US-Trends · 5 min ·

Anthropic betreibt ein Biologielabor. Was heisst das für Basel?

Die KI-Firma rückt ins Labor vor, kauft ein Team aus dem Roche-Umfeld und arbeitet mit Novo Nordisk. Im Verwaltungsrat sitzt der Novartis-Chef.

Grosse Zahl 400 Millionen Dollar: Kaufpreis von Coefficient Bio laut Medienberichten, rund 10 Mitarbeitende, 8 Monate alt

Bisher war die Arbeitsteilung klar. Die KI-Firmen bauen Modelle, die Pharmakonzerne besitzen Labore, Daten und Patente. In Basel hat man sich darauf eingerichtet. Diese Woche wurde bekannt, dass Anthropic, die Firma hinter dem Sprachmodell Claude, in Kalifornien ein eigenes Biologielabor betreibt. Die Grenze zwischen Lieferant und Forscher wird dünner. Und ausgerechnet der Chef von Novartis sitzt im Verwaltungsrat von Anthropic.

Das Wichtigste in Kürze

Anthropic betreibt laut einem Bericht von Reuters, den TechCrunch am 18. September aufgriff, ein Nasslabor in der Bay Area, in dem KI-Modelle physische Experimente steuern. Der Fokus liegt nach Angaben der Firma auf Grundlagenbiologie, nicht auf der Entwicklung von Medikamenten. Im April kaufte Anthropic das Start-up Coefficient Bio, dessen Gründer von Genentechs KI-Forschung kommen, laut Medienberichten für rund 400 Millionen Dollar in Aktien. Am 16. September kündigte Novo Nordisk eine Zusammenarbeit an, am 17. September startete Anthropic ein Programm, das geprüften Forschenden Zugang zu seinen stärksten Modellen mit gelockerten Biologie-Schranken gibt, abgestimmt mit der US-Regierung. Seit April sitzt Novartis-Chef Vas Narasimhan im Verwaltungsrat von Anthropic. Eine öffentliche Regel zu möglichen Interessenkonflikten gibt es nicht.

Zehn Leute, acht Monate alt. 400 Millionen Dollar.

Was Anthropic laut Medienberichten im April 2026 für Coefficient Bio bezahlte, ein Start-up von zwei früheren Forschern aus der Roche-Gruppe.

Grosse Zahl 400 Millionen Dollar: Kaufpreis von Coefficient Bio laut Medienberichten, rund 10 Mitarbeitende, 8 Monate alt
Was Anthropic laut Medienberichten im April 2026 für Coefficient Bio bezahlte, ein Start-up von zwei früheren Forschern aus der Roche-Gruppe.

Was Anthropic im Labor tut

Viel ist nicht bekannt. Grösse, Personal und genauer Standort des Labors hat Anthropic nicht genannt. Eric Kauderer-Abrams, bei Anthropic für Life Sciences zuständig, sagte gegenüber Reuters, der letzte Test der Biologie sei noch lange die echte Laborarbeit. Das Labor arbeite an grundlegenden Fragen wie dem Design von Proteinen und der Modellierung von Biomolekülen, teils allein, teils mit externen Partnern.

Die Richtung ist trotzdem deutlich. Anfang April kaufte Anthropic Coefficient Bio, eine rund acht Monate alte Firma mit etwa zehn Mitarbeitenden. Ihre Gründer Samuel Stanton und Nathan Frey arbeiteten zuvor bei Prescient Design, der KI-Forschungseinheit von Genentech, also der amerikanischen Tochter von Roche. Laut The Information und dem Journalisten Eric Newcomer zahlte Anthropic rund 400 Millionen Dollar in Aktien. Bestätigt hat die Firma den Preis nicht.

Am 16. September gab Novo Nordisk bekannt, Claude und die neue Anwendung «Claude Science» in Forschung und Softwareentwicklung einzusetzen. Novo-Chef Mike Doustdar nennt als Ziel, «the world’s most AI-driven healthcare company» zu werden. Einen Tag später öffnete Anthropic ein Verifizierungsprogramm für Forschende aus Hochschulen, Start-ups und Pharmafirmen. Wer die Prüfung besteht, erhält Zugang zu den Modellen mit Schranken, die für Biologie weniger restriktiv sind. Für das stärkste Modell, Mythos, bleibt dieser Zugang vorerst auf wenige Organisationen beschränkt. Anthropic schreibt, man arbeite «with the US government», um ihn auszuweiten.

Was Basel längst macht

Neu ist die Idee nicht, dass KI und Labor in einer Schleife arbeiten. Roche nennt das Prinzip «Lab-in-the-Loop»: Experimente liefern Daten, Modelle schlagen die nächsten Experimente vor, die Ergebnisse fliessen zurück. Aviv Regev, Forschungschefin von Genentech, sagt, Roche betreibe diesen Ansatz seit über fünf Jahren. Im März nahm der Konzern mit Nvidia 2176 zusätzliche Grafikprozessoren in den USA und Europa in Betrieb und verfügt nach eigenen Angaben nun über mehr als 3500 der neusten Generation, «the greatest announced GPU footprint available to a pharmaceutical company». Einen Investitionsbetrag nennt Roche nicht.

Novartis setzt auf Partnerschaften. 2024 zahlte der Konzern der Google-Tochter Isomorphic Labs 37,5 Millionen Dollar im Voraus für eine Zusammenarbeit bei kleinen Molekülen. In einer eigenen Darstellung vom Juli beschreibt Novartis, wie KI von der Zielsuche bis zur Planung klinischer Studien eingesetzt wird. Anthropic kommt darin nicht vor.

Der Unterschied ist die Richtung. Roche und Novartis holen KI ins eigene Labor. Anthropic holt das Labor in die KI-Firma. Wer von beiden am Ende mehr vom Wert einer Entdeckung behält, ist die Frage, die sich in Basel stellen wird.

Die Frage an den Verwaltungsrat

Im April wählte der Long-Term Benefit Trust von Anthropic, ein unabhängiges Gremium, Vas Narasimhan in den Verwaltungsrat. Der Novartis-Chef habe die Entwicklung und Zulassung von über 35 neuen Medikamenten verantwortet, schrieb Anthropic. Narasimhan selbst sagte: «Anthropic is setting the standard for how AI should be developed to benefit humanity.»

Damals war Anthropic ein Modellanbieter. Heute betreibt die Firma ein Biologielabor, arbeitet mit einem direkten Konkurrenten von Novartis zusammen und hat ein Team aus dem Umfeld von Roche übernommen. Weder Anthropic noch Novartis haben öffentlich gemacht, wie mit möglichen Interessenkonflikten umgegangen wird, etwa ob Narasimhan bei Geschäften mit Pharmakonzernen in den Ausstand tritt. Das ist kein Vorwurf. Es ist eine Frage, die Aktionäre und Verwaltungsrat von Novartis stellen dürfen.

Was es für den Standort heisst

Anthropic ist in der Schweiz präsent. Seit Februar 2025 betreibt die Firma in Zürich einen Standort, geleitet vom früheren Google-Deepmind-Forscher Neil Houlsby. Dort geht es um Modelle, nicht um Biologie. Eine Verbindung zwischen Zürich und dem Basler Life-Sciences-Cluster ist bisher nicht belegt, ausser über die Personalie Narasimhan.

Für Schweizer Forschungsgruppen und Biotech-Firmen stellt sich eine praktische Frage: Bekommen sie denselben Zugang zu den leistungsfähigsten Modellen wie Teams in den USA? Das Programm nennt keine Länder, und die Ausweitung für das stärkste Modell läuft über Washington. Wer in Basel Biologie mit KI betreiben will, hängt damit an Entscheidungen, die nicht in Bern und nicht in Basel fallen.

Methode

Die Grafik zeigt den Kaufpreis für Coefficient Bio, wie ihn The Information und Eric Newcomer berichteten und TechCrunch am 3. April 2026 wiedergab; Anthropic hat ihn nicht bestätigt. Die Angaben zum Labor stammen aus einem Reuters-Bericht, den wir nur in der Wiedergabe von TechCrunch lesen konnten; auch die Aussagen von Eric Kauderer-Abrams kennen wir nur aus dieser Wiedergabe. Ob das Verifizierungsprogramm Organisationen in der Schweiz offensteht, geht aus den Unterlagen nicht hervor.

Quellen

  1. TechCrunch, «Anthropic is operating a lab that conducts biology experiments», 18. September 2026, nach Reuters; TechCrunch zur Übernahme von Coefficient Bio, 3. April 2026 techcrunch.com · techcrunch.com
  2. Anthropic, «Introducing the Life Sciences Verification Program», 17. September 2026; «Vas Narasimhan appointed to Board of Directors», 14. April 2026 anthropic.com · anthropic.com
  3. Novo Nordisk, «Novo and Anthropic will collaborate to advance drug discovery with Claude», 16. September 2026 novonordisk.com
  4. Roche, «Roche launches NVIDIA AI factory», 16. März 2026 roche.com
  5. Isomorphic Labs, Mitteilung zur Zusammenarbeit mit Novartis, 7. Januar 2024; Novartis, «Smarter decisions at scale», 28. Juli 2026 isomorphiclabs.com · novartis.com
  6. Netzwoche, «Anthropic eröffnet Niederlassung in Zürich», 19. Februar 2025 netzwoche.ch

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