Illustration: Leitgrad

Wissen · 9 min ·

Der Handwerker kommt, aber wo parkt er? Jeder Umweg landet auf der Rechnung

Ein freies Parkfeld vor der Tür spart Zeit und Geld. Mehr als die Hälfte der Lieferwagen-Kilometer fahren Handwerker und Techniker zum Kunden, nicht Pakete. Diesel kostet fast so viel wie nie, die Staus wachsen, in Zürich fallen Parkplätze weg.

Illustration: Ein blaues Parksignal mit Zusatztafel «Handwerker, Dienstleister», daneben ein weisser Servicebus mit Leiter auf dem Dach in einem markierten Parkfeld, davor ein roter Werkzeugkoffer. Darüber die Zeilen: Der Handwerker kommt. Wo parkt er?

Illustration: Leitgrad

Kurz gesagt: In der Schweiz sind 430 062 Lieferwagen zugelassen, und 52 Prozent ihrer Kilometer sind Dienstleistungsfahrten, also Handwerker und Techniker auf dem Weg zum Kunden, nur 37 Prozent Gütertransport, zeigt das Bundesamt für Statistik. Die Strasse wird teurer: 68 040 Staustunden auf den Nationalstrassen 2025, ein Fünftel mehr als im Vorjahr, und Diesel für 2,40 Franken pro Liter, 35 Prozent mehr als im Januar. Software für die Tourenplanung verspricht laut Herstellern 7 bis 15 Prozent weniger Fahrleistung, unabhängige Schweizer Messungen fehlen. GPS-Daten darf ein Betrieb für die Routenplanung nutzen, wenn die Fahrer informiert sind; ihr Verhalten zu überwachen, verbietet Art. 26 ArGV 3.

Vor dem House of Läderach in Bilten gibt es einen eigenen Bereich, ausgeschildert für Handwerker und Dienstleister, direkt vor der Tür. Aufgefallen ist das Leitgrad-Herausgeber Merag Shahzad bei mehreren Besuchen. Der Schokoladenhersteller sitzt im Glarnerland, fern jeder Innenstadt. Trotzdem bekommt der Techniker den Platz vor dem Eingang.

Wer Handwerker bestellt, kennt die Rechnung: Anfahrt, Stau, Parkplatzsuche. In vielen europäischen Städten hört Shahzad von Handwerkern dasselbe. Sie fahren ungern in die Stadt, planen den Stau ein, nehmen sich die Zeit und stellen sie in Rechnung. Wer im Aargau sitzt und einen Termin in Zürich hat, versteht das sofort.

In Zürich wird der Platz knapper. In Altstetten West sollen 240 von 388 Strassenparkplätzen neuen Velorouten weichen, berichtete im April der Blick. Eine erweiterte Gewerbeparkkarte, mit der Handwerker im Notfall auch auf dem Trottoir halten dürften, ist durch Einsprachen blockiert. Nicole Barandun, damals Präsidentin des Gewerbeverbands der Stadt Zürich, sagte dazu: «Parkplätze dürfen kosten. Bei einem Abbau muss aber eine Alternative geliefert werden.» Höhere Kosten im Handwerk landen irgendwann bei den Mieten, warnte sie.

Für einen Betrieb heisst das zweierlei. Wer Handwerker empfängt, spart mit einem freien Parkfeld vor der Tür Zeit und Geld. Wer Handwerker losschickt, gewinnt mit jedem Umweg, den er sich spart. Wie viel das ausmachen kann, zeigt ein Beispiel aus den USA.

Eine Meile. So viel musste jeder Fahrer von UPS pro Tag weniger fahren, und der Konzern sparte 50 Millionen Dollar im Jahr. Das rechnete Jack Levis von UPS 2016 vor, berichtete das Fachblatt Transport Topics. Das Routenprogramm Orion sollte dem Konzern 100 Millionen Meilen und rund 10 Millionen Gallonen Treibstoff im Jahr ersparen.

Eine Meile sind 1,6 Kilometer. Pro Fahrer, pro Tag. Mehr nicht.

Die Schweiz hat keine Paketflotte in der Grösse von UPS. Sie hat etwas anderes: 430 062 Lieferwagen, gezählt vom Bundesamt für Statistik. Und die meisten ihrer Kilometer haben mit Paketen wenig zu tun.

Mehr Werkstatt als Paketauto

52 Prozent der Jahresfahrleistung aller Lieferwagen sind Dienstleistungsfahrten. Der Sanitär fährt zum Boiler, die Technikerin zur Anlage, der Monteur auf die Baustelle. Nur 37 Prozent sind Gütertransport, 9 Prozent private Fahrten, 2 Prozent Personentransport. Die Baubranche allein fährt 29 Prozent aller Lieferwagen-Kilometer, rund 1,5 Milliarden im Jahr.

Aufgeschnittener Lieferwagen in Seitenansicht: Der Laderaum ist nach Fahrtzweck geteilt, 52 Prozent Werkzeug und Leiter für Servicefahrten, 37 Prozent Pakete, 9 Prozent privat, 2 Prozent Personen
Illustration: Leitgrad. Quelle: Bundesamt für Statistik, Erhebung leichte Nutzfahrzeuge 2023

Diese Flotte wächst. 2024 legten Lieferwagen und leichte Güterfahrzeuge rund 5,2 Milliarden Kilometer zurück, meldet das BFS. Zwischen 2013 und 2023 nahm ihre Fahrleistung um 32 Prozent zu, zeigt ein Faktenblatt des Kantons Bern auf Basis der Bundesstatistik.

Wo Pakete und Briefe fahren, rechnen schon lange Algorithmen. Die Post hat über 2 300 Zustelltouren an über 90 Standorten neu geschnitten und dabei über 2,5 Millionen Franken gespart, so eine Fallstudie des Softwareanbieters. Eine Post-Tochter nutzt seit über zwei Jahren Algorithmen, die mit dem Institut für Operations Research der ETH Zürich entstanden sind. Ein Werkzeug daraus rechnet Touren sogar während des Tages neu.

Jeder Kilometer kostet mehr als im Januar

Am 1. Januar kostete ein Liter Diesel im Schweizer Schnitt 1,78 Franken. Am 9. Oktober waren es 2,40 Franken, ein Plus von 35 Prozent, zeigen die Zahlen des TCS. Am 18. September meldete der Verband mit 2,41 Franken ein Allzeithoch. Die Gründe liegen weit weg: Spannungen im Nahen Osten, beschädigte Raffinerien am Persischen Golf und in Russland, ein tiefer Rhein. Die Fracht von Rotterdam nach Basel kostete zeitweise 240 statt 33,50 Franken pro Tonne, schrieb der TCS im August.

Dazu kommt die Zeit. Auf den Nationalstrassen zählte das Bundesamt für Strassen 2025 genau 68 040 Staustunden, rund 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Fast neun von zehn entstanden, weil schlicht zu viel Verkehr war. Baustellen verursachten weniger als 4 Prozent.

Zwei Zapfsäulen zeigen den Dieselpreis vom Januar und vom Oktober 2026, daneben zwei Autokolonnen für die Staustunden 2024 und 2025
Grafik: Leitgrad. Quellen: TCS (Dieselpreise 2026), ASTRA (Staustunden 2024 und 2025)

Eine Abgabe immerhin bleibt dem Handwerker erspart. Die Schwerverkehrsabgabe LSVA gilt erst für Fahrzeuge über 3,5 Tonnen. Emissionsfreie Lieferwagen bis 4,25 Tonnen bleiben auch nach der Reform befreit, die das Parlament am 2. Oktober verabschiedet hat, berichtet electrive.net. Die Referendumsfrist läuft.

30 Aufträge mehr am Tag, sagt der Hersteller

Die Pitec AG in Oberriet im St. Galler Rheintal ist auf Technik für Bäckereien und Gastronomie spezialisiert. Rund 55 Servicetechniker sind für sie unterwegs, die Flotte zählt 77 Fahrzeuge. Seit die Firma ihre Einsätze mit einer Telematik-Software disponiert, erledigt sie rund 30 Aufträge mehr pro Tag, heisst es in einer Fallstudie des Anbieters. Kilometer und Treibstoff seien gesunken. Eine Zahl dazu nennt sie nicht.

Die FRIPOO in Grüningen im Zürcher Oberland, eine Firma für chemisch-technische Produkte mit 15 Mitarbeitenden, fährt seit der Einführung einer Tourenplanung 25 Prozent weniger Kilometer. Die Planung dauert noch fünf Minuten, so die Fallstudie des Anbieters vom Februar 2026. Bei Swiss Eyewear, ebenfalls mit 15 Leuten im Aussendienst, sank die Planungszeit um drei Viertel: von zwei Tagen auf einen halben Tag pro Woche. Jede Person schafft seither ein bis drei Besuche mehr am Tag (Fallstudie).

Die Zahlen klingen gut. Sie haben einen Haken: Alle stammen von den Anbietern selbst. Eine unabhängige Schweizer Messung haben wir nicht gefunden. Der Karlsruher Hersteller PTV nennt für kleinere Flotten 7 bis 15 Prozent Ersparnis, für grössere bis 17 Prozent, ebenfalls eine Herstellerangabe.

Und nicht jede Tour wird kürzer. Eine Masterarbeit der Universität Freiburg rechnete die Kehrichtabfuhr in Kerzers neu und fand nur eine minimale Verbesserung der Distanz. Wer seine Strecke seit Jahren kennt, ist manchmal schon nah am Optimum. Gewinnen kann vor allem, wer viele wechselnde Einsätze von Hand plant.

Das Interesse wächst trotzdem. Die Suchanfragen nach «route optimization» stiegen laut der Trendplattform Exploding Topics um 1550 Prozent. Wie gross der Markt ist, weiss dagegen niemand genau. Straits Research schätzt ihn für 2025 auf 8,29 Milliarden Dollar, IMARC auf 12,3 Milliarden.

Die Software darf die Route sehen, nicht den Menschen

Wer Touren optimieren will, braucht Daten: wo der Wagen steht, wann er wo war. Heikel ist nicht die Tour, sondern die Ortung. Art. 26 der Verordnung 3 zum Arbeitsgesetz ist knapp: «Überwachungs- und Kontrollsysteme, die das Verhalten der Arbeitnehmer am Arbeitsplatz überwachen sollen, dürfen nicht eingesetzt werden.»

Verboten ist das GPS damit nicht. Der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte nennt ausdrücklich als zulässig «die Aufzeichnung der Fahrten von Firmenfahrzeugen zum Zweck der wirtschaftlichen Optimierung», «beschränkt auf die Routenplanung und unter der Bedingung, dass die Fahrerin oder der Fahrer darüber informiert werden». Unzulässig ist nach dem Bundesgericht (BGE 130 II 425) ein System, das «ausschliesslich oder hauptsächlich darauf abzielt, das Verhalten von Angestellten zu überwachen», fasst der EDÖB zusammen. Er empfiehlt ein Reglement, das Funktionsweise, Art und Zeitpunkt der Überwachung beschreibt.

Der Arbeitgeber darf ohnehin nur Daten bearbeiten, die für das Arbeitsverhältnis nötig sind, so Art. 328b OR. Das Datenschutzgesetz verlangt, dass sie gelöscht oder anonymisiert werden, sobald sie nicht mehr gebraucht werden. Auf eine Einwilligung der Mitarbeitenden sollte sich niemand allein verlassen. Sie sei im Arbeitsverhältnis «zurückhaltend zu verstehen», schreibt der EDÖB.

Für die Arbeitszeit gilt beim typischen Handwerkerbus in der Regel das Arbeitsgesetz. Die strengere Chauffeurverordnung ARV 1 greift erst bei Fahrzeugen über 3,5 Tonnen, im grenzüberschreitenden Verkehr schon über 2,5 Tonnen. Auch dort gibt es Ausnahmen, etwa für Fahrzeuge bis 7,5 Tonnen, mit denen ein Betrieb Material für die eigene Arbeit im Umkreis von 100 Kilometern transportiert, solange das Fahren höchstens die Hälfte der Arbeitszeit ausmacht.

Eine Meile pro Tag war bei UPS 50 Millionen Dollar wert. Bei einem Betrieb mit fünf Servicebussen sind 10 Prozent weniger Kilometer rund 2 700 Franken Diesel im Jahr, zeigt das Rechenbeispiel unten. Dazu kommt jede Stunde, die nicht im Stau steht.

Zum Mitnehmen: Rechenbeispiel und Einführung in fünf Schritten

Für alle, die Handwerker empfangen: Ein beschildertes Parkfeld nahe am Eingang erspart dem Techniker die Suche und dem Betrieb bezahlte Minuten.

Rechenbeispiel (Annahmen, keine Messwerte): 5 Servicebusse fahren je 25 000 Kilometer im Jahr und brauchen 9 Liter Diesel auf 100 Kilometer. Das sind 11 250 Liter, bei 2,40 Franken pro Liter (TCS, 9. Oktober 2026) rund 27 000 Franken. 10 Prozent weniger Kilometer sparen rund 2 700 Franken Diesel im Jahr, dazu Fahrzeit und Verschleiss.

  1. Ausgangslage festhalten: vier Wochen lang Kilometer, Aufträge pro Tag und Planungszeit pro Woche notieren. Nur so lässt sich die Wirkung später messen.
  2. Versprechen als Hypothese behandeln: 7 bis 15 Prozent sind Angaben der Hersteller, keine unabhängigen Messwerte.
  3. Zweck schriftlich festlegen, etwa Routenplanung und Disposition. Die Fahrdaten nur dafür nutzen (EDÖB).
  4. Mitarbeitende vorgängig informieren und ein Reglement schreiben: Funktionsweise, Art und Zeitpunkt der Aufzeichnung, Löschfristen (EDÖB, Art. 6 DSG).
  5. Die Daten nicht nutzen, um einzelne Fahrer laufend zu kontrollieren: Systeme, die das Verhalten überwachen sollen, sind verboten (Art. 26 ArGV 3). Bei Fahrzeugen über 3,5 Tonnen zusätzlich die Lenkzeiten der ARV 1 einplanen: höchstens 9 Stunden pro Tag, nach 4,5 Stunden 45 Minuten Pause.

Häufige Fragen

Was bringt Tourenplanung einem Handwerksbetrieb?

Hersteller nennen für kleinere Flotten 7 bis 15 Prozent weniger Fahrleistung. Schweizer Fallstudien der Anbieter berichten von 25 Prozent weniger Kilometern (FRIPOO) oder rund 30 Aufträgen mehr pro Tag bei 55 Servicetechnikern (Pitec). Unabhängige Messungen fehlen bisher.

Ist GPS-Ortung von Mitarbeitenden in der Schweiz erlaubt?

Ja, wenn sie einem berechtigten Zweck wie der Routenplanung dient, verhältnismässig ist und die Fahrer vorher informiert werden. Verboten sind Systeme, die das Verhalten der Mitarbeitenden überwachen sollen (Art. 26 ArGV 3).

Gilt die Chauffeurverordnung für Lieferwagen?

In der Regel nicht. Die ARV 1 gilt für Sachentransporte mit Fahrzeugen über 3,5 Tonnen, im grenzüberschreitenden Verkehr schon über 2,5 Tonnen. Für den typischen Handwerkerbus gilt das Arbeitsgesetz.

Quellen

  1. Bundesamt für Statistik, Güterverkehr in der Schweiz 2023 (Bestand 30.9.2023, Erhebung leichte Nutzfahrzeuge), November 2024; Medienmitteilung Fahrleistungen 2024, 24. November 2025 bfs.admin.ch · admin.ch
  2. Kanton Bern, Faktenblatt Güterverkehr und Logistik be.ch
  3. Bundesamt für Strassen, Staustunden auf den Nationalstrassen 2025, 30. Juni 2026 astra.admin.ch
  4. TCS, Benzinpreise Schweiz (Stand 9. Oktober 2026); Medienmitteilungen vom 20. August und 18. September 2026 Preise · August · September
  5. electrive.net, Schweiz: E-Lkw-Maut ab 2031, 6. Oktober 2026 electrive.net
  6. Transport Topics, UPS Routing Program Orion Helps Drivers Trim Miles, 9. August 2016 ttnews.com
  7. Die Post und ETH Zürich, Routenoptimierung für die Zustellung, 14. Oktober 2025; Fallstudie Briefzustellung (RouteSmart) post.ch · iotone.com
  8. Anbieter-Fallstudien: Pitec AG (Webfleet, undatiert); FRIPOO (portatour, 12. Februar 2026); Swiss Eyewear (portatour) Pitec · FRIPOO · Swiss Eyewear
  9. PTV Logistics, Route Optimiser (Herstellerangabe) ptvlogistics.com
  10. Universität Freiburg, Masterarbeit Tourenoptimierung der Müllabfuhr in der Gemeinde Kerzers, 2018 unifr.ch
  11. Exploding Topics, route optimization; Straits Research und IMARC, Marktschätzungen Routenoptimierungs-Software explodingtopics.com · straitsresearch.com · imarcgroup.com
  12. EDÖB, Technische Mittel zur Überwachung am Arbeitsplatz edoeb.admin.ch
  13. Fedlex: Art. 26 ArGV 3 (SR 822.113), Art. 328b OR, Art. 6 DSG (SR 235.1), Chauffeurverordnung ARV 1 (SR 822.221) ArGV 3 · OR · DSG · ARV 1
  14. Blick, «Parkplatz-Kahlschlag in Zürich», 28. April 2026 blick.ch

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