Kernkraftwerk Leibstadt am Rhein. Foto: Achilaos / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
Leibstadt liefert 28 Prozent mehr Strom als 1984. Ohne neuen Reaktor
Die USA wollen fünf Gigawatt aus alten Kernkraftwerken holen. Die Schweiz hat diesen Weg schon hinter sich. Warum das für den Winterstrom nach Beznau zählt.

Kernkraftwerk Leibstadt am Rhein. Foto: Achilaos / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
Kurz gesagt: Ein Kernkraftwerk lässt sich nachrüsten, statt neu bauen. Mit genaueren Messgeräten, grösseren Turbinen und besserer Auslastung liefert derselbe Reaktor mehr Strom. Die USA setzen jetzt gezielt darauf: Das Energieministerium will bis 2029 fünf Gigawatt aus bestehenden Anlagen holen. Die Schweiz hat diesen Weg schon hinter sich. Leibstadt leistet heute 1220 statt 950 Megawatt, Gösgen 1060 statt 970 Megawatt brutto. Das zählt, weil Beznau 2032 und 2033 vom Netz geht und das Volk über neue Kernkraftwerke frühestens im Februar 2027 abstimmt.
Das jüngste Kernkraftwerk der Schweiz ist 42 Jahre alt. Es leistet heute 1220 Megawatt. Bei der Inbetriebnahme waren es 950. Gebaut wurde dazwischen kein neuer Reaktor.
Was ist eine Leistungserhöhung bei einem Kernkraftwerk?
Ein Umbau, nach dem derselbe Reaktor mehr Strom liefert. Die amerikanische Nukleargesellschaft ANS unterscheidet drei Stufen. Genauere Messgeräte bringen rund ein Prozent, weil die Anlage näher an ihrer zulässigen Grenze laufen darf. Eine bessere Ausnutzung der vorhandenen Technik bringt einige Prozent. Die grosse Stufe verlangt neue Turbinen oder Generatoren und bringt 15 bis 20 Prozent. Teuer ist auch sie, aber billiger und schneller als ein Neubau, weil es keinen neuen Standort und keine neue Baugrube braucht.
Warum setzen die USA jetzt auf alte Kraftwerke?
Weil ein neuer Reaktor viele Jahre braucht. Das US-Energieministerium hat im März das Programm UPRISE gestartet: 2,5 Gigawatt zusätzliche Kernkraft bis 2027, 5 Gigawatt bis 2029, aus Laufzeitverlängerungen, Leistungserhöhungen und dem Neustart stillgelegter Anlagen. Bis zu 80 Prozent der Kosten einer Leistungserhöhung kann der Staat mit Krediten finanzieren, berichtet Exchange Monitor. Die Erfahrung dazu ist da: Bis 2014 hatten Leistungserhöhungen in den USA seit 1977 schon 6908 Megawatt gebracht, so viel wie sieben grosse Kraftwerke, rechnete die ANS vor.

Die Grafik zeigt, was in Leibstadt schon passiert ist. In acht Schritten stieg die Leistung von 950 auf 1220 Megawatt, der letzte Schritt galt ab 2015, schrieb Infosperber. Das sind 28 Prozent mehr. Der Zuwachs allein entspricht drei Vierteln eines Reaktorblocks in Beznau.
Wie viel haben die Schweizer Kernkraftwerke schon herausgeholt?
In Gösgen stieg die Bruttoleistung von 970 Megawatt im Jahr 1979 in drei Schritten auf 1060 Megawatt, der letzte zwischen 2009 und 2014. Die Wärmeleistung des Reaktors blieb gleich, den Gewinn brachte ein besserer Wirkungsgrad, steht im Wikipedia-Eintrag zur Anlage. Zusammen liefern die Schweizer Kernkraftwerke rund ein Drittel des Stroms aus dem Inland, im Winter bis zur Hälfte, schreibt die Kernkraftwerk Gösgen-Däniken AG.
Beznau ist der Gegenfall. Die beiden Blöcke mit je 365 Megawatt gehen 2032 und 2033 vom Netz. Axpo investiert bis dahin noch 350 Millionen Franken und verzichtet auf einen längeren Betrieb, teilte der Konzern im Dezember 2024 mit. Beznau liefert rund 6 Terawattstunden im Jahr, viel davon im Winter.
Was heisst das für die Debatte über neue Kernkraftwerke?
Das Parlament hat im Juni das Neubauverbot aufgehoben. Am Dienstag reichten SP, Grüne, GLP und Teile der Mitte über 131 800 Unterschriften für das Referendum ein. Abgestimmt wird frühestens am 28. Februar 2027, berichtet SRF.
Unsere Einschätzung: Gestritten wird über Kraftwerke, die es noch nicht gibt. Den Strom der nächsten zehn Jahre liefern die bestehenden. Und deren grosse Leistungsschritte liegen hinter uns: Leibstadt und Gösgen haben sie vor mehr als zehn Jahren gemacht. Wenn Beznau abschaltet, fehlen rund 730 Megawatt, gerade im Winter. Weitere Umbauten in Leibstadt oder Gösgen könnten das kaum ausgleichen. Für KMU mit hohem Stromverbrauch ist das die eigentliche Nachricht. Was Strom die Industrie 2027 kostet, zeigt unser Beitrag zu den Netztarifen. Wie die Debatte um neue Reaktoren läuft, steht in dieser Meldung. Alles zu Strom und Rechenzentren sammelt das Dossier Energie.
Häufige Fragen
Wie viel Strom liefern die Schweizer Kernkraftwerke?
Rund 22 Milliarden Kilowattstunden im Jahr, etwa ein Drittel der inländischen Produktion und im Winter bis zur Hälfte. In Betrieb sind Beznau 1 und 2 (je 365 Megawatt), Gösgen (1010 Megawatt netto) und Leibstadt (über 1200 Megawatt).
Was bringt eine Leistungserhöhung?
Je nach Umfang ein Prozent bis rund 20 Prozent mehr Leistung aus demselben Reaktor. Leibstadt kam in acht Schritten auf 28 Prozent, Gösgen auf rund 9 Prozent brutto.
Wann geht Beznau vom Netz?
Block 2 im Jahr 2032, Block 1 im Jahr 2033. Das hat Axpo im Dezember 2024 entschieden.
Quellen
- Infosperber, AKW Leibstadt achtmal frisiert, 16. Februar 2017 infosperber.ch
- Wikipedia, Kernkraftwerk Gösgen wikipedia.org
- Kernkraftwerk Gösgen-Däniken AG, Schweizer Kernkraftwerke kkg.ch
- Axpo, Axpo will operate the Beznau nuclear power plant until 2033, 5. Dezember 2024 axpo.com
- SRF, Referendum gegen neue AKW in Bern eingereicht, 6. Oktober 2026 srf.ch
- Parlament, Parlament hebt AKW-Neubauverbot nach Marathondebatte auf, 18. Juni 2026 parlament.ch
- Exchange Monitor, DOE looks to squeeze up to 5 GW out of current nuclear fleet by 2029, 15. März 2026 exchangemonitor.com
- American Nuclear Society, Nuclear Power Uprates: What, how, when, and will there be more?, 26. Juni 2014 ans.org
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