Schweizer Franken-Münzen. Foto: Zigorio / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Briefing · 5 min ·

22 Prozent mehr Text, fast sechsmal der Preis. Das Kleingedruckte im neuen KI-Tarif

Anthropic senkt den Preis seines kleinen KI-Modells um 90 Prozent. Ab 100 000 Tokens kostet die ganze Anfrage aber das Fünffache. Was das für Übersetzungen und eigene KI-Anwendungen in KMU heisst.

Schweizer Franken-Münzen

Schweizer Franken-Münzen. Foto: Zigorio / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Kurz gesagt: Seit Mittwoch verkauft Anthropic sein kleinstes KI-Modell Claude Haiku 5.5 für 10 US-Cent pro Million Eingabe-Tokens, das sind rund 8 Rappen. Gegenüber dem Vorgänger ist das 90 Prozent günstiger. Der Preis gilt aber nur für Anfragen bis 100 000 Tokens. Darüber kostet die ganze Anfrage das Fünffache, die Eingabe und die Antwort. Weil das neue Modell denselben Text in rund 30 Prozent mehr Tokens zerlegt, kommen lange Dokumente schneller über diese Schwelle. Betroffen sind Firmen, die KI über eine Schnittstelle in eigene Programme eingebaut haben, etwa für Übersetzungen. Wer KI nur im Chat-Abo nutzt, zahlt einen Pauschalpreis.

KI wird billiger, das ist keine Nachricht mehr. Neu ist, wo der Preis jetzt steht: im Kleingedruckten. Wer bei Anthropic einen Text knapp unter der Grenze einschickt, zahlt fast nichts. Wer knapp darüber liegt, zahlt fast das Sechsfache.

Was kostet Claude Haiku 5.5?

Für Anfragen bis 100 000 Tokens verlangt Anthropic 10 US-Cent pro Million Eingabe-Tokens und 50 Cent pro Million Tokens Antwort. Liegt die Anfrage darüber, steigen die Preise auf 50 Cent und 2.50 Dollar. So steht es auf der Preisliste von Anthropic. Der Vorgänger Haiku 4.5 kostete einheitlich 1 Dollar und 5 Dollar. Zum Kurs vom 8. Oktober ergibt das in Franken:

pro Million Tokens Eingabe Antwort
Haiku 5.5, Anfrage bis 100 000 Tokens 8 Rappen 42 Rappen
Haiku 5.5, Anfrage über 100 000 Tokens 42 Rappen 2.08 Franken
Haiku 4.5, Vorgänger 83 Rappen 4.16 Franken

Unter der Schwelle ist das neue Modell also 90 Prozent günstiger, darüber 50 Prozent. Laut der Ankündigung von Anthropic lagen 90 Prozent der Anfragen an Haiku 4.5 unter 100 000 Tokens. Im Durchschnitt koste das neue Modell deshalb rund 75 Prozent weniger.

Wo liegt der Haken?

Die Schwelle gilt für die ganze Anfrage. Wer 100 001 Tokens schickt, zahlt den hohen Preis für jedes Token, nicht nur für das eine über der Grenze. Auch die Antwort wird dann teurer. Ein Rechenbeispiel mit 1000 Anfragen, jede mit einer Antwort von 5000 Tokens:

Grafik: 1000 Anfragen an Claude Haiku 5.5 kosten mit je 90 000 Tokens 9.57 Franken, mit je 110 000 Tokens 56.19 Franken
Quelle: Anthropic. Grafik: Leitgrad

Bei 90 000 Tokens pro Anfrage kosten die 1000 Anfragen 9.57 Franken. Bei 110 000 Tokens sind es 56.19 Franken. Der Text ist 22 Prozent länger, die Rechnung fast sechsmal so hoch.

Dazu kommt ein zweiter Effekt. Haiku 5.5 zerlegt Text anders als der Vorgänger. Derselbe Text ergibt laut der Modellbeschreibung rund 30 Prozent mehr Tokens. Ein Dokument, das bei Haiku 4.5 noch 80 000 Tokens zählte, kommt beim neuen Modell auf rund 104 000. Es landet damit im teuren Tarif.

Was ist ein Token?

Ein Token ist ein Stück Text, oft ein Wortteil. Als Faustregel nennt Anthropic im Glossar rund 3,5 englische Zeichen pro Token. Die Zahl hängt von der Sprache ab. Wer es genau wissen will, lässt zählen: Anthropic bietet dafür eine kostenlose Schnittstelle. Ein paar Testläufe mit echten Firmendokumenten zeigen, wo die eigenen Texte liegen.

Wo trifft das Schweizer KMU?

Drei von vier Schweizer KMU nutzen oder testen künstliche Intelligenz, zeigt die KMU-Arbeitsmarktstudie der Axa vom September. Am häufigsten setzen sie KI für Übersetzungen ein (47 Prozent), dann für Korrespondenz (42 Prozent) und Werbetexte (35 Prozent).

Übersetzungen sind in der mehrsprachigen Schweiz ein Kostenpunkt, der hier besonders zählt. Bei einer Übersetzung ist die Antwort ungefähr so lang wie der Text, der hineingeht. Die Antwort ist zugleich der teurere Teil der Rechnung. Ein Brief oder eine Offerte bleibt weit unter der Schwelle. Kritisch sind lange Unterlagen, die in einem Stück verarbeitet werden: Reglemente, Vertragswerke, Ausschreibungen, Geschäftsberichte.

Das betrifft nur KI, die über eine Programmierschnittstelle abgerechnet wird, also in einer eigenen Anwendung, einem Übersetzungsprogramm oder einem CRM. Wer Claude, ChatGPT oder Copilot im Abo nutzt, bezahlt pro Person und Monat.

Wie bleibt eine Firma unter der Schwelle?

  • Dokumente teilen. Lange Texte in Abschnitten verarbeiten statt in einem Stück. Für Übersetzungen ist das ohnehin üblich.
  • Nicht eilige Arbeit sammeln. Im Stapelbetrieb (Batch) halbiert Anthropic die Preise. Unter der Schwelle kostet dann die Million Tokens 4 Rappen für die Eingabe und 21 Rappen für die Antwort.
  • Wiederkehrende Teile zwischenspeichern. Immer gleiche Anweisungen oder Glossare kosten aus dem Zwischenspeicher einen Zehntel des normalen Eingabepreises.
  • Den Dienstleister fragen. Welches Modell läuft in unserer Anwendung, und wie lang sind unsere Anfragen im Schnitt?

Auch OpenAI verlangt für lange Anfragen mehr. Das vergleichbare Modell GPT-6 Luna kostet laut Preisliste im kurzen Bereich ebenfalls 10 und 50 Cent, im langen 20 und 75 Cent. Der Aufschlag ist dort deutlich kleiner.

Unsere Einschätzung: Für die meisten Aufgaben eines KMU ist KI inzwischen so billig, dass der Preis kaum mehr zählt. Dass dieselbe Leistung jedes Jahr rund 13-mal weniger kostet, haben wir hier beschrieben. Teuer wird es dort, wo niemand hinschaut. Eine einzige Einstellung in einer Anwendung, etwa wie viel Text pro Anfrage mitgeht, entscheidet über den Faktor sechs. Warum Microsoft das Firmengeschäft über die Arbeitsumgebung gewinnt und nicht über das beste Modell, steht in diesem Beitrag. Wie sich ein KI-Agent selbst eine günstigere Lösung suchte, lesen Sie hier.

Häufige Fragen

Was kostet Claude Haiku 5.5 in Franken?

Bei Anfragen bis 100 000 Tokens rund 8 Rappen pro Million Eingabe-Tokens und 42 Rappen pro Million Tokens Antwort. Darüber sind es 42 Rappen und 2.08 Franken. Anthropic rechnet in US-Dollar ab, umgerechnet zum Kurs vom 8. Oktober 2026.

Gilt der höhere Preis nur für die Tokens über 100 000?

Nein. Laut Anthropic zahlt eine Anfrage mit mehr als 100 000 Tokens den höheren Preis für die ganze Anfrage, auch für die Antwort.

Betrifft das Nutzer von Chat-Abos?

Nein. Die Tokenpreise gelten für die Programmierschnittstelle. Abos wie Claude Pro oder ChatGPT Plus kosten einen festen Betrag pro Person und Monat.

Quellen

  1. Anthropic, Introducing Claude Haiku 5.5, Oktober 2026 anthropic.com
  2. Anthropic, Pricing, abgerufen am 8. Oktober 2026 platform.claude.com
  3. Anthropic, Claude Haiku 5.5, Modellbeschreibung platform.claude.com
  4. Anthropic, Glossary und Token counting Glossar Token counting
  5. Axa Schweiz, KMU-Arbeitsmarktstudie 2026: Künstliche Intelligenz, 15. September 2026 axa.ch
  6. OpenAI, API Pricing, abgerufen am 8. Oktober 2026 developers.openai.com

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