegt sie bei 487.60 Franken, ein Plus von 4,9 Prozent. Am stärksten steigen die Prämien im Jura, in Schaffhausen und Solothurn.

Wie hoch ist die Teuerung in der Schweiz?

Im September 2026 lag der Landesindex der Konsumentenpreise 1,0 Prozent über dem Vorjahr. Die Nationalbank rechnet für 2026 mit 0,7 und für 2027 mit 0,8 Prozent Teuerung.

Wie viel mehr Lohn gibt es 2027?

Die Firmen planen laut KOF-Umfrage im Schnitt 1,2 Prozent mehr Lohn. Die Gewerkschaften fordern 1,5 bis 2,5 Prozent. Die Lohnumfrage der UBS erscheint in der Regel im November.

Quellen

  1. SRF, Der Schweizer Mittelstand schaltet in den Überlebensmodus, 10. Oktober 2026 srf.ch
  2. BFS, Landesindex der Konsumentenpreise September 2026, 1. Oktober 2026; Leerwohnungsziffer, 10. September 2026; Reallöhne 2025, 21. April 2026 LIK · Leerstand · Löhne
  3. BFS, Finanzielle Schwierigkeiten in der Mittelschicht, 8. Mai 2026 bfs.admin.ch
  4. BAG, Krankenkassenprämien 2027, 29. September 2026 bag.admin.ch
  5. Swiss Marketplace Group, Homegate-Mietindex August 2026 swissmarketplace.group
  6. SECO, Konsumentenstimmung, 9. Oktober 2026 seco.admin.ch
  7. KOF ETH, Lohnumfrage, 17. August 2026; SRF, Gewerkschaftsbund fordert 2,5 Prozent, 10. September 2026 kof.ethz.ch · srf.ch

Sie lesen Leitgrad öfter? Bei Google als bevorzugte Quelle markieren

Teilen

Korrekturen und Ergänzungen: Wir arbeiten mit öffentlichen Quellen und Unternehmensangaben. Wer einen Fehler findet oder eine Zahl aktualisieren kann, schreibt an redaktion@leitgrad.ch. Korrekturen kennzeichnen wir im Artikel. Unsere Regeln: Redaktionsstatut.

Das Morgen-Briefing

Sie lesen Leitgrad öfter? Bei Google als bevorzugte Quelle markieren