Challenger · 7 min ·

Kann Gesteinsmehl CO₂ binden? Ein Schweizer Feldversuch mit ernüchterndem Resultat

Basalt aufs Feld streuen und so CO2 binden: Microsoft, Climeworks und die AXA kaufen solche Zertifikate. Ein dreijähriger Versuch in Neuenburger Rebbergen hat gemessen, was wirklich passiert.

Waffeldiagramm: knapp vier von hundert Tonnen CO2 gemessen

Die Idee klingt, als hätte sie ein Bauer erfunden, der zu viel Klimapolitik gelesen hat. Man mahlt vulkanisches Gestein zu feinem Staub, streut ihn auf Felder, und der Regen erledigt den Rest: Das Gestein verwittert schneller, bindet dabei CO₂ und gibt dem Boden Mineralien zurück. Enhanced Rock Weathering heisst das Verfahren, auf Deutsch beschleunigte Gesteinsverwitterung. Microsoft kauft solche CO₂-Zertifikate, Climeworks auch, die AXA Schweiz ebenso. Ein Feldversuch in einem Weinberg am Neuenburgersee hat nun gemessen, was davon übrig bleibt.

Das Wichtigste in Kürze

Forscher der Universität Lausanne und der ETH Zürich streuten 2021 in Gorgier (NE) 20 Tonnen Gesteinsmehl pro Hektare auf drei Rebberge und massen drei Jahre lang. Ergebnis: rund 100 Kilogramm CO₂ pro Hektare und Jahr, 10- bis 30-mal weniger als die höchsten Werte früherer Modelle und Versuche, und nur 3,8 Prozent des theoretischen Potenzials des Gesteins. Eine Übersichtsstudie mit ETH-Beteiligung kommt zum Schluss, dass für eine spürbare Klimawirkung 40 bis 100 Tonnen Gestein pro Hektare nötig wären. Trotzdem wächst der Markt: Die AXA Schweiz kaufte 1950 Tonnen Zertifikate beim Anbieter InPlanet, Microsoft 28 500 Tonnen, Climeworks gilt als grösster Käufer der Kategorie. Die Frage ist nicht, ob das Verfahren wirkt, sondern wie viel und wie sicher man es messen kann.

Von hundert möglichen Tonnen: knapp vier.

Gemessene CO₂-Bindung im Schweizer Feldversuch im Verhältnis zum theoretischen Potenzial des ausgebrachten Gesteins, nach drei Jahren.

Waffeldiagramm mit hundert Feldern, knapp vier davon rot: Im Schweizer Feldversuch wurden 3,8 Prozent des theoretischen CO₂-Bindungspotenzials des Gesteins gemessen.
Quelle: Dupla, Bertagni, Grand, Environmental Science & Technology, November 2025.

Was ist Enhanced Rock Weathering?

Enhanced Rock Weathering bezeichnet das Ausbringen von fein gemahlenem Silikatgestein, meist Basalt, auf landwirtschaftliche Böden. Regenwasser mit gelöstem CO₂ reagiert mit dem Gestein, dabei entstehen Hydrogencarbonate, die mit dem Wasser in Flüsse und Meere gelangen und den Kohlenstoff sehr lange binden. Der Vorgang läuft in der Natur ohnehin ab, nur über Jahrtausende. Das Mahlen vergrössert die Oberfläche und beschleunigt ihn. Nebenbei setzt das Gestein Kalium, Kalzium und Magnesium frei, was Böden verbessern kann.

Was der Schweizer Feldversuch gemessen hat

Xavier Dupla, Matteo Bertagni und Stéphanie Grand von der Universität Lausanne, der ETH Zürich und dem Politecnico di Torino brachten im März 2021 in drei biologisch bewirtschafteten Rebbergen in Gorgier einmalig 20 Tonnen Basanit pro Hektare aus, ein basaltähnliches Gestein aus der deutschen Eifel. Rund tausend Tage lang, bis Dezember 2023, massen sie, was im Boden geschah.

Das Gestein verwitterte, das Signal blieb über drei Jahre bestehen. Aber die Menge war klein: 100 Kilogramm CO₂ pro Hektare und Jahr, mit einer Unsicherheit von 30 Kilogramm. Die Autoren schreiben selbst, das sei 10- bis 30-mal weniger als die oberen Werte, die manche Modelle und Versuche berichteten. Die üblichen Messgrössen wie pH-Wert und Leitfähigkeit änderten sich kaum. Die Studie erschien im November 2025 in «Environmental Science & Technology». Das Fachmagazin C&EN titelte: wenig Klimanutzen in grossem Versuch.

Der Befund steht nicht allein. Eine Studie in «Nature» vom August 2026 kommt nach der Auswertung mehrerer Feldversuche mit 100 bis 200 Tonnen Basalt pro Hektare auf eine Wirkung von 0 bis 0,15 Tonnen CO₂ pro Hektare und Jahr, oft statistisch nicht von null zu unterscheiden.

Wie viel Gestein bräuchte es?

Sehr viel. Eine Übersichtsstudie unter Leitung von Marcus Schiedung vom deutschen Thünen-Institut und Sebastian Doetterl von der ETH Zürich, erschienen im Februar 2026, beziffert die Menge für eine klimarelevante Wirkung auf etwa 40 bis 100 Tonnen Gesteinsmehl pro Hektare. In der regenerativen Landwirtschaft ist heute weniger als eine Tonne üblich. «Das ungeklärte Risiko spricht gegen eine grossflächige Anwendung», sagt Schiedung. Doetterl hält fest, kleinere Mengen könnten Boden und Pflanzen durchaus nützen. Dazu kommt die Energie fürs Mahlen und den Transport, die einen Teil des Gewinns wieder auffrisst.

Warum Schweizer Firmen trotzdem kaufen

Weil die Schweiz bis 2050 netto null erreichen will und nicht alle Emissionen vermeiden kann. Das Klima- und Innovationsgesetz, 2023 vom Volk angenommen, schreibt dieses Ziel fest. Laut Bundesamt für Umwelt müssen bis 2050 schätzungsweise 12 Millionen Tonnen CO₂ jährlich mit Abscheidung und Negativemissionstechnologien gespeichert werden, rund 30 Prozent der heutigen Emissionen. Dafür braucht es Verfahren, die CO₂ dauerhaft aus der Luft holen, und Gesteinsverwitterung gilt als eines der günstigeren.

Die AXA Schweiz gab im November 2024 bekannt, bis 2028 1950 Tonnen Zertifikate aus Gesteinsverwitterung beim deutsch-brasilianischen Anbieter InPlanet zu kaufen, parallel zu 1800 Tonnen beim Schweizer Beton-Start-up Neustark. Einen Preis nannte sie nicht. InPlanet streut Gestein auf Felder in Brasilien, wo Hitze und Regen die Verwitterung beschleunigen. Zu den Geldgebern gehört die Zürcher Carbon Removal Partners. Im Dezember 2025 schloss InPlanet mit Microsoft einen Vertrag über 28 500 Tonnen ab. Climeworks, bekannt für seine Anlagen, die CO₂ direkt aus der Luft filtern, ist laut Branchenberichten der grösste Käufer von Gesteinsverwitterungs-Zertifikaten und arbeitet seit 2023 mit dem US-Anbieter Lithos Carbon zusammen, im März 2026 erweitert.

Für Climeworks ist das auch eine Absicherung. Die eigenen Luftfilteranlagen in Island blieben weit hinter ihrer Kapazität zurück, im Mai 2025 baute das Unternehmen laut CNN rund 20 Prozent der Stellen ab. Ein Portfolio aus mehreren Verfahren verteilt das Risiko.

Was die Zertifikate kosten

Laut einer Umfrage des Branchendienstes CDR.fyi vom Januar 2025 verlangen Anbieter dauerhafter CO₂-Entnahme im Schnitt 349 Dollar pro Tonne, Käufer empfinden 271 Dollar als teuer. Die Käufergruppe Frontier bezahlt Gesteinsverwitterern je nach Vertrag rechnerisch 300 bis gut 400 Dollar pro Tonne.

Was Unternehmen daraus lernen sollten

Wer solche Zertifikate kauft, kauft eine Wette auf die Messung. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Gestein CO₂ bindet. Sondern: Wie viel, wie schnell, wo, und wer das unabhängig prüft. Der Schweizer Versuch zeigt, dass Werte aus dem Labor und aus warmen Tropenböden nicht auf einen Rebberg am Neuenburgersee übertragbar sind. Für Nachhaltigkeitsverantwortliche heisst das: Herkunft, Messmethode und Register prüfen, Mengen konservativ ansetzen, das Portfolio streuen. Für die Landwirtschaft kann Gesteinsmehl trotzdem interessant sein, als Bodenverbesserer mit Klimanebenwirkung, nicht als Klimamaschine.

Häufige Fragen

Was ist Enhanced Rock Weathering? Das Ausbringen von fein gemahlenem Silikatgestein wie Basalt auf Böden. Durch beschleunigte Verwitterung wird CO₂ chemisch gebunden und langfristig gespeichert.

Wie viel CO₂ bindet Gesteinsmehl in der Schweiz? Im dreijährigen Feldversuch in Gorgier (NE) rund 100 Kilogramm pro Hektare und Jahr bei 20 Tonnen Gestein pro Hektare, 3,8 Prozent des theoretischen Potenzials.

Welche Schweizer Firmen kaufen solche Zertifikate? Unter anderem die AXA Schweiz (1950 Tonnen bei InPlanet bis 2028) und Climeworks, das mit Lithos Carbon zusammenarbeitet.

Ist Gesteinsverwitterung eine Lösung fürs Klima? Ein Baustein mit grosser Unsicherheit. Die Wirkung hängt stark von Gestein, Boden, Klima und Messmethode ab.

Methode

Die Grafik zeigt den Anteil von 3,8 Prozent, den die Autoren des Schweizer Feldversuchs selbst als gemessene Bindung im Verhältnis zum theoretischen Potenzial des ausgebrachten Gesteins angeben. Die Preise pro Tonne für Frontier-Verträge sind aus Vertragssumme und Menge berechnet. Den Artikel von C&EN konnten wir nicht im Original öffnen; wir stützen uns auf die Studie selbst.

Was im Themenvorschlag anders stand: Die ETH Zürich betreibt laut ihrer Projektseite Gewächshausversuche; der Feldversuch in Gorgier lief unter Leitung der Universität Lausanne mit ETH-Beteiligung. Dass die Schweiz bis 2050 rund 5 Millionen Tonnen Negativemissionen im Ausland beschaffen müsse, steht so nicht in der Klimastrategie des Bundes; offen ist dort, welcher Anteil im In- oder Ausland erbracht wird. Den Artikel zu Algenöl und den Beitrag zu Fractional CEOs haben wir nicht geschrieben, Letzteren weil wir am 21. September über Führung auf Zeit berichtet haben.

Quellen

  1. Dupla, Bertagni, Grand, «Three Years of Field Trials Indicate a Sustained Enhanced Rock Weathering Signal with Limited CO2 Removal», Environmental Science & Technology, 24. November 2025 doi.org · unil.ch (PDF)
  2. C&EN, «Enhanced rock weathering shows little climate benefit in large trial», 18. Dezember 2025 cen.acs.org
  3. ETH Zürich, D-USYS, «Gesteinsmehl», 24. Februar 2026, zur Übersichtsstudie in Nature Reviews Earth & Environment; ETH-Projektseite Enhanced Rock Weathering ethz.ch · ethz.ch
  4. Derry, Maher, Chadwick, Nature, 26. August 2026 nature.com
  5. AXA Schweiz, Medienmitteilung zu CO₂-Entnahmeprojekten, 27. November 2024; InPlanet zur Partnerschaft und zum Vertrag mit Microsoft, 17. Dezember 2025 axa.ch · inplanet.earth · inplanet.earth
  6. Carbon Herald zu Climeworks und Lithos Carbon, 25. März 2026; CNN zum Stellenabbau bei Climeworks, 30. Mai 2025 carbonherald.com · cnn.com
  7. Bundesamt für Umwelt, Klimaschutzgesetz und CO₂-Entnahme und -Speicherung bafu.admin.ch · bafu.admin.ch
  8. CDR.fyi, Pricing Survey, Januar 2025; Frontier zu Lithos (2023), Terradot (2024) und Eion (2025) cdr.fyi · frontierclimate.com · frontierclimate.com · frontierclimate.com

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