Prüfung einer Blutprobe im Labor. Foto: National Eye Institute / Wikimedia Commons, CC BY 2.0Foto: National Eye Institute / Wikimedia Commons, CC BY 2.0 (Lizenz)

Briefing · 5 min ·

Dieselbe Blutprobe, neun Jahre Unterschied. Was Tests zum biologischen Alter taugen

Tests zum biologischen Alter kosten in der Schweiz bis zu einer Klinikwoche am Genfersee. Ihre Genauigkeit ist umstritten, und rechtlich gelten sie als Gentest.

Wissenschaftlerin prüft eine Blutprobe im Labor

Prüfung einer Blutprobe im Labor. Foto: National Eye Institute / Wikimedia Commons, CC BY 2.0Foto: National Eye Institute / Wikimedia Commons, CC BY 2.0 (Lizenz)

Kurz gesagt: Tests zum biologischen Alter sind das neue Statussymbol der Gesundheitsbewussten. In der Schweiz gibt es sie in einem Basler Longevity-Paket ab 2290 Franken oder einzeln für 2950 Franken in Bad Ragaz. Bei einer Woche in einer Klinik am Genfersee sind sie im Preis ab 50 250 Franken enthalten. Wie genau sie messen, ist umstritten: Dieselbe Probe, zweimal gemessen, lag bei sechs bekannten Uhren bis zu neun Jahre auseinander. Rechtlich gilt der Test in der Schweiz als Gentest. Eine Gesundheitsfachperson muss ihn veranlassen, die Probe in ihrem Beisein entnommen werden, und ein Arbeitgeber darf ihn nicht verlangen. Die Grundversicherung bezahlt ihn nicht.

Früher fragte man, wie alt jemand ist. Heute fragt man, wie alt er wirklich ist. Die Antwort kommt aus dem Labor, als Zahl, und sie wird auf Instagram geteilt wie ein Marathon-Ergebnis. Nur: Dieselbe Blutprobe kann zwei Antworten geben.

Was misst ein Test zum biologischen Alter?

Meist die Methylierung der DNA, also kleine chemische Markierungen am Erbgut, die sich mit dem Alter verändern. Der Statistiker Steve Horvath hat 2013 die erste bekannte Uhr veröffentlicht. Sie schätzte das kalendarische Alter aus 353 Stellen im Erbgut mit einem mittleren Fehler von 3,6 Jahren, so seine Studie in Genome Biology. Neuere Uhren wie GrimAge sind darauf trainiert, die Lebenserwartung vorherzusagen. Jedes Jahr, um das GrimAge einen Menschen älter einschätzt, als er ist, ging in der Originalstudie mit einem um 10 Prozent höheren Sterberisiko einher.

In den USA verkauft Function Health Bluttests mit mehr als 160 Werten im Abo und wurde im November 2025 mit 2,5 Milliarden Dollar bewertet, berichtete Fierce Healthcare. Die Kunden teilen ihr biologisches Alter auf Instagram, schreibt der Trenddienst Exploding Topics.

Wie zuverlässig sind die Tests?

Weniger, als die Zahl auf dem Befund vermuten lässt. Forscher um Albert Higgins-Chen haben dieselben Proben mehrfach gemessen. Bei sechs bekannten Uhren wichen die Wiederholungen um bis zu neun Jahre voneinander ab, schreiben sie in Nature Aging. Mit einer rechnerischen Korrektur lagen die meisten Messungen danach innerhalb von 1,5 Jahren. Welche Uhr und welche Korrektur ein kommerzieller Anbieter nutzt, legen viele nicht offen.

Auch der Nutzen für die Vorhersage ist begrenzt. Eine Studie mit 18 859 Personen aus Schottland hat 14 Uhren über zehn Jahre verfolgt. Von 176 deutlichen Zusammenhängen zwischen einer Uhr und einer Krankheit verbesserten nur 32 die Vorhersage um mehr als ein Prozent gegenüber den üblichen Risikofaktoren, zeigt die Auswertung in Nature Communications. Die Forscher sehen bei den neueren Uhren trotzdem Potenzial.

Die Altersforscherin Heike Bischoff-Ferrari hat mit vier Uhren gemessen, wie 777 Schweizerinnen und Schweizer über 70 auf Omega-3, Vitamin D und Krafttraining reagieren. Omega-3 bremste das biologische Altern in drei Jahren um bis zu vier Monate. Ihr Satz dazu ist der wichtigste in der ganzen Debatte: «There is no generally accepted gold standard for measuring biological age», sagte sie der Universität Zürich. Einen allgemein anerkannten Massstab gibt es nicht.

Wie lange leben Schweizer gesund?

Die Frage hinter allen Tests ist nicht, wie alt man wird, sondern wie lange man gesund bleibt. Die Antwort des Bundesamts für Statistik ist ernüchternd.

Grafik: Schweizerinnen werden 85,8 Jahre alt, in guter Gesundheit leben sie 71,1 Jahre; Männer 82,2 und 70,7 Jahre
Quelle: Bundesamt für Statistik. Grafik: Leitgrad

Frauen in der Schweiz wurden 2023 im Schnitt 85,8 Jahre alt, Männer 82,2. In guter Gesundheit leben Frauen aber nur 71,1 Jahre, Männer 70,7, zeigt die Taschenstatistik Gesundheit 2025 mit Werten von 2022. Die Lücke beträgt bei Frauen rund 15, bei Männern rund 11 Jahre. Um diese Jahre geht das ganze Geschäft.

Was gilt in der Schweiz für den Test?

Strengere Regeln als in den USA. Das Bundesamt für Gesundheit führt das biologische Alter in seinem Merkblatt als Beispiel für einen Lifestyle-Gentest. Epigenetische Abklärungen werden «den genetischen Untersuchungen erblicher Eigenschaften gleichgestellt». Damit gilt das Gesetz über genetische Untersuchungen beim Menschen:

  • Veranlassen darf den Test nur eine Gesundheitsfachperson mit Kenntnissen der Humangenetik, und die Probe muss in ihrem Beisein entnommen werden (Art. 34).
  • Tests zur Selbstanwendung sind für diese Kategorie nicht vorgesehen (Art. 13).
  • Arbeitgeber und Versicherungen dürfen solche Untersuchungen weder verlangen noch die Daten verwerten (Art. 37). Verstösse sind strafbar.

Die Grundversicherung bezahlt nur die Vorsorge, die in der Krankenpflege-Leistungsverordnung abschliessend aufgezählt ist. Epigenetische Alterstests stehen nicht darauf. Einzelne Zusatzversicherungen beteiligen sich an Check-ups.

Was heisst das für Chefs und Kader?

Ein Longevity-Check als Benefit für das Kader klingt modern. Rechtlich ist er heikel. Die Firma darf den Test nicht verlangen, die Resultate nicht erfragen und nicht verwenden. Wer so etwas anbieten will, organisiert es über eine Praxis, und die Daten bleiben beim Arzt und beim Mitarbeiter. Gesundheitsdaten und genetische Daten sind laut Datenschutzgesetz besonders schützenswert, und Arbeitgeber dürfen Personaldaten ohnehin nur bearbeiten, soweit sie die Arbeit betreffen (Art. 328b OR).

Unsere Einschätzung: Die Uhren sind ein Forschungsinstrument, das zu früh zum Konsumprodukt wurde. Eine einzelne Zahl auf einem Befund sagt wenig. Mehrere Messungen beim selben Labor über Jahre sagen mehr, und die alten Werte für Blutdruck, Blutzucker und Bewegung sagen immer noch am meisten. Wem das Schweizer Geschäft mit dem langen Leben gehört, steht in unserer Übersicht zu den Longevity-Adressen. Was das Datenschutzgesetz in einer Firmengruppe verlangt, lesen Sie hier. Und dass auch Hunde länger leben sollen, zeigt unsere Geschichte zu Nestlé Purina.

Dieser Beitrag ersetzt keine medizinische oder rechtliche Beratung.

Häufige Fragen

Was ist das biologische Alter?

Eine Schätzung, wie weit der Körper gealtert ist, meist berechnet aus Markierungen an der DNA oder aus Blutwerten. Sie kann vom Alter laut Pass abweichen. Einen allgemein anerkannten Goldstandard gibt es nicht.

Ist ein Test zum biologischen Alter in der Schweiz ein Gentest?

Ja, wenn er epigenetisch misst. Das BAG stellt solche Tests den genetischen Untersuchungen gleich. Eine Gesundheitsfachperson muss ihn veranlassen.

Darf der Arbeitgeber einen Longevity-Test verlangen?

Nein. Artikel 37 GUMG verbietet Arbeitgebern, genetische Untersuchungen ausserhalb des medizinischen Bereichs zu verlangen oder solche Daten zu verwerten.

Quellen

  1. Horvath, Genome Biology, 2013; Lu et al., Aging, 21. Januar 2019 genomebiology.com · aging-us.com
  2. Higgins-Chen et al., Nature Aging, 15. Juli 2022; Mavrommatis et al., Nature Communications, 16. Dezember 2025 nature.com · nature.com
  3. Universität Zürich, Omega-3 slows aging, 3. Februar 2025 uzh.ch
  4. BFS, Gesundheit, Taschenstatistik 2025 bfs.admin.ch
  5. BAG, Merkblatt rechtliche Grundlagen genetischer Untersuchungen, Februar 2025; GUMG, SR 810.12, Art. 13, 34, 37 bag.admin.ch · fedlex.admin.ch
  6. Origin Health Basel; Grand Resort Bad Ragaz; Clinique La Prairie, Preise abgerufen im Oktober 2026 originhealth.ch · grandresort.ch · cliniquelaprairie.com
  7. Fierce Healthcare, Function Health lands $298M Series B, 20. November 2025 fiercehealthcare.com

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